Nikola Hahn : Der Garten der alten Dame

Der Garten der alten Dame

Nikola Hahn

Der Garten der alten Dame

Der Garten der alten Dame Thoni-Verlag, Rödermark 2013 "Der Garten der alten Dame"wird in vier verschiedenen Ausgaben angeboten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als ihre Eltern sich trennen, bleibt Eli bei der Mutter und zieht mit ihr in eine Wohnung in einem Mietshaus. Ihren Vater sieht sie leider nur noch samstags. Und die neue Schule missfällt ihr. In der Nachbarschaft entdeckt Eli einen alten Garten. Obwohl es verboten ist, schlüpft sie so oft wie möglich durch eine Öffnung in der Mauer, die ihn umgibt. In dem Garten unterhält sie sich mit einer alten Frau, einem Troll, und einer winzigen Eisenbahn, die behauptet, ein Schiff zu sein und fliegen zu können ...
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Kritik

"Der Garten der alten Dame" ist ein zauberhaftes Märchen, eine romantisch-poetische Hymne auf die Natur, die Kindheit und die Fantasie. Einfühlsam und mit einer Fülle von Ideen versetzt Nikola Hahn sich in die Rolle eines kleinen Mädchens.
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Als ihre Eltern sich trennen, bleibt Eli – eigentlich heißt sie Elisabetha Clothilde – bei der Mutter und zieht mit ihr in eine Wohnung in einem Mietshaus. Die neue Wohnung des Vaters ist noch kleiner. Eli freut sich auf die Samstage mit ihrem Vater, der ihr so schöne Geschichten erzählte, als sie noch alle zusammen waren. Aber die neue Schule, die sie nun besucht, missfällt ihr.

In der Nachbarschaft entdeckt Eli einen alten Garten. Ihre Mitschülerin Emma behauptet, die Besitzerin, Frau Meyer, sei vor einiger Zeit gestorben. Eli findet an der Mauer, die das Grundstück umgibt, einen Durchschlupf und schaut sich in dem Garten um. Auf der überdachten Terrasse des alten Hauses sitzt eine Frau in einem Schaukelstuhl, die Eli freundlich grüßt und bei ihrem Namen nennt. Es ist Frau Meyer. Emma hat sich offenbar geirrt. Eli könne auch „Tante Irma“ zu ihr sagen, meint die alte Dame, aber das Mädchen zieht „Frau Meyer“ als Anrede vor. Ihr Ehemann Otto sei nach 66 Ehe gestorben, erzählt Frau Meyer. Da staunt Eli, denn ihre Großmutter Maria starb im Alter von 63 Jahren. Wenn Frau Meyer also noch länger verheiratet war als Oma Maria überhaupt lebte, muss sie ungeheuer alt sein.

„Bist du denn gar nicht traurig, wenn du so allein bist?“
„Du bist doch da.“
„Ich gehe gleich wieder.“
„Du wirst wiederkommen.“
„Woher weißt du das?“
Sie lächelte. „Du wirst schon sehen.“
Als Eli den nächsten klaren Gedanken fassen konnte, fand sie sich am Schreibtisch in ihrem Zimmer wieder. […] Die alte Frau Meyer hatte ein bisschen Unfug erzählt, aber das hatte Oma Maria auch gemacht, und Eli hatte sie trotzdem liebgehabt.

Obwohl es verboten ist, geht Eli nun so oft wie möglich in den alten Garten. Dort unterhält sie sich nicht nur mit Frau Meyer, sondern auch mit dem Gartenzwerg Nikodemus, bei dem es sich genau gesagt um einen Troll handelt und mit Graf Luitpold Rudolphius Ordinarius von und zu Waggoner, kurz Graf Luigi, der wie eine winzige Eisenbahn aussieht, aber behauptet, er sei ein Schiff und könne fliegen. Erst später erfährt Eli von ihrer Großmutter Augusta, dass man so etwas als Luftschiff bezeichnet.

Gerade war Eli noch bei Frau Meyer im Garten, da hört sie ihre Mutter rufen:

„Eli! Wach auf!“
Es dauerte eine Weile, bis sie merkte, dass es nicht Sonntagvormittag, sondern Montagmorgen war. Dass sie aufstehen musste, weil die Ferien zu Ende waren. Dass Mama es eilig hatte, dass sie ungeduldig war und fahrig, und müde wie Eli.
War sie tatsächlich im Garten und in der Wohnstube bei Frau Meyer gewesen? Oder hatte sie alles bloß geträumt?

In der Schule sitzt Eli neben Emma. Die pummelige Polizisten-Tochter mit Brille bemüht sich um ihre Freundschaft.

