Philippe Claudel : Brodecks Bericht

Brodecks Bericht
Originalausgabe: Le rapport de Brodeck Éditions Stock, Paris 2007 Brodecks Bericht Übersetzung: Christiane Seiler Rowohlt Verlag, Reinbek 2009 ISBN: 978-3-463-40555-1, 335 Seiten Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2011 ISBN: 978-3-499-24815-3, 335 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der erste Besucher im Dorf nach dem Krieg fällt durch seine Kleidung und sein höfliches Benehmen auf. Das finden die Bewohner anfangs interessant, dann stört es sie. Der Bürgermeister drängt ihn zur Abreise. Der Andere bleibt jedoch – und die Situation eskaliert. Brodeck, der vor 30 Jahren als Flüchtling ins Dorf kam, erhält den Auftrag, einen Bericht über die Ereignisse der letzten Wochen zu verfassen. Sich zu widersetzen, wäre gefährlich für ihn, aber heimlich schreibt er zugleich eine Lebensbeichte ...
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Kritik

"Brodecks Bericht" ist eine enthistorisierte Groteske über den Nationalsozialismus. Den düsteren, bestürzenden Roman entwickelt Philippe Claudel meisterhaft aus drei Erzählsträngen.
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Als Brodeck abends ins Gasthaus Schloss geht, um ein Stück Butter zu kaufen, sind fast alle Männer aus dem Dorf dort versammelt. Auch der Bürgermeister ist anwesend. Hans Orschwir züchtet Schweine, und seit er Hilde Popenheimer geheiratet hat, ist er der reichste Mann in der Gegend. Die beiden Söhne Günter und Gerhard sind allerdings tot: Während sie im Krieg Wache schoben, spielten sie mit einer Handgranate und sprengten sich dabei versehentlich selbst in die Luft. Der Bauer Wilhem Vurtenhau macht sich zum Sprecher der Dorfbewohner und fordert Brodeck auf, einen Bericht über die Vorkommnisse der letzten Wochen zu schreiben. Brodeck, dessen Aufgabe es ist, der Verwaltung in der Stadt S. schriftlich über seine Beobachtungen über Flora und Fauna zu berichten, sträubt sich zunächst, denn er will damit nichts zu tun haben, aber die anderen Männer weisen darauf hin, dass er als einziger von ihnen studiert habe und eine Schreibmaschine besitze. Brodeck weiß, dass es gefährlich wäre, sich zu weigern und fügt sich. Drei Wochen nach dem Tod des mit ihm befreundeten Dorflehrers Diodème beginnt er zu schreiben.

Meine Gedanken auszusprechen ist mir immer schon schwergefallen. Lieber schreibe ich, denn so habe ich das Gefühl, als könnte ich die Wörter zähmen. Sie fräßen mir wie junge Vögel aus der Hand, und ich könnte mit ihnen alles machen, was ich will. Spreche ich sie aber aus, entkommen sie mir.

Brodeck verfasst jedoch nicht nur den gewünschten Bericht, sondern heimlich auch eine Lebensbeichte. Jede Nacht arbeitet er in einer Scheune daran.

Den Bericht über sich selbst beginnt er damit, wie er als vierjähriger Waise während des ersten von zwei Kriegen in seinem fernen Heimatdorf von einer Frau namens Fédorine aufgelesen wurde, die damals, vor 30 Jahren, auf der Flucht mit ihrem Karren durch sein Dorf kam und ihn mitnahm. Viele Tage später erreichten sie das Dorf, in dem sie auch jetzt noch wohnen. Anfangs hausten sie in einer Hütte. Erst vor zehn Jahren erwarb Brodeck von einem in der Stadt S. lebenden Mann namens Robert Sachs ein Haus, das dieser von seinem Großonkel geerbt hatte.

Der Lehrer Ernst-Peter Limmat, der Pfarrer Peiper und der damalige Bürgermeister Sibelius Craspach sorgten dafür, dass Brodeck als junger Mann studieren konnte. Weil er kein Geld besaß, organisierten seine Förderer Spendensammlungen im Dorf.

