Gert Hofmann : Die kleine Stechardin

Die kleine Stechardin

Gert Hofmann

Die kleine Stechardin

Die kleine Stechardin Erstausgabe:Carl Hanser Verlag, München / Wien 1994 Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999 ISBN 3-423-08480-4, 213 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


Lüstern und liebesbedürftig sehnt die Romanfigur Georg Christoph Lichtenberg sich nach einer Frau. Doch wegen seines Buckels und seiner Kleinwüchsigkeit kommt er an keine heran – bis er sich in eine 23 Jahre jüngere Blumenverkäuferin verliebt, die als Hausmädchen zu ihm kommt: die kleine Stechardin ...

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Kritik

Es ist rührend, wie der 38 Jahre alte Universitätsprofessor und die 15-jährige Analphabetin sich einander vorsichtig nähern, bis sie sich endlich in den Armen liegen. "Die kleine Stechardin" ist ein naiv wirkender, skurriler, wehmütiger und melancholischer Roman.
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Der Roman beginnt im Mai 1777, einige Wochen vor dem fünfunddreißigstem Geburtstag Georg Christoph Lichtenbergs, der seit zwei Jahren als ordentlicher Professor an der Universität Göttingen lehrte und forschte. Wenn er zu einer Abendgesellschaft eingeladen wurde, halfen ihm die Gastgeber auf einen hohen Kinderstuhl und schoben ihm ein paar Kissen unter, denn er war bucklig und nur 1,43 Meter groß.

Wegen seines Buckels musste er immer geistreich sein, das erwarteten die Leute von ihm. (Seite 98)

Lichtenberg hockte also in Göttingen mit wenigen Freunden und vielen Widersachern.
Und ganz ohne Frau?
Ohne Frau! (Seite 9)

Lichtenberg hockte zu Hause herum. Er las Bücher und schrieb manchmal was.
Und lehrte an der Kurhannoverschen Landesuniversität Göttingen. Die gab es noch nicht lange. Sein Hörsaal lag im ersten Stock, wo er auch wohnte, aß, schlief, sich entleerte und „wissenschaftlich träumte“. Oft träumte er auch von Frauen. Da schloss er die Augen und sagte: Ach!, und sie zogen an ihm vorbei. (Seite 12)

Morgens riss er die Tür zum Hörsaal auf, angeblich, um nach seinen Studenten zu sehen, in Wirklichkeit jedoch, um die Putzmamsellen zu überraschen. Die kleineren von ihnen zwickte er in die Wangen.

Wenn er mit einer allein in einer Ecke stand, nahm er sie am Kinn und drehte ihren Kopf herum. Dann wollte er sie auf den Mund küssen, aber er kam nicht so hoch. Da lachte die Putzmamsell, und er sagte: Dann eben nicht! und ging in eins seiner drei Arbeitszimmer. (Seite 19f)

„Ich habe ein Mädchen kennen gelernt, ein Mädchen, Mädchen, Mädchen!“ (Seite 44), jubelte Lichtenberg unvermittelt in einem Brief an einen Schulfreund, den Pfarrer Gottfried Hieronymus Amelung (1742 – 1800). Es handelte sich um die zwölfjährige Maria Dorothea Stechard, die er überredet hatte, als Blumenverkäuferin aufzuhören und stattdessen bei ihm als Hausmädchen anzufangen. Als die Mutter der kleinen Stechardin erfuhr, dass es sich um einen Professor handelte, der bereits vierzehn Bücher geschrieben hatte, stimmte sie zu, und bald schon nannte sie ihn liebevoll „unser Krüppelchen“ (Seite 47).

Nach einiger Zeit erreichte Georg Christoph Lichtenberg, dass die kleine Stechardin zu ihm in die Wohnung in der Gotmarstraße zog, die ihm der Verleger Johann Christian Dieterich (1722 – 1800) in seinem Haus kostenlos zur Verfügung gestellt hatte, und als er herausfand, dass sie nicht lesen und schreiben konnte, fing er an, sie zu unterrichten.

Die meisten Gedanken galten ihr, der Rest war wissenschaftlich. (Seite 71)

Nachts schlich er zu ihrer Zimmertür, um sie atmen zu hören. Er fragte sich, wie wohl ihr Körper aussah.

Er ging viel um sie herum und hätte sie gern berührt. Weil er das nicht durfte, hätte er gern lange witzige Gespräche mit ihr geführt, aber da sie so dicht bei ihm saß, fiel ihm nichts ein. (Seite 57)

Das Mädchen trug fast immer eine Haube, doch einmal zeigte sie ihm ihr Haar, und er war überrascht, denn es war fein und reichte ihr bis zur Hüfte.

Lichtenberg zog sie in die Fensterecke und ging um sie herum. Die Stechardin, die noch keine dreizehn war, ließ ihn ihr Haar anschauen. Dann sagte sie plötzlich: Nun ist’s genug!, ging in ihr Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Lichtenberg dachte: jetzt hab ich sie verscheucht! Vielleicht bin ich zu weit gegangen. (Seite 62)

Eines Abends, nachdem er eine Bouillon getrunken, zwei Kartoffeln und einen Apfel gegessen hatte, nahm er sie mit in sein Experimentierzimmer.

Wenn ich meine Finger – er hatte sie mit Seife geschrubbt – nach ihr ausstrecke, läuft sie aus dem Zimmer, dachte er. Und fangen kann ich sie nun mal nicht, die Beine sind zu kurz! (Seite 119)

Vorsichtig schlug er er ihr vor, die Kerzen bis auf eine auszublasen.

