Jonathan Safran Foer : Alles ist erleuchtet

Alles ist erleuchtet
Originalausgabe: Everything is Illuminated Houghton Miflin, New York 2002 Alles ist erleuchtet Übersetzung: Dirk van Gunsteren Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003 ISBN 3-462-03217-8, 383 Seiten Fischer-Taschenbuchverlag, Frankfurt/M 2005 ISBN: 3-596-15628-9, 383 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 20-jährige amerikanische Jude Jonathan Safran Foer reist 1997 in die Ukraine, um nach dem Schtetl zu suchen, in dem sein Großvater aufwuchs und nach der Frau, die diesen 1942 vor den Deutschen gerettet haben soll. Unterstützt wird er dabei von dem gleichaltrigen Ukrainer Alex und dessen Großvater. Die Suche schlägt fehl, aber nach seiner Rückkehr schreibt Jonathan ein Buch über das Leben in einem Schtetl, und Alex verfasst einen Reisebericht.
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Kritik

Den Roman "Alles ist erleuchtet" hat Jonathan Safran Foer aus drei Teilen komponiert: Dem skurrilen Reisebericht eines jungen Ukrainers, seinen Briefen an einen gleichaltrigen amerikanischen Schriftsteller und dessen surrealem Roman über das Leben in einem 1942 von den Deutschen vernichteten Schtetl und die Geschichte seiner Familie.
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Odessa 1997: Der zwanzigjährige Ukrainer Alexander („Alex“) Perchow prahlt mit seinen vielen Freundinnen, mit denen er in den Nachtklubs seiner Heimatstadt sehr viel Geld „verbreitet“. Er behauptet, größer zu sein als alle Frauen – abgesehen von ein paar Lesben. Er liebt seinen sechs Jahre jüngeren Bruder Klein-Igor und spart Geld in einer Keksdose, um später mit ihm nach Amerika auszuwandern. Die Mutter arbeitet als Bedienung in einem Café.

Mutter ist eine bescheidene Frau. Sehr, sehr beschejden. Sie schuftet in einem kleinen Café in einer Stunde Entfernung von unserem Haus. Sie gibt den Leuten Essen und Trinken, und sie sagt: „Ich steige für eine Stunde in den Autobus und arbeite den ganzenTag, indem ich Dinge tue, die ich hasse. Und willst du wissen, warum? Für dich, Alexi-nerv-mich-nicht! Eines Tages wirst du für mich Dinge tun, die du hasst. Das bedeutet es, eine Familie zu sein.“ Aber sie betrachtet nicht, dass ich schon jetzt Dinge für sie tue, die ich hasse. Ich höre ihr zu, wenn sie mit mir spricht. Ich weigere mich, über mein winziges Taschengeld zu klagen. Und habe ich erwähnt, dass ich sie nicht so viel nerve, wie ich es mir wünsche? Aber ich tue diese Dinge nicht, weil wir eine Familie sind. Ich tue sie, weil sie normaler Anstand sind. Das ist ein Ausdruck, den mir der Held beigebracht hat. Ich tue sie, weil ich kein Scheißarschloch bin. Das ist noch ein Ausdruck, den mir der Held beigebracht hat. (Seite 11)

Der Vater – der auch Alexander heißt – betreibt seit den Fünfzigerjahren das Reisebüro Heritage Touring in Odessa, das sich darauf spezialisiert hat, Reisen für jüdisch-amerikanische Individualtouristen zu organisieren, die in der Ukraine nach ihren Vorfahren und deren Heimatorten suchen.

Seit Alex‘ Großmutter Anna vor zwei Jahren an einem Gehirntumor starb, bildet sein ebenfalls auf den Namen Alexander hörender Großvater sich ein, blind zu sein. Er bestand deshalb darauf, dass sein Sohn ihm einen Blindenhund besorgte. Sammy Davis jr. jr., wie Großvater die Hündin nennt, stammt aus einem „Heim für vergessliche Hunde“ und ist eigentlich keine echte Blindenhündin. Die meiste Zeit verbringt der inzwischen neunundsiebzigjährige „blinde“ Großvater vor dem Fernsehgerät.

