Gerhard Falkner : Apollokalypse

Apollokalypse
Apollokalypse Originalausgabe: Berlin Verlag, München/Berlin 2016 ISBN: 978-3-8270-1336-1, 426 Seiten ISBN: 978-3-8270-7894-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Studium stürzen sich Georg Autenrieth und seine Freunde Mitte der 80er-Jahre ins Großstadtleben v. a. in München, Frankfurt und Berlin. Zwischen­durch fliegen sie in die USA und machen "drei Tage Amsterdam in achtundvierzig Stunden". Aber der Ich-Erzähler ver­schleiert nicht nur seine Identität, sondern stellt sie sogar selbst in Frage und glaubt an einen Doppelgänger: "Ich bezweifle, dass ich der Mann sein kann, der all das hier schreibt." ...
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Kritik

Identitätsverlust, Spiegelung und Verdoppelung sind Leitmotive des furiosen Romans "Apollokalypse". Dem Lyriker Gerhard Falkner geht es weniger um Inhalt als um Sprach­magie. Manchmal über­treibt er das Spiel mit ein­falls­reichen For­mu­lie­run­gen, hoch­auf­geladenen Sätzen und be­deu­tungs­schweren Metaphern.
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Kurz zu mir. Mein Name ist Autenrieth. Georg Autenrieth. Ich wurde fünf Jahre nach Kriegsende, als die Kirschbäume bereits geleert waren, aus vermutlich niederen Beweggründen gezeugt. Noch heute büße ich für diesen Leichtsinn mit dem Leben.

Über die Zeit seiner Geburt in Nürnberg schreibt der Ich-Erzähler:

Die Dörfer lagen wie Streuobst in der Landschaft oder hingen an den Stielen ihrer Kirchtürme dachziegelrot am Himmel und rochen verstörend nach Milch und Kalk.

Die Sonntage hatten die umständliche Länge eines Gartenschlauchs und sprudelten fast unhörbar in der Sonne. Saba-, Grundig- und Loewe-Opta-Radios bohrten ihr magisches Auge tief ins Herz des abendlichen Kinderzimmers.

Obwohl Adenauer bereits gesagt hatte, lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb, wollte das halbe Deutschland, das Adenauer vorgab, lieber zu haben, ganz offensichtlich doch lieber das ganze Deutschland.

Georg Autenrieth behauptet, der Sohn von zwei ungleichen Vätern zu sein.

Er sagte einmal, seine Mutter hätte es mit zwei Männern am gleichen Tag getrieben, und dann wäre ein Wunder geschehen, die erfolgreiche Befruchtung eines Eis von zwei verschiedenen Männern.

Der eine Vater stammt aus der Blechtrommel, der andere aus den Buddenbrooks.

Georgs Großvater besaß das Autenriethsche Spulenwerk Fürth und war mit Sophie Autenrieth, einer geborenen Hechtel, verheiratet. Er starb im Alter von 71 Jahren. Der Sohn Johann folgte ihm ins Grab, als Georg acht Jahre alt war.

Meinem (anderen) Vater, ein blasser und nachdenklicher Mann, der in der Firma vom Alten zeitlebens wie ein Buchhalter herumkommandiert wurde, hatten die Ärzte gegen ein Hüftleiden Cortison verabreicht, als handle es sich um Brausepulver, bis er regelrecht in seinen Knochen zusammenbrach und starb. Noch am Tage seiner Beerdigung entledigte sich die alte Sophie Autenrieth ihrer Schwiegertochter.

Georgs Mutter hatte von ihrem Schwiegervater bei der Eheschließung Prokura im Unternehmen bekommen. Nach dem Tod der beiden Männer entzog die Schwiegermutter ihr diese, warf sie hinaus und enterbte sie.

Kurz nachdem die Apollo-10-Raumkapsel im Mai 1969 den Mond umrundet hat, kommt Georgs Mutter in eine Irrenanstalt.

Der Sohn sucht Anfang 1970 des Öfteren die „Oase“ in Berlin auf, eine im Eingangsbereich als Anwaltskanzlei getarnte Opiumstube.

Ich gewann eine Art Hoffnung und verlor den Appetit. Als ich dünn genug war für den nächsten Frühling, stellte ich das Opiumrauchen wieder ein und stürzte mich ins Nachtleben.

Der Russe Gregor Aganovich nimmt ihn und den Amerikaner Buzz Fender mit in die Kommune von Gisela, Monika und Renate. Als sie hinkommen, knien drei mit Hundehalsbändern angekettete junge Männer in mit Erbsenpüree verschmutzten Windeln vor den Kommunardinnen und lecken sie zwischen den Schenkeln.

