John Updike : Rabbit in Ruhe

Rabbit in Ruhe
Rabbit at Rest Verlag Alfred A. Knopf, New York 1990 Rabbit in Ruhe Übersetzung: Maria Carlsson Rowohlt Verlag, Reinbek 1992 ISBN 3-498-06870-9, 656 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Harry Angstrom ("Rabbit") ist inzwischen 56 Jahre alt. Im Winter 1988/89 erleidet er in Florida einen Herzinfarkt. Der Sohn macht ihm noch größere Sorgen. Nelson, der das von seiner Mutter geerbte Autohaus in Brewer/PA führt, scheint Drogen zu nehmen und seinen Konsum mit Geld aus dem Unternehmen zu finanzieren. Aber Janice stellt sich zunächst schützend vor den Sohn ...
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Kritik

"Rabbit in Ruhe" ist der vierte Band einer Roman-Pentalogie über die Entwicklung der Politik und Gesellschaft der USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. John Updike lässt sich viel Zeit, schreibt episch breit und schildert Alltagssituationen ungewöhnlich ausführlich, schaut aber auch genau hin und hört aufmerksam zu. Für "Rabbit in Ruhe" erhielt er 1991 den Pulitzer-Preis.
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Was bisher geschah: Rabbit-Pentalogie

Florida

Seit langen verbringen Harry Angstrom („Rabbit“) und seine Frau Janice eine Hälfte des Jahres in Florida, wo sie sich ein Apartment in der Gated Community „Vahalla-Village“ in Deleoin mit Blick auf den Golf von Mexiko gekauft haben. Seit 1979 ist Rabbit zwar Geschäftsführer einer der beiden Toyota-Vertretungen in seiner Heimatstadt Brewer/Pennsylvania, aber faktisch wird Springer Motors vom Sohn Nelson geleitet.

Das in der Familie „der Platz“ genannte Unternehmen war von seinem Schwiegervater Fred Springer als Gebrauchtwagenhandel gegründet und später mit einer Toyota-Konzession ausgebaut worden. Als dessen Witwe Bessie 1981 starb, erbte Janice das Autohaus mit dem Firmengelände.

Auch im Winter 1988/89 sind der 56-jährige Rabbit und seine vier Jahre jüngere Frau in Florida. Obwohl Rabbit inzwischen viel zu viel wiegt, ernährt er sich weiter von Knabberzeug und Junk Food. Die Hitze setzt ihm zu, und er langweilt sich, auch wenn er sich mit Bernie Drechsel, Ed Silberstein und Joe Gold, die alle älter sind als er, auf dem Golfplatz misst. Die Männer reden dann unter anderem über Politik. Bernie meint zum Beispiel:

„Wenn man je die Armen in diesem Land dazu bewegen könnte, zur Wahl zu gehen, hätten wir den Sozialismus. Aber die Leute denken lieber in Kategorien des Reichtums. Das ist das Geniale am kapitalistischen System: entweder man ist reich, oder man möchte es sein, oder man denkt, es stünde einem zu.“

Am 27. Dezember kommt Nelson Angstrom – er ist jetzt 32 Jahre alt – mit seiner Ehefrau Teresa („Pru“) und den beiden Kindern für ein paar Tage zu Besuch. Rabbit und Janice holen den Sohn, die Schwiegertochter, die achtjährige Enkelin Judy und deren vier Jahre jüngeren Bruder Harold Roy am Southwest Florida Regional Airport ab.

Rabbit unternimmt mit seiner Enkelin Judy einen Bootsausflug an der Golfküste. Eine unerwartete Bö lässt den Sunfish kentern, und das Mädchen gerät unter das flach im Wasser treibende Segel. Glücklicherweise gelingt es Rabbit, Judy hervorzuziehen und das Boot wieder aufzurichten. Aber der Schmerz, der in seiner Brust tobt, ist gewaltig, und am Ufer bricht er zusammen.

Im Deleon Community General Hospital wird ein Herzinfarkt diagnostiziert. Um die Stenose nahe der Aortenklappe zu beheben, gebe es zwei Möglichkeiten, erklärt der Kardiologe Dr. Olman: Bypass oder Ballondilatation.