Als der jüdisch-amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer – er ist genauso alt wie Alex – bei Heritage Touring eine Reise bucht, fungieren Alex und sein Großvater als Dolmetscher und Fahrer. (Weil Alex keinen „Fahrerschein“ besitzt, kann er den Wagen nicht selbst lenken.)

Mit ihrem schrottreifen Auto holen Alex und sein Großvater den Amerikaner vom Bahnhof in Lwow ab. Jonathan Safran Foer erschrickt, als er Sammy Davis jr. jr. auf dem Rücksitz erblickt, denn er fürchtet sich vor Hunden. Aber es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich neben das Tier zu setzen. Reiseziel ist Trachimbrod, ein Ort an der polnisch-ukrainischen Grenze, 23 Kilometer südöstlich von Lwow und 4 Kilometer nördlich von Kolki. Das Schtetl war die Heimat von Jonathans Großvater Safran, der nach dem Krieg in die USA auswanderte und dort fünf Wochen nach seiner Ankunft starb. Von seiner aus Kolki stammenden Großmutter, die durch den Holocaust alle ihre Angehörigen verloren hatte, bekam Jonathan Safran Foer ein vergilbtes und von Klebstreifen zusammengehaltenes Foto, auf dem neben seinem damals achtzehnjährigen Großvater ein drei Jahre jüngeres Mädchen zu sehen ist. Auf der Rückseite steht: „Das bin ich mit Augustine, 21. Februar 1943“. Jonathan Safran Foer möchte nicht nur Trachimbrod sehen, sondern vor allem nach dieser Augustine suchen, von der es heißt, dass sie seinem Großvater das Leben rettete.

Auf dem Weg nach Trachimbrod verfahren sie sich mehrmals.

Großvater ist zuerst Großvater und dann erst Fahrer. (Seite 86)

Als Jonathan darum bittet, die Klimaanlage anzustellen, bringt er die beiden Ukrainer in Verlegenheit, denn über so etwas verfügt ihr Auto nicht. Sie können auch kein Fenster herunterkurbeln, weil Sammy Davis jr. jr. dann hinausspringen würde.

Schließlich übernachtet die kleine Reisegesellschaft in einem schäbigen Hotel. Jonathan erklärt seinem Dolmetscher Alex, dass er Vegetarier ist.

„Nur eins“, sagte der Held. „Was?“ „Sie müssen wissen …“ „Ja?“ „Ich bin …Wie soll ich sagen …?“ „Was?“ „Ich bin …“ „Sie sind sehr hungrig, nicht?“ „Ich bin Vegetarier.“ „Ich verstehe nicht.“ „Ich esse kein Fleisch.“ „Warum nicht?“ „Ich esse es eben nicht.“ „Wieso essen Sie kein Fleisch?“ „Ich esse es eben nicht.“ „Er isst kein Fleisch“, informierte ich Großvater. „Natürlich isst er Fleisch“, sagte Großvater. „Natürlich essen Sie Fleisch“, informierte ich den Helden. „Nein. Tu ich nicht.“ „Warum nicht?“, erkundigte ich mich noch einmal. „Ich esse es eben nicht. Kein Fleisch.“ „Schweinefleisch?“ „Nein.“ „Fleisch?“ „Kein Fleisch.“ „Steak?“ „Nein.“ „Huhn?“ „Nein.“ „Essen Sie Kalb?“ „Um Gottes Willen, nein. Absolut kein Kalbfleisch.“ „Was ist mit Wurst?“ „Auch keine Wurst.“ Ich sagte es zu Großvater, und er schenkte mir einen sehr genervten Blick. „Was ist los mit ihm?“, fragte er. „Was ist los mit Ihnen?“, fragte ich den Helden. „So bin ich eben.“, sagte er. „Hamburger?“ „Nein.“ „Zunge?“ „Was hat er gesagt, das mit ihm los ist?“, fragte Großvater. „So ist er eben.“ „Isst er Wurst?“ „Nein.“ „Keine Wurst!“ „Nein. Er sagt, er isst keine Wurst.“ „Wirklich?“ „Das sagt er.“ „Aber Wurst ist …“ „Ich weiß. Sie essen wirklich keine Wurst?“ „Keine Wurst.“ „Keine Wurst“, sagte ich zu Großvater. Er schloss die Augen […]
„Wie meinen Sie das: Er isst kein Fleisch?“, fragte die Oberin, und Großvater legte den Kopf in die Hände. „Was ist los mit ihm?“, fragte sie. „Mit wem? Mit dem, der kein Fleisch isst, oder mit dem, der den Kopf in den Händen hält, oder mit dem Hund, der an seinem Schwanz kaut?“ „Mit dem, der kein Fleisch isst.“ „So ist er eben.“ Der Held fragte, worüber wir reden. „Sie haben nichts mit keinem Fleisch“, informierte ich ihn. „Er isst gar kein Fleisch?“, fragte die Oberin noch einmal. „Ja, so ist er eben“, sagte ich zu ihr. „Wurst?“ „Keine Wurst“, sagte Großvater zu der Oberin und verdrehte den Kopf hierhin und dorthin. „Vielleicht könnten Sie doch etwas Fleisch essen“, sagte ich zu dem Helden, „denn sie haben nichts mit keinem Fleisch.“ „Haben sie keine Kartoffeln oder so?“, fragte er. „Haben Sie keine Kartoffeln oder so?“, fragte ich die Oberin. „Eine Kartoffel erhält man nur zu Fleisch“, sagte sie […] „Frag ihn, ob er Leber isst“, sagte Großvater. (Seite 96f)

