Jürg Federspiel : Die Ballade von der Typhoid Mary

Die Ballade von der Typhoid Mary
Die Ballade von der Typhoid Mary Erstausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1982 Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 1992 ISBN 3-518-38483-X, 154 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am 11. Januar 1868 läuft die "Leibniz" im Hafen von New York ein. 108 der 544 Passagiere – Auswanderer aus Preußen, Süddeutschland und der Schweiz – fielen während der Überfahrt einer Seuche zum Opfer. Ein überlebendes 13- oder 14-jähriges Mädchen, dessen Eltern ebenfalls starben, wird von dem Arzt Howard J. Rageet aufgenommen. ...
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Kritik

In fünfundvierzig düsteren Episoden hören wir vom Lebensweg der "Typhoid Mary". Dadurch erfahren wir auch einiges über die Unmoral in der frühkapitalistischen Gesellschaft.
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Der achtundfünfzig Jahre alte totkranke New Yorker Kinderarzt Howard J. Rageet bringt im Herbst 1981 zu Papier, was er über den Fall einer Frau in Erfahrung brachte, die offenbar selbst gegen Typhus immun war, jedoch zahlreiche Menschen mit der Krankheit ansteckte. (Rageets Frau starb vor zwei Jahren an Leukämie. Der Sohn Randolph ist wie sein Vater Kinderarzt geworden, und die Tochter Lea studiert Medizin.) Rageet stützt sich auf Notizen seines Großvaters Irving und auf einen Artikel, den dessen Freund George A. Soper im Dezember 1939 veröffentlichte. (Irving Rageet und George A. Soper waren ebenfalls Ärzte.)

Am 2. November 1867 stach die „Leibniz“ von Hamburg aus in See. An Bord waren 544 Auswanderer aus Preußen, Süddeutschland und der Schweiz. (Wählte Jürg Federspiel diesen Schiffsnamen, um sich über die Behauptung des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz zu mokieren, diese Welt sei die beste aller nur möglichen Welten?) Als das Schiff am 11. Januar 1868 den Hafen von New York erreichte, waren 108 Passagiere tot.

Unter den Überlebenden der Seuche ist ein dreizehn- oder vierzehnjähriges Mädchen, das sich als Tochter des verstorbenen irischen Schiffskochs Sean Mallon ausgibt und behauptet, Mary Mallon zu heißen. In Wirklichkeit handelt es sich um Maria Anna Caduff aus Graubünden. Ihre Eltern und die beiden Geschwister starben während der Überfahrt. Der New Yorker Arzt Gerald Dorfheimer führt das Mädchen an den Kontrollen der Einwanderungsbehörden vorbei und nimmt es mit zu sich nach Hause. Seine 60-jährige Haushälterin Vicky kündigt. Sie ahnt, dass Dortheimer nicht nur aus edlen Motiven handelt. Offenbar hat Mary schon durch den Schiffskoch erfahren, was ihr Retter möchte, denn sie zieht sich freiwillig aus und grinst ihn an. Bald darauf stirbt Gerald Dorfheimer.

Mary weiß, dass Alma Newton-Cantieni, die Besitzerin eines Gemüseladens in der Nachbarschaft, eine Haushaltshilfe gebrauchen kann, denn deren Mann Gilbert ist seit einem Sturz bei der Apfelernte vor zwei Jahren stumm und gelähmt. Mary pflegt den Kranken elf Tage lang. Dann ist er tot. Seine Frau beginnt ein neues Leben, und zwar mit dem Apfelpflücker, der Gilbert Newton nach dem Sturz gefunden hatte.

Als Mary mit ihrem Bündel durch die Straßen geht, wird sie von einem livrierten Mann angesprochen. Er bringt sie zu zwei alten Herren, die sie auffordern, Rock und Höschen auszuziehen, damit sie ihren Po im Schein des Kaminfeuers „mit vergreisten Kinderaugen“ anglotzen können. Einer der beiden Alten ist Delbert L. Scott, der bald seinen 80. Geburtstag feiert. Mary erhält neben der versprochenen Bezahlung auch dessen Adresse und stellt sich am nächsten Tag als Haushaltshilfe bei seiner Frau vor – natürlich „diskret“. Drei Wochen später ist er Witwer.

