Patrick Modiano : Unterwegs nach Cheuvreuse

Unterwegs nach Cheuvreuse
Chevreuse Gallimard, Paris 2021 Unterwegs nach Cheuvreuse Übersetzung: Elisabeth Edl Carl Hanser Verlag, München 2022 ISBN 978-3-446-27407-5, 156 Seiten ISBN 978-3-446-27565-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 70-jährige Schriftsteller Jean Bosmans erinnert sich an Ereignisse um 1964/65. Er war 20, lebte in Paris und wurde von einer Gruppe Krimineller angegangen, die glaubten, er könne 15 Jahre zuvor etwas beobachtet haben, das ihnen helfen würde, eine damals in einem Haus in der Chevreuse versteckte Beute zu finden. In diesem Zusammenhang erinnert sich der 20-Jährige bruchstückhaft an Kindheitserlebnisse.
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Kritik

Virtuos lässt Patrick Modiano in seinem feinsinnigen Roman "Unterwegs nach Chevreuse" nicht nur die Gedanken seines Protagonisten zwischen verschiedenen Lebensabschnitten hin und her gleiten, sondern verschachtelt dieses elegante Spiel auch noch, indem sich der 70-Jährige Ich-Erzähler Jean Bosmans daran erinnert, wie er sich als 20-Jähriger bruchstückhaft an damals 15 Jahre zurückliegende Ereignisse erinnerte.
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Mitte der Sechzigerjahre

Der 20 Jahre alte angehende Schriftsteller Jean Bosmans lebt Mitte der Sechzigerjahre in Paris. Dort freundet er sich mit der ein oder zwei Jahre älteren Camille Lucas an, die den Spitznamen „Totenkopf“ trägt.

Camille und ihre Freundin Martine Hayward wollen kurz ins Chevreuse-Tal fahren, und Jean begleitet sie. Camille lenkt Martines Auto. Sie halten zunächst vor der ehemaligen Auberge du Moulin-de-Vert-Cœur, einen von Martines Ehemann Philippe Hayward geführten, inzwischen verfallenen Landgasthof. Martine erklärt, dass sie in der Nähe ein Haus mieten möchte und dort mit der Maklerin verabredet sei. Jean fühlt sich 15 Jahre in der Zeit zurückversetzt, denn als Fünfjähriger wohnte er in diesem Haus in der Rue du Docteur-Kurzenne. Es soll noch immer Rose-Marie Krawell gehören. Jean verrät nicht, dass er früher unter dieser Adresse wohnte. Während die Frauen das Haus besichtigen, wartet er am Wagen. Danach kehren sie zurück nach Paris.

Als Jean in Camilles Reisepass schaut, liest er: Lucas, Camille Jeannette, verehelichte Gaul, geboren in Nantes am 16. September 1943. Sie habe von ihrem Ehemann schon seit drei Jahren nichts mehr gehört, erklärt sie schulterzuckend.

Im Hôtel Chatham, in dem sie die Buchhaltung machte, hat sie gekündigt, aber sie verabredet sich noch immer mit einem der beiden Hoteliers, mit Michel da Gama, und sorgt dafür, dass Jean mitkommt. Der Vierzigjährige benutzt ein Feuerzeug, das Jean zu kennen glaubt, denn als er noch ein Kind war, gehörte es Rose-Marie Krawell.

Camille zeigt Jean ihr bisheriges Büro im Hotel. Es sei eigentlich das von Guy Vincent, Michels Kompagnon, sagt sie, aber der halte sich selten in Paris auf. Das Paar auf dem Foto am Schreibtisch kennt Jean aus der Kindheit: Guy Vincent und dessen Frau Gaëlle. Jean steckt das Foto ebenso ein wie einen Briefbogen und einen Taschenkalender ohne Jahresangabe. Camille sagt dazu nichts.

In dem Taschenkalender mit dem grünen Ledereinband stößt Jean dann auf seinen eigenen Namen: „20. Oktober, Jean Bosmans, Rue du Docteur-Kurzenne Nr. 38, Kompass“. Vor 15 Jahren schenkte ihm Guy Vincent einen Kompass mit seinem im Deckel eingravierten Namen.