Am nächsten Morgen brechen der Großvater, Alex und Jonathan früh auf. Alex fragt überall nach Trachimbrod, aber von dem Ort scheint niemand etwas gehört zu haben – bis sie auf eine Greisin treffen, die behauptet: „Ich bin Trachimbrod.“

Ihre Haare waren […] lang und weiß. Die Enden bewegten sich über den Boden und nahmen Staub und Schmutz mit. (Seite 211)

In dem abgeschiedenen alten Haus, das sie bewohnt, stapeln sich Schachteln, in denen sie Erinnerungen aufbewahrt. Alex meint, sie hätten Augustine gefunden, aber die Frau schüttelt den Kopf: Sie heißt nicht Augustine, sondern Lista, und kennt das Mädchen auf dem Foto nicht. An Jonathans Großvater Safran kann sie sich jedoch erinnern: Er war der Erste, den sie geküsst hatte. Und sie gehörte zu den Gästen seiner Hochzeit mit Zoscha. In einer der Schachteln findet sie sogar ein Foto von sich und Safran.

Weil Jonathan nicht glauben mag, dass von Trachimbrod bis auf das von Lista bewohnte Haus nichts mehr übrig ist, soll sie die drei Besucher vor Einbruch der Dunkelheit zum Ortsmittelpunkt führen. Obwohl Großvater ihr versichert: „Es gibt keine Begründigung, Angst zu haben“, ist es der alten Frau auf dem Beifahrersitz zu unheimlich. Sie zieht es vor, mit dem Hund vor dem Auto herzugehen.

Sie konnte nicht schneller gehen als langsam. (Seite 209)

Es dauert einige Zeit, dann gelangen sie zu einem Denkmal, auf dem steht, dass am 18. März 1942 an dieser Stelle 1204 Trachimbroder von den Deutschen getötet wurden. Und mehr gibt es tatsächlich nicht mehr von Trachimbrod.

Lista weiß, dass Jonathans Großvater Safran das Massaker überlebt hatte, denn er kam später noch einmal kurz nach Trachimbrod, bevor er auswanderte und in einem Flüchtlingslager seine zweite Frau kennen lernte.

