Eva Menasse : Lässliche Todsünden

Lässliche Todsünden

Eva Menasse

Lässliche Todsünden

Lässliche Todsünden Originalausgabe: Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009 ISBN: 978-3-462-04127-9, 253 Seiten, 18.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

7 Kurzgeschichten:

Trägheit – GefräßigkeitWollustZorn – Hochmut – Neid – Habgier
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Kritik

Eva Menasse schildert die Personen und deren Handlungsweisen in "Lässliche Todsünden" so lebendig, dass ein plastisches Bild von der jeweiligen Situation entsteht. Ihr Stil ist einfach, aber nicht einfallslos.
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Gefräßigkeit

Die siebzehnjährige Martine verbringt mit ihrem zehn Jahre älteren Freund einen Campingurlaub am Meer, in dem sie sich eigentlich näherkommen wollten. Er ist ihr erster Liebhaber

… und zuerst hatten sie ein halbes Jahr lang alles andere gemacht, außer richtig. Alles andere hatte ihr sehr gefallen. Aber bei richtig, da spürte sie einfach nichts. (Seite 30)

Sie ist froh, als die drei Wochen mit dem langweiligen, immer nur lesenden Mann vorbei sind und trifft sich dann mit ihrer Französischlehrerin Fiona. Bei der erfahreren Frau möchte sie sich über ihre Situation aussprechen. Die beiden hatten bereits vorher aneinander Gefallen gefunden und ein homoerotisches Verhältnis begonnen. Der Zeitpunkt von Martines Besuch kommt Fiona ungelegen, denn sie befindet sich gerade ebenfalls in einer Krise. Sie wurde von ihrem Geliebten verlassen und hatte einen Schwangerschaftsabbruch, ob gewollt oder ungewollt, erfahren wir nicht. Das Zusammensein der Frauen entwickelt sich für beide belastend. Fiona nörgelt dauernd an Martine herum, demütigt und erniedrigt sie derart, dass ihre Beziehung zerstört wird.

Wollust

Zum Bedauern seiner Mutter hat Rument die nicht sehr attraktive Joana geheiratet. Zu einer Bekannten sagt sie einmal, er habe „sich gerade ein Mädchen aus dem Tierheim geholt“ (Seite 66) Mit neunzehn Jahren sieht Joana wie ein trotziges Kind aus, ist fortwährend mit unterschiedlichen Allergien geplagt und davon überzeugt, zu Unterleibsinfektionen zu neigen. Dass sie raucht, an den Nägeln kaut und einem „missgelaunten Troll“ ähnelt, das alles sieht Rument seiner Frau nach.

Ein wirkliches Problem sind allerdings Joanas Eltern. Sie flüchteten mit dem Baby aus Polen und finden sich in der neuen Heimat und mit der deutschen Sprache nicht zurecht. Sie hausen in einer verwahrlosten Wohnung und wagen es nicht, die Siedlung, in der nur Emigranten wohnen, zu verlassen. Die Mutter trinkt [Alkoholkrankheit] und nimmt Tabletten – zweimal musste ihr schon der Magen ausgepumpt werden –, der Vater ist aggressiv und randaliert. Von Nachbarn wird immer mal wieder die Polizei wegen Lärmbelästigung gerufen. In allen diesen Notfällen eilt Rument herbei und hilft. Auch als Rument Joanas Mutter nach deren Selbstmord tot auffindet und ihr Vater drei Monate später bei einem Verkehrsunfall stirbt, hält er seine Frau von jeglichen Unannehmlichkeiten fern und regelt alles allein. Darüber hinaus muss er noch dafür sorgen, dass in seiner Gastwirtschaft das Geschäft weiterläuft. Sechs Tage die Woche ist er im Lokal, wo ihm allerdings Joana hilft.

Der Tod der Eltern und die wiederholten gesundheitlichen Beeinträchtigungen Joanas, die er klaglos hinnimmt, beeinträchtigen ihr sexuelles Eheleben. Nach einer sechsmonatigen „Trockenperiode“ bereitet Rument zu Hause ein aufwändiges Essen, um einen schönen Abend einzuleiten. Zum Dessert gibt es Rotwein. Joana trinkt zuviel und bekommt rote Flecken. Rument überlegt bereits, ob genügend