Georgs erste Geliebte, Dolores März, wuchs als Tochter einer brasilianischen Familie in Deutschland auf. Sie studierte in Marburg Religionswissenschaften und Soziologie. Im Alter von 22 Jahren heiratete sie Arnfried März, einen „jener Venture-Capital-&-New-Economy-Kriminellen“, die immer reicher werden, je mehr Stellen sie kürzen. Ein Jahr später gebar sie den Sohn Hubertus. Als Arnfried März einen Hinweis auf die Affäre seiner Frau erhält, beauftragt er eine Privatdetektei, sie zu beschatten. Georg Autenrieth setzt sich in einem Tiertransporter versteckt aus Berlin ab. Zwei Monate später erfährt er in der Nähe von Amman aus der Zeitung, dass unter Arnfried März‘ Auto eine Bombe explodierte. Dolores, zu deren Bekannten der 1969 erschossene Terrorist Carlos Marighella gehörte, verlässt ihren Sohn, schmuggelt Plastiksprengstoff nach Mallorca und schließt sich dem bewaffneten Kampf an. Während sie mit den vier Mitverschwörern Jan, Peter, Knut und Brigitte ein Attentat vorbereitet, wird sie von einem Killerkommando regelrecht hingerichtet.

In Frankfurt lernt Georg Autenrieth den Mediävistik-Studenten Helmut Bräuninger kennen, den Sohn von Jolande und Willibald Bräuninger. Der radikalisiert sich in kurzer Zeit und stiftet ihn schließlich dazu an, mit ihm eine Kiste von Nürnberg nach Berlin zu schmuggeln, in der unter einer Schicht von Ammoniten, versteinerten Fischen und anderen Fossilien eine Panzerfaust RPG-7 und eine Heckler & Koch Maschinenpistole der MP5-Baureihe versteckt sind. Nachdem sie die Kiste in einem Keller deponiert haben, kehrt Bräuniger nach Frankfurt zurück, wo er zwei Jahre später von einem Verlag als Lektor eingestellt wird.

Georg Autenrieth plant mit den RAF-Terroristen Christiane, Moni und Rolf einen Anschlag auf den Vorstandsvorsitzenden einer Großbank. Am 30. Juli 1977 fährt Rolf sie zu dessen Privatvilla in Oberursel. Nachdem sie geklingelt haben, richtet Georg eine Pistole auf den Banker.

„Das ist eine Entführung“, sagte ich zu ihm, „machen Sie jetzt bloß keine Dummheiten.“
„Sie sind wohl wahnsinnig“, rief der Mann und warf sich gegen meinen Arm.
Der Rosenstrauß wirbelte durch die Luft. Es gelang ihm, meine Pistole zu packen, da löste sich ein Schuss. Moni stürzte von der Terrasse herein und gab sofort einen Schuss auf den Kopf des Mannes ab. Dann schossen wir beide.

Im Jahr darauf trifft sich Georg Autenrieth in der Berliner Gaststätte „Zur letzten Instanz“ mit Jan Becker alias Hilmar Bechtold aus Moritzburg. Der weist in seinem Bericht für das Ministerium für Staatssicherheit auf nützliche Beziehungen seines Gesprächspartners zu Gegnern des Klassenfeindes in München, Frankfurt und Berlin hin, meint aber auch:

„Die Zuverlässigkeit ist möglicherweise durch eine gewisse Überspanntheit als eingeschränkt zu betrachten. Den charakterlich-moralischen Anforderungen für vertrauensvollere Aufgaben dürfe die oben genannte Person wegen eines ziemlich lockeren Lebenswandels kaum gerecht werden.“

Georg fährt von Berlin zurück nach Nürnberg, hält sich einige Zeit in Gunzenhausen auf, tauscht am 2. April 1979 sein Klingelschild in Nürnberg gegen ein anderes aus („Gina, bitte 2x läuten“) und fährt dann nach Berlin, wo er am übernächsten Tag noch einmal mit Jan Becker alias Hilmar Bechtold in der Gaststätte „Zur letzten Instanz“ verabredet ist.

Es wird allerdings behauptet, ich hätte die Zeit zwischen Herbst ’78 und März ’79 gar nicht in Gunzenhausen verbracht.

