Marie Luise Kaschnitz : Lange Schatten

Lange Schatten
Erstveröffentlichung in: "Lange Schatten" Claassen Verlag, Hamburg 1960
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine deutsche Gymnasiastin verbringt die Ferien mit ihrer Familie am Strand in Italien. Als sie allein ein Stück in den Hügeln wandert, erleben sie und ein pubertierender italienischer Junge Begehren und Scham, Sehnsucht und Angst.
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Kritik

Marie Luise Kaschnitz erzählt die Geschichte einfühlsam aus der Sicht der Protagonistin. Wie immer konzentriert sie sich auf einprägsame Szenen. Auch Mythisches klingt in "Lange Schatten" an.
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Die Oberstufen-Gymnasiastin Rosie Walter verbringt die Sommerferien mit der Familie in Italien am Strand. Wenn die Eltern schwimmen gehen, muss sie auf ihre kleineren Schwestern aufpassen.

Eine Familie ist eine Plage, warum kann man nicht erwachsen auf die Welt kommen und gleich seiner Wege gehen. Ich gehe meiner Wege, sagt Rosie eines Tages nach dem Mittagessen und setzt vorsichtshalber hinzu, in den Ort, Postkarten kaufen, Ansichtskarten, die an die Schulfreundinnen geschrieben werden sollen, als ob sie daran dächte, diesen dummen Gören aus ihrer Klasse Kärtchen zu schicken […]

Sie wandert in den Ort, genießt das Alleinsein, füttert einen Hund mit dem halben Brötchen, das sie noch vom zweiten Frühstück in der Hosentasche hat, durchquert den Ort, und während der zwölfjährige Junge, dem der Hund gehört, ihr folgt und sich nicht abweisen lässt, geht Rosie weiter bergauf, folgt schließlich einem Pfad, der von der Straße abzweigt und zwischen Felsen und Macchia steil bergab führt.

Er kann nicht wie die Großen herrisch auftreten, lustig winken und schreien, ah, bella […] Sein Glück, er weiß nicht, was das ist, ein Gerede und Geraune der Großen, oder weiß er es doch plötzlich, als Rosie vor ihm zurückweicht, seine Hand wegstößt und sich, ganz weiß im Gesicht, an die Felswand drückt? […] Der kleine Pan, flehend, stammelnd, glühend, will seine Nymphe haben, er reißt sich das Hemd ab, auch die Hose, er steht plötzlich nackt in der grellheißen Steinmulde vor dem gelben Strauch und schweigt erschrocken […]

Rosie starrt den nackten Jungen an. Eigentlich gefällt er ihr, doch plötzlich kommt er ihr wie ein Wolf vor, und sie erinnert sich, was ihr Vater gesagt hat: Vor einem wilden Tier darf man nicht weglaufen, sondern man muss es anstarren.

Rosie, die zusammengesunken wie ein Häufchen Unglück an der Felswand kauert, richtet sich auf, wächst, wächst aus ihren Kinderschultern und sieht dem Jungen zornig und starr in die Augen […]

Beschämt weicht der Junge zurück und zieht sich wieder an. Er weint wie das Mädchen, das zum Strand hinunterstolpert.

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Eine deutsche Gymnasiastin und ein italienischer Junge in der Pubertät erleben Begehren und Scham, Sehnsucht und Angst. Die „Urkraft der Abwehr“ steht gegen die „Urkraft des Begehrens“. Obwohl Rosie sich heimlich gegen ihre Eltern auflehnt, befolgt sie einen früheren Rat ihres Vaters, um den italienischen Jungen abzuwehren.

Marie Luise Kaschnitz erzählt die Geschichte einfühlsam aus der Sicht der Protagonistin, deren Gedanken sie in die Handlung und die Beschreibunen integriert, ohne sie als solche hervorzuheben. Wie immer konzentriert sie sich auf einprägsame Szenen. Auch Mythisches klingt in „Lange Schatten“ an, etwa, wenn die Autorin zwischendurch von Pan und einer Nymphe spricht.

[…] meine Figuren […] stehen alle unter der Einwirkung rationalistisch nicht zu erklärender Mächte, gegen die sie ankämpfen oder denen sie sich beugen oder an denen sie zugrunde gehen.
(Marie Luise Kaschnitz 1961 in einem sog. Werkstattgespräch mit Horst Bienek)

Marie Luise von Holzing-Berstett wurde am 31. Januar 1901 als Tochter eines Offiziers in Karlsruhe geboren. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren fing sie in Rom als Buchhändlerin zu arbeiten an und lernte dort den zehn Jahre älteren österreichischen Archäologen Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg kennen. Sie heirateten im Jahr darauf. Ihre einzige Tochter kam 1928 zur Welt. Als ihr Mann 1958 nach zweijähriger Krankheit an einem Gehirntumor starb, fiel es Marie Luise Kaschnitz schwer, über den Verlust hinwegzukommen.

Seit Ende der Zwanzigerjahre schrieb sie Lyrik und Prosa. 1955 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis und zwölf Jahre später den Orden Pour le Mérite, um nur zwei ihrer Auszeichnungen zu erwähnen.

Marie Luise Kaschnitz starb am 10. Oktober 1974, während eines Besuchs bei ihrer Tochter Iris Constanza in Rom.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Claassen Verlag

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