Olga Tokarczuk : Die Jakobsbücher

Die Jakobsbücher
Księgi Jakubowe Verlag Wydawnictwo Literackie, Krakau 2014 Die Jakobsbücher Übersetzung: Lisa Palmes, Lothar Quinkenstein Kampa Verlag, Zürich 2019 ISBN 978-3-311-70079-1, 1184 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Die Jakobsbücher" dreht sich um Jakob Frank, eine historische Persönlichkeit, die sich 1726 bis 1791 zwischen Polen, dem Osmanischen Reich und Deutschland bewegte, vom Judentum zum Islam und weiter zur katholischen Kirche konvertierte. Die Anhänger hielten Jakob Frank für einen Messias. In seinem Hofstaat sollte es kein Privateigentum geben, und Jakob Frank nahm sich das Recht heraus, mit Frauen anderer Männer zu schlafen. Er war ein Despot und ein früher Populist.
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Kritik

Olga Tokarczuk stellt in "Die Jakobsbücher" ein Panorama der Lebensverhältnisse im 18. Jahrhundert zusammen. Sie zeigt das Leid der Juden, Bauern und Leibeigenen in der Polnischen Adelsrepublik. Den Frauen, die bald nach der Menarche verheiratet werden und von da an entweder schwanger sind oder ein Kind stillen, stellt sie eine gebildete, emanzipierte Jüdin gegenüber. Der Roman lässt sich auch als Plädoyer für Vielfalt, Toleranz und Aufgeschlossenheit im Umgang mit Fremden bzw. Ungewohntem lesen.
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Rohatyn

Katarzyna Kossakowska, eine geborene Potocka, die Kastellanin von Kamieniec Podolski, strandet wegen einer gebrochenen Federung ihrer Kutsche in Rohatyn. Zuflucht sucht sie bei dem Starosten Szymon Łabęcki, der durch seine Ehefrau Pelagia Potocka mit Katarzyna Kossakowska verwandt ist. Weil die Reisende unter Monatsbeschwerden leidet, ruft der Starost den aus Litauen stammenden, in Italien ausgebildeten Medicus Ascher ben Lewi, der sich inzwischen Ascher Rubin nennt und 35 Jahre alt ist. Notgedrungen lässt Katarzyna Kossakowska sich von ihm behandeln, obwohl sie meint:

„Die Juden sind jetzt überall, da muss man nur noch zusehen, wie sie uns auffressen mit Haut und Haar.“

Elżbieta Drużbacka, die ältere Begleiterin der Kastellanin, lernt den Dechanten von Rohatyn kennen, Joachim Benedykt Chmielowski, der ihr stolz sein enzyklopädisches Werk zeigt: „Neues Athen, oder Academia voll jedweder Szienzia, nach verschiedenen Titeln wie nach Classes untertheilt. Den Klugen zum Gedächtnis, den Idioten zur Belehrung, den Politikern zur Praxis, den Melancholikern zur Zerstreuung errichtet“.

Seine Lebensgeschichte ist die Geschichte der Bücher, die er gelesen und verfasst hat. Als seine Mutter sah, dass es den kleinen Benedykt so mächtig zu den Büchern zog, schickte sie ihn im Alter von fünfzehn Jahren zu den Jesuiten nach Lemberg. Diese Entscheidung verbesserte bedeutend sein Verhältnis zum Stiefvater, der ihn nicht leiden konnte. Seit jenem Zeitpunkt waren sie einander kaum mehr begegnet. Nach seinen Lehrjahren bei den Jesuiten war er ins Seminar gewechselt.

Zur gleichen Zeit wird in Rohatyn eine große Hochzeit vorbereitet: Der 16-jährige Isaak bzw. Jeremias, einer der fünf Söhne des auf die 60 zugehenden verwitweten Kaufmanns Elischa Schor, soll heiraten, und die Hochzeitsgäste treffen ein, darunter Nachman Samuel ben Lewi. Der Rabbi aus Busk, der begeistert von Jakob Frank erzählt und von Elischa Schor aufgefordert wird, diesen Messias nach Rohatyn zu holen, verfasst im Lauf der Jahre einen ausführlichen Bericht über sein Idol.

Israel und Sobla haben ihre Großmutter Jenta aus Korolówka mitgebracht. Als sie ankommen, liegt Jenta im Sterben, und der Medicus Ascher Rubin kann nichts mehr für sie tun.

Jentas Vater Majer war mit seiner aus Regensburg vertriebenen jüdischen Familie nach Polen geflohen und dort Getreidehändler geworden. Aber nach der Pest im Jahr 1654 wurden die Juden beschuldigt, die Seuche heraufbeschworen zu haben, und die Familie suchte Zuflucht bei Verwandten in Lemberg. Jenta war das elfte Kind ihrer Eltern. Als sie sieben Jahre alt war, starb die Mutter bei der Geburt eines weiteren Kindes.

Obwohl Jenta nun im Sterben liegt, findet die Hochzeit in Rohatyn statt und danach nehmen Israel und Sobla die Greisin auf ihrem Fuhrwerk wieder mit. Auch nach ihrem Tod in einem Holzschuppen und ihrer Bestattung in einer Höhle verfolgt Jenta das weitere Geschehen, in dessen Mittelpunkt ihr Enkel Jakob steht.

Jakob Frank: Die Anfänge

Ja’akow Josef ben Jehuda Lejb wird 1726 in dem Dorf Korolówka in Podolien geboren und wächst in Czernowitz auf, 80 Kilometer südlich des Geburtsorts, wo sein Vater Jehuda Lejb Buchbinder als Rabbiner amtiert. Rachel Hirschl, die Mutter, stammt aus Rzeszów. Auf der Flucht vor den Kosaken gelangt die streng orthodoxe jüdische Familie schließlich nach Bukarest. Dort beginnt Jankel bzw. Jakob Lejbowicz eine kaufmännische Lehre, aber statt sie zu beenden, zieht er nach Smyrna im Osmanischen Reich, wird dort 1750 Schüler des sabbatianischen Rabbi Issachar aus Podhajce und nennt sich nun Jakob Frank.