Später taucht ein Bericht vom 16. Mai 1982 auf, in dem es heißt:

[…] daß den gegnerischen Sicherheitsorganen ein anonymer Hinweis vorliegt, wonach der IM(S) Peter Maria Rainer mit Duldung des MfS für die RAF eine getarnte Kiste mit einer Panzerfaust von Frankfurt nach Berlin durch das Gebiet der DDR bringen konnte. Peter Maria Rainer wird seit Januar 1981 durch den Führungsoffizier Jan Becker betreut. Den gegnerischen Sicherheitsorganen sei außerdem bekannt, daß besagter IM am 3.5.1979 mit der Terroristin Regine van Meeren in der Nürnberger Kinokneipe Meisengeige zusammengetroffen war. Die Frau fuhr nach diesem Treffen und einem kurzen Abstecher in die Nürnberger Irrerstraße 11 weiter in eine konspirative Wohnung in der Stephanstraße 40 und wurde dort bei ihrer versuchten Festnahme durch eine Polizeikugel tödlich verletzt.

Der Bericht endet mit der Empfehlung, dem IM Peter Maria Rainer eine neue Identität zu verschaffen.

Prof. Dr. Rüdiger Sturm, bei dem Georg Autenrieth in Freiburg studierte, verabredet sich mit ihm in Berlin und schlägt ihm vor, als Assistent an die Universität zurückzukommen. Aber Georg lehnt das Angebot ab. Sturm bedauert das, meint aber auch:

„Wissen Sie, Autenrieth, Sie waren einer der besten Studenten, die ich je hatte. Was ich an Ihnen geschätzt habe, war diese wunderbare Sprache, die stets von einem unabhängigen Verstand in Form gehalten wurde. Und nun lese ich diese breitgewalzten Exzesse.“

Mitte der Achtzigerjahre freundet sich Georg mit zwei elf bzw. 13 Jahre jüngeren Männern an: Heinrich Büttner und Dirk Pruy.

Sex war in Büttners in Anführungszeichen normalem Leben wichtiger als Essen, Schlafen, Arbeiten oder irgendeines der garantierten Grundrechte, wie Recht auf Leben, auf Achtung der Person, auf Gleichberechtigung oder dergleichen, gewesen.

Heinrich Büttner, der vorhatte, an der Münchner Akademie zu studieren, war wegen eines Praktikums bei einem Kirchenrestaurator für sechs Monate nach Passau gekommen. Dort lernte er die 16-jährige Isabel („Bella“) Kauffmann kennen, die einzige Tochter des Unternehmers Heribert Kauffmann und dessen Ehefrau Gerlinde, geborene Überreuther. Die Familie verfügte bereits Anfang der Achtzigerjahre über ein Privatflugzeug und pflegte den Umgang mit Franz Josef Strauß. Entsprechend selbstbewusst verhält sich Isabel, als sie sich Heinrich Büttner nähert.

Seine Ungeschicktheit erzeugt Ungeduld, und diese Ungeduld lässt ihn immer ungeschickter werden. Er hätte sich wohl noch länger mit dem vorsichtigen Abwiegen ihrer Brüste aufgehalten, hätte sie nicht irgendwann ihren Rock hochgeschlagen, ihn an sich gezogen und alles Weitere selbst in die Hand genommen.
Alles Weitere ist ja auch ein guter Name für dieses Ding, mit Hilfe dessen sie entschlossen war, schließlich war sie mit fast siebzehn alt genug, sich den Weg aus diesem ewigen Petting zu bahnen, oder dem „Sichbetatschenlassen“, wie es in Passau hieß. Es gab überraschend wenig Blut, sehr hellrot, wie Büttner, als er zurück in seiner Wohnung war, an seinem Hemd erkennen konnte, und es war der Anfang.

Isabel Kauffmann studiert schließlich wie ihr Freund Kunst in München. Die beiden, Dirk Pruy und Georg Autenrieth verbringen viel Zeit miteinander. Zwischendurch gibt es schon mal „drei Tage Amsterdam in achtundvierzig Stunden“.

Auf einer Party in Dirk Pruys Elternhaus lernen Heinrich Büttner, Isabel Kauffmann und Georg Autenrieth eine mit Dirks Mutter Rita befreundete frühere Handarbeitslehrerin Betty kennen, die es vor langer Zeit auf einem Tisch im Musikzimmer einer Schule in Krefeld mit dem Biologielehrer Fischer getrieben hatte und dabei vom Sportlehrer Heiko Schaller ertappt worden war. Ihr entgeht nicht, dass ein fast zehn Jahre jüngerer Student aus Wien sie anschaut, als wolle er ihr Genom entschlüsseln. Der Blick rast „wie ein elektrischer Impuls durch ihre Doppelhelix. Als er, vom eigenen Mut übermannt, Betty zu küssen beginnt, spreizt sie die Beine, damit „Richard Winters Hand dort Fuß fassen konnte, wo die Oberschenkel aufhören, getrennte Wege zu gehen“. Nachdem sie ihn erregt zu ihrem 36. Geburtstag in der folgenden Woche eingeladen hat, lässt sie sich von ihrer Gynäkologin Dr. Gisela Bormann ein Diaphragma einsetzen und kauft sich reizvollere Unterwäsche. Aber sie wartet vergeblich auf ihn. Richard Winter hat die Einladung schlichtweg vergessen und ist nach Wien zurückgefahren. Zwei Jahre später nimmt er sich aus einem völlig nichtigen Grund das Leben.