Kokain

Janice ahnt noch nichts von dem Unfall, als sie ihren Sohn zur Rede stellt. Die Schwiegertochter hat ihr nämlich anvertraut, dass Nelson Kokain und Crack konsumiert. Nelson versucht, das Thema herunterzuspielen:

„Und was, wenn ich mir an den Wochenenden tatsächlich ein bisschen reinpfeife? Es ist nicht schlimmer als das Süffeln, das du veranstaltetest. Solange ich zurückdenken kann, hast du immer ein Gläschen zur Hand gehabt, ob in der Küche oder sonstwo. Verstehst du, Mom, Alkohol ist tödlich auf lange Sicht. Durch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen ist belegt, dass Koks viel weniger schädlich für den Körper ist als Schnaps.“

„Ich nehme das Zeug zur Entspannung, in der Freizeit, so wie du ein ‚Social Drinker‘ bist. Wir brauchen das. Wir Verlierer brauchen etwas, das uns antörnt.“

„Mom, es ist nicht der Rede wert! Leute in deinem Alter haben eine übertriebene Angst vor Drogen, aber das ist einfach nur ’ne Art, sich zu entspannen, sich ein bisschen anzutörnen. Menschen müssen sich immer ein bisschen antörnen, das war schon so, als sie noch in Höhlen lebten. Opium, Bier, Junk, Pot – das gibt’s alles schon seit Urzeiten! Koks ist das Reinste von all dem Zeug, und die, die es nehmen, sind erfolgreich, im großen und ganzen. Es hält sie erfolgreich, so ist das nämlich. Sie bleiben scharf dadurch.“

Das Gespräch ist noch nicht zu Ende, als Janice durch einen Anruf erfährt, dass Rabbit auf der Intensivstation des Krankenhauses liegt.

Thelma

Sobald Rabbit dazu in der Lage ist, kehren er und Janice auf ihr vor zehn Jahren erworbenes Anwesen in Brewer zurück.

Eine Woche später besucht Rabbit seine langjährige Geliebte Thelma, die Ehefrau seines früheren Mitschülers Ronnie Harrison und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Söhnen: Alex, Georgie und Ron Junior. Die Affäre begann im Januar 1980 bei einem Wochenende mit Partnertausch auf den Antillen.

Er liebte es, wenn sie sein Gesicht zwischen ihre feuchten Schenkel klemmte, wie eine Nuss im Nussknacker, und kam. Er hat sich gefragt, ob wohl je ein Mann sich auf diese Weise den Hals gebrochen hat.

„Du hast mich nie geliebt, Harry. Du hast die Tatsache geliebt, dass ich dich liebe, mehr nicht. […] Du hast es immer übelgenommen, dass ich Ronnie eine Ehefrau gewesen bin, während ich gleichzeitig dir zu Diensten war, wann immer es dir gepasst hat. Aber wie kamst du dazu, mir das anzukreiden, wo du selber doch so fest mit Janice und ihrem Geld verbandelt warst? Ich hab nie versucht, dich ihr wegzunehmen, obwohl es zuzeiten ein leichtes gewesen wäre.“
„Meinst du?“ Er lässt den Schaukelstuhl zurückwippen. „Ich weiß nicht, irgendwas an der kleinen dummen Nuss rührt mich immer noch. Sie gibt nicht auf. Sie ist nie richtig dahintergekommen, wie die Welt funktioniert, aber sie versucht’s weiter. Jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, ins Berufsleben einzusteigen. Sie hat sich im Ableger von der Penn-State-Uni an der Pine Street für die Kurse eingeschrieben, die man belegen muss, um die Lizenz als Immobilienmakler zu kriegen. In der Mt.-Judge-High ist sie, glaube ich, nie über ein ‚befriedigend‘ hinausgekommen, nicht mal in Hauswirtschaftslehre.“

„Hör auf damit, lass mich nicht die ganze Zeit durch immer denselben beschissenen Reifen springen. Was denkst du, warum ich hier bin.“
„Um Liebe zu machen. Mich zu vögeln. Tu’s doch. Komm. Was denkst du, warum ich die Tür aufgemacht habe.“ […]
„Warte. Thel. […] Ich soll jede Aufregung vermeiden.“
[…] „Hast du mit Janice geschlafen?“
„Ein-, zweimal vielleicht, ich weiß nicht mehr. Das ist wie Zähneputzen, verstehst du, man weiß nicht mehr, hat man oder hat man nicht.“

Seit Jahren leidet Thelma unter Lupus erythematodes, einer Autoimmunerkrankung, deren Behandlung ein Vermögen verschlingt. Zweimal in der Woche benötigt Thelma eine Dialyse, und sie rechnet mit ihrem baldigen Tod.