Beim Sabbatianismus handelt es sich um eine von dem selbsternannten Messias Schabbtai Zvi 1665 in Gaza begründete und von Baruchia Russo in Saloniki als Dönme weitergeführte kabbalistische Bewegung.

Jakob Frank erklärt seinem Anhänger Nachman Samuel ben Lewi:

„Fremd zu sein, weckt Wendigkeit und Geistesschärfe. Wer fremd ist, gewinnt einen neuen Standpunkt, er wird, ob er will oder nicht, ein wahrer Weiser. Wer hat uns eingeredet, dass es gut und trefflich sei, stets und ständig dazuzugehören? Nur der Fremde versteht die Welt.“

Im Juni 1752 heiratet Jakob Frank in der osmanischen Stadt Nikopol eine Tochter des jüdischen Händlers Jehuda Towa ha-Lewi. Die 14-jährige Halbwaise heißt Chana und hat einen Zwillingsbruder namens Chaim. Im Oktober 1754 bringt Chana in Nikopol die Tochter Rachel Eva zur Welt.

Im Jahr darauf gründet Jakob Frank eine eigene Bewegung, die in ihm einen weiteren Messias und zugleich eine Reinkarnation des biblischen Jakobs verehrt. Sein Ziel ist es, die Aschkenasim aus den mittelalterlichen Lebensverhältnissen zu befreien. Um die ungebildeten Ostjuden zu gewinnen, verwirft er den Talmud und setzt sich in Saloniki öffentlich mit nacktem Po auf eine Tora-Rolle.

Mit solchen Provokationen und mit seinen radikalen Ansichten gerät er in Konflikt mit der Dönme in Saloniki.

Eines Tages, als Jakob eben seine Lehren verkündet, betreten mehrere kräftige Burschen den Raum, bewaffnet mit Knüppeln. Sie stürzen sich auf die Zuhörer, die der Tür am nächsten sind. Blindwütig teilen sie Schläge aus. […] Für zwei Messiasse ist in Saloniki kein Platz. […]

Weil Jakob Frank in Saloniki seines Lebens nicht mehr sicher ist, flieht er 1755, kehrt nach Podolien zurück und schart dort seine Anhänger um sich. Beschützen lässt er sich von zwei Frauen. Eine der beiden heißt Gitla Pinkasówna. Sie ist die einzige Tochter von Pinkas ben Selig, der als Sekretär für den Lemberger Rabbiner tätig ist.

Das Mädchen ist ein Schwirbelkopf, fortwährenden Verdruss bereitet sie dem Vater, deshalb gab er sie zu seiner Schwester nach Busk. […]
Ein Unglück, dass sie so hübsch ist – was die Eltern gewöhnlich ja erfreut. Groß und schlank, mit einem länglichen Gesicht von bronzener Tönung, einem üppigen Mund und dunklen Augen. Nachlässig streift sie umher, kleidet sich stets in wunderlicher Weise. Den ganzen Sommer über wandelte sie über die sumpfigen Wiesen vor dem Städtchen und rezitierte Gedichte. Ging allein auf den Friedhof, immer mit einem Buch in der Hand. Ihre Tante meinte, das komme davon, wenn man einem Mädchen das Lesen beibringe. Ihr Vater war unvorsichtig genug, sie zu unterrichten – und bitte sehr, das sind die Folgen. Eine gelehrte Frau ist ein Quell ungezählter Sorgen. […] Neunzehn Jahre ist sie alt, längst sollte sie unter der Haube sein, jetzt gaffen ihr Gimpel und ältere Männer nach, aber heiraten – so eine will doch keiner haben. […]
Ihre Mutter starb, als Gitla noch ganz klein war. Lange Zeit war Pinkas Witwer, dann nahm er sich eine neue Frau, die das Stiefkind nicht leiden mochte. Die Abneigung war beiderseitig. Als die Stiefmutter Zwillinge gebar, riss Gitla zum ersten Mal von zu Hause aus. Der Vater fand sie in einer Schenke an der Stadtgrenze von Lemberg. […] Bis heute klangen dem armen Pinkas das Gelächter und die schlüpfrigen Scherze der Männer in der Schenke im Ohr. […]

Die Verfolgung der Frankisten geht auch in Podolien weiter.

Am 26. Januar 1756 beobachten zwei Jungen in Lanckoruń durch ein Fenster, dessen Vorhänge nicht ganz zugezogen sind, dass Jakob Frank und einige andere Männer mit einer Frau zusammen sind, die ihre Brüste entblößt hat. (Es handelt sich um Elischa Schors Tochter Chaja, die mit dem Rabbi und Tabakhändler Hirsch in Lanckoruń verheiratet ist.) Die beiden Jungen rennen zum Rabbiner, und im Handumdrehen sammelt sich eine mit Knüppeln bewaffnete Schar, um das unsittliche Treiben zu beenden.

Mikołaj Dembowski, der katholische Bischof von Kamieniec-Podolski, hofft auf eine werbewirksame Judenbekehrung und fordert deshalb die Frankisten nach einem Verhör am 31. März 1756 dazu auf, zur katholischen Kirche zu wechseln.

Das Rabbinat Podolien in Brody verhängt allerdings am 18. Juni den Bann über die Frankisten. Durch den Ausschluss aus den jüdischen Gemeinden verlieren viele von ihnen ihre Erwerbsmöglichkeiten. Und weil ihr Anführer sie dazu ermutigt, mit anderen Männern und Frauen als den eigenen Ehepartnern und -partnerinnen zu koitieren, werden Jakob Franks Anhängerinnen als Nutten beschimpft.