Während des Studiums in der Hauptstadt lernte Brodeck im Stüpispiel-Theater Emélia kennen. Sie war ein Jahr zuvor in die Metropole gekommen und verdiente ihren Lebensunterhalt ebenso wie ihre Mitbewohnerin Gudrun Osterick mit Stickereien. Brodeck und Emélia verliebten sich.

In dieser Zeit kam es nach Ernteausfällen zu einer Hungersnot. Verarmte Bauern und Arbeitslose organisierten erste Protestmärsche, die von Soldaten gewaltsam aufgelöst wurden. Die Krise eskalierte, als Wighert Ruppach bei der Ysertinger-Kirche tot aufgefunden wurde. Der arbeitslose Schriftsetzer, der zu den Anführern der Demonstrationen gehört hatte, war erschlagen und ausgeraubt worden. Zum Märtyrer wurde er, als sich Gerüchte verbreiteten, ein Fremder habe ihn ermordet. Zu diesem Zeitpunkt kannten Brodeck und Emélia sich seit fünf Wochen.

Immer häufiger tauchten an Hauswänden Schmierereien wie „dreckige Fremde“ auf. Das Wort „Fremder“ kann in der dort gesprochenen Sprache auch Verräter oder Abschaum bedeuten.

Eines Tages, als Brodeck einem alten Mann helfen wollte, tauchten drei Kerle auf und bedrohten ihn. Einer von ihnen, der Brodeck kannte, weil sie zusammen studierten, hielt die anderen davon ab, ihm etwas anzutun.

„Brodeck, Brodeck …“ fing der andere wieder an, der wohl der Anführer war, „so kann auch nur ein Fremder heißen! Schaut euch doch die Nase dieser Missgeburt an! An ihrer Nase kann man sie erkennen. Und an den großen Augen, den Glubschaugen, die ihnen fast aus dem Kopf fallen. Weil sie gierig sind und alles an sich raffen wollen!“

Ohne sich weiter um Brodeck zu kümmern, der stumm dastand, schlug der jüngste der drei Kerle den Alten tot und wurde dabei von seinen zwei Kumpanen angefeuert. Am nächsten Morgen hieß es, in dieser Nacht, die als „Pürische Nacht“ in die Annalen einging, seien 67 Menschen umgekommen.

Brodeck brach daraufhin das Studium ab, packte seine Sachen und überredete Emélia, mit ihm in das Bergdorf zu ziehen, in dem die alte Fédorine auf ihn wartete. Einige Zeit später heirateten sie, und sie bekamen eine Tochter: Poupchette.

Drei Monate nach dem Beginn des zweiten Krieges besetzte eine Kompanie der Fratergeheime, die ihren Kaiser davongejagt hatten, das Dorf. Die von Hauptmann Adolf Buller befehligten Soldaten verhielten sich streng korrekt; weder Plünderungen noch Vergewaltigungen gab es. Als die Waffen der Dorfbewohner konfisziert wurden, behauptete der Porzellanflicker Alois Cathor, er besitze keine, aber bei der daraufhin angeordneten Hausdurchsuchung fand sich ein Jagdgewehr. Noch am selben Tag mussten sich alle Dorfbewohner auf dem Marktplatz versammeln, und Hauptmann Buller hielt eine kurze Rede. Unter anderem sagte er:

Ihr Dorf hat das große Glück, von nun an zum großen Reich zu gehören. Sie sind hier zu Hause, und Ihr Zuhause ist auch unser Zuhause. Von nun an gehören wir zusammen, für eine gemeinsame, tausendjährige Zukunft. Unsere Rasse ist die älteste und reinste, und auch Sie werden dazugehören, wenn Sie sich erst der Fremden, die sich noch unter Ihnen befinden, entledigt haben.

Säubern Sie Ihr Dorf! Warten Sie nicht, bis wir es tun.

Dann zerrten die Soldaten Alois Cathor herbei, zwangen ihn, seinen Kopf auf einen Hackklotz zu legen, und einer schlug ihm mit einer Axt den Kopf ab. Bevor der Hauptmann die Versammlung auflöste, ordnete er an, dass die Leiche liegen bleiben müsse und nicht bestattet werden dürfe.