Zurück im Hotel, kramt Großvater in der Schachtel, die Lista ihnen mitgab. Er nimmt ein Foto heraus, auf dem zwei Männer, eine Frau und ein Kind zu sehen sind. Es wurde in Kolki aufgenommen. Er erklärt Alex, dass es sich bei der Frau um dessen Großmutter Anna handelt. Sie hält seinen Vater auf dem Arm. Außerdem sind der Großvater und dessen bester Freund Herschel abgebildet. Der Jude Herschel hatte keine eigene Familie; er dichtete und war zu schüchtern, um eine Frau anzusprechen. Seine einzigen Freunde waren Alex‘ Großeltern Alexander und Anna. Überrascht nimmt Alex zur Kenntnis, dass sein Großvater nicht aus Odessa, sondern aus Kolki stammt. Der alte Mann gesteht schließend, was damals geschah, 1942, als die Deutschen Kolki einnahmen: Alle Bewohner mussten sich vor der Synagoge aufstellen. Zuerst stießen die Deutschen den Rabbi in die Synagoge und erschossen den Kantor. Dann schritt ein deutscher Offizier mit vorgehaltener Pistole die Reihen ab und fragte einen nach dem anderen, wer Jude sei. Aus Angst um das eigene Leben deutete jeder Ukrainer auf einen Juden – bis Herschel der einzige Jude auf dem Platz war. Von dessen Herkunft wusste offenbar niemand etwas außer seinem Freund und dessen Frau, denn die Männer, die der Offizier nach weiteren Juden fragte, konnten keinen mehr angeben und wurden deshalb selbst erschossen. Als die Reihe an Alex‘ Großvater war, deutete er auf Herschel, den die Deutschen daraufhin als Letzten in die Synagoge sperrten, bevor sie das Gebäude in Brand setzten.

Nach seiner Rückkehr aus der Ukraine beginnt Jonathan Safran Foer einen Roman, in dem er die Geschichte des nicht mehr vorhandenen Schtetls Trachimbrod und die seiner Familie erfindet. Kapitel für Kapitel schickt er Alex, der zur gleichen Zeit an einem Reisebericht schreibt und die jeweils fertigen Abschnitte Jonathan schickt. Vom 20. Juli 1997 bis 26. Januar 1998 dauert der Briefwechsel.

Lieber Jonathan,
ich sehne, dass dieser Brief gut wird. Wie du weißt, bin ich nicht erstklassig mit Englisch. In Russisch sind meine Ideen abnorm gut formuliert, aber meine zweite Sprache ist nicht so unerreicht. (Seite 41)

In seinen Briefen äußerst Alex sich besorgt über seinen „ungesunden“ Großvater, und am 26. Januar 1998 teilt er Jonathan mit, sein Großvater habe sich vor vier Tagen in der Badewanne die Pulsadern geöffnet und sei verblutet.

Trachimbrod, 1791: Am 18. März 1791 behaupteten die Kinder Hannah und Chana, die Zwillinge des Rabbis, sie hätten gesehen, wie Trachim B. mit seinem Fuhrwerk in den Fluss Brod stürzte. Was wirklich geschehen, blieb unklar, aber tatsächlich trieb es alle möglichen Sachen hoch zur Wasseroberfläche, darunter auch ein neugeborenes Kind, ein Mädchen: Jonathans Ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter, die den Namen des Flusses erhielt. „Harry V., der Schtetl-Perverse und örtliche Meister-Logiker“, mutmaßte, dass auf dem Wagen auch noch eine Frau gewesen sein müsse, die während des Unfalls das Kind geboren habe. Wie wäre dann jedoch die Nabelschnur durchtrennt worden? Darauf wusste niemand eine Antwort. Der Rabbi vertraute Brod dem „entehrten Wucherer Jankel D.“ an. Die beiden leiblichen Kinder des Zweiundsiebzigjährigen, der eigentlich Safran hieß, aber nach seiner Verurteilung wegen einer geschäftlichen Unregelmäßigkeit den Namen Jankel angenommen hatte, waren bereits tot. Auch seine Frau hatte er verloren; sie lebte noch, war jedoch mit einem anderen Mann fortgegangen.