Disputation

Am 2. August formulieren die Kontratalmudisten ein – allerdings sektiererisches – Glaubensbekenntnis. Obwohl ihnen Mikołaj Dembowski am 27. August einen Schutzbrief ausstellt, müssen sie sich auch weiterhin vor den jüdischen Gemeinden in Acht nehmen.

Jakob Frank setzt sich für eine öffentliche Auseinandersetzung ein:

Ruft einige Hundert kluge Rabbiner und Bischöfe zusammen, auch Herren sollen kommen und die besten Gelehrten. Sie werden mit mir und meinen Leuten den Disput bestreiten.

Bischof Dembowski unterstützt den Aufruf, und im Juni 1757 findet in der Kathedrale von Kamieniec-Podolski eine achttägige Disputation mit den Antitalmudisten statt.

Jakob Frank kann nicht daran teilnehmen, denn er hält sich bereits seit einiger Zeit wieder im Osmanischen Reich auf, wo er sich sicherer als in der Heimat fühlt. Nachdem er zum Islam konvertiert ist, um einen Schutzbrief des Sultans zu bekommen, bietet man ihm ein großes Gut in Giurgiu an, aber Jakob Frank geht nicht darauf ein, denn er hat andere Pläne.

Himmelhoch verlieren die Rabbiner die Disputation in Kamieniec, will doch niemand ihre verschlungenen Erklärungen hören, wenn die Vorwürfe so simpel und treffend sind. Zum Helden wird Reb Krysa aus Nadwórna, als es ihm gelingt, den Talmud lächerlich zu machen. […]
Als jedoch die Anschuldigungen von Lanckoruń zur Sprache kommen, will das Gericht keinen klaren Standpunkt einnehmen. Schließlich hat es bereits Ermittlungen gegeben, bei denen nichts Verwerfliches sich erkennen ließ an Gesängen und Tänzen hinter verschlossener Tür. Jeder habe das Recht, zu beten, wie es ihm beliebe. Und mit einer Frau zu tanzen, selbst wenn diese ihre Brüste entblößen sollte.

Im Haupturteil werden die Kontratalmudisten freigesprochen, und am 14. Oktober brennen Scheiterhaufen mit Talmudschriften.

Hofstaat in Iwanie

Abgesichert mit der Bestätigung des bischöflichen Schutzbriefes durch den polnischen König August III. kehrt Jakob Frank am 7. Dezember 1758 nach Podolien zurück.

Schon vorher gründeten seine Anhänger in Iwanie – einem Dorf nahe einer Felsschneise am Dnjestr – einen chassidistischen Hofstaat.

Seit dem letzten Ausbruch der Seuche ist das Dorf verlassen. Kürzlich erst, im August, haben sich – dank des Geldes der Familie Schor und der Güte des Bischofs, zu dessen Ländereien das Dorf gehört – einige Rechtgläubige hier angesiedelt. Seit der König den Eisernen Brief ausstellte, ziehen die Menschen auf Fuhrwerken und zu Fuß nach Iwanie. Sie kommen von Süden her, aus der Türkei, und von Norden, aus den Dörfern Podoliens. […]
Wer Einlass ins Dorf erhält, geht als Erstes zu Osman [aus Czernowitz], gibt dort sein Geld ab und sämtliche wertvollen Dinge. Osman ist der Schaffner, er besitzt einen eisernen, abschließbaren Kasten, darin bewahrt er das gemeinsame Vermögen auf. Seine Frau Hawa, Jakobs ältere Schwester, verfügt über die Gaben von Rechtgläubigen aus ganz Podolien und dem Türkenlande – Kleidung, Schuhe, Arbeitsgerät, Kochtöpfe, Glas, ja sogar Spielzeuge für Kinder. Sie ist es, die abends die Männer für die Arbeiten des nächsten Tages einteilt. Die einen fahren um Zwiebeln zum Bauern, die anderen um Kohl.
Die Gemeinschaft besitzt eigene Kühe und hundert Hühner. Eben erst haben sie die Hennen erworben, nun hört man, wie die Männer Ställe zimmern, hölzerne Hühnerstangen setzen sie ein. Hinter den Häusern liegen schöne Gärten, doch wächst nicht viel darin, zu spät im Jahr sind die neuen Bewohner eingezogen. Bis hinauf zu den Dächern ranken die Weinreben, verwildert sind sie und nicht gestutzt, die Trauben waren winzig und köstlich. Ein paar Kürbisse ließen sich noch ernten, zudem gab es reichlich kleine, dunkle, süße Zwetschken, und die Äste der Apfelbäume bogen sich unter der Last der Früchte. Jetzt, nach den ersten Frösten, ruht alles stumpf und grau, der Auftakt zum winterlichen Schauspiel von Moder und Zerfall.
Den ganzen Herbst hindurch treffen Tag für Tag Menschen ein […]
Ein buntes Gemisch von Sprachen, Kleidung, Kopfbedeckungen sieht man hier.

Chaim Kopyczyniecki und Osman teilen den Ankömmlingen ihre Chaluppen zu. Hawa kümmert sich um die Verpflegung […]. Gemeinsam wird gekocht und gegessen, erklärt Hawa. Auch die Arbeit im Dorf erledigt man Hand in Hand: Die Frauen waschen, nähen, kochen, die Männer setzen die Hütten in Stand und sorgen für Feuerholz.
Des Morgens brechen die Männer auf, Geld zu verdienen – Handel betreiben sie, Geschäfte. Am Abend kommen alle zusammen und beratschlagen. Einige Halbwüchsige betätigen sich als Postboten […].
Der zweite Chaim – Chaim aus Busk, Nachmans Bruder –, trieb gestern eine Herde Ziegen herbei und verteilte die Geißen gerecht auf die Hütten; groß war die Freude, denn es mangelte an Milch, jenem knappen Gut, das ohnehin nur Kindern und Alten zusteht. Die jüngeren, zur Küchenarbeit eingeteilten Frauen geben ihre Kleinen in die Obhut der älteren, die sie in einer der Chaluppen betreuen. Sie nennen es kindergarten. Ein Kind ist bereits hier geboren, ein Junge, er bekam den Namen Jakob.

