Frauke Volkland : Eisvogelblau

Eisvogelblau
Eisvogelblau Originalausgabe kalliope paperbacks Bettina Weiss Verlag, Bammental 2019 ISBN 978-3-9814953-9-3, 211 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Touristin Franka Preuss schneit regelrecht in das Leben des Schweizer Arztes Jürg Jenatsch, dem es ebenso wie seiner früheren Lebensgefährtin Beatrix schwerfällt, sich von der Vergangenheit zu befreien ...
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Kritik

Frauke Volkland betont die Prägung der Gegenwart durch die Vergangenheit und verknüpft die Handlung mit historischen Ereignissen im Dreissigjährigen Krieg.
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Schneesturm

Franka Preuss, eine Lektorin Mitte 20 aus Norddeutschland, reist für eine Woche zum Skifahren nach Sankt Moritz. Als sie am ersten Tag mit der Berninabahn zur Passhöhe hinauf fährt, setzt ein Schneesturm ein, und weil sie deshalb beim Aussteigen nicht einmal das Bahnhofsgebäude sieht, sucht sie Schutz in einem Unterstand, der so klein ist, dass neben dem bereits dort stehenden Mann gerade noch Platz für sie ist.

Und dann sah sie den Mann, der sich, ähnlich dem Schnee, von innen an eine der Streben schmiegte. Er trug schwarze Turnschuhe, Bluejeans, einen beigen Trenchcoat, eine rote Baseballkappe.
Die Kappe stach ihr in die Augen. Weil sie sich vor dem ganzen Weiß wie ein roter überdimensionaler Käfer abhob. Weil sie − neben den Turnschuhen, der Jeans und dem Trenchcoat − ein völlig unpassendes Kleidungsstück für die bestehenden Witterungsverhältnisse darstellte.
Aber auch, weil sie alt und abgetragen wirkte. Was einen krassen Gegensatz zu seiner sehr gepflegten Erscheinung bildete.
[…] Der Mann flößte ihr Respekt ein. Wie er in seiner sommerlichen Kleidung so dastand. Sein langer schmaler Körper hingegossen an die stählerne Strebe, dass sie meinte, er könne jeden Moment mit derselben zu einer Säule aus Eis verschmelzen.

Es handelt sich um Dr. Georg („Jürg“) Jenatsch, einen in Silvaplana praktizierenden Hausarzt Ende 20, der zum Berninapass hinaufgefahren ist, um mit der Winterlandschaft zu verschmelzen. Franka wundert sich darüber, dass er nicht friert, obwohl er nur leichte Kleidung trägt. Dass er wegen seiner feuerroten Haare in Kindheit und Jugend viel gehänselt wurde, kann sie sich gut vorstellen. Auf sie machen seine die Farben wechselnden Augen mehr Eindruck, vor allem wenn die Pupillen eisvogelblau sind.

Auch nach dem Sturm ist wegen des vielen Neuschnees nicht an Skifahren zu denken. Deshalb steigen Franka und Jürg in den nächsten Zug zurück nach St. Moritz, und dort nimmt der Schweizer den Bus nach Silvaplana.

Massage

Der Mann mit den eisvogelblauen Augen geht Franka nicht mehr aus dem Sinn. Am nächsten Tag sucht sie seine Praxis in Silvaplana auf und lässt sich wegen Migräne behandeln. Jürg Jenatsch verschreibt ihr auch Massagen und empfiehlt ihr die Physiotherapeutin Beatrix Tschudi in St. Moritz.

Am Morgen nach der ersten Massage leidet Franka unter so heftigen Rückenschmerzen, dass sie erneut nach Silvaplana fährt. Jürg ist entsetzt, ruft die Physiotherapeutin an und wirft ihr Körperverletzung vor.

Während Jürg Jenatsch noch in Zürich Medizin studierte, hatten er und Beatrix Tschudi eine Liebesbeziehung. Die zerbrach vor sechs Jahren, als Beatrix schwanger war und ohne Absprache mit ihm eine Abtreibung vornehmen ließ. Offenbar wollte sie sich durch die Misshandlung Frankas an ihm rächen.

Briefe

Beatrix lässt Franka eine Schachtel mit alten Briefen ins Hotel bringen.

Die schaut Franka sich in Jürgs Wohnung über der Arztpraxis an. Dabei stellt sie fest, dass alle 27 Briefe aus dem Jahr 1620 stammen und vom katholischen Bischof von Como an den protestantischen Pfarrer von Silvaplana geschickt wurden. Der Inhalt ist jeweils der gleiche, nur die Namen der Personen wechseln, die bezeugen, dass es sich bei Jürg Jenatsch um einen Hexer handelt. Damit ist ein Mann gemeint, der als Befreier von Graubünden in die Geschichte einging.

Der protestantische Theologe Jürg Jenatsch sorgte dafür, dass Nicolò Rusca, der katholische Erzpriester von Sondrio, 1617 verhaftet und im Jahr darauf in Thusis als angeblicher Ketzer zu Tode gefoltert wurde. Als Katholiken dann im Juli 1620 Hunderte von Reformierten im Veltlin ermordeten, entkam Jürg Jenatsch nach Silvaplana. Er engagierte sich militärisch im Dreißigjährigen Krieg, stieg zum politischen Führer auf und scheute nicht vor Gewaltverbrechen zurück − bis man auch ihn 1639 ermordete.

Eine DNA-Analyse ergab vor einigen Jahren, dass Frankas neuer Freund von dem Mann abstammt, dessen Grab in der Kathedrale von Chur 2012 geöffnet worden war und bei dem es sich wahrscheinlich um die sterblichen Überreste des Kämpfers aus dem 17. Jahrhundert handelt.