Dabei war Emma wirklich die Allerletzte, mit der Eli befreundet sein wollte. Außerdem hatte sie schon Freunde: Frau Meyer und Nikodemus. Und wenn sie überhaupt jemals wieder eine beste Freundin haben wollte, dann bestimmt keine wie Emma, die so brav und wohlerzogen war, dass sie nicht mal was Verbotenes dachte.

Zum ersten Mal ist Eli an Weihnachten mit ihrer Mutter allein. Ihr Vater kommt nur kurz zu Besuch und bringt Geschenke. Früher war auch Oma Maria stets dabei und brachte selbst gebackenen Kuchen mit. Oma Augusta befand sich jedes Mal auf einer Reise. Sie rief an, teilte mit, dass sie etwas auf Elis Sparbuch überwiesen habe und versprach, im nächsten Jahr Weihnachten mit ihnen zu feiern. Dieses Mal ist sie in Japan.

Fast ebenso gern wie in den alten Garten geht Eli ins nahe Blumengeschäft und unterhält sich mit der Betreiberin, die sie hin und wieder mit Frau Meyer verwechselt. Hin und wieder schenkt die Blumenfrau ihr auch ein paar Pflanzen.

Weil Eli gern Pommes isst, geht der Vater samstags mit ihr in die Gaststätte „Zum kleinen Krug“. Aber da ist jetzt Katja, eine Bedienung, die viel mit Elis Vater redet und versucht, auch mit Eli ins Gespräch zu kommen. Eli hat aber keine Lust, die kostbaren Stunden mit ihrem Vater mit jemandem zu teilen. Sie behauptet deshalb, keinen Appetit mehr auf Pommes zu haben und schlägt vor, statt in den „Kleinen Krug“ in den Zoo zu gehen. Als Katja das hört, fragt sie, ob sie mitkommen dürfe, und der Vater sagt ja, ohne Eli gefragt zu haben.

Einmal, als Eli die Wohnung ihres Vaters aufschließt, für die sie einen Schlüssel bekam, hört sie ihn mit Katja reden. Katja drängt ihn, seiner Tochter endlich die Wahrheit zu sagen. Da begreift Eli, dass ihre Eltern nie wieder zusammen wohnen werden und Katja die neue Lebensgefährtin des Vaters ist. Entsetzt verlässt sie die Wohnung.

Eli versucht, ihre Besuche im Garten der alten Dame auch vor Emma geheim zu halten. Dennoch findet Emma nach einer Weile heraus, wohin Eli häufig verschwindet. Zunächst wagt sie es nicht, mit in den Garten zu gehen, aber dann nimmt sie sich ein Herz und begleitet Eli. Statt eines blühenden Gartens, wie Eli ihn beschrieben hat, sieht sie allerdings nur Gestrüpp. Sie zerreißt sich die Strümpfe und gerät in Brennnesseln. Weder Frau Meyer noch Luigi lassen sich blicken, und Nikodemus bleibt stumm. Enttäuscht verlassen die Mädchen den alten Garten.

Der Blumenladen ist geschlossen. „Wegen Geschäftsaufgabe“ steht an der Tür. Die Blumenfrau erklärt Eli und Emma, sie habe nicht mehr genug Kunden, weil die Preise in den großen Geschäften in der Stadt niedriger seien und sie da nicht mithalten könne.

Das Schuljahr geht zu Ende. Elis Zeugnis ist weder besonders gut noch schlecht. Emma wird als Klassenbeste bestätigt. Als eine andere Schülerin Emma deshalb als Streberin beschimpft, erklärt Eli laut und deutlich, dass Emma ihre Freundin sei.

Die letzten beiden Wochen der Sommerferien verbringt Eli mit Katja und ihrem Vater an der Ostsee. Dabei stellt sie fest, dass Katja gar nicht so übel ist. Und die Zeit vergeht wie im Flug.

Als Eli zurückkommt, ist die Mauer des alten Gartens weg und das Haus halb abgerissen. Arbeiter sind mit Baggern und Lastwagen dabei, alles plattzumachen. Zwei Passantinnen meinen, die Beseitigung des Schandflecks sei längst überfällig gewesen.

Jahre später wollen Eli und ihr Freund Markus ein Haus mit Garten kaufen. Der Immobilienmakler spricht noch mit einer anderen Interessentin.