Ein paar Tage, nachdem sie Heinrich Büttner in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Erlanger Bezirkskrankenhauses gebracht haben, fliegen Georg und Isabel nach San Francisco. In den ersten Tagen bleiben sie im Hotel und verlassen kaum das Bett. Als Georg noch nicht ahnte, dass er in Begleitung nach Kalifornien fliegen würde, verabredete er sich mit einer in San Francisco lebenden promiskuitiven Bekannten namens Judy Wiener. Die besucht er, während Isabel einen Abstecher zu ihrer Freundin Belinda Freisinger in Oakland macht. Nachdem er es mit Judy unter anderem in der Badewanne getrieben hat, entdeckt er in einer Peepshow eine andere Bekannte: Christina Stelzmann aus Andernach tanzt da unter dem Künstlernamen Stella. Sie kam vor vier Jahren mit ihrem Freund Holger Bernd nach Kalifornien und sang in der von ihm gegründeten Punkband Spliss Cunt, bis er sich einen Schuss setzte, „der ihn nicht mehr auf die Erde zurückbrachte“. Stella erkennt Georg durch die Scheibe und verabredet sich mit ihm „nach Dienstschluss“.

Georg und Isabel fahren nach Los Angeles und Las Vegas. In Death Valley Junction brechen sie ins geschlossene Amargosa Opera House ein, stellen im Opernsaal einen mitgebrachten Plattenspieler auf und hören sich die Champagner-Arie aus „Don Giovanni“ an.

Als sie nach Berlin zurückkommen, ist die Mauer offen [Wiedervereinigung].

Heinrich Büttner wird vom Bezirkskrankenhaus Erlangen entlassen und erholt sich. Er kommt nach Berlin, und Isabel erzählt ihm, sie sei bei einer Freundin in Schweden gewesen. Seine Therapeutin Dr. Carola Fleischmann, die ihm erlaubt hat, sie „Cola“ zu nennen, schaut nach ihm. Er möchte mit ihr schlafen, aber sie weist auf die Regeln ihres Berufsstandes hin. Daraufhin schlägt er ihr ein Rollenspiel vor: Sie soll mit ihm in ein Café gehen und dort so tun, als sei sie ein dummes Ding, das sich von einem Künstler abschleppen lässt.

Als er erneut in der Psychiatrie behandelt wird, festigen Isabel und Georg ihre Liebesbeziehung, verheimlichen sie aber dem Patienten weiterhin wegen seiner Labilität.

Während Georg in Cuernavaca, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Morelos, Schauplätze aufsucht, die er aus Briefen von Malcolm Lowry kennt, ruft Isabel ihn aus seiner Wohnung im Münchner Stadtteil Lehel an und teilt ihm mit, dass sie mit ihrer Freundin Bea für ein paar Tage an den Starnberger See fahren werde. Tatsächlich reist sie mit Dirk Pruy nach Mailand.

Nach seinem zweiten Aufenthalt in der Psychiatrie gelingt es Heinrich Büttner, eine Reihe überzeugender Zeichnungen anzufertigen, die er dem knapp 30 Jahre alten Kunsthändler Immo Salzgeber für eine Ausstellung in dessen Galerie in Zürich anbietet. Aber dann gerät er auf einer Straße in Berlin mit zwei Türken aneinander und wird zusammengeschlagen.

Gegen vier Uhr morgens wurde Büttner von Polizeibeamten des Abschnitts 53 ins Klinikum Am Urban gebracht. Um fünf Uhr morgens wurde der Amtsarzt Dr. Heiner Schoeps hinzugezogen. […] Dies war der Beginn von Büttners dritter und letzter Unterbringung in einer Psychiatrie.

Nach sechs Wochen holt Isabel ihn ab. Bald darauf wirft sich Heinrich Büttner in Berlin-Schöneweide vor einen Zug.

Georg findet zufällig heraus, dass Bea in den Tagen, als Isabel angeblich mit ihr zum Starnberger See fahren wollte, gar nicht in Bayern war, und Isabel notiert ihm unachtsam auf einem datierten Bon eines Mailänder Restaurants eine Telefonnummer. Als er dann auch noch von Rita Pruy erfährt, dass deren Sohn an eben diesem Wochenende in Mailand war, lässt sich der Verrat nicht mehr übersehen. Georg trennt sich von Isabel und beschließt, für eine Weile unterzutauchen.