Jakob Frank schläft zunächst in einem Schuppen statt in dem für ihn vorbereiteten Haus.

Auch lehrt Jakob, von nun an gehöre nichts mehr jemandem allein; eigenen Besitz gebe es nicht.

Jakob Frank bricht mit der Tradition, die Geschlechter getrennt zu unterrichten und hebt die Monogamie auf.

Jakob erklärt es noch einmal, von Anfang an: „Jedes Gesetz müssen wir mit Füßen treten, denn diese Gesetze haben keine Gültigkeit mehr, und solange wir sie nicht missachten, können die neuen nicht erscheinen. Die alten Gesetze waren für die alte, die unerlöste Welt.“

Die sexuelle Freizügigkeit ist ungewohnt, und als Wittel aus Nadwórna von ihrem Ehemann Schlomo aufgefordert wird, mit Jakob Frank zu schlafen, meint sie zunächst:

„Wie sollte ich mit ihm schlafen, ich bin doch deine Frau? Das wäre eine Sünde.“
Schlomo schenkt ihr einen zärtlichen Blick, als wäre sie ein Kind.
„Du denkst noch wie früher, als hättest du nichts von alldem begriffen, was hier vor sich geht. Die Sünde gibt es nicht, ebenso wenig gilt die Unterscheidung nach Ehemann oder nicht. […]
Mit Erleichterung empfängt Wittel die Erlaubnis, konnte sie doch in den vergangenen Tagen an nichts anderes denken. Die Frauen, die mit Jakob verkehrten, behaupten, er habe zwei Gemächte.

Antoni Moliwda-Kossakowski sagt zu Jakob Frank:

„Du darfst mit den Frauen der anderen schlafen, die anderen aber schlafen nicht mit deiner Frau. Daran wird deutlich, dass du der Herrscher bist. […] Wie bei einem Löwenrudel. […]
Und die Kinder. Schließlich entstehen gemeinsame Kinder. Woher willst du wissen, dass die junge Frau, die gestern zu dir gekommen ist, nicht bald ein Kind gebiert? Wessen Kind wird das sein – das ihres Mannes oder deines? Auch dies verbindet euch, schließlich sind so alle Männer die Väter …“

So sieht Jenta etwa, dass Iwanie einen besonderen Rang einnimmt in der Hierarchie der Daseinsformen; der Ort ist nicht gänzlich auf der Erde angesiedelt, nicht gänzlich in der Wirklichkeit verwurzelt.

Sieben auserwählten Frauen gibt Jakob Frank neue Namen: Wittel heißt nun Ewa, Nachmans blutjunge Ehefrau Wajgele („Ameise“) erhält den Namen Sarai, Jakub Majoreks Ehefrau wird Rebekka, Elischa Schors 13-jährige Schwiegertochter Sprynele, die Frau seines jüngsten Sohnes Wolf, wird nun Berschawa gerufen, und ihre Schwägerin, Isaak Schors Frau, bekommt den Namen Rachel. Später sucht Jakob Frank zwölf Männer aus, denen er die Namen der Apostel gibt. So heißt Nachman fortan Piotr Jakubowski. Er selbst nennt sich Franciszek.

Am 13. März 1759 ist ein Komet zu sehen. Viele befürchten, dass er das Ende der Welt ankündigt.

Im April 1759 holt Jakob Frank seine Frau Chana mit der Tochter Awacza  bzw. Eva und dem Neugeborenen Emanuel nach, aber schon einen Monat später kehrt Chana missgestimmt ins Osmanische Reich zurück. Ihr ist nicht entgangen, dass ihr Mann mit anderen Frauen intim ist.

Selbst Jakob hat Läuse, was daran liegt, dass er zu innig sich mit den schmuddeligen Bewohnerinnen des Ortes abgibt. Chana kann es sich denken, nein, eigentlich weiß sie es genau.

Taufe

Zwei Bittschriften an Władysław Aleksander Łubieński, den Erzbischof von Lemberg, bleiben 1759 unbeantwortet. In der Hoffnung auf eine zweite Disputation formulieren die Antitalmudisten ein neues Glaubensbekenntnis, und Sztepan Mikulski, der Administrator von Lemberg, geht darauf ein.

In der von Juli bis September 1759 dauernden zweiten Disputation in der Lateinischen Kathedrale von Lemberg stehen die Rabbiner Chaim Kohen Rapaport, Nathan ben Mosche und David ben Abraham zehn Frankisten gegenüber. Außerdem nehmen Vertreter der Szlachta, der katholischen Kirche und polnischer Behörden daran teil. Am Ende erklärt Sztepan Mikulski die traditionellen Juden für besiegt.

Kurz darauf findet eine Massentaufe statt, und die Bürger sind dazu aufgerufen, sich als Taufpaten zu melden. Katarzyna Deymowa, die Witwe des Königlichen Postdirektors Deym in Lemberg, erfährt es von ihrem Dienstmädchen Marta.

Da ist es, als nähme Katarzyna Deymowa eine Brille ab, von der sie nicht wusste, dass sie sie trug. Eine gewaltige Rührung ergreift sie. Heilige Muttergottes! Zur Taufe sind sie gekommen! Recht hat, wer vom Ende der Welt spricht. So weit ist es nun, dass die größten Feinde des Heilands sich taufen lassen. Ihr sündhafter Widerstand ist gebrochen, endlich haben auch sie begriffen, dass es keine Erlösung gibt außerhalb der heiligen katholischen Kirche, nun kommen sie als reuige Kinder zu uns.“

„Contratalmudisten“, wiederholt die Deymowa mit Bedacht, und ihre Schwester ergänzt: „Tschaptschuchen.“

Auch Jakob Frank lässt sich am 17. September in der Johanneskathedrale in Warschau von dem Lemberger Metropoliten Samuel Głowiński aus Głowno taufen. Sein Taufpate, der polnische König August III., lässt sich zwar bei der Zeremonie vertreten, erhebt Jakób Józef Frank-Dobrucki – so der neue Name – aber zugleich in den Adelsstand. Seine Ehefrau Chana, nun Anna Frank-Dobrucki, und die Tochter Eva werden im Jahr darauf ebenfalls getauft.