Der bis zu dem Vorfall namenlose Ort bestand aus dem Jüdischen Viertel und dem „Menschlichen Dreiviertel“, und weil sich die Grenze zwischen den beiden Gebieten ständig verschob, wurde die auf Rädern montierte Synagoge hin- und hergeschobenen. Erst 1791 erhielt der Ort den offiziellen Namen Sofiowka – nach dem verrückten Grundbesitzer Sofiowka N. –, aber die Bewohner zogen die Benennung nach dem verunglückten Trachim B. und dem Fluss vor: Trachimbrod.

Einige mutige Männer konnten zwar das Fuhrwerk bergen, aber Trachims Leiche wurde nie gefunden. Im Gedenken an das Unglück veranstalteten die Trachimbroder alljährlich am 18. März ein Fest, bei dem Brod als Meerjungfrau auftrat und junge Männer nach einem mit Goldmünzen gefüllten Sack tauchten.

Die Frauen von Trachimbrod mieden den Umgang mit Brod und hielten auch ihre Kinder davon ab, mit ihr zu spielen, aber die Männer schauten sich nach ihr um und begehrten sie. Und so kam es, dass die Dreizehnjährige am 18. März 1804 auf dem Heimweg von der jährlichen Feier von Sofiowka vergewaltigt und entjungfert wurde. Als sie danach heimkam, suchte sie ihren Pflegevater Jankel, den sie für ihren leiblichen Vater hielt.

Jankel!, rief sie, als sie die Tür öffnete. Jankel, ich bin wieder da […]
Mit den winzigen Schritten eines Mannes, der sechsmal so alt war wie sie, ging sie durch das Wohnzimmer. Sie ging durch die Küche und zog dabei das Meerjungfrauen-Gewand aus. Sie ging durch das Schlafzimmer und suchte ihren Vater […]
Jankel!, rief sie, zog die dünnen Beine aus dem Schwanz der Meerjungfrau und enthüllte das stark gelockte Schamhaar […]
Papa? Bist du zu Hause?, rief sie und ging nackt von Raum zu Raum. Ihre Brustwarzen waren dunkelrot und hart von der Kälte, sie war blass und hatte eine Gänsehaut, und an ihren Wimpern gingen Regentropfenperlen.
[…] Sie fand ihn in der Bibliothek. Er war jedoch nicht, die Flügel eines halb gelesenen Buches auf der Brust ausgebreitet, in seinem Lieblingssessel eingeschlafen, wie sie vermutet hatte. Er lag auf dem Boden, zusammengekrümmt wie ein ungeborenes Kind […] Im Übrigen war der Raum vollkommen aufgeräumt […]
Das Blinzeln eines Blitzes beleuchtete den Kolker am Fenser. Er war stark, und dichte Augenbrauen beschatteten seine Augen, die so dunkel waren wie Ahornrinde. Brod hatte ihn gesehen, als er mit dem Sack aufgetaucht war, als er die Münzen wie goldenes Erbrochenes aus dem Sack auf den Boden geschüttet hatte, doch sie hatte ihn nicht weiter beachtet.
Geh weg!, schrie sie, bedeckte ihren nackten Busen mit den Armen, drehte sich wieder zu Jankel um und schützte seinen und ihren Körper vor den Blicken des Kolkers. Doch er ging nicht weg.
[…] Jankel zuckte noch einmal und stieß die Öllampe um, die dabei erlosch, sodass der Raum vollkommen dunkel war […] Brod ließ die Arme über Brust und Bauch an die Seite herabsinken und drehte sich zu meinem Ur-ur-ur-ur-ur-Großvater um.
Dann musst du etwas für mich tun, sagte sie. (Seite 140ff)

Am nächsten Morgen fand man Sofiowka: Er baumelte mit abgeschnittenen Händen an der Brücke über den Brod.