Der erste Schritt, dachte ich, müsste sein, damit anzufangen aufzuhören. Die Schwierigkeit war nur, womit fängt man an aufzuhören, wenn man dieses Aufhören in seiner weitesten Konsequenz für die eigene Existenz ins Auge fasst?

Weit über ein Jahr verbringt er als „Glasmann“ in „vollkommener Unsichtbarkeit“. Das ändert sich 1990, als er mit Dr. Neil Donahue, einem Freund aus den USA, eine Performance in einer Berliner Galerie besucht und dabei der Bulgarin Bilijana („Billy“) Stojanowa begegnet.

Am liebsten sprach sie über schwierige Dinge. Über arbiträre Strukturen in der Hermeneutik oder den französischen Poststrukturalismus – so in diese Richtung.

Ihre Mutter, Vera Kantschewa aus Plowdiw, war zum Studium nach Moskau gegangen und hatte sich dort in den russischen Chemie-Studenten Nicolai Stojanow verliebt. Als die gemeinsame Tochter Bilijana acht Jahre alt war, zogen sie nach Sofia. Im Herbst 1985 fiel die 23-jährige Bilijana Stojanowa bei einem Empfang des Staatschefs Todor Schiwkow anlässlich einer internationalen Konferenz im Hotel Shipka dem deutschen Militärattaché Wolfdietrich Griebenow auf, und sie wurde dessen Geliebte. Griebenow wurde Ende 1987 nach Deutschland zurückbeordert und Referatsleiter für Rüstungskontrolle. Anfang 1988 kehrte Bilijana von einer Berlin-Reise nicht nach Bulgarien zurück. Ihre Eltern verloren deshalb ihre Anstellungen in den Labors von Bulgarpharm bzw. in der Redaktion der Nachrichtenagentur BTA.

Georg Autenrieth und Billy Stojanowa schlafen erstmals in einem nach Schlachtschüssel riechenden Hotel in Tirschenreuth miteinander, und weil Billy ihre Tage hat, ist danach alles voller Blut. Damit beginnt ihr Liebesverhältnis. Weil Wolfdietrich Griebenow, der sich inzwischen von seiner Ehefrau Marianne von Trix scheiden ließ, um Bilijana heiraten zu können, dienstlich viel in Europa unterwegs ist, fällt es den Ehebrechern leicht, sich unbemerkt zu verabreden. Er möchte auch gar nicht wissen, wie seine Frau sich während seiner Abwesenheit die Zeit vertreibt; Hauptsache sie ist da, wenn er zurückkommt.

Bilijana lebte in einem Traum. Sie träumte sich selbst, ungeachtet der Wahrscheinlichkeit, dass die wache Welt da draußen andere Träume von ihr haben könnte.

„Ich liebe den Luxus“, sagte Billy, „aber ich will ihn als Durcheinander – nicht als Ordnung.“

Im Grunde liebe ich schlampige Menschen wegen des Ungestüms, mit der sie diese Schande in sexuelle Energien zu verwandeln wissen. Aus dem Chaos entsteht das Leben, und die Ordnung endet im Tod, dachte ich, während ich auf einen Strauß von in langen Monaten geschrumpften Terrakottarosen blickte, die wie Mumien aus dem würgenden Hals einer italienischen Weinkaraffe schauten. Billy triumphierte nicht nur über diese, sondern erstrahlte inmitten der Unordnung zu einer fantastischen Unsittlichkeit. Pares inter pares. Wahrscheinlich entspringt die Schlampigkeit der gleichen unbekümmerten Fähigkeit, mit der man auch sich selbst und seinen Körper einfach fallen lassen kann. Sie, die Schlampigkeit, ist deshalb eine zuverlässige Quelle der Wollust und die Schlampe ihrer beider vollkommenste Verkörperung.

1994 muss Wolfdietrich Griebenow wegen eines Bandscheibenvorfalls im Klinikum rechts der Isar in München operiert werden. Danach ist der Brigadegeneral impotent, und weil er die vom Arzt Dr. van Randenburg empfohlene Schwellkörper-Autoinjektionstherapie ablehnt, verzichtet er fortan darauf, sich seiner Frau sexuell zu nähern. Aber auch im Verhältnis von Billy und Georg kriselt es.

Irgendwann kam der Tag, an dem wir die Dinge nicht mehr richtig im Griff hatten. Entweder wollten wir es und konnten es nicht, oder wir wollten es nicht, weil wir es nicht konnten. Oder wir wollten es und konnten es auch, taten es aber einfach nicht.