Internierung

Aber als die katholische Kirche durch die Beichten neuer Mitglieder zu der Auffassung gelangt, dass es sich bei den Frankisten um eine Sekte handelt und den Anführer verdächtigt, nur zum Schein Christ geworden zu sein, schreitet der Apostolische Nuntius Nikolaus Serra Anfang 1760 ein. Antoni Moliwda-Kossakowski wird von der Kirche mit dem Hinweis auf Verfehlungen in der Jugend erpresst, ebenso wie Nachman Samuel ben Lewi gegen Jakob Frank auszusagen.

Moliwda ist so zerschmettert […]. Immerfort schwirren ihm die Worte des Priesters im Kopf herum: Magie, Metempsychose, Inzest, widernatürliche Praktiken … Er fühlt sich wie niedergedrückt von einer bleiernen Last. Alles, so der Priester, solle Moliwda aufschreiben. Zeit habe er unbegrenzt. Alles, was er über Jakob Frank wisse und was anderen womöglich nicht bekannt sei. Und Moliwda schreibt.

Jakob Frank muss sich vor dem Episkopalgericht verantworten und wird schließlich vom Primas der katholischen Kirche in Polen wegen Häresie verurteilt. Sechs bewaffnete Wachen bringen ihn zum befestigten Kloster Jasna Góra in Częstochowa (Tschenstochau). Der Prior Ksawery Rotter hat einen Kerker vorbereitet, liest dann aber verwundert, dass nur von einer Internierung die Rede ist.

Chana bzw. Józefa Scholastyka Frankowa darf 1762 zu ihrem Mann ins Kloster ziehen. Sie bringt im Juli 1763 in der polnischen Stadt Wieluń den Sohn Jakob zur Welt und kommt einen Monat später mit dem Kind nach Częstochowa zurück, wo in Anwesenheit der Gefolgschaft eine feierliche Vereinigung der Eheleute stattfindet. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass der kleine Jakob nur sechs Jahre alt werden wird.

Sein Vater bekommt die Erlaubnis, Gäste zu empfangen, und Jakob Frank lässt seine Anhängerinnen anreisen: Wittel Matuszewska, Henrykowa Wołowska, Ewa Jezierzańska, Simcie Czerniawska, Michałowa Wołowska, Klara Lanckorońska und andere folgen seinem Ruf. Er zeugt im Kloster weitere drei Kinder: Rochus (1765 – 1813), Joseph (1767 – 1807) und Josepha Franziska (1769 – ?).

„Ich will, dass alle Brüder, die Frauen haben, die nicht die unseren sind, ihre Frauen verlassen und unsere Schwestern als Gattinnen nehmen. Und die Frauen, die Männer geheiratet haben, die nicht die unseren sind, sollen sich unter unseren Brüdern Gatten suchen. Öffentlich soll es werden! Und wenn jemand fragt, warum es so sein soll, dann sagt, dass ich es angeordnet habe.“

Später, in Brünn, wird Jakob Frank erklären:

„Aber sie sollen doch nicht aus Vergnügen zusammen sein […], sie sollen sich überwinden, sich zusammenraufen. Ein Ganzes zu bilden, das ist der Sinn.“

Chana bzw. Józefa Scholastyka Frankowa oder auch Anna Frank-Dobrucki stirbt im Februar 1770 im Alter von 32 Jahren und wird im Höhlensystem bei Korolówka beigesetzt.

Im August 1772 bricht die fast zwei Jahre lang erfolgreiche Verteidigung des Klosters Jasna Góra gegen russische Angriffe zusammen, und König Stanisław August Poniatowski gibt es auf. Die Russen lassen Jakob Frank und seine Tochter Eva am 21. Januar 1773 frei, und die beiden verlassen das Land.

Brünn und Wien

Am 23. März trifft die Reisegesellschaft in Brünn ein, wo Schejndl bzw. Katharina Dobrušk lebt, eine Cousine Jakob Franks. Dort gibt es keine nennenswerte jüdische Gemeinde, also auch keine ernsthafte Gegnerschaft für die Antitalmudisten. Unbehelligt kann Jakob Frank in Brünn eine militärisch organisierte Kompanie zusammenstellen.

Als Jakob Frank im Frühjahr 1774 wieder einmal krank ist, lässt er Łucja aus Warschau holen, die Ehefrau von Kazimierz Szymon Łabęcki, deren Muttermilch bereits im Kloster Jasna Góra in Częstochowa dazu beitrug, ihn von einer Erkrankung genesen zu lassen. Nach einem halben Jahr schickt er sie wieder fort.

Einmal herrscht er zwei junge Mädchen − Agata Wołowska und Tekla Łabęcka − vor Umstehenden an:

„Runter mit dem ganzen Plunder! Bis zur Taille!“
Die Mädchen verstehen nicht. Auch Jeruchim Dembowski begreift zunächst nicht, dann erbleicht er, sein Blick sucht die Augen Szymanowskis.
„Herr …“, setzt Szymanowski an.
„Ausziehen“, befiehlt der Herr mit milder Stimme, die Mädchen gehorchen.