Brod heiratete den Mann aus Kolki. Er hieß Safran und hatte vor ihr noch nie eine Frau außer seiner Mutter geküsst. Sechs Wochen nach der Hochzeit löste sich in der Mühle, in der Safran arbeitete, ein Kreissägeblatt der Häckselmaschine aus der Halterung, sauste durch die Halle, prallte von Wänden und Deckenbalken ab und drang dem Kolker, der gerade ein Käsebrot aß, senkrecht in den Schädel. Das Sägeblatt konnte zwar nicht herausoperiert werden, aber Safran lebte weiter, auch wenn er aggressiv wurde und anfing, seine Frau zuerst zu beschimpfen und dann zu schlagen. Die ersten beiden Söhne des Ehepaars kamen in der Mühle um. Mit achtzehn gebar Brod ihren dritten Sohn, und genau zur gleichen Zeit starb Safran. Der Sohn, den Brod Jankel nannte, zeugte später Trachimkolker, der wiederum Safranbrod, den Vater von Trachimjankel und Großvater von Kolkerbrod. Letzterer zeugte Jonathans Großvater Safran.

Dieser Safran hatte einen leblosen rechten Arm. Das hielt man für eine Folge davon, dass er die Brustwarzen seiner Mutter blutig gebissen hatte und deshalb nicht genügend lang gestillt worden war. Die Frauen liebten Safran gerade wegen seines gelähmten und gefühllosen rechten Arms, den sie sich gern zwischen die Schenkel drückten. Als er zehn Jahre alt war und der verwitweten Greisin Rose W. beim Hausputz half, machte diese ihn zum Mann. Safran schlief schließlich mit über vierzig Frauen in Trachimbrod und doppelt so vielen aus benachbarten Dörfern, insgesamt mit 132 Frauen, von denen er 52 defloriert hatte.

Sie liebten ihn, und er vögelte sie. (Seite 275)

Sieben Jahre lang, von 1934 bis 1941, war Safran mit einer jungen Zigeunerin zusammen. Dann wurde er siebzehn und musste ihr sagen, dass seine Eltern eine Heirat für ihn arrangiert hatten. Zoscha, die Tochter des reichen Menachem und dessen Ehefrau Tova, war zwei Jahre jünger als Safran. Sieben Wochen vor der Eheschließung, die am 18. Juni 1941 in Trachimbrod stattfand, hatte Safran zum letzten Mal mit der Zigeunerin geschlafen. An seinem Hochzeitstag schnitt sich das Mädchen die Pulsadern auf und nahm sich das Leben.

Als der Bräutigam während der Hochzeitsfeier Nachschub aus dem Weinkeller holte, traf er dort auf Maya, die Schwester seiner Braut, die sich im Stehen von ihm nehmen ließ. Trotz seines eifrigen Sexuallebens hatte Safran seinen ersten Orgasmus jedoch erst in der Hochzeitsnacht mit seiner fünfzehnjährigen Frau, als er an die Zigeunerin dachte und Einschläge deutscher Bomben hörte.

Ein entferntes KABUMM! Näher kommend: KABUMM! KABUUUMM! […] Zoscha schrie vor Angst, Angst vor der körperlichen Liebe, vor dem Krieg, vor der nicht-körperlichen Liebe, vor dem Sterben, während mein Großvater erfüllt war von einer gewaltigen koitalen Energie, und als die sich entlud – KA-BUUUUUUUUMM! KA-UUUUUUUUUUUUUUUUUUUUMM! KA-KA-KA-KA-KA-KA-BUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUMM! –, als er am Rand des zivilisierten Menschseins in den Abgrund, in den freien Fall unverfälschter animalischer Verzückung stürzte und in sieben endlosen Sekunden die mittlerweile über 2700 bedeutungslosen Liebesakte mehr als wettmachte, als er sich in einer unaufhaltsamen Flutwelle in Zoscha ergoss und ein Licht ins Universum sandte, das stark genug war, um die Deutschen, wäre es nicht gestreut und verschwendet, sondern gebündelt und genutzt worden, vernichtend zu schlagen, fragte er sich, ob eine der deutschen Bomben vielleicht das Ehebett getroffen, sich wie ein Keil zwischen den benenden Körper seiner frisch angetrauten Frau und seinen eigenen gezwängt und Trachimbrod ausgelöscht hatte. Doch als er auf den Felsen am Grund der Schlucht aufschlug, als die sieben Sekunden des Bombardements vorüber waren und er seinen Kopf auf das von Zoschas Tränen und seinem Samen feuchte Kissen sinken ließ, begriff er, dass er nicht tot, sondern verliebt war. (Seite 358f)

Die Bomben schlugen allerdings nicht in Trachimbrod, sondern in Rowno ein. Es dauerte noch neun Monate, bis die Deutschen ins Schtetl kamen. Das geschah am 18. März 1942, als die Trachimbroder wieder ihr jährliches Fest feierten, an dem selbstverständlich auch Safran und Zoscha teilnahmen.