Angriffe

Franka schläft bei Jürg. Nachts werden sie durch Geräusche geweckt. In der Dunkelheit schlägt Franka einen Einbrecher nieder, dem dabei eine Axt aus der Hand rutscht. Jürg kennt ihn. Es ist Bruno aus Sondrio. Der erhielt von Beatrix den Auftrag, Jürg einen Denkzettel zu verpassen.

Auf Betreiben der hasserfüllten Drahtzieherin bleiben schlagartig alle Patienten aus.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Spoiler

Soll das so weitergehen? Entschlossen setzt sich Franka mit Peter Simeon Tschudi in Verbindung, dem Pfarrer der reformierten Kirche in Silvaplana.

Jürg und Franka erklären ihm, dass es sich bei den Briefen um eine Machenschaft des Bischofs von Como gehandelt habe. Mit falschen Zeugen wurde damals behauptet, der Theologe Jürg Jenatsch sei ein Hexer.

Als die Briefe vor einiger Zeit in der Kirche entdeckt wurden, überließ Peter Tschudi sie unbesehen seiner jüngeren Schwester Beatrix. Die las sie und meinte dann, der rothaarige Arzt Jürg Jenatsch habe von seinem gleichnamigen Vorfahren über die Generationen hinweg die Verbindung mit übersinnlichen dunklen Mächten geerbt. Im Gespräch mit seinen Besuchern begreift der Geistliche nun, dass Beatrix die Briefe benutzte, um ihren ehemaligen Geliebten in Verruf zu bringen.

Auf einem mehrere Jahre alten Foto glaubt Peter Tschudi zwei Männer zu sehen. Jürg klärt ihn darüber auf, dass es sich um ihn  und Beatrix handelt. Sie wäre wohl lieber ein Mann. Peter Tschudi, der schon als Kind von seiner jüngeren Schwester verachtet wurde, erinnert sich daran, wie die Mutter vor allem Beatrix beschimpfte und demütigte:

„Manchmal hat sie Beatrix auch mit ins Schlafzimmer genommen und sie da weiter beschimpft. Und manchmal ist es dann plötzlich ganz still geworden. Richtig unheimlich ist uns Jungen dann gewesen. Und irgendwann ist Beatrix dann aus dem Schlafzimmer gekommen. Und hat so seltsam ausgesehen. Beinahe so, als wenn sie aus Luft wäre. Als wenn es sie gar nicht mehr gäbe.“

Der Pfarrer sorgt dafür, dass sich rasch die Nachricht von den erfundenen Hexer-Geschichten verbreitet und der Arzt rehabilitiert wird. Die Patienten kehren zurück, und es melden sich so viele neue an, dass Franka kaum mit dem Anlegen der Karteikarten nachkommt.

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Einige Figuren in dem Roman „Eisvogelblau“ von Frauke Volkland sind traumatisiert, allen voran Jürg und Beatrix. Es fällt ihnen schwer, sich von der Vergangenheit zu befreien. Ob es Beatrix gelingt, erfahren wir nicht. Jürg schafft es nur durch das beherzte Eingreifen einer Frau, die er erst seit wenigen Tagen kennt. Die Autorin verknüpft diese Wirkung der Vergangenheit auf die Gegenwart über fiktive Briefe mit historischen Persönllchkeiten und Ereignissen.

Bei der Darstellung der Romanfiguren beschränkt sich Frauke Volkland auf einige wenige Charakterzüge. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass nicht alle Verhaltensweisen nachvollziehbar sind und „Eisvogelblau“ grob gestrickt wirkt.

Frauke Volkland schreibt in der dritten Person und nimmt dabei mit wenigen Ausnahmen Frankas Perspektive ein.

Dass Jürg auf den ersten drei Seiten zwölfmal „sicherlich“ sagt, dient wohl dazu, ihn zu charakterisieren. Aber die Autorin neigt auch selbst zu Wiederholungen, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Bald schon kam ihr Bahnhof. Bald schon musste sie aussteigen. (Seite 7)

Dann erklang tatsächlich die Lautsprecherdurchsage. Dann hätte sie aufstehen und den Knopf betätigen müssen. (Seite 7)

Nur auf Verlangen hielt der Zug auf dieser Strecke. Franka blieb sitzen. Ihr Verlangen auszusteigen strebte gegen Null. […] Doch irgendeine Menschenseele im Zug verspürte das Verlangen, in die weiße Wand einzutauchen. (Seite 7f)

Und als der Zug in den Tunnel fuhr, hat er den Zapfen heruntergerissen. Und der wiederum hat die Oberleitung heruntergerissen. (Seite 12)

Die Frau hat ihn sitzen lassen. Und er saß jetzt im Rollstuhl. (Seite 58)

Frauke Volkland wurde 1967 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach dem Studium der Geschichte und Romanistik mit Schwerpunkt Französische Literaturwissenschaft in Bonn und Konstanz arbeitete sie als Deutschlehrerin in Frankreich. 1994 wurde sie Assistentin und Dozentin am Lehrstuhl für Schweizerische und Allgemeine Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Zürich. Vier Jahre später wechselte sie an die Universität Basel, wo sie 2001 promovierte („Konfession und Selbstverständnis. Reformierte Rituale in der gemischtkonfessionellen Kleinstadt Bischofszell im 17. Jahrhundert“). „Eisvogelblau“ ist ihr erster Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © kalliope paperbacks, Bettina Weiss Verlag

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