Marie Luise Kaschnitz : April

April

Marie Luise Kaschnitz

April

April Erstveröffentlichung: 1963 In: "Ferngespräche" Insel Verlag, Frankfurt/M 1966
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine unattraktive Bankangestellte findet am 1. April nach dem Diktat auf ihrem Schreibtisch einen Blumenstrauß vor. Der sei vom Direktor, behaupten ihre Kolleginnen und kichern. Zum Glück beginnt gerade die Mittagspause. Überwältigt von ihren Gefühlen, eilt die einsame, von den Männern missachtete Frau in den nahen Park und träumt von der Liebe ...
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Kritik

In der zu Herzen gehenden Erzählung "April" verschmilzt Marie Luise Kaschnitz Alltägliches und Ungewöhnliches, Reales und Surreales. Damit veranschaulicht sie die psychologische Situation der Protagonstin sensibel, nuanciert und nachvollziehbar.
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Es ist der 1. April. Als die unattraktive Bankangestellte Brutta Osten von einem Diktat zurückkommt, steht auf ihrem Schreibtisch ein Blumenstrauß. Sie kann sich nicht vorstellen, dass jemand Blumen für sie abgegeben hat, aber ihre beiden Kolleginnen, Fräulein Seifert und Frau Erbe, versichern ihr kichernd, die Blumen seien von Herrn Zinn für sie abgegeben worden.

Zum Glück beginnt gerade die Mittagspause. Überwältigt von ihren Gefühlen, läuft Brutta in den nahen Park. Sie erinnert sich, wie sie im letzten Herbst Herrn Walter Zinn, dem Bankdirektor, vorgestellt worden war. Kühl und hochmütig hatte er sie gemustet. Die Abneigung war zu spüren. Seither ist er einige Male grußlos an ihr vorbeigegangen. Jetzt stellt sie sich vor, wie er heute Abend seinen Arm um sie legt, wenn sie sich für die Blumen bedankt. Er wird sie nach Hause fahren, noch ein wenig mit ihr spazieren gehen und sie in einer stillen Ecke an sich ziehen. Der Mann war ihr bisher gleichgültig, aber dass er sie liebt, macht ihn schön und gut. Gemeinsam mit ihm überlegt sie, wo sie wohnen werden. Am Teich beobachtet sie, wie die Einsamen die Enten füttern, aber sie ist nicht mehr einsam, sondern hat inzwischen zwei Söhne.

[…] jetzt überstürzte sich alles, der Sommer überwältigte den Frühling, der Winter den Herbst, die Bäume knarrten und bogen sich, jetzt war Krieg, jetzt war wieder Frieden, jetzt wanderte sie mit Herrn Zinn und den Kindern schlecht beschuht und in zerrissenen Kleidern durch unwegsames Gelände, jetzt gingen sie schön angezogen über eine Promenade, die Kinder waren nicht mehr dabei.

Als es vom Kirchturm ein Uhr schlägt, fährt sie zusammen: Die Mittagspause ist zu Ende, und sie wird sich verspäten. Sie eilt zur Bank zurück. Dicke Teppiche liegen in den Korridoren; alles hat sich verändert. In dem Büro, in dem sie mit Fräulein Seifert und Frau Erbe saß, steht jetzt ein einzelner Schreibtisch aus Mahagoni. Hat sie sich in der Tür geirrt? Als Brutta einer Frau begegnet, die sie aufgrund ihres Aussehens für Fräulein Seiferts Mutter hält, fragt sie nach der Tochter, aber es liegt wohl eine Verwechslung vor. Zögernd erkundigt sie sich nach „Brutta Osten“. Da erzählt die Frau von einer Bankangestellten, die sie und ihre Kollegin, Frau Erbe, vor langer Zeit einmal in den April geschickt hatten, mit einem Blumenstrauß für eine Blondine in der Lochkartenabteilung, der versehentlich bei ihnen gelandet war. Brutta lief davon und hört nicht mehr, wie sie „April, April!“ riefen.

Brutta geht zum Ausgang. Das Geschäft, von dem der Blumenstrauß war, liefert gerade Kränze an. Auf den großen Schleifen steht: „Unserem lieben Walter Zinn“ und „Unserem verehrten Direktor Zinn“.

Im Spiegel sieht Brutta eine kleine alte, altmodisch angezogene Frau.

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Eine einsame, von den Männern missachtete Frau träumt von der Liebe. Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander. In der zu Herzen gehenden Erzählung „April“ verschmilzt Marie Luise Kaschnitz Alltägliches und Ungewöhnliches, Reales und Surreales. Damit veranschaulicht sie die psychologische Situation der Protagonstin sensibel, nuanciert und nachvollziehbar. Wie auch in ihren anderen Werken verdichtet sie das Geschehen auf einprägsame Szenen, spart vieles aus und überlässt es dem Leser, die Mehrdeutigkeit zu interpretieren.

Marie Luise von Holzing-Berstett wurde am 31. Januar 1901 als Tochter eines Offiziers in Karlsruhe geboren. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren fing sie in Rom als Buchhändlerin zu arbeiten an und lernte dort den zehn Jahre älteren österreichischen Archäologen Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg kennen. Sie heirateten im Jahr darauf. Ihre einzige Tochter kam 1928 zur Welt. Als ihr Mann 1958 nach zweijähriger Krankheit an einem Gehirntumor starb, fiel es Marie Luise Kaschnitz schwer, über den Verlust hinwegzukommen.

Seit Ende der Zwanzigerjahre schrieb sie Lyrik und Prosa. 1955 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis und zwölf Jahre später den Orden Pour le Mérite, um nur zwei ihrer Auszeichnungen zu erwähnen.

Marie Luise Kaschnitz starb am 10. Oktober 1974, während eines Besuchs bei ihrer Tochter Iris Constanza in Rom.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Insel Verlag

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