Finanzen

Weil ihm schon mehrere Monatsabrechnungen von Springer Motors fragwürdig vorkamen und Thelma ihn darauf hinwies, dass sie von ihren Söhnen gehört habe, Nelson sei drogenabhängig, will Rabbit die Bücher der Firma kontrollieren. Sein Sohn ist nicht da. Er spricht mit dem Verkäufer Benedict („Benny“) Leone und wundert sich über dessen ebenfalls neue Kollegin Elvira Ollenbach, denn Autohandel galt früher als Männersache.

Nelson entließ die langjährige Buchhalterin Mildred Kroust und ersetzte sie durch den Aidskranken Lyle, der zumeist zu Hause arbeitet und sich weigert, Rabbit die Unterlagen auszuhändigen. Er nehme nur Weisungen von Janice oder Nelson entgegen, erklärt Lyle.

Rabbit meint, es sei nur eine Formsache, die Genehmigung seiner Frau zu bekommen und berichtet ihr von seinem Argwohn.

„Ich habe heute vorbeigeschaut, und er war nicht da, nur diese jungen Leute, die er eingestellt hat. Ein Schwuler, ein Spaghettifresser, eine Schnalle.“

„Das Schlimmste ist, Schatz, ich glaube, er schröpft die Firma. Ich glaube, er stiehlt die ganze Zeit, und Lyle hilft ihm dabei, das ist der Grund, weshalb sie Mildred weggeschickt haben.“

Aber Janice nimmt den Sohn in Schutz und will nicht, dass Rabbit die Bücher prüft. Resignierend meint Rabbit:

„Du bist es, die er bescheißt. Es ist die Firma deines Vaters, die er mit seinen schwulen Kumpeln den Bach runtergehen lässt.“
„Nelson würde nie die Firma bestehlen.“
„Schatz, zu verkennst die Macht, die Drogen haben.“

Immer wieder melden sich am Privattelefon der Angstrom-Eltern dubiose Männer, die nach Nelson fragen, von Schulden reden und Drohungen aussprechen.

Gegen zwei Uhr nachts ruft Pru ihre Schwiegereltern an und klagt, Pru habe sie geschlagen, weil er das im Bad versteckte Kokain nicht mehr fand. Rabbit und Janice fahren sofort zu dem Haus, das Janice von ihrer Mutter erbte und in dem nun Nelson mit seiner Familie wohnt. Als sie dort eintreffen, hat Nelson sich beruhigt. Erneut behauptet er, nicht drogensüchtig zu sein und das Kokain nur zur Entspannung zu konsumieren. Auf die beunruhigenden Anrufe angesprochen, räumt er ein, dass ein „gewisses finanzielles Restructuring“ erforderlich sei.

Dilatation

Drei Monate nach dem Herzinfarkt in Florida unterzieht sich Rabbit im St. Joseph’s Hospital in Brewer einer Ballondilatation durch den Kardiologen Dr. Breit.

Eine Krankenschwester, die sich um ihn kümmert, heißt Annabelle Byer, und Rabbits Vermutung, dass sie die Tochter seiner früheren Geliebten Ruth sei, bestätigt sich. Ist Annabelle seine leibliche Tochter? Ruth ist inzwischen verwitwet, hat ihre Farm verkauft und sich bei einer Investment-Gesellschaft in Brewer von der Stenokontoristin zur Abteilungsleiterin hochgearbeitet. Seit Annabelle sich von ihrem Freund Jamie getrennt hat, wohnt sie wieder bei ihrer Mutter. Annabelle schlägt einen Besuch ihrer Mutter am Krankenbett vor, aber das hält Rabbit für keine gute Idee.

Seine noch immer unverheiratete, sieben Jahre jüngere Schwester Miriam („Mim“) Angstrom ruft aus Las Vegas an und erkundigt sich, wie es ihm geht. Rabbit und Janice sahen sie zuletzt vor sieben oder acht Jahren.

