Olga Tokarczuk : Empusion

Empusion
Empuzjon. Horror przyrodoleczniczy Verlag Wydawnictwo Literackie, Krakau 2022 Empusion Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte Übersetzung: Lisa Palmes, Lothar Quinkenstein Kampa Verlag, Zürich 2023 ISBN 978-3-311-10044-7, 381 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1913 wird der Lemberger Student Mieczysław Wojnicz von seinem Vater auf ärztlichen Rat in das Lungensanatorium Görbersdorf geschickt. Am Tag nach seiner Ankunft trägt man die Leiche der vierten Ehefrau des Wirts aus dem Haus. Angeblich erhängte sie sich. Und es heißt, dass jedes Jahr aufs Neue einer der männlichen Kurgäste zerfetzt im Wald aufgefunden wird ...
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Kritik

Olga Tokarczuk spiegelt mit "Empusion" Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" und legt den Männern misogyne Äußerungen in den Mund, die sie der Weltliteratur entnommen hat. Den Männern gegenüber stellt sie auf kunstvolle Weise die titelgebenden Empusen. Das sind Männerblut saugende Spukgestalten der griechischen Mythologie.
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Mieczysław Wojnicz

Mieczysław („Mieczyś“) Wojnicz, ein 24-jähriger Student des Polytechnikums in Lemberg, wird von seinem Vater im September 1913 in den niederschlesischen Luftkurort Görbersdorf (Sokołowsko) südwestlich von Breslau geschickt. Dort wird er in einem von Wilhelm Opitz betriebenen Gästehaus für Männer untergebracht, und die von Dr. Semperweiß verordneten Anwendungen finden im Kurhaus statt.

Mieczysławs Mutter starb wenige Wochen nach seiner Geburt. Bis zum siebten Lebensjahr kümmerte sich Gliceria, eine alte Kinderfrau, um ihn. Der Vater January Wojnicz verkaufte sein Gut in Glinna, als Mieczysław noch zur Schule ging, und erwarb von dem Erlös eine Wohnung in Lemberg. Weil der Junge im Internat nicht zurechtkam, unterrichteten ihn Privatlehrer, bis er auf Geheiß des Vaters mit einem technischen Studium in Dresden begann. Eigentlich hatte January Wojnicz gehofft, dass sein Sohn beim Militär zum Mann gemacht werden könne, aber dafür war der Junge ungeeignet. Der Vater konsultierte mit ihm einen Arzt nach dem anderen, zuletzt Prof. Sokołowski, der die Kur in Görbersdorf empfahl, wo der schlesische Mediziner Dr. Hermann Brehmer 1854 das erste deutsche Sanatorium für die systematische Freilufttherapie von Lungentuberkulose gegründet hatte.

Die anderen Kurgäste

Am Tag nach Mieczysławs Ankunft in Görbersdorf sieht er die Leiche von Klara Opitz auf einem Tisch liegen. Sie habe sich erhängt, erklärt der Witwer Wilhelm Opitz, der sie wie ein Dienstmädchen im Gästehaus arbeiten ließ. Klara war seine vierte Ehefrau. Weil es in Görbersdorf keinen Friedhof gibt, wird die Tote nach Langwaltersdorf gebracht.

Thilo von Hahn, ein lungenkranker Student der Kunstgeschichte aus Berlin, der ebenfalls im Gästehaus für Männer wohnt, glaubt nicht an einen Suizid von Klara Opitz. Er behauptet gegenüber Mieczysław, der Wirt habe sie geschlagen und vermutlich auch ermordet.

Außer Thilo und Mieczysław gehören Longinus Lukas, August August und Walter Frommer zu den bei Wilhelm Opitz wohnenden Kurgästen. Bei Walter Frommer handelt es sich um einen Geheimrat aus Breslau, einen Theosophen. August August wurde als Sohn eines österreichischen Beamten und einer aus der Bukowina stammenden Österreicherin in der rumänischen Stadt Jassy (Iași) geboren, lebt in Wien und ist Professor für Latein und Griechisch. Longinus Lukas, ein Geschichtslehrer an einem Gymnasium in Königsberg, ist wie Mieczysław katholisch. Sein Vater war ein russifizierter Pole. Seine Mutter, eine Russin mit deutscher Abstammung, heiratete nach dem Tod ihres Mannes einen Beamten, der seinem Stiefsohn das Studium bezahlte.

Beim gemeinsamen Abendessen schwadronieren und debattieren die Herren über Gott und die Welt. Dabei trinken sie einen mit psychedelischen Pilzen angesetzten Likör, der „Schwärmerei“ genannt wird.

Walter Frommer meint, das Gehirn von Frauen sei kleiner und anders aufgebaut als das der Männer.