Ohne sie anzusehen, verlässt Jakob Frank den Raum, und als ihn Franciszek Szymanowski fragt, warum er die beiden Mädchen gedemütigt habe, antwortet er:

„Du weißt, ich tue nichts ohne Grund. Ich habe sie gezwungen, sich vor allen zu erniedrigen, denn wenn meine Zeit gekommen ist, werde ich sie erhöhen, ich werde sie über alle erheben. Sag es ihnen von mir. Dass sie es wissen.“

Moše Dobruška, der sich jetzt Thomas von Schönfeld nennt und in Wien Jura studiert, obwohl er sich mehr für Theater und Literatur interessiert, heiratet im Mai 1775 Elke von Popper, die Stieftochter des wohlhabenden Industriellen Joachim von Popper, eines in den Adelsstand erhobenen Wiener Neophyten.

Der vermittelt Jakob Frank und dessen Tochter Eva noch im selben Jahr eine einstündige Audienz bei Kaiser Joseph II. in Wien. Der führt Vater und Tochter durch seine „Wunderkammer“, vorbei an ausgestopften Tieren, menschlichen Schädeln und mehrköpfigen Embryonen, denn er beobachtet seine Gäste gern, wenn sie vor Ekel ihr serviles Lächeln verlieren. Der Kaiser ist auch an den Juden interessiert, denn er hat sich vorgenommen, sie von ihrem Aberglauben zu befreien.

Genössen die Juden dieselbe ordentliche Bildung wie die übrige Gesellschaft, wären sie dem Kaiserreich von größerem Nutzen.

Dass Eva sich nicht von den Missgestalten in der „Wunderkammer“ einschüchtern lässt, beeindruckt Joseph II., und noch am selben Tag lädt er sie in seine Sommerresidenz in Schönbrunn ein.

Am selben Abend fährt in einem Wagen eine Hofdame vor, Frau Stamm mag ihr Name lauten; in die feinste Leibwäsche solle Eva sich kleiden.
Anusia Pawłowska ist beeindruckt, eilig packt sie Evas Sachen:
„Gut, dass deine Periode vorüber ist.“
Eva schnaubt entrüstet, aber ja – das ist ein wahres Glück.

Während Eva eine Affäre mit dem Kaiser hat, wohnt sie ein Vierteljahr lang mit ihrem Vater in Wien.

Auch Ascher Rubin, der frühere Medicus in Rohatyn, wohnt mit seiner Lebensgefährtin Gitla Pinkasówna in Wien. Die beiden, die sich dort in Rudolf Joseph und Gertrude Anna Ascherbach umbenannt haben, betreiben ein Geschäft für Augengläser. Die beiden Töchter werden von einem Hauslehrer unterrichtet, der Sohn Samuel Ascherbach studiert Jura.

Bei einer Audienz 1786 in seiner Sommerresidenz in Laxenburg – diesmal in einer größeren Gruppe – fordert der Kaiser Jakob Frank auf, den Hof in Brünn aufzulösen und seine Schulden zu begleichen. Joseph II. untersagt den Druck kabbalistischer Bücher und distanziert sich von den Kontratalmudisten.

Isenburger Schloss in Offenbach

Jakob Frank verlässt Brünn am 10. Februar 1786 mit seiner Gefolgschaft und nimmt die Einladung des Fürsten Wolfgang Ernst II. zu Isenburg und Büdingen nach Offenbach an. Der zu den Freimaurern gehörende Protestant bietet ihm Schutz vor der katholischen Inquisition und stellt ihm das unbewohnte Isenburger Schloss in Offenbach zur Verfügung. Jakob Frank residiert dort als Baron von Frank-Dobrucki und verfügt schließlich wieder über einen Hofstaat von etwa 400 Anhängern. Er empfängt zudem Besuch aus Österreich und Osteuropa und nimmt Gastgeschenke entgegen.

Als im kalt ist, fordert er seine Betreuerin Ewa Jezierzańska auf, drei junge Frauen für ihn auszuwählen.

Je älter der Herr wird, desto mehr Gefallen findet er an jungen Füllen. Ausziehen sollen sie sich und neben ihn legen. Zuerst sind sie entsetzt, doch bald gewöhnen sie sich daran, kichern in die Kissen.

Um die Unschuld der Jungfrauen braucht sich Ewa Jezierzańska keine Sorgen zu machen.

In diesen Dingen ist der Herr ein Maulheld.

Eines Nachts lässt er alle wecken.

Schritte tapsen im Dunkeln über die Treppen, Kerzen werden angezündet. Die verschlafenen Menschen kommen im größten Saal zusammen.
„Ich bin nicht der, der ich bin“, sagt der Herr nach einem längeren Schweigen. Ein Hüsteln erklingt.
„Unter dem Namen Jakob Frank gab ich mich euch zu erkennen, doch ist das nicht mein wahrer Name. Mein Land liegt weit von hier, sieben Jahre Seereise von Europa entfernt. Mein Vater hieß Tygier, das Siegel meiner Mutter war der Wolf. Sie war eine Königstochter.“

Als Jakob Frank einen Schlaganfall erleidet und das Bewusstsein verliert, sorgt die Schriftstellerin Sophie von La Roche dafür, dass der beste Arzt in Frankfurt gerufen wird. Aber das Consilium der Ärzte kann nichts mehr für ihn tun. Am 10. Dezember 1791 stirbt Jakob Frank im Isenburger Schloss an einem Schlaganfall.

Nach Jakob Franks Tod

Im Lauf der Jahre folgen ihm enge Anhänger ins Grab. Das Schloss in Offenbach verwaist. Im Juli 1800 halten die Hohe Dame Eva Frankowa und ihr Bruder Rochus Frank die napoleonischen Truppen von einer Plünderung Offenbachs ab. 1807 gelingt es Eva Frankowa, den Gläubigern nach Venedig zu entkommen. Erst als sie die Nachricht von einer ernsten Erkrankung ihres Bruders Rochus erhält (er wird am 15. November 1813 sterben), kehrt sie noch einmal zurück – und empfängt im März 1813 in Offenbach den Zaren Alexander, der auf seiner Europa-Reise von der jüdisch-christlichen Gemeinde hörte.

Eva Frankowa stirbt am 7. September 1816.

Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie Thomas von Schönfelds Neffen Joseph von Schönfeld aus Prag kommen lassen. Im Juni 1796 war er in Offenbach eingetroffen.

Sein Onkel war mit seinem jüngeren Bruder Emanuel und seiner Schwester Leopoldina ins revolutionäre Frankreich gezogen. Unter dem Namen Junius Brutus Frey hatte er am 10. August 1792 am Tuileriensturm teilgenommen. Aber als der Revolutionär François Chabot beschuldigt wurde, sich durch gefälschte Gesetze bereichert zu haben, geriet auch Thomas von Schönfeld in Schwierigkeiten. Am 5. April 1794 wurden er und sein Bruder Emanuel ebenso wie François Chabot, Georges Danton und Camille Desmoulins in Paris enthauptet.

Höhepunkt des Spektakels war die Hinrichtung Dantons. Seinen Kopf zu sehen, erwartete die Menge voller Ungeduld. Applaus und gellende Pfiffe waren zu hören, die jedoch mit jedem weiteren, der zur Guillotine geführt wurde, abebbten, und als schließlich Junius Frey, alias Thomas Edler von Schönfeld, alias Moše Dobruška, als Letzter in der Reihe das Schafott bestieg, begann die Menge schon, sich zu zerstreuen.

Samuel Ascherbach, der Sohn von Rudolf Joseph und Gertrude Anna Ascherbach, hatte sich wegen seiner Schulden als Jura-Student von Wien nach Hamburg abgesetzt. Nachdem er dort eine Weile als Kanzlist und Advokat tätig war, wanderte er in die USA aus, heiratete die Tochter eines Gouverneurs und wurde unter dem Namen Samuel Usher ein angesehener Rechtsanwalt, schließlich sogar Richter am Obersten Gerichtshof. Er starb 1842. Sieben Kinder stammten von ihm.

Olga Tokarczuk erzählt auch noch von anderen Anhängern Jakob Franks, und sie beendet ihren Roman „Die Jakobsbücher“ mit fünf jüdischen Familien – 38 Personen im Alter zwischen fünf Monaten und 79 Jahren –, die sich am 12. Oktober 1942 in der Höhle von Korolówka bei Częstochowa vor den Deutschen ebenso wie vor den Rumänen verstecken und den Krieg überleben.

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Olga Tokarczuks Opus magnum trägt den Titel „Die Jakobsbücher oder Eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. Eine Reise, erzählt von den Toten und von der Autorin ergänzt mit der Methode der Konjektur, aus mancherlei Büchern geschöpft und bereichert durch die Imagination, die größte natürliche Gabe des Menschen. Den Klugen zum Gedächtnis, den Landsleuten zur Besinnung, den Laien zur erbaulichen Lehre, den Melancholikern zur Zerstreuung“.

Das 1184 Seiten dicke Buch ist rückwärts paginiert. Im Nachwort erklärt Olga Tokarczuk dazu:

Die „andere“ Seitennummerierung ist eine Verbeugung vor den hebräischen Büchern, zugleich möchte sie daran erinnern, dass jede Ordnung eine Frage der Gewohnheit ist.

Der Roman „Die Jakobsbücher“ dreht sich um Jakob Frank, eine historische Persönlichkeit, die sich 1726 bis 1791 zwischen Polen, dem Osmanischen Reich und Deutschland bewegte, vom Judentum zum Islam und weiter zur katholischen Kirche konvertierte . Seine Anhänger ermutigte er ganz bewusst zu Gesetzesbrüchen. In seinem Hofstaat sollte es kein Privateigentum geben, und Jakob Frank nahm sich das Recht heraus, mit Frauen anderer Männer zu schlafen. Er war ein Despot und ein früher Populist.

Die Hauptfigur wird in „Die Jakobsbücher“ allerdings erst nach mehr als 100 Seiten eingeführt, und nach Jakob Franks Tod geht der Roman noch lange weiter, bis zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Olga Tokarczuk stellt in „Die Jakobsbücher“ ein kaleidoskopartiges Panorama der Lebensverhältnisse im 18. Jahrhundert zusammen. Eingangs zeigt sie das Leid nicht nur der Juden, sondern vor allem der Bauern und Leibeigenen in der Polnischen Adelsrepublik.

Jude zu sein, ist schlecht, denkt Schor bei sich, ein Jude hat es schwer; doch Bauer zu sein, ist noch schlimmer. Einen größeren Fluch gibt es kaum. Tiefer als die Bauern stehen wohl nur die Kriechtiere, sorgt doch der Gutsherr selbst für seine Kühe und Pferde – und besonders für seinen Hund – besser als für die Bauern und die Juden.

Dass ein entflohener, halb erfrorener Leibeigener ausgerechnet bei einem Juden Zuflucht findet, gefiel der nationalkonservativen Regierungspartei PiS ebenso wenig wie die kritische Darstellung der polnischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert.

Den Frauen, die bald nach der Menarche verheiratet werden und von da an entweder schwanger sind oder ein Kind stillen, stellt Olga Tokarczuk beispielsweise eine gebildete, emanzipierte Jüdin wie Gitla Pinkasówna gegenüber.

Es ist bemerkenswert, wie Olga Tokarczuk in „Die Jakobsbücher“ immer wieder Menschen aufeinandertreffen lässt, die Dolmetscher benötigen, um sich verständigen zu können, weil sie keine gemeinsame Sprache beherrschen. Der Roman „Die Jakobsbücher“ lässt sich auch als Plädoyer für Vielfalt (value the differences), Toleranz und Aufgeschlossenheit im Umgang mit Fremden bzw. Ungewohntem lesen.