Drei Tage später bestellte er den Bürgermeister Orschwir und den Lehrer Diodème zu sich und mahnte Säuberung an. Orschwir antwortete:

„Es ist nur, Hauptmann … Wir … Wir haben nicht richtig verstanden … Ja, wir haben nicht verstanden … was Sie … was Sie damit sagen wollten.“

Buller referierte daraufhin über die Schmetterlingsart Rex flammae, deren Exemplare in Gruppen zusammenleben und normalerweise auch artfremde Schmetterlinge tolerieren. Sobald ein Feind auftaucht, warnen sie sich untereinander und verstecken sich. Die fremden Schmetterlinge werden jedoch nicht gewarnt und deshalb von dem Räuber gefressen.

„Die Rex flammae liefern dem Räuber eine Beute und sichern so ihr eigenes Überleben. Solange alles gut geht, stört es sie nicht, wenn sich einige Artfremde in ihrer Gruppe aufhalten, vielleicht ziehen sie auf die eine oder andere Art sogar einen Vorteil daraus, aber sobald sich eine Gefahr zeigt, wenn es um das Fortbestehen ihrer Gruppe und um ihr eigenes Überleben geht, opfern sie ohne Zögern den Schmetterling, der nicht einer von ihnen ist.“

Orschwir und Diodème berieten sich nach dem Termin beim Hauptmann mit den anderen Mitgliedern der Erweckensbruderschaft. Am Ende nannte man Buller die Namen von zwei nicht im Dorf geborenen Männern: Brodeck und Simon Frippman.

Die beiden wurden gleich darauf abgeholt und gefesselt. Zwei berittene Soldaten brachten sie nach S. Vier Tage dauerte der Fußmarsch. Fédorine und Emélia blieb die Deportation zwar erspart, aber die übrigen Dorfbewohner mieden sie fortan. Diodème war der Einzige, der sich um sie kümmerte, bis Brodeck nach zwei Jahren wie durch ein Wunder aus dem Lager zurückkam.

Im Lager sah Brodeck seinen Studienfreund Uli Rätte wieder, aber nicht als Mithäftling, sondern als Aufseher.

Jeden Morgen mussten die Häftlinge antreten, und einer der Bewacher durfte einen von ihnen aussuchen. Der wurde dann erhängt. Dieses Ereignis ließ sich die als „Seelenfresserin“ verrufene Frau des Lagerleiters nicht entgehen: Jeden Morgen schaute sie zu und hielt dabei ihren Säugling im Arm.

Brodeck musste zunächst die Latrinen reinigen. Dann machte sich der Aufseher Joss Scheidegger einen Spaß daraus, ihn wie einen Hund an der Leine herumzuführen. Brodeck musste auf allen Vieren laufen und vom Boden fressen wie ein Tier. Weil er es tat, überlebte er das Lager.

Nach zwei Jahren, als die Fratergeheime den Krieg verloren geben mussten, zogen die Wachposten ab. Aus irgendeinem Grund blieb die Seelenfresserin zurück, geriet in die Menge der Häftlinge, und ihr Tod ergab sich, ohne dass jemand die Hand gegen sie erhoben hätte.

Brodeck hatte alles getan, um zu überleben, weil er zu Emélia zurückkehren wollte. Aber als er nach Hause kam, fand er sie psychisch zerstört vor. Von Fédorine erfuhr er, was geschehen war.

Als der Krieg für die Fratergeheime verloren war, wollte Hauptmann Adolf Buller das Dorf mit seiner Kompanie verlassen. Am Tag vor dem geplanten Abmarsch entdeckten Dorfbewohner drei junge Mädchen, die offenbar bereits seit Wochen auf der Flucht waren. Man brachte sie zu Göbbler, der inoffiziell als stellvertretender Bürgermeister fungierte und sich bei Buller unentbehrlich gemacht hatte. Während Göbbler den Männern erklärte, dass die fremden Mädchen den Fratergeheime übergeben werden müssten, sah Emélia die drei Jugendlichen und wollte sie ins Haus holen. Als Göbbler sie daran hinderte, beschimpfte sie ihn als Ungeheuer und ohrfeigte ihn. Soldaten führten sie zusammen mit den Mädchen ab. Man brachte sie in eine Scheune, die dem fast 100 Jahre alten Bauern Otto Mischenbaum gehörte. Am nächsten Tag zogen die Fratergeheime ab. Fédorine fand die vier Vergewaltigten in der Scheune. Die drei Flüchtlingsmädchen waren tot. Emélia lebte noch, hat jedoch nie wieder ein Wort gesprochen und reagiert auf nichts mehr.