Camille nimmt Jean mit in eine Wohnung im Quartier d’Auteuil, wo sich abends und nachts eine Gruppe undurchschaubarer Leute trifft. Ein 40-jähriger Mann namens René-Marco Heriford wohnt dort mit seinem kleinen Sohn und Gouvernante Kim, aber er selbst ist kaum anzutreffen.

Jean besucht Kim zweimal tagsüber, und es kommt ihm vor, als sei die Wohnung tagsüber ganz anders als nachts, so als handele es sich um parallele Welten. Kim erzählt ihm, dass sie zu Beginn des nächsten Schuljahres als Lehrerin an der École Marymount in Neuilly anfangen werde. Die Eigentümerin der Wohnung, Rose-Marie Krawell, eine Frau um die 50, habe sie vor zwei Jahren einmal gesehen, als sie von René-Marco Heriford eingestellt worden sei, sagt Kim. Sie kennt auch Michel da Gama, allerdings unter dem Namen Michel Dagamat.

Camille, die inzwischen in der Buchhaltung einer Autowerkstatt beschäftigt ist, behauptet, ihr Chef schicke sie zur Überprüfung der Finanzen einer Zweigstelle für einige Zeit nach Bordeaux. Jean ist sich nicht sicher, ob er das glauben soll. (Tatsächlich wird er nie wieder etwas von ihr hören.)

Kurz darauf überrascht ihn Martine Hayward mit einem Besuch. Sie werde nun in das zwei Wochen zuvor besichtigte Haus in der Chevreuse ziehen, erklärt sie. Ob er sie hinbringen könne. Ihr Auto steht unten, aber sie behauptet, ihren Führerschein verloren zu haben und deshalb die lange Strecke nicht selbst fahren zu wollen.

René-Marco Heriford sei ein Freund ihres Mannes, sagt sie. Seine Frau habe ihn vor zwei Jahren verlassen. Die Wohnung in Auteuil gehöre seiner Patentante Rose-Marie Krawell, und kurioserweise sei das auch die Eigentümerin des von ihr in der Chevreuse gemieteten Hauses.

„René-Marco hat viel Geld von ihr geliehen. Und mein Mann auch. Beide haben sie gut gekannt, als sie noch jünger waren.“

Rose-Marie Krawell sei letztes Jahr gestorben, erklärt Martine. Ein Büro von Guy Vincent habe es nie gegeben; er sei längst tot oder lebe unter anderem Namen in Amerika.

„Es scheint, du warst Zeuge irgendeiner Sache, vor fünfzehn Jahren, in diesem Haus der Rue du Docteur-Kurzenne.“
Sie war stehengeblieben und schaute ihm gerade in die Augen.
„Diese Idioten … ich meine Michel da Gama, René-Marco und sogar meinen Mann … sie haben versucht, mit dir in Kontakt zu treten.“
Sie griff wieder nach seinem Arm und drückte ihn nun fester. Und mit leiserer Stimme:
„Sie haben uns gebeten, Camille und mich, die Vermittlerinnen zu spielen.“
Er verstand noch nicht ganz, hoffte jedoch wirklich, sie werde Licht in die Sache bringen.
„Diese drei Idioten haben Guy Vincent kennengelernt, als sie sehr jung waren … in der Haftanstalt Poissy.“
Sie zögerte weiterzusprechen, als schäme sie sich, ihm derlei Dinge zu erzählen. Er hätte sie gern beruhigt. Mit ihm, Bosmans, musste sie keine solchen Bedenken haben.
„Als sie aus dem Gefängnis kamen, hat Guy ihnen geholfen. Mein Mann und da Gama haben mehr oder weniger für ihn den Chauffeur gespielt oder den Laufburschen. Das war ungefähr zu jener Zeit, als du in dem Haus gewohnt hast. Sie wollen dich fragen, ob du Zeuge irgendeiner Sache warst, die in dem Haus vorgefallen ist.“
Ja, sicher, er hatte begriffen. Es war wirklich nicht mehr nötig, dass sie Licht in die Sache brachte. […]
„Sie versuchen bloß, dir Fragen zu stellen. Sie sind Naivlinge und Idioten. Sie glauben, du wirst ihnen zeigen, wo die Schatzinsel liegt.“
Sie war mit ihrem Gesicht ganz nahe herangekommen.
„Ich hoffe, sie tun dir nichts. Auf jeden Fall, nimm dich in Acht.“

Im Restaurant Murat stößt Jean zufällig auf drei Männer. Michel da Gama und René-Marco Heriford machen ihn mit Martines Ehemann Philippe Hayward bekannt.