„Wo beim Mann der Sitz des Willens ist, befindet sich bei den Frauen die Begierde.“

Longinus Lukas bezieht sich auf „objektive Forschungen“:

„Nun, zuweilen, wenn wir uns mit Frauen unterhalten“, fuhr der bis unters Kinn zugeknöpfte Frommer fort, „können wir den Eindruck gewinnen, als gäben sie vernünftige Antworten, als dächten sie so wie wir. Doch das ist eine Illusion. Sie imitieren“ – diesem Wort verlieh er besonderen Nachdruck – „sie imitieren unsere Art des Gesprächs, und manche von ihnen, das muss man zugestehen, haben es recht weit darin gebracht.“

Mieczysław denkt daran, dass sein Vater Frauen von Natur aus für trügerisch und launisch hält.

Tuntschis

Weil Mieczysław in seinem Zimmer immer wieder Geräusche von oben zu hören glaubt, schleicht er zum Dachboden hinauf. Dort entdeckt er nicht nur eine Dachkammer, in der ein gefüllter Kleiderschrank zeigt, dass dort Klara Opitz wohnte, sondern auch einen weiteren Raum, in dem ein Stuhl mit Riemen zum Fixieren eines Menschen steht.

Bei einer gemeinsamen Wanderung stoßen die Herren im Wald auf eine aus Steinen, Moos, Zweigen, Rinde und Erde geformte am Boden liegende Puppe. Mieczysław erfährt, dass es sich dabei um eine Tuntschi handelt, eine von Köhlern zum Zweck der Triebabfuhr gebastelte weibliche Puppe mit gespreizten Beinen. Der Sage nach können Tuntschis lebendig werden und sich an den Männern rächen.

In diesem Zusammenhang heißt es auch, dass seit langer Zeit jeweils beim ersten Vollmond im November der zerfetzte Körper eines jungen Mannes im Wald gefunden werde.

Walter Frommer vertraut Mieczysław an, dass er den heimlichen Auftrag habe, die Verbrechen aufzuklären. Er hat über alle Fälle seit 1889 nachgeforscht und glaubt zu wissen, was geschieht: Die Bewohner von Görbersdorf warfen den Tuntschi früher kranke und schwache Männer zum Fraß vor. Inzwischen verschonen sie aber die eigene Bevölkerung und suchen jedes Jahr einen der jungen Kurgäste aus.

Jenseits von Schwarz und Weiß

Mieczysław, der sich mit Thilo angefreundet hat, fällt in dessen Zimmer ein Gemälde des flämischen Künstlers Herri met de Bles auf. Dargestellt ist die Szene aus der Bibel, in der Abraham aus Gehorsam gegenüber Gott das Messer zückt, um seinen Sohn Isaak zu opfern. In einer gemalten Höhle glaubt Mieczysław das Leuchten von Augen zu sehen. Thilo gesteht, das Gemälde seinen Eltern gestohlen zu haben, und er übereignet es seinem neuen Freund.

Kurz darauf stirbt Thilo, und Mieczysław nimmt das von Thilo verpackte Bild an sich.

Lange Zeit weigerte sich Mieczysław, bei den Anwendungen oder bei ärztlichen Untersuchungen die Unterhose auszuziehen. Inzwischen hat Dr. Semperweiß jedoch gesehen, dass es sich bei dem Studenten um einen Hermaphroditen handelt. Der Arzt aus Waldenburg, der sich mit Psychoanalyse beschäftigt, kennt da keine Vorurteile, sondern hält die Neigung, alles in Dualismen zu sehen, für falsch. So gebraucht er bei seinem Auto auch den weiblichen Genus, denn es handelt sich bei Mercedes sowohl um eine Marke als auch um einen weiblichen Vornamen.

Vollmond

Raimund, das Faktotum des Wirts Wilhelm Opitz, lockt Mieczysław unter einem Vorwand bergauf, bis dieser argwöhnisch wird und umkehrt. Auf einen Pfiff Raimunds eilen Köhler herbei, packen den Studenten und zerren ihn weiter hinauf. Dort reißen sie ihm Jacke, Pullover und Hemd vom Leib, sodass seine großen Brustwarzen zum Vorschein kommen. Als ihm die Männer auch die Hose ausziehen wollen, beginnt die Erde zu beben und es entsteht ein unheimlicher Lärm. Raimund und die Köhler werfen ihre Äxte fort und rennen davon. „Sie haben ihn nicht genommen!“, schreien sie in Panik.

Mieczysław Wojnicz liegt am Boden.

Große, dunkle Augen sahen ihn an, voller Neugier, doch war diese Neugier wohl nicht menschlicher Natur, denn Wojnicz spürte keinerlei Gedanken darin. Nah schob sich das Gesicht an ihn heran, ein Blick erforschte die Poren seiner Haut, die Wimpern, die Lippen, die Brauen. Ein zweites kam hinzu, und noch ein drittes. Fast hörte er auf zu atmen, starrte uns voller Entsetzen an. Doch nach und nach beruhigte er sich, wir wollten ihm ja nichts Böses.