Eines Tages stellt Brodeck fest, dass in den Schuppen, in dem er seinen Bericht schreibt, eingebrochen wurde. Er unterstellt dem Nachbarn Göbbler, seine Sachen durchwühlt zu haben. Göbbler, der ihn nächtelang tippen hört, fragte schon mehrmals misstrauisch, ob er da außer dem in Auftrag gegebenen Bericht heimlich noch etwas anderes schreibe. Finden konnte er nichts, denn Brodeck steckt die beschriebenen Blätter jeden Morgen in eine Leinentasche, die er Emélia unter dem Hemd auf den Bauch bindet. Im aufgebrochenen Schreibtisch entdeckt Brodeck ein unter die Platte geklebtes Kuvert von Diodème. Es enthält unter anderem einen an ihn adressierten Brief, in dem ihn der Lehrer um Verzeihung bittet.

Jetzt versteht Brodeck, warum Diodème sich während seiner Abwesenheit um Fédorine und Emélia kümmerte: der Lehrer hatte ihn verraten und fühlte sich deshalb schuldig. Aufgrund dessen geht Brodeck davon aus, dass es sich bei Diodèmes Tod um einen Selbstmord handelte: Vermutlich war er auf den Tizenthal-Felsen gestiegen und heruntergesprungen.

In seinem Brief schreibt Diodème, Emélia und die drei Mädchen seien nicht nur von Soldaten, sondern auch von Dorfbewohnern vergewaltigt worden. Die Namen der Schuldigen habe er auf der Rückseite des Blattes aufgelistet. Statt das Blatt umzudrehen, verbrennt Brodeck es, denn ihm kommt es nicht auf Rache und Vergeltung an.

In seiner Lebensbeichte berichtet Brodeck auch von dem Transport ins Lager. Man hatte ihn und 60 andere in einen Viehwaggon gepfercht. Während der Fahrt, die sechs Tage und sechs Nächte lang dauerte, redete Brodeck mit dem Studenten Moshe Kelmar, dem Sohn eines reichen Pelzhändlers. Neben ihnen saß eine junge Frau mit einem Säugling. Weil ihre Brüste ausgetrocknet waren, flößte sie dem Kind hin und wieder etwas Waser aus einer Korbflasche ein, die sie mitgebracht hatte. Auch sie selbst trank schluckweise davon. Als sie am fünften Tag erschöpft schlief und zum ersten Mal die Flasche losließ, machten sich Brodeck und Kelmar darüber her. Sie tranken die Flasche leer. Die Frau und das Kind verdursteten.

Brodeck bringt Orschwir den fertigen Bericht.

Darin schildert er, wie der Andere ins Dorf kam, auf einem Pferd reitend und von einem Esel gefolgt. Es geschah am 13. Mai, ein Jahr nach Kriegsende. Schon vor dem Dorf traf er auf den Schäfer Gunther Beckenfür. Im Gasthaus Schloss nahm er sich ein Zimmer. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Neuigkeit vom ersten Besucher seit dem Krieg, und die Wirtschaft füllte sich wie sonst nur an Markttagen oder nach Beerdigungen. Dieter Schloss hatte alle Hände voll zu tun. Allerdings blieb der Andere auf seinem Zimmer.

Wenn er durchs Dorf ging, fiel er durch seine seltsame Kleidung und sein höfliches Benehmen auf. Er grüßte die Leute, die ihm begegneten, und an die Horde Kinder, die ihm zumeist nachlief, verteilte er kleine Geschenke.

Er war angezogen wie eine Figur aus einem Märchen, in dem alte, längst vergessene Wörter vorkommen.

Der Andere war uns ein Rätsel. Wir wussten nicht, woher er kam, warum er hier war und auch nicht, ob er uns verstand, wenn wir unseren Dialekt sprachen.