Nach dem Leichenschmaus, als alle fort sind, trifft Mary auf einen Einbrecher. Chris Cramer war von seinem Vater, einem „ewig besoffenen Spengler“ aus dem Haus geprügelt worden. Vor zwei Jahren kam der Dreiundzwanzigjährige aus Kansas City nach New York. Er richtete sich in einer Baracke ein und begann als Öler bei der Eisenbahn zu arbeiten. Cramer liest viel und gehört einer anarchistischen Bewegung an. Einmal bückt er sich nach einer Brieftasche, die einem Herrn aus der Manteltasche fiel – und wird als Dieb verdächtigt. Ein anderes Mal trägt er einer Dame den Koffer, wird von ihr zu Tee und Kuchen eingeladen, aber als sie sich an seiner Hose zu schaffen macht und er sich sträubt, schreit sie „Notzucht!“, und er wird acht Monate lang eingesperrt. Immer wieder versucht er Menschen zu helfen, und jedes Mal wird er dafür bestraft. (Erst nach seinem Tod erfährt Mary, dass er bei einer Demonstration in Chicago eine Bombe auf die Polizisten warf. Einer der Beamten starb. Die Rädelsführer wurden zum Tod verurteilt. Nur der Bombenwerfer entkam.)

Cramers Bekannter Al Fogerty verschafft Mary eine Stelle in der Küche des Hotels St. Denis. Das „Vorstellungsgespräch“ findet im Bett des Küchenchefs Jules d’Albert statt, der fast jede Arbeitspause dazu benutzt, um „in kaninchenhafter Eile“ über eine seiner Mitarbeiterinnen herzufallen. Nach einer Woche muss das Hotel geschlossen werden, weil nicht nur Hotelangestellte, sondern auch zwei prominente Gäste schwer erkrankt sind. Mary droht d’Albert, den Zeitungen etwas über die „Arbeitsbedingungen“ zu verraten und erpresst so das Dreifache des vereinbarten Lohns und ein Zeugnis als Köchin. (Später schwängert Jules d’Albert die Tochter des Hoteliers, heiratet sie und übernimmt das Hotel.)

1876 – Mary ist jetzt etwa einundzwanzig Jahre alt – erhält sie ihre erste Stelle als Köchin. Und zwar bei der Familie eines Privatbankiers, der Kredite zu Wucherzinsen gewährt und ausstehende Gelder durch fünf Schläger eintreiben lässt. Beim ersten Mal kocht Mary als Hauptgang Kaninchen mit Polenta, aber die Familie mag keine italienische Küche. Nur die zum Nachtisch servierten Pfirsiche werden gegessen. Mary muss ihre Sachen packen. Sie hat bereits eine neue Stelle, als die Todesanzeige für Gwendolyn Kotterer und ihren Sohn Louis erscheint.

Sechs Jahre später erhält sie durch Mittelsmänner eines offenbar reichen und mächtigen Herrn den Auftrag, sich um ein mongoloides Kind zu kümmern. Caroline fasst rasch Vertrauen zu Mary, und diese entwickelt Muttergefühle für das Mädchen. Doch als das Kind nach vier Jahren immer noch lebt, holt man es nachts ab und hinterlässt Mary 1000 Dollar als Lohn.

Der kauzige Junggeselle John Spornberg, in dessen Wohnung Unmengen von Uhren ticken, stirbt am 11. Arbeitstag seiner Köchin Mary. Irving Rageet stellt den Totenschein aus.

Dessen Freund George A. Soper untersucht 1906/07 einen Typhusfall in einer Villa, die George Thompson gehört. Der Bankier General William Henry Warren hatte sie für seine Familie und sieben Hausangestellte gemietet. Bei seinen Nachforschungen stößt Soper auf die Köchin Mary. Weil sie jedoch ständig ihren Namen und ihre Anstellungen wechselt, dauert es noch einige Zeit, bis er sie aufspürt. Sie flieht vor ihm ebenso wie vor der Gesundheitsinspektorin S. Josephine Baker, wird jedoch von der Polizei festgenommen. Nach drei Jahren Isolation kommt sie mit Hilfe des Anwalts Francis O’Connor frei, aber weitere fünf Jahre später wird sie erneut festgenommen, weil nach wie vor Typhusopfer ihren Weg säumen.

1930 erleidet Mary einen Gehirnschlag. Sie stirbt am 11. November 1938.

Aus einer Notiz von Lea S. Rageet geht hervor, dass sich ihr Vater nach Abschluss einer Aufzeichnungen das Leben genommen hat.

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Der Fall der Mary Mallon ist authentisch: Man nannte sie „Typhoid Mary“ („Typhus-Mary“), weil sie zwischen 1900 und 1907 als Köchin in New York 47 Personen mit Typhus infizierte, ohne selbst an Symptomen der Krankheit zu leiden. Als Auslöserin einer Typhus-Epidemie war die „Typhoid Mary“ eine klassische Indexpatientin (auch: Patient Null oder Patient 0).

Jürg Federspiel (1931 – 2007) nennt sein Buch „Ballade“. In 45 düsteren Episoden hören wir vom Lebensweg der „Typhoid Mary“. Dadurch erfahren wir auch einiges über die Unmoral in der frühkapitalistischen Gesellschaft. „[…] ein Reicher braucht hier jene zähe Seelenhaut, die ihm die Kinderstube zusammen mit dem Christentum eingegerbt und aufgepudert hat“, urteilt Howard J. Rageet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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