Olga Tokarczuk lässt Jakob Frank eine modifizierte Ringparabel erzählen:

Es lebte einmal ein Mann. Er besaß einen außergewöhnlichen Ring, der immer von den Alten auf die Jungen überging. Wer den Ring trug, war ein glücklicher Mensch, an nichts litt er Mangel, doch verlor er durch den Wohlstand nicht sein Mitgefühl für andere und half ihnen, wo er konnte. Es waren gute Menschen, die den Ring besaßen, und jeder gab ihn weiter an sein Kind. Dann geschah es, dass in einer Familie drei Söhne geboren wurden. Sie wuchsen und gediehen, in brüderlicher Liebe, und alles teilten sie und halfen einander. Die Eltern zergrübelten sich den Kopf, was werden sollte, wenn die Söhne erwachsen würden und einer von ihnen den Ring erhalten müsste. Lange Nächte sprachen sie darüber, bis die Mutter dieses vorschlug: „Lass uns den Ring zum besten Goldschmied bringen und ihn bitten, er möge noch zwei solcher Ringe machen, so sorgfältig und genau, dass man nicht mehr sagen kann, welcher der echte ist.“ Und sie fanden einen Goldschmied, der überaus geschickt war in seinem Handwerk, und mit größter Mühe gelang es ihm, den Auftrag auszuführen. Als die Eltern kamen, um den Ring zu holen, mischte der Goldschmied vor ihren Augen die Ringe durcheinander, dass sie nicht mehr sagen konnten, welcher der echte und welche die zwei nachgemachten waren. Und auch der Goldschmied – er wunderte sich selbst – wusste die Ringe nicht mehr zu unterscheiden. Als die Söhne erwachsen wurden, gab es ein rauschendes Fest, auf dem die Eltern den Jungen die Ringe überreichten. Wirklich zufrieden waren sie nicht, doch bemühten sie sich, es nicht zu zeigen, um ihren Eltern keinen Kummer zu bereiten. Jeder von ihnen dachte im Innern seines Herzens, er habe den echten Ring bekommen, und argwöhnisch sahen sie einer auf den anderen. Nach dem Tod der Eltern suchten sie unverzüglich einen Richter auf, er möge die Zweifel ein für alle Mal zerstreuen. Doch auch der kluge Richter wusste es nicht zu entscheiden, und anstatt ein Urteil zu sprechen, sagte er: „Das Schmuckstück hat die Eigenschaft, seinen Besitzer zu einem Menschen zu machen, der Gott und den anderen Menschen gefällig ist. Da dies nun auf keinen von Euch zuzutreffen scheint, will ich nicht ausschließen, dass der echte Ring verloren ging. So lebt denn, als wäre jeder Eurer Ringe der echte, und das Leben mag zeigen, ob es stimmt.“ Eben so wie diese drei Ringe sind die drei Religionen. Und wer in der einen geboren wurde, sollte die beiden anderen nehmen wie Schuhe und sich auf den Weg machen zur Erlösung.

Die Handlung wird von Olga Tokarczuk weder kommentiert noch erläutert. Sie schildert das Geschehen aus wechselnden Perspektiven und fügt immer wieder andere Texte ein, zum Beispiel Briefe und Berichte von Chronisten. Die Hauptfigur Jakob Frank wird allerdings konsequent aus der Sicht anderer dargestellt.

Der Roman „Die Jakobsbücher“ ist überfrachtet. Wegen der Unzahl von Figuren, die dann auch noch im Verlauf des Geschehens andere Namen bekommen, ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Dass dabei keine vielschichtigen Charaktere entstehen, ist nicht verwunderlich.

Hervorzuheben ist nicht zuletzt die Romanfigur Jenta, bei der es sich um Jakob Franks Großmutter handelt. Gleich zu Beginn liegt sie während einer Hochzeitsfeier im Sterben, beobachtet jedoch weiter das Geschehen und hört damit auch nach ihrem Tod und ihrer Bestattung in einer Höhle nicht auf (Magischer Realismus).

Olga Tokarczuk entwickelt keine stringente Handlung, sondern reiht zahlreiche kurze Kapitel aneinander, oft ohne Übergang oder Zusammenhang. Und nach dem Tod der Hauptfigur zerfasert die Darstellung vollends.

Der Roman endet mit den Worten:

Jedoch steht auch geschrieben, dass ein Mensch, der sich die Mühe macht, die Belange der Messiasse zu ergründen – und seien es die scheiternden Messiasse – und sei es, dass er nur erzählt von ihren Belangen –, dass dieser Mensch ebenso anzusehen sei wie jener, der sich hingibt an das tiefste Studium der Geheimnisse des Lichts.

Olga Nawoja Tokarczuk wurde am 29. Januar 1962 in Sulechów bei Zielona Góra in Polen als Tochter des Lehrer-Ehepaars Wanda und Józef Tokarczuk geboren. Nach dem Abitur in Oberschlesien (1980) studierte Olga Tokarczuk Psychologie in Warschau und volontierte parallel dazu in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche. 1985 schloss sie das Studium ab. Sie heiratete Roman Fingas und brachte 1986 einen Sohn zur Welt. Olga Tokarczuk lebte und arbeitete an wechselnden Orten, bevor sie sich 1998 in Krajanów bei Nowa Ruda niederließ. Der Germanist Grzegorz Zygadło wurde ihr zweiter Ehemann. 1989 erschien ihr erstes Buch, eine Gedichtsammlung. Vier Jahre später debütierte sie mit einem Roman. Nach zahlreichen Auszeichnungen erhielt Olga Tokarczuk 2019 rückwirkend den Nobelpreis für Literatur 2018.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Kampa Verlag

Jakob Frank (kurze Biografie)

Olga Tokarczuk: Unrast

Miku Sophie Kühmel - Kintsugi
Miku Sophie Kühmel lässt in "Kintsugi" nacheinander die vier Romanfiguren als Ich-Erzähler zu Wort kommen: Max, Reik, Tonio und Pega halten innere Monologe. Die Perspektiven ergänzen sich, aber es wird nur kühl über die Charaktere und das Beziehungsgeflecht räsoniert.
Kintsugi