Einige Dorfbewohner störten sich daran, dass der Andere stets ein schwarzes Notizbuch bei sich hatte, in dem er augenscheinlich seine Beobachtungen festhielt. Der Förster Emil Dorcha, der Stallknecht Ludwig Pfimling, der Klempner Bern Bogel und Caspar Hausorn, ein Angestellter im Rathaus, waren sich einig, dass dieses Notizbuch das Dorf nicht verlassen dürfe.

Vier Wochen nach der Ankunft des Anderen im Dorf veranstaltete Bürgermeister Hans Orschwir ein Begrüßungsfest und hielt eine kleine Rede.

Zwei Monate später, am 24. August, fanden die Dorfbewohner parfümierte Kärtchen in ihren Briefkasten: der Andere lud sie ins Gasthaus ein. Dort hatte Dieter Schloss in seinem Auftrag ein Büffet vorbereitet. Auch die Getränke bezahlte der Andere. Es handelte sich um eine Vernissage unter dem Titel „Porträts und Landschaften“ mit Tuscheskizzen des Anderen, der sich nach einer kurzen Ansprache wieder auf sein Zimmer zurückzog, während die Gäste über das Büffet herfielen.

Als es keinen Nachschub mehr gab, kippte die Stimmung. Brodeck hatte die Gaststätte zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen. Nun fiel den Gästen auf, dass die Porträts nicht gerade schmeichelhaft waren.

Göbblers Porträt zum Beispiel war so geschickt gezeichnet, dass man, wenn man es von links betrachtete, einen lächelnden, in die Ferne blickenden Mann mit friedfertigen Zügen sah. Wenn man es aber von schräg rechts betrachtete, bekamen der Mund, der Blick und die Stirn plötzlich etwas Boshaftes, man sah ein verkniffenes Grinsen, und das Gesicht wurde zu einer überheblichen, ja, grausamen Grimasse. Aus Orschwirs gezeichnetem Gesicht sprachen Feigheit, Willensschwäche und Niederträchtigkeit. […] Die Zeichnungen des Anderen brachten auf geheimnisvolle Weise die verborgensten Wahrheiten der Dargestellten ans Licht. Es war, als ob sie die Menschen ohne Haut vorführten.

Aufgebracht johlend zerrissen die Gäste die Zeichnungen.

Am nächsten Tag kam der Bürgermeister ins Gasthaus und forderte den Wirt auf, den Anderen herunterzuholen. Orschwir zog sich mit dem Mann in einen Nebenraum zurück, aber Dieter Schloss belauschte das Gespräch. Der Bürgermeister riet dem Anderen, umgehend abzureisen.

Der Andere blieb jedoch im Dorf, obwohl niemand mehr seinen Gruß erwiderte und sich einige Leute bekreuzigten, wenn sie ihm begegneten.

Am 3. September holte Diodème seinen Freund Brodeck ab und ging mit ihm zum Ufer des Flusses Staubi, wo sich eine größere Menschenmenge gebildet hatte. Brodeck hörte den Anderen laut klagen, dann sah er auch den Grund: im Wasser trieben die Kadaver des Pferdes und des Esels. Man hatte sie an den Hufen gefesselt und in den Fluss gezerrt. Dafür waren mindestens fünf oder sechs kräftige Kerle erforderlich gewesen.

Am Abend ging der Andere von Haus zu Haus und schrie „Mörder!“ Das tat er auch am nächsten Abend. Am dritten Abend wartete Brodeck vergeblich auf die Rufe. Das war der Abend, an dem Fédorine ihn bat, noch etwas Butter zu besorgen und er deshalb in die Gaststätte Schloss ging. Kurz bevor er dort eintraf, hatten die anderen Männer den Anderen totgeschlagen.

Der Bürgermeister liest Brodecks Bericht – und wirft ihn dann ins Kaminfeuer. Er sagt:

„Ich bin der Hirte, die Herde verlässt sich darauf, dass ich alle Gefahren von ihr fernhalte. Und die Erinnerung ist die schlimmste Gefahr, das brauche ich dir doch nicht zu erzählen, du erinnerst dich doch an alles, du erinnerst dich an zu vieles.“

Orschwir rät Brodeck, das Dorf zu verlassen.

Am nächsten Morgen macht Brodeck sich mit Emélia und Fédorine auf den Weg.