Bevor der Patient nach fünf Tagen entlassen wird, rät ihm Dr. Breit zu einem Bypass. Das sei Erfolg versprechender als die Dilatation, meint der Kardiologe.

Verwerfungen

Während Rabbit im Krankenhaus lag, ließ Janice sich die Bücher des Autohauses vorlegen. Die ehemalige Buchhalterin Mildred Kroust lebt inzwischen im Dengler-Pflegeheim in Brewer, aber Charlie Stavros, der frühere Verkaufsleiter bei Springer Motors, mit dem Janice 1969 eine Affäre hatte, unterstützt die Firmeninhaberin in Zusammenarbeit mit einem Wirtschaftsprüfer.

Das Ergebnis ist noch schlimmer als von Rabbit befürchtet. Nelson verwendete zunächst privat für Anschaffungen gespartes Geld, um Kokain zu kaufen. Dann unterschlug er Beträge in der Firma, und als Mildred Kroust ihn auf finanzielle Unregelmäßigkeiten hinwies, ersetzte er die Buchhalterin durch Lyle. Schließlich gewährte er Käufern von Gebrauchtwagen Sonderrabatte, wenn sie bereit waren, bar zu bezahlen oder Schecks auf seinen Namen statt für Springer Motors auszustellen. Mit dem Geld finanzierte Nelson nicht nur seinen Drogenbedarf, sondern auch den Kauf von noch nicht zugelassenen Medikamenten für seinen aidskranken Buchhalter.

An dem Morgen, an dem sein Vater aus dem Krankenhaus entlassen wird, lässt Nelson sich zu einer 90-tägigen Behandlung in einem Reha-Zentrum in North Philadelphia bringen, nicht ohne seiner Mutter zu erklären, er habe eigentlich gar kein Problem und gehe nur ihr zuliebe in „diese blöde überflüssige Anstalt“.

Weil Janice Immobilienmaklerin werden möchte, entsprechende Kurse besucht und an diesem Abend zu einer Prüfung in der Stadt muss, übernachten sie und Rabbit in ihrem von der Mutter geerbten, inzwischen von Nelson und seiner Familie bewohnten Haus in Brewer. Während Janice fort ist, setzt Pru sich ans Bett ihres Schwiegervaters und gesteht ihm, dass sie aus Furcht vor Aids schon länger nicht mehr mit ihrem drogensüchtigen Mann geschlafen habe.

Wie als Fortsetzung der Unbesonnenheit der Natur sagt Pru: „Scheiße!“, springt aus dem Bett, knallt das Fenster zu, zieht das Rollo herunter, reißt ihren Morgenrock auf und wirft ihn ab, bückt sich, fasst das Nachthemd und zieht es sich über den Kopf.

Rabbit sorgt sich um sich Herz und wundert sich darüber, dass Pru ein Kondom bei sich hat.

Zweimal besuchen Janice und Rabbit ihren Sohn in North Philadelphia und unterziehen sich dabei einer Art Familientherapie im Reha-Zentrum.

Sie nehmen die alten Geschichten durch – den Tod des Babys, das Durcheinander in den Sechzigern, als Janice auszog und Jill und Skeeter einzogen, die verrückte Art und Weise, wie Nelson sich mit dieser Sekretärin von der Kent State University verheiratet hat, die drei Zentimeter größer und ein Jahr älter war als er und obendrein Katholikin, und wie das junge Paar dann in das alte Springer-Haus gezogen ist und das ältere Paar auszog und nun das halbe Jahr in Florida lebt, damit der Junge sich in der Autovertretung ordentlich austoben kann; Harry legt seinen Standpunkt dar, nämlich dass Nelson von seiner Mutter nach Strich und Faden verzogen worden ist, weil die einen Schuldkomplex hat, und dass das der Grund ist, weshalb der Junge sich berechtigt fühlt, im Lande Pump und Klau zu leben mit all den Schwuchteln und Drogis und seine Frau und seine Kinder in Lumpen rumlaufen zu lassen.

Schulden

Bei der Beerdigung Thelmas trifft Rabbit nicht nur auf den Witwer Ronnie Harrison, sondern auch auf Webb Murkett, Thelmas Sexpartner 1969 auf den Antillen. Dessen Begleiterin schätzt Rabbit auf Mitte 20; sie ist also jünger als Nelson und Annabelle.