OH!, kicherte Zoscha laut, unfähig, ihre Stimme zu dämpfen. ES HAT MICH GERADE GETRETEN!
Mein Großvater legte das Ohr an ihren Bauch und erhielt einen starken Stoß gegen den Kopf, der ihn durch die Luft fliegen und einige Meter entfernt auf dem Rücken landen ließ.
DIESES KIND IST AUSSERGEWÖHNLICH! […]
DAS IST MEIN BABY!, rief er, und sein rechtes Auge saugte sich mit Blut voll wie ein Schwamm (Seite 373ff)

In diesem Augenblick bombardierten die Deutschen das Schtetl.

Der Traum vom Ende der Welt: bomben stürzten aus dem himmel und explodierten in trachimbrod in kaskaden aus licht und hitze […] mein safran trug seine frau wie ein frisch verheirateter zum wasser wo es wegen der umstürzenden bäume und der knallenden krachenden explosionen am sichersten zu sein schien […] mein safran verlor seine frau aus den augen […] die lautlosen schreie wurden in blasen an meine oberfläche getragen wo sie zerplatzten BITTE BITTE BITTE BITTE das treten in zoschas bauch wurde stärker und stärker BITTE BITTE das baby wollte nicht sterben BITTE die bomben kamen herab gackernd und sengend herab und meinem safran gelang es sich von der masse der menschen zu lösen und sich stromabwärts über den kleinen wasserfall in ruhigeres wasser treiben zu lassen aber zoscha wurde hinabgezogen BITTE und das baby das nicht sterben wollte wurde hinauf- und aus ihrem körper herausgezogen und färbte das wasser rings um sie her rot und es war ein mädchen und wurde wie eine luftblase an meine oberfläche getragen zum licht zum sauerstoff zum leben zum leben WAAA WAAA WAAA WAAA schrie es und es war vollkommen gesund und hätte überlebt wenn die nabelschnur es nicht wieder unter wasser zu seiner mutter gezogen hätte […] (Seite 378f)

Wer bei dem Bombardement nicht getötet worden war, musste vor den Deutschen antreten. Ein Offizier zwang die Männer, auf die am Boden liegende Thora zu spucken, indem er ihren Frauen oder Kindern seine Pistole an den Kopf hielt oder in den Mund schob. Als die Reihe an Listas Vater war, weigerte er sich, obwohl die Deutschen vor seinen Augen zuerst seine Frau und dann seine vierjährige Tochter erschossen. Als Nächstes rissen sie seiner älteren Tochter das Kleid und die Unterwäsche herunter. Sie war hochschwanger, und ihr Mann, der auch in der Reihe stand, musste zusehen. Der Offizier drückte ihr den Lauf seiner Mündung in die Genitalien, und als ihr Vater sich noch immer weigerte, auf die Thora zu spucken, drückte er ab. Die junge Frau brach zusammen, und weil sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte, zog sie sich mit den Händen fort, wobei sie eine Blutspur hinterließ. Die Soldaten lachten und drohten dem Vater der schwer Verletzten nun, sie nicht zu erschießen, aber er beugte sich erst, als ihm selbst die Pistole an die Schläfe gehalten wurde. – Lista klopfte später an alle Türen, aber niemand öffnete ihr. Sie verkroch sich im Wald. Das Kind in ihrem Leib war tot, aber sie überlebte. Als sie zurückkam, waren die Deutschen bereits nach Kolki marschiert. Lista sammelte alles ein, was sie in Trachimbrod finden konnte und zog damit in das einzige unzerstörte Haus.