Im Reißverschluss von Georgs Hose findet Billy ein langes blondes Haar.

Seit ich mit Billy zusammen war, hatte es keine andere Frau gegeben.
Jedenfalls nicht für den einen Autenrieth, der ja nicht immer wusste, was der andere Autenrieth tat.

Als Billy mich das erste Mal betrog, wusste ich nicht, dass sie mich nicht das erste Mal betrog. Sie betrog mich mit dem Mann, mit dem sie den General betrogen hatte, bevor sie beide mit mir betrog.

General Wolfdietrich Griebenow findet schließlich heraus, dass Bilijana für den KGB und den bulgarischen Geheimdienst arbeitet. Möglicherweise war ihre Begegnung im Hotel Shipka in Sofia kein Zufall. Erst Wochen nach ihrem Tod wird Bilijanas Leiche in einem Keller in Berlin gefunden. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als habe sie sich erhängt, aber die Gerichtsmediziner stellen fest, dass sie bereits tot war, als ihr der Strick um den Hals gelegt wurde.

Georg Autenrieth erfährt von einer Aktennotiz, der zufolge er am 12. Juni 1990 beim Verlassen des Gasthauses „Zum Storchen“ in Zürich mit einem V-Mann des BND fotografiert wurde. An diesem Tag hielt er sich jedoch in Berlin auf. Das beweist ein Einzahlungsbeleg.

Es gab also einen Georg Autenrieth, der ich nicht gewesen sein konnte.

Aber der Teufel, der aussieht wie „ein heruntergekommener russischer Klavierstimmer oder wie der Besitzer eines vergammelten Zigarettenladens in Marzahn“, erklärt ihm:

„Sie haben keinen Doppelgänger, Autenrieth, Sie sind der Doppelgänger!“

„Noch vor hundert oder zweihundert Jahren hätte ich mit Ihnen einen Pakt geschlossen, bezüglich Ihres Schattens oder Ihrer Seele. Heute brauchen wir diesen ganzen Zinnober nicht mehr. […] Wir nutzen die geistige Errungenschaft der Hyperrealität. Die reicht mir allemal.“

Georg erkennt in ihm den im Rütten-&-Loening-Haus am Hackeschen Markt praktizierenden Psychotherapeuten Joe Bodenstein.

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In dem Roman „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner spiegelt sich das Berlin der Jahre 1985 bis 1995. Im Zentrum steht ein Ich-Erzähler, der seine Identität nicht nur verschleiert, sondern sogar selbst daran zweifelt und an einen Doppelgänger glaubt (Heautoskopie). Gleich zu Beginn heißt es:

Der Mann, von dem ich wahrheitsgemäß behauptet habe, nicht zu wissen, dass ich es selbst gewesen sein könnte […]

[…] wäre ich, oder der, für den ich mich inzwischen wohl halten muss […]

Ein Jugendfreund sagt über ihn:

„Autenrieth führt mehrere Leben gleichzeitig, einerseits, weil er muss, andererseits aber auch, weil er wohl dazu in der Lage ist.“

Später legt Georg Autenrieth nach:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich die Frau bin, die um diese Zeit dazustößt. – Dieser Satz wird den Lektor und den Leser vielleicht irritieren, aber das kann ich im Moment leider nicht ändern.
Während ich also über den Hof gehe, egal jetzt, ob als diese Frau selbst oder als der hinter den Augen dieser Frau in Deckung liegende Erzähler, sehe ich Büttner und seinen Gast durch das Fenster.

Ich bin die Frau, die ihren Besuch für elf Uhr angekündigt hatte, Dr. Carola Fleischmann, seine Therapeutin.

Wie sich im Nachhinein allerdings herausstellen sollte, war ich natürlich doch nicht Frau Dr. Carola Fleischmann. […] Vielleicht war ich am Ende wirklich weiter nichts als das dumme Ding, das sich vom Künstler aus dem Café am Helmholtzplatz hatte abschleppen lassen, nachdem die echte Frau Dr. Carola Fleischmann, die von ihm tatsächlich sehr charmant Cola genannt wurde, die aber während der ganzen Zeit ihres Besuchs einen so über alle Zweifel erhabenen Abstand wahrte, dass ihr eine erotische Ambivalenz schwer zu unterstellen gewesen wäre, sich verabschiedet hatte.

Und gegen Ende zu konstatiert der Ich-Erzähler:

Es gab also einen Georg Autenrieth, der ich nicht gewesen sein konnte.