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Wo sich der Schauplatz befindet, erfahren wir nicht. Die Namen der Berggipfel, die von dem 400-Seelen-Dorf aus zu sehen sind, helfen uns nicht weiter: Hunterpiz, drei Schnikelköpfe (Bronderpiz, Hörni-Grat, Hörnispitze), Dura-Pass, Floria-Gipfel, Mausein-Horn. Vielleicht dachte Philippe Claudel dabei an Österreich, denn eine Rede des Hauptmanns Adolf Buller deutet auf den „Anschluss“ hin, und es wird erwähnt, dass ein Kaiser auf dem Hof des Bürgermeisters und Schweinezüchters Hans Orschwir gerastet habe, als er im Herbst 1567 unterwegs nach Kärnten war, wo er sich mit dem türkischen Sultan treffen wollte. Philippe Claudel vermeidet es auch, die Geschichte im historischen Kontext zu erzählen. Allerdings lässt sich unschwer erkennen, dass die Handlung von Mai bis September 1946 spielt, also nach dem Zweiten Weltkrieg. Rückblenden reichen bis zum Ersten Weltkrieg zurück. Mit Fratergeheime können nur die Deutschen gemeint sein. Und Brodeck ist Jude, auch wenn dies nie explizit erwähnt wird; ihm fehlt ein Stück Haut zwischen den Schenkeln (Seite 146).

Mit „Die grauen Seelen“ und „Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung“ bildet „Brodecks Bericht“ eine Romantrilogie, in der sich der französische Schriftsteller Philippe Claudel mit Gräueln im 20. Jahrhundert beschäftigt: Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, Vietnam-Krieg. „Brodecks Bericht“ ist eine fulminante Groteske über Fremdenfeindlichkeit, Opportunismus und Nationalsozialismus, die Manipulierbarkeit und Gefährlichkeit der Masse. Bei Brodeck handelt es sich um den einzigen Dorfbewohner, der studierte (auch wenn er das Studium abbrach). Bewahrt Bildung vor Entmenschlichung? Der Außenseiter ist zwar nicht an den Gräueltaten im Dorf beteiligt, aber in einer Ausnahmesituation lässt er zwei Menschen sterben, um selbst zu überleben.

Der Mensch ist groß, aber er ist sich selbst nicht gewachsen.

Philippe Claudel leuchtet in menschliche Abgründe. „Brodecks Bericht“ ist ein düsterer und bestürzender Roman. Die Atmosphäre des Unheimlichen wird durch unerklärliche Szenarien verstärkt: Beispielsweise werden dutzendweise Kadaver von Füchsen gefunden, die weder krank waren noch getötet wurden. Vielleicht spiegelt Philippe Claudel mit diesem unnatürlichen Phänomen aber auch die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus.

Das Wort überlässt Philippe Claudel dem Protagonisten Brodeck. Der berichtet in der Ich-Form und erwähnt nichts, was er nicht selbst erlebt oder von Zeugen erfahren hat. Brodeck verfasst zwei Berichte. Dazu kommen seine aktuellen Erlebnisse. Der Roman setzt sich also aus drei Erzählsträngen zusammen: den gegenwärtigen Ereignissen, Brodecks eigener Geschichte und den Vorkommnissen nach dem Auftauchen eines Fremden im Dorf. Diese Erzählstränge werden parallel entwickelt, und die beiden Berichte sind nicht chronologisch aufgebaut, sondern so, dass sich die größtmögliche Spannung ergibt. Das ist wohldurchdacht.

Brodeck, seine Angehörigen, der Bürgermeister, der Nachbar – farbige Charaktere sind das alles nicht, sondern Figuren in einer Parabel. Das gilt auch für den Dorfpfarrer Peiper, der längst nicht mehr an Gott glaubt, aber das „Theater“ weiterspielt, weil es noch einsamere Menschen als ihn gibt. Die Dorfbewohner beichten alle bei ihm, er kommt sich wie eine Kloake vor und erträgt das alles nur, indem er sich fortwährend betrinkt.

Den Roman „Brodecks Bericht“ von Philippe Claudel gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Christian Brückner (Textbearbeitung: Michaela Heinz, Regie Peter König, Berlin 2009, 6 CDs, ISBN 978-3-941004-02-3).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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