„Was, bitte, soll die Bruchbude kosten?“ Die Frau war heftig geschminkt, um die Mitte Vierzig und so schlank, dass es wehtat. Der Makler wiederholte den Preis. Die Frau lachte schrill. „Da sind die Container zur Entsorgung dieser“, sie deutete verächtlich auf den verwilderten Garten, „Unkrautberge wohl hoffentlich mit drin.“

Nach der Besichtigung meint sie:

„Wenn Sie dafür sorgen, dass dieses Gestrüpp“, sie zeigte auf das Efeukleid des Hauses, die Büsche vor der Mauer und den alten Kirschbaum, „umgehend verschwindet, könnte ich mir die Sache überlegen.“

Eli gefällt der Garten so gut, dass sie Emma begeistert eine SMS nach New York schickt. Aber sie glaubt nicht, dass sie und Markus die andere Interessentin überbieten können, die eine kleine Immobilie für ihre Tochter sucht, die demnächst ihr Studium in der nahen Stadt beginnen wird.

Während Eli und Markus geduldig im Garten darauf warten, dass der Makler Zeit für sie hat, werden sie überraschend von einem alten Herrn auf eine Tasse Kaffee eingeladen. Es handelt sich um den bisherigen Bewohner des Häuschens. „Meyer“, stellt er sich vor. Er mahlt Kaffeebohnen und gießt das heiße Wasser von Hand auf. Irmchen, seine Frau, sei vor vielen Jahren gestorben, sagt er. Eli fragt ihn nach seinem Vornamen und erwartet, dass er „Otto“ sagt, aber er nennt sich „Willi“. Den Makler habe sein Sohn beauftragt, erklärt er. Willi Meyer sieht zwar ein, dass er in ein Seniorenheim ziehen muss, möchte aber seinen Besitz nicht an Leute verkaufen, die darauf aus sind, das Haus zu entkernen, die Bäume zu fällen und den Garten umzupflügen.

Sein geschäftstüchtiger Sohn kann ihn nicht davon abhalten, Eli und Markus das Haus und den alten Garten zu verkaufen, obwohl andere Interessenten weit mehr Geld geboten haben.

Kurz nachdem er ins Heim gezogen ist, stirbt er. Am Grab findet Eli den Namen Wilhelm Otto Meyer.

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„Der Garten der alten Dame“ ist ein zauberhaftes Märchen für Erwachsene, eine romantisch-poetische Hymne auf die Natur, die Kindheit und die Fantasie. Einfühlsam und einfallsreich erzählt Nikola Hahn von einem Mädchen, dessen Eltern sich gerade getrennt haben und das immer wieder in einer Traumwelt Zuflucht sucht. Dabei sind die Übergänge von der Realität zur Imagination so geschickt gestaltet, dass die Grenzen fließend bleiben. An einer Stelle in „Der Garten der alten Dame“ fügt Nikola Hahn sogar noch eine Traumwelt in der Traumwelt hinzu: Eli spricht in ihrer Vorstellung mit Frau Meyer im alten Garten und malt sich in dieser imaginierten Situation aus, wie es wäre, wenn ihre Eltern auch da wären. Die nur in Elis Vorstellung existierende Frau Meyer holt sie dann mit einer Bemerkung aus dieser dritten Ebene in die zweite zurück.

Als Motto könnte ein auch von Nikola Hahn verwendetes Zitat dienen, das vermutlich aus dem Talmud stammt:

Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.

Nikola Hahn schreibt zwar in der dritten Person Singular, aber aus der Sicht des naiven Kindes und in einer entsprechend einfachen Sprache mit vielen Dialogen. Das geschieht mit großer Empathie, fantasievoll und mit einer Fülle von Ideen.

Über den Entstehungsprozess des Romans „Der Garten der alten Dame“ schreibt die Autorin:

Plötzlich war die Idee da, länger als ein Jahr schwirrte sie mir durch den Kopf, unzählige Male gedreht und gewendet.
Spinnerte Gedanken, kritisierte der Verstand. Schreib sie auf, empfahl der Bauch. Ich habe auf den Bauch gehört und wie bei allen Geschichten die man vom Privaten ins Öffentliche lässt, hat der Verstand geholfen, sie zu gliedern, zu überarbeiten, sie auch für Leser zu erzählen und nicht nur für mich.

Der Thoni-Verlag bietet „Der Garten der alten Dame“ in vier verschiedenen Ausgaben an:

  1. Illustriertes eBook mit dem Untertitel „Sommergarten“ (ISBN 978-3-944177-01-4)
  2. Taschenbuch mit Schwarz-Weiß-Illustrationen, „Herbstgarten“
    (ISBN 978-3-944177-14-4)
  3. Textausgabe, „Wintergarten“, ISBN 978-3-944177-16-8)
  4. farbig illustrierte Schmuckausgabe, „Frühlingsgarten“ (ISBN 978-3-944177-15-1)
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Thoni Verlag

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