„Setzen Sie sich. Wir wollen Ihnen schon lange ein paar Fragen stellen.“

Jean rennt davon. Michel da Gama verfolgt ihn, aber Jean entkommt. Er nimmt den Zug nach Saint-Raphaël und fährt von dort mit dem Bus in ein Dorf im Massif des Maures, wo er sich ein Hotelzimmer nimmt.

Der Gedanke, dass die drei Idioten in dem von Martine Hayward gemieteten Haus in der Chevreuse nach einem Schatz suchen werden, amüsiert ihn.

Wenn die Polizisten vor fünfzehn Jahren gescheitert waren, kriegten diese Luschen es nicht besser hin.

Die Erlebnisse in den vergangenen Monaten verarbeitet er in einem Roman mit dem Arbeitstitel „Das Schwarz des Sommers“.

Während er sein Buch schrieb und eine Seite auf die andere folgte, zerrann ein Abschnitt seines Lebens oder wurde vielmehr von diesen Seiten aufgesaugt wie von Löschpapier.

Vom 1. Juli bis 15. August bleibt Jean an der Côte d’Azur, aber dann geht ihm das Geld aus. Zurück in Paris, versetzt er eine Uhr, die er gefunden und nicht abgegeben hatte.

Er ruft in der Wohnung im Quartier d’Auteuil an, aber niemand hebt ab. Im Hôtel Chatham verbindet man ihn mit dem Direktor, als er nach Michel da Gama fragt. Der hält den Anruf für einen schlechten Scherz, denn es gibt keinen anderen Hotelchef außer ihm.

Er wählt er die Nummer des Hauses in der Rue du Docteur-Kurzenne. Beim zweiten Versuch meldet sich ein Mitarbeiter des Maklerbüros, das seit einem Jahr versucht, die Immobilie zu verkaufen. Das Haus sei nie zur Vermietung angeboten worden, sagt er. Jean berichtet ihm, dass er dabei war, wie eine Dame mit einer Maklerin das Haus besichtigte und einen Mietvertrag abschloss.

„Ein Maklerbüro? Aber welches, Monsieur? Jedenfalls nicht unseres.“

Als der Makler erfährt, dass der Anrufer als Kind in dem Haus wohnte und Rose-Marie Krawell kannte, vertraut er ihm an, dass die Eigentümerin ein verwickeltes Erbe hinterlassen habe.

„Wir versuchen seit Monaten die Dinge zu klären. Aber diese Person war sehr schlecht beraten. […] Ein gewisser Monsieur Heriford hat die Dinge verkompliziert … Er und zwei Freunde von ihm.“
„René-Marco Heriford?“
„Ganz genau. Heriford, Hayward und da Gama. […] Heriford behauptete, er sei Madame Krawells Patensohn und ihr einziger Erbe. Offenbar hat er viel Geld seiner angeblichen Patentante veruntreut und sogar viele Papiere von ihr gefälscht … […] Das Haus wurde unter Zwangsverwaltung gestellt, ebenso eine Wohnung im Auteuil-Viertel, deren Besitzerin Madame Krawell gewesen ist. Und wir warten auf das Urteil … Heriford und seine zwei Freunde sind verschwunden.“

15 Jahre davor

Jean erinnert sich vage und fragmentarisch an Erlebnisse in seiner Kindheit, als er in dem Haus in der Chevreuse wohnte. Beispielsweise sagte Rose-Marie Krawell einmal am Telefon: „Guy ist wieder raus aus dem Gefängnis.“ Als Fünfjähriger verstand er nicht, worum es ging, auch nicht, als er durchs Fenster des Hauses der Rue du Docteur-Kurzenne beobachtete, wie Männer Kisten und große Jutesäcke von einem Lieferwagen abluden, und er hörte, wie sie die Sachen bis unters Dach hinauftrugen, wo seit Tagen Mauerarbeiten stattfanden.

Später durchschaute die Polizei das ganze Haus, sogar sein Kinderzimmer. Aber den fünfjährigen Jungen befragte keiner der Polizisten. Jean hätte ihnen sagen können, wo vermutlich eine Geheimkammer geschaffen worden war.

50 Jahre danach

Im Alter von 70 Jahren versucht der Schriftsteller Jean Bosmans, sich die Ereignisse in Erinnerung zu rufen und sie zu ordnen.