Ich bezweifle, dass ich der Mann sein kann, der all das hier schreibt. Als Autor eines solchen Lebens müsste ich ja schon von mir gehört haben.

Identitätsverlust, Spiegelung und Verdoppelung sind Leitmotive des Romans „Apollokalypse“. Beispielhaft ist eine Szene, in der sich der Ich-Erzähler mit der Mitverschwörerin Christiane auf einen Anschlag in Oberursel vorbereitet, der bis ins Detail dem tödlichen RAF-Anschlag am 30. Juli 1977 auf Jürgen Ponto gleicht, auch wenn dessen Name nicht genannt wird und die Täter nicht Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Peter-Jürgen Boock heißen. Während Georg und Christiane sich vor der Fahrt nach Oberursel fertigmachen, läuft im Fernsehen eine Dokumentation über das von Charles Manson und seinen Anhängern ausgeführte Massaker. In dieser Parallelmontage sind zwei Spiegelungen der Wirklichkeit miteinander verwoben.

Auch durch Wiederholungen von Passagen schafft Gerhard Falkner Verdoppelungen.

Die Figur Georg Autenrieth weist Parallelen zur Biografie des Autors Gerhard Falkner auf. Autenrieth hieß auch der Arzt, in dessen Klinik Friedrich Hölderlin vom 15. September 1806 bis 3. Mai 1807 untergebracht war. Das ist nur eine von zahlreichen Anspielungen in „Apollokalypse“. In dem Roman wimmelt es von berühmten Namen wie Ovid, Rilke und Proust, Malcolm Lowry, Sigmund Freud, David Bowie, Iggy Pop, Martin Kippenberger, Oskar Roehler, Woody Allen.

Dany [Nadelbaum] sah inzwischen aus wie eine Raubkopie von Woody Allen.

Georg Autenrieth feiert in Mexiko Aureliano Buendias Geburtstag. Aureliano Buendías heißt eine der zentralen Figuren in dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Den Namen der Terroristin Henriette Vogl assoziieren wir wohl nicht zufällig mit Henriette Vogel, die am 21. November 1811 am Wannsee mit Heinrich von Kleist zusammen in den Tod ging. Den Titel „Apollokalypse“ hat Gerhard Falkner von Apokalypse und Apollo abgeleitet, einerseits vom Weltuntergang, andererseits vom Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der Mäßigung und der Künste. (Der Inhalt ist allerdings mehr dionysisch als apollinisch.) Auch an die Nymphe Kalypso denkt man beim Titel, und auf das 1961 bis 1972 von der NASA betriebene Raumfahrtprogramm „Apollo“ kommt der Ich-Erzähler selbst zu sprechen.

An der psychischen Gesundheit des Protagonisten Georg Autenrieth kann man zweifeln, und es verwundert nicht, dass ihn das Thema umtreibt:

Das Leben bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Verstand zu verlieren.

Die [Psychiater] wollen einen immer nur zurückholen. Zurück in eine Normalität, der sie selbst als wirkungsvollstes Abschreckungsbeispiel dienen.

Als krank im Kopf erscheinen die Leute erst, wenn sie für ihre Krankheit in der Gesellschaft nicht die richtige Deckung finden. Sobald Raffgier, Brutalität und Größenwahn am richtigen Arbeitsplatz eingesetzt werden, kommen sie hinter dem damit erzielten Erfolg und dem Wahn der Selbstzufriedenheit vollkommen zum Verschwinden.

Georg Autenrieth, der sich als 18-Jähriger von der „Blechtrommel“ zu der Novelle „Die zersungenen Schwänze“ anregen ließ, meint zum Thema Literatur:

Trotzdem hält sich beim Individuum irgendwie die hartnäckige Überzeugung, etwas Besonderes und Gelungenes zu sein.
Nur die Literatur sieht das glücklicherweise anders. Bei dem einen Autor erwacht man als ungeheures Ungeziefer, als das man sich nicht einmal aus seinen schlimmsten Albträumen kennt, beim zweiten verführt man als Mann von Geist die minderjährige Stieftochter, beim dritten wird der alles beherrschende Stuhlgang des Vaters zum lebensbegleitenden Leid-Motiv und beim nächsten endet man, ein delirischer Normalfall, verheddert in einen lausigen Vierundzwanzigstundentag, in einer Prosa des Tourette-Syndroms, gekrönt von einem Schwall von Vaginamonologen. Je verpeilter man ist, desto würdiger wird man, so scheint es, einer Hauptrolle in der großen Literatur. Diejenigen, denen etwas von ihrer tatsächlichen Lage schwant, werden krank, wenn sie es nicht umgehend schaffen, diese Befürchtungen in Literatur umzusetzen oder aber auf der Stelle ihr Leben in Arbeit und Geschäftigkeit zu ertränken.