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Als ich neunzehn war, fuhr ich für drei Tage in die Ukraine. Ich hatte ein Foto meines Großvaters mit einer Frau dabei, die laut unserer Familiengeschichte meinen Großvater vor den Nazis gerettet hat. Ich blieb drei Tage, am vierten fuhr ich nach Prag, wo ich zwei Monate lebte. Während dieses Sommers, in diesen zwei Monaten schrieb ich die erste Fassung des Buches. Und dann verbrachte ich die nächsten zwei Jahre damit, es in eine druckfertige Fassung zu bringen. (Jonathan Safran Foer)

Den Roman „Alles ist erleuchtet“ hat Jonathan Safran Foer aus drei Teilen komponiert: Da ist zum einen der zwanzigjährige amerikanische Jude Jonathan Safran Foer, der sich auf eine Reise in die Vergangenheit begibt und danach einen surrealen Roman über das Leben in einem Schtetl und seine Familiengeschichte schreibt, dessen Stil an den magischen Realismus von Gabriel García Márquez erinnert. Zur gleichen Zeit verfasst der gleichaltrige Ukrainer Alex, den ihm das Reisebüro in Odessa als „Dolmetscher“ zur Verfügung stellte, einen Bericht über die zweitägige Reise mit Jonathan Safran Foer und seinem Großvater, der den Wagen fuhr. Kopien der fertigen Kapitel schicken sich Alex und Jonathan gegenseitig zu. Alex‘ Begleitbriefe, in denen er das Gelesene bzw. Geschriebene kommentiert und Jonathan über Neuigkeiten in seiner Familie unterrichtet, bilden eine weitere Ebene des Romans „Alles ist erleuchtet“. Diese Handlungsstränge, die sich ständig abwechseln, verknüpfen sich von Kapitel zu Kapitel immer enger.

Die polyphone Konstruktion – durch die „Alles ist erleuchtet“ Reise-, Familien- und Schelmenroman zugleich ist – ermöglicht es Jonathan Safran Foer, eine Geschichte über das grauenvolle Schicksal osteuropäischer Juden zu erzählen und sie immer wieder durch Komik zu brechen, ohne den Holocaust zu verharmlosen.

[…] weil humorvoll die einzige wahrheitliche Art ist, eine traurige Geschichte zu erzählen (Seite 81)

Während der schelmische Ukrainer Alex von einer schrägen, aberwitzigen Reise berichtet und dabei auch ungewollt durch seine rührenden Fehler im Gebrauch der amerikanischen Sprache für Vergnügen sorgt, entwickelt der amerikanische Schriftsteller Jonathan, der begriffen hat, dass nur noch erfundene Geschichten die Erinnerung an den Reichtum des jüdischen Lebens in Osteuropa bewahren können, seine fantastischen Vorstellungen über die teilweise recht skurrilen Menschen in einem Schtetl, das als Mikrokosmos für das Ganze steht.

Der Roman geht sehr respektlos, spielerisch und experimentell mit dem Material um […] Die provokanteste Idee war für mich die, dass eine liebvoll ausgedachte Vergangenheit ebenso wertvoll ist wie eine, an die man sich genau erinnert. (Liev Schreiber in einem Interview, „Süddeutsche Zeitung“, 14. Dezember 2005)

Jonathan Safran Foer (*1977), studierte in Princeton Philosophie und Literatur. „Alles ist erleuchtet“, sein von Liev Schreiber („Alles ist erleuchtet“, 2005) verfilmter Debütroman, wurde ein Welterfolg. Unter dem Titel „Extrem laut und unglaublich nah“ („Extremely Loud and Incredibly Close“) erschien 2005 der zweite Roman von Jonathan Safran Foer. Außerdem schrieb Jonathan Safran Foer inzwischen das Libretto für die Oper „Seven Attempted Escapes from Silence“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

Liev Schreiber: Alles ist erleuchtet

Christa Wolf - Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud
"Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" ist weder Roman noch Essay. Christa Wolf betont zwar die Fiktionalität des Textes, aber die autobiografischen Bezüge sind unübersehbar und ohne einiges über die Schriftstellerin zu wissen, verstünde man den Text über die Selbsterforschung der Ich-Erzählerin nicht.
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