Inzwischen kommt es ihm so vor, das seien die Romanfiguren Fantasiegeschöpfe. Doch mitunter melden sich Leserinnen oder Leser bei ihm und schreiben ihm, dass sie glauben, die eine oder andere Person gekannt zu haben.

Sehr geehrter Herr,
ich bin ein Leser Ihrer Bücher, und mir ist aufgefallen, dass Sie darin wiederholt auf einen gewissen Guy Vincent anspielen, den Sie manchmal Roger Vincent nennen […]. Ich habe Guy Vincent auf dem Lycée Pasteur in Neuilly kennengelernt. Wir waren alle beide sechzehn und in der Obersekunda. […]
Und dann ist der Krieg gekommen, und wir haben uns aus den Augen verloren. Ich bin ihm einige Zeit nach der Befreiung zufällig begegnet. Er hat mir erklärt, er arbeite in der amerikanischen Botschaft. Er hatte geheiratet, und wir haben uns mehrmals zusammen mit seiner Frau Gaëlle gesehen. Sie wohnten in einer kleinen Stadtvilla nicht weit vom Boulevard Berthier. Guy hatte mir erklärt, sie sei von der amerikanischen Botschaft für ihn requiriert worden. Später dachte ich, er habe Frankreich verlassen, weil in seinem Haus niemand mehr ans Telefon ging. Und in der amerikanischen Botschaft, wo ich versucht hatte ihn zu erreichen, kannte ihn niemand. Ich habe nie wieder etwas von ihm oder seiner Frau gehört.
Außer etwa zehn Jahre später, durch einen befreundeten Staatsanwalt, der am Lycée Pasteur ebenfalls in unserer Klasse war. Er sagte mir, Guy habe wiederholt Ärger mit der Justiz gehabt, namentlich, weil er in einen großen Betrugsfall […] verwickelt war […].

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In seinem Roman „Unterwegs nach Chevreuse“ überlässt Patrick Modiano das Wort einer Figur, die wir bereits aus „Horizont“ kennen: Jean Bosmans. Dieser Ich-Erzähler erinnert sich als 70-jähriger Schriftsteller an Erlebnisse um 1964/65 herum, als er 20 war und von einer Gruppe Krimineller angegangen wurde, die glaubten, er könne als Fünfjähriger etwas beobachtet haben, das ihnen helfen würde, eine damals versteckte wertvolle Beute zu finden.

„Unterwegs nach Chevreuse“ weist denn auch Elemente des Thriller-Genres auf, aber es ist sehr viel mehr.

Bosmans hatte sich erinnert, dass ein Wort, Chevreuse, in der Unterhaltung immer wiederkehrte.

Der erste Satz des feinsinnigen Romans „Unterwegs nach Chevreuse“ steht im Plusquamperfekt. Weiter in die Vergangenheit zurück geht es grammatikalisch nicht. Das ist Programm. Virtuos lässt der Nobelpreisträger Patrick Modiano nicht nur die Gedanken seines Protagonisten zwischen verschiedenen Lebensabschnitten hin und her gleiten, sondern verschachtelt dieses elegante Spiel auch noch, indem sich der 70-Jährige Ich-Erzähler Jean Bosmans daran erinnert, wie er sich als 20-Jähriger bruchstückhaft an damals 15 Jahre zurückliegende Ereignisse erinnerte. Peter Körte sieht das sehr treffend als „wasserfarbenähnliches Ineinanderfließen von mehreren Zeitebenen“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30. Juli 2022).

Vor den bedrohlichen Personen in seinem Umfeld in Paris bzw. in der Chevreuse flieht der 20-jährige Jean Bosmans an die Côte d’Azur, und dort fängt er einen Roman zu schreiben an, mit dem er sich von den Dämonen befreit. Schließlich kommt es ihm so vor, als seien die Romanfiguren Fantasiegeschöpfe. Es melden sich jedoch mitunter Leserinnen oder Leser bei ihm, die glauben, die eine oder andere Person aus dem Roman im „richtigen Leben“ gekannt zu haben. Damit zieht Patrick Modiano noch eine weitere Ebene in den vielschichtigen Roman ein.

Den Roman „Unterwegs nach Chevreuse“ von Patrick Modiano gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Walter Kreye.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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