Die Fesseln fallen von ihm ab. Mit nacktem Oberkörper und nur einem Schuh am Fuß kehrt er zurück ins Gästehaus.

Er sieht, wie die im Kurhaus angestellte Krankenschwester Sydonia Patek eine Gruppe von männlichen Patienten wie eine Herde zusammenhält. Sie ist die einzige Frau. Außer ihr sind nur Männer unterwegs.

Auf dem Dachboden findet Mieczysław den Wirt, auf den Stuhl gefesselt, der ihm vor einiger Zeit auffiel. Wilhelm Opitz, der sich darüber wundert, dass Mieczysław noch lebt, will losgebunden werden. Aber zuerst möchte Mieczysław mehr über die Vorgänge erfahren. Er habe sich von Raimund fesseln lassen, gesteht Wilhelm Opitz, um nicht von dem kollektiven Wahnsinn mitgerissen zu werden. Eigentlich war Thilo von Hahn als diesjähriges Opfer ausersehen, aber der starb zu früh. Nachdem Mieczysław den Wirt befreit hat, rennt dieser zu den anderen Männern, beginnt zu schweben und fällt in Stücke zerfetzt wieder zu Boden.

Epilog

In Klara Opitz‘ Dachkammer zieht sich Mieczysław nackt aus, schlüpft in von der Frau des Wirts hinterlassene Schuhe, Unterwäsche und Oberbekleidung. Alles passt perfekt. Mit dem Reisepass der Toten, der ihn als Klara Opitz aus Friedland in Niederschlesien mit tschechischer Staatsangehörigkeit ausweist, nimmt er eine Droschke zum Bahnhof Dittersbach und verschwindet aus Görbersdorf.

Klara Opitz zieht nach München, arbeitet in einer Krankenhausküche. 1917 meldet sie sich zum Dienst in einem Feldlazarett an der Front in Belgien. Nach dem Krieg verliert sich ihre Spur in Berlin.

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Bei Mieczysław Wojnicz, dem Protagonisten des Romans „Empusion“ der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, denkt man an Hans Castorp, die Hauptfigur in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Auch das Setting gleicht sich, obwohl die Handlung von „Empusion“ in Görbersdorf (Sokołowsko) spielt und nicht in Davos, allerdings ebenfalls kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Und in beiden Romanen schwadronieren und debattieren die lungenkranken Herren beim gemeinsamen Abendessen über Gott und die Welt.

Olga Tokarczuk legt ihnen immer wieder misogyne Äußerungen in den Mund und weist im Nachwort darauf hin, dass sie diese nicht erfunden habe.

Sämtliche misogynen Ansichten in diesem Roman stellen Paraphrasen von Textpassagen folgender Autoren dar:
Aurelius Augustinus, William S. Burroughs, Cato der Ältere, Bernhard von Cluny, Charles Darwin, Emile Durkheim, Henry Fielding, Sigmund Freud, H. Rider Haggard, Hesiod, Jack Kerouac, David Herbert Lawrence, Cesare Lombroso, W. Somerset Maugham, John Milton, Friedrich Nietzsche, Ovid, Plato, Ezra Pound, Jean Racine, François de La Rochefoucauld, Jean-Paul Sartre, Arthur Schopenhauer, William Shakespeare, August Strindberg, Jonathan Swift, Algernon Charles Swinburne, Simonides von Keos, Tertuillian, Thomas von Aquin, Richard Wagner, Frank Wedekind, John Webster, Otto Weininger, William Butler Yeats.

„Empusion“ kreist um Themen wie sexuelle Identität, Männlichkeit versus Weiblichkeit, Natur und Tod. Zunächst andeutungsweise, schließlich explizit beschreibt sie Mieczysław Wojnicz als Hermaphrodit. Am Ende schlüpft er/sie in genau passende Damenschuhe und -kleider.

Das Buch „Empusion“ enthält historische Fotografien von Görbersdorf aus dem Privatarchiv der Autorin. Olga Tokarczuk fügt in die Realität allerdings magische bzw. mythische Elemente ein. Anfangs geschieht das unauffällig, etwa in folgender Passage:

An dieser Stelle möchten wir sie verlassen, wie sie sich in ihren Erwägungen ergehen, […], wir verlassen sie, verlassen das Haus, durch den Kamin, durch eine Ritze zwischen den Schindeln – um aus der Entfernung, aus der Höhe herabzuschauen.

Zunehmend wird deutlich, dass es sich bei der Erzählerstimme um die der titelgebenden Empusen handelt, um die Stimme einer nicht fassbaren Weiblichkeit.

Unter Empusen versteht man Männerblut saugende Spukgestalten der griechischen Mythologie. „Empusion“ setzt sich aus den Begriffen Empusa und Symposion zusammen. Der zweite Bestandteil verweist auf die Debatten der kranken Männer.

Den Roman „Empusion“ von Olga Tokarczuk gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Timo Weisschnur.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Kampa Verlag

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