Dann wischte er seine Hand an der Hose ab und berührte ihr schönes Kleid […] Erst griff er an ihren linken Ärmel, dann an ihren rechten. Er musste tief Atem holen, es regte ihn sehr auf. (Seite 121)

Endlich nahm er allen Mut zusammen und fragte die kleine Stechardin, ob er ihr Herz fühlen dürfe und fasste sie dann kurz entschlossen an die Brust.

Ach Gott, sagte das Kind, das darfst du nicht, und er sagte: Ach Gott, ich weiß! (Seite 123)

Langsam entkleidete er die Dreizehnjährige, und weil sie noch nie von einem Mann ausgezogen worden war, merkte sie nicht, wie ungeschickt er sich dabei anstellte. Ihre Brüste waren noch nicht entwickelt, „kaum der Rede wert“ (Seite 124). Erregt blies er die letzte Kerze aus.

Was nun kam, war das mühsame und brutale und blutige Geschäft! (Seite 125)

Von da an brauchte er nicht mehr allein in seinem breiten Bett zu schlafen. Auch nach drei Jahren hatten sie noch nicht genug voneinander. Weil die Leute ohnehin über das ungleiche Paar tuschelten, musste die kleine Stechardin sich schließlich nicht mehr verstecken, wenn Besucher kamen.

Es wissen ja doch alle, dass ich unablässig auf dir herumreite, sagte Lichtenberg zur Stechardin. (Seite 193)

Als ihm auffiel, dass Friedrich, der Junge, der ihm seine Bücher von der Universität nach Hause trug, für die kleine Stechardin Holz holte, Kartoffeln schälte und Rüben putzte, stellte er sie eifersüchtig zur Rede, aber sie beteuerte ihre Unschuld.

Im Alter von siebzehn Jahren und neununddreißig Tagen wurde sie ernsthaft krank und konnte nicht mehr aufstehen. Sie fieberte und bekam rote Flecken im aufgedunsenen Gesicht. Georg Christoph Lichtenberg ließ zwei Ärzte kommen, aber sie konnten nicht verhindern, dass die kleine Stechardin starb.

Der Gelehrte entwickelte sich zum Hypochonder, und in seiner Wohnung sah es bald übel aus. Das änderte sich, als er Margarethe Kellner, die neunzehnjährige Tochter eines Weißbinders, einstellte und sich von ihr pflegen ließ.

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Bei Gert Hofmanns posthum veröffentlichtem Roman „Die kleine Stechardin“ handelt es sich nicht um eine Biografie, sondern um eine fiktive Geschichte über die Liebe des verkrüppelten Gelehrten Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) zu der dreiundzwanzig Jahre jüngeren Kindfrau Maria Dorothea Stechard (1765 – 1782).

Kenner Lichtenbergs werden bemerken, dass vieles in diesem Buch erstunken und erlogen ist […] Bei uns ist er geworden nicht, wie er war, sondern wie er auch hätte sein können. (Seite 5)

Immerhin entspricht es der Wahrheit, dass Professor Georg Christoph Lichtenberg 1777 der zwölfjährigen Maria Dorothea Stechardin begegnete und sie drei Jahre später in seine Wohnung holte. Ähnliches ist übrigens auch von anderen berühmten Männern überliefert. Julia Mark war vierzehn, als der zwanzig Jahre ältere E. T. A. Hoffmann ihr begegnete und sich in sie verliebte. Edgar Allan Poe heiratete 1835 seine dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm. Und Johann Wolfgang von Goethe verliebte sich noch mit zweiundsiebzig in die siebzehnjährige Ulrike von Levetzow (1804 – 1899). Den berühmtesten Roman über die Liebesbeziehung eines Vierzigjährigen und einer Zwölfjährigen schrieb wohl Vladimir Nabokov (1899 – 1977): „Lolita“. Er wurde von Stanley Kubrick 1962 und von Adrian Lyne 1997 verfilmt. 1999 drehte Sam Mendes einen ausgezeichneten Film, in dem es allerdings nicht nur um die Liebe eines Zweiunvierzigjährigen zur besten Freundin seiner Tochter geht: „American Beauty“.

Lüstern und liebesbedürftig sehnt die Romanfigur Georg Christoph Lichtenberg sich nach einer Frau, doch wegen seines Buckels und seiner Kleinwüchsigkeit kommt er an keine heran – bis er sich in eine Blumenverkäuferin verliebt, die als Hausmädchen zu ihm kommt. Es ist rührend, wie die beiden grundverschiedenen Menschen – der sechsunddreißig Jahre alte Universitätsprofessor und die dreizehnjährige Analphabetin – sich einander vorsichtig nähern, bis sie sich endlich in den Armen liegen.

„Die kleine Stechardin“ ist ein skurriler, wehmütiger und melancholischer Roman. An die Sprache, die wohl naiv wirken soll, kann man sich nur schwer gewöhnen, etwa wenn Gert Hofmann über den Besuch des Ungarn Dr. Imrédy bei Lichtenstein schreibt:

Sie sprachen vom Wetter, erst von dem ungarischen, dann von dem in Göttingen. In Ungarn war es eher trocken, in Göttingen eher feucht. Manchmal war es aber auch in Göttingen trocken und in Ungarn feucht. (Seite 173)

Gert Hofmann wurde am 29. Januar 1931 im sächsischen Limbach geboren. 1948 zog seine Familie mit ihm nach Leipzig. Dort besuchte er später die Fremdsprachenschule und begann ein Universitätsstudium der Romanistik, Germanistik, Slawistik und Anglistik, das er in Freiburg im Breisgau abschloss. Nach seiner Promotion über Henry James lehrte Gert Hofmann an verschiedenen ausländischen Universitäten, bevor er seinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller verdienen konnte. Er starb am 1. Juli 1993 – vier Wochen nach Abgabe des Manuskripts für „Die kleine Stechardin – in Erding.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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