In einer selbstironischen Passage führt der Ich-Erzähler eine Vermieterin ein, die ansonsten in „Apollokalypse“ keine Rolle spielt:

Meine Vermieterin sagt, dies hier wäre ein schlechter Roman. Wahrscheinlich hat meine Vermieterin recht. Sie sagt, man wäre „als Leser fortwährend auf der Suche nach einem Zusammenhang“, und es könne ja nicht Sinn eines Romans sein, „sich bis zu seinem Ende damit abzukaspern, einen solchen Zusammenhang zu entdecken“. Da ist natürlich was dran, musste ich zugeben. Man hat sich im Leben wirklich mit Wichtigerem abzukaspern.
„Entweder“, sagt sie, „sind die Sätze so lang, als hätte der Autor immer wieder ihr Ende aus den Augen verloren, oder sie sind so kurz und grob, dass sie auf den Leser eindreschen wie mit Knüppeln. Man weiß nie“, fährt meine Vermieterin fort, „wo man sich zeitlich gerade befindet, und es ist außerdem lästig, hinter allen Figuren ständig den Autor sprechen zu hören.“
Sie hält mich für den Autor. […]
„Neben den Zimmerwänden blieb die ganze Mauer entlang noch ein schmutzig weißer Raum, und durch diesen kroch in unsäglich widerlichen, wurmweichen, gleichsam verdauenden Bewegungen die offene, rostfleckige Rinne der Abortröhre“, schwärmte ich.
„Ja genau“, sagte meine Vermieterin, „genau so hört sich das Ganze hier an.“
„Das ist Rilke“, antwortete ich, „Malte Laurids Brigge.“

Es ist nicht einfach, bei der Lektüre von „Apollokalypse“ den Überblick zu behalten, denn die Identität des unzuverlässigen Ich-Erzählers ist schwer greifbar, und er springt überdies zeitlich vor und zurück. Dass er auf Chronologie und Linearität verzichtet, rechtfertigt er so:

In dieser Geschichte aber würde das kaum helfen. Kontinuität würde ihren Sinn verfehlen, Chronologie nur auf eine falsche Fährte führen. Wenn ich verstehen will, was mit mir passiert ist, muss ich mir Zugang verschaffen zu Erinnerungen, in denen sich der Schlüssel findet, warum ich der und der und der zu sein scheine statt einfach nur der „Ich“.

Obwohl die RAF, die Stasi, der BND und andere Geheimdienste eine Rolle spielen, ist „Apollokalypse“ ein apolitischer Roman. Überhaupt geht es dem Lyriker Gerhard Falkner in seinem scheinrealistischen Debütroman weniger um Inhalt als um Sprachmagie. Die neoexpressionistischen Bilder von München, Berlin und New York gehören zu den stillen Höhepunkten von „Apollokalypse“. Manchmal übertreibt Gerhard Falkner allerdings das furiose Spiel mit einfallsreichen Formulierungen, hochaufgeladenen Sätzen und bedeutungsschweren Metaphern:

Entweder will Gott das Unglück aus dieser Welt entfernen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht. Oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und will es. Will er es und kann es nicht, so wäre das Ohnmacht, die der göttlichen Natur zuwiderliefe. Kann er es und will es nicht, so wäre das Bosheit, die seiner Natur nicht weniger zuwiderliefe. Will er es nicht und kann er es nicht, so wäre es beides, Ohnmacht und Bosheit. Will er es und kann er es (was als einzige dieser Weisen Gott angemessen ist), woher kommt dann das Unglück auf Erden?

Irgendwann kam der Tag, an dem wir die Dinge nicht mehr richtig im Griff hatten. Entweder wollten wir es und konnten es nicht, oder wir wollten es nicht, weil wir es nicht konnten. Oder wir wollten es und konnten es auch, taten es aber einfach nicht.

Manchmal wird es auch albern:

Pünktlich mit dem 1. April begann der April und hörte fast den ganzen April über nicht mehr damit auf, den April zu spielen.

Das Triviale und das Philosophische, das Vulgäre und das Gebildete liegen in „Apollokalypse“ dicht bei einander. Das deutet Gerhard Falkner bereits im allerersten Satz des Romans an:

Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung, in Erscheinung zu treten.

Mit seinem außergewöhnlichen, sprachgewaltigen Debütroman „Apollokalypse“ schaffte es Gerhard Falkner gleich auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016.

Den Roman „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Wolfram Koch (ISBN 978-3-86952-325-5).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Gerhard Falkner

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