Während Nelson noch im Reha-Zentrum ist, kündigt die Toyota Zentrale in Torrance/Kalifornien den Besuch eines Repräsentanten bei Springer Motors in Brewer an. Rabbit empfängt den höflichen Japaner. Natsume Shimada begrüßt es, dass eine Frau wie Elvira Ollenbach zum Verkaufspersonal gehört und bemängelt das Fehlen eines Afroamerikaners bzw. einer Afroamerikanerin.

„Toyota möchte Arbeitgeber sein, der auf Chancengleichheit achtet“, sagt Mr. Shimada. „Möchte guter Bürger in Ihrer pluralistischen Gesellschaft sein.“

„Faszinielend für mich in Velleinigten Staaten Widerstleit zwischen Ordnung und Fleiheit. […] Überall Hundedleck, Hunde müssen bedeutende Fleiheit habe, dass sie überall ihlen Dleck machen können. […] Zuviel Unordnung. Zuviel Hundedleck.“

Mit Hundedreck assoziiert Natsume Shimada offenbar die zwischen November 1988 und Mai 1989 von Springer Motors unterschlagenen Summe von 137 000 Dollar. Kurzerhand erklärt er Rabbit, Toyota erwarte die Begleichung dieses Betrags plus Zinsen, insgesamt 145 800 Dollar, in zwei Wochen. Im Fall einer fristgerechten Zahlung werde man auf gerichtliche Schritte verzichten. Die Toyota-Konzession für Springer Motors ist allerdings auf jeden Fall Geschichte.

Ein paar Tage später erhält Elvira Ollenbach auf Empfehlung des Japaners ein Jobangebot bei der einzigen in Brewer verbleibenden Toyota-Vertretung, die Rudy Krauss gehört.

Nach drei Monaten holt Pru ihren Mann aus North Philadelphia. Nelson ist während der Therapie religiös geworden und besteht nun auf Tischgebeten. Das von seinem Großvater aufgebaute Autohaus will er zu einem Behandlungszentrum für Drogenabhängige machen. Dann träumt er davon, eine Konzession von Yamaha zu bekommen und statt Autos Waverunner und Motorräder anzubieten. Als daraus nichts wird, spielt er mit dem Gedanken, eine Ausbildung zum Sozialarbeiter zu machen.

Um die Toyota geschuldete Summe bezahlen und einen Kredit der Brewer Trust in Höhe von 75 000 Dollar abtragen zu können, beabsichtigt Janice, eine zweite Hypothek auf das Firmengelände aufzunehmen. Aber dann überlegt es sich die angehende Immobilienmaklerin anders und schlägt Rabbit vor, das Anwesen in Penn Park zu verkaufen. Sie bräuchten doch keine vier Wohnsitze, meint sie, aber für das Ferienhaus in den Poconos oder das Apartment in Florida bekäme man nicht genügend Geld, und das von der Mutter geerbte Haus in Brewer würde Nelson mit seiner Familie benötigen.

Rabbit in Ruhe

Als sie bei Nelson und seiner Familie ist und von ihrem Plan spricht, zu dem es gehört, dass sie und Rabbit zu den Kindern und Enkeln ins Haus ziehen, meint Pru, das sei keine gute Idee und gesteht, dass sie mit ihrem Schwiegervater geschlafen habe.

Entsetzt ruft Janice zu Hause an. Rabbit gibt den Fehltritt zu, spielt ihn aber herunter:

„Was soll das mit dem ‚pervers‘! Wir sind nicht blutsverwandt. Es war nichts weiter als ein ganz normaler one-night stand. Sie hat’s dringend nötig gehabt, und ich war dem Tod nah. Es war eben ihre Art, Krankenschwester zu spielen.“

Janice fordert ihren Mann auf, sofort herüberzukommen und sich einer Aussprache zu stellen. Stattdessen packt Rabbit einen Koffer, steigt ins Auto und fährt neun Monate nach seinem Herzinfarkt wieder Richtung Florida. Eigentlich rechnet er damit, dass Janice ihm mit dem Flugzeug zuvorkommt und nach seiner dreitägigen Fahrt im Apartment auf ihn wartet. Aber sie ist nicht da und ruft auch nicht an.

Bei seinen vom Arzt verordneten Spaziergängen im Oktober 1989 trifft Rabbit im Schwarzenviertel von Deleoin auf einen Jungen, der mit einem armseligen Basketball Korbwürfe übt. Nachdem er eine Weile zugeschaut hat, macht er mit. Bei einem gelungenen Wurf explodiert ein Schmerz in seiner Brust. Rabbit bricht zusammen. Der erschrockene afroamerikanische Junge läuft weg, weil er befürchtet, andernfalls in Schwierigkeiten zu kommen. Ein Anwohner, der den Bewusstlosen vom Fenster aus am Boden liegen sieht, ruft den Notdienst.

Diesmal handelt es um einen transmuralen Infarkt.

Janice und Nelson eilen mit dem Flugzeug herbei, auch Mim kündigt ihr Eintreffen an.

Rabbit denkt, es sei genug.

„Weißt du, Nelson“, sagt er, „ich kann dir nur sagen, es ist nicht so schlimm.“

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„Rabbit in Ruhe“ ist der vierte Band einer zwischen 1960 und 2002 veröffentlichten Roman-Pentalogie, mit der John Updike in Zehn-Jahres-Schritten die Entwicklung die Entwicklung der Politik und Gesellschaft der USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veranschaulicht. Im Zentrum steht ein Antiheld, der den weißen Durchschnittsbürger der Mittelschicht verkörpert. Aus der Perspektive dieses WASP (White-Anglo-Saxon-Protestant) verfolgen wir die charakteristischen Vorurteile und Rollenerwartungen sowie die Veränderung der Lebensweise, der moralischen Vorstellungen und der Haltung gegenüber Sex, Alkohol und Drogen.

Die Frauen beschweren sich, dass Männer bei ihnen immer nur Arsch und Titten sehen, aber was sollen wir denn sonst sehen? Wir sind auf Arsch und Titten programmiert worden.

Sexualität und Promiskuität befeuern Rabbit. Als Erwachsener versucht der als Schüler erfolgreiche Basketball-Spieler anfangs noch, aus dem Ennui und der Mittelmäßigkeit auszubrechen, aber im Lauf der Jahrzehnte passt er sich nicht nur an, sondern ruiniert auch seinen Körper durch Passivität und ungesunde Ernährung (Junk Food). John Updike zeigt am Beispiel Rabbits und seines Umfelds Ängste und Obsessionen, Täuschung und Selbstbetrug, Lebenslügen und Verteidigungsstrategien.

Mittelpunkt der chronologisch ablaufenden Handlung ist die nach John Updikes Geburtsort gestaltete fiktive Kleinstadt Brewer in Pennsylvania. „Rabbit in Ruhe“ spielt außerdem im überspitzt dargestellten „Rentnerparadies“ Florida. Der erste Teil des Romans ist denn auch mit „FL“ (Florida) überschrieben, der mittlere mit „PA“ (Pennsylvania). Schon zu Beginn erleidet Rabbit in Florida einen Herzinfarkt, und nachdem er im dritten Teil – „HI“ (Herzinfarkt) – vor einer Auseinandersetzung mit seinen Angehörigen allein nach Florida geflüchtet ist, stirbt er dort.

John Updike lässt sich viel Zeit, schreibt episch breit und schildert Alltagssituationen ungewöhnlich ausführlich, schaut aber auch genau hin und hört aufmerksam zu.

Für „Rabbit in Ruhe“ erhielt John Updike 1991 den Pulitzer-Preis.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

John Updike (Kurzbiografie)

John Updike: Rabbit-Pentalogie
John Updike: Die Hexen von Eastwick (Verfilmung)
John Updike: Gertrude und Claudius
John Updike: Wie war’s wirklich
John Updike: Terrorist

Anna Katharina Hahn - Kürzere Tage
Anna Katharina Hahn überzeugt durch nuancierte, eindringlinge Milieuschilderungen. In der zweiten Hälfte von "Kürzere Tage" wühlt sie uns zunächst mit einer tieftraurigen Geschichte auf und reißt uns dann in einen dramatischen Strudel nicht ohne tragikomische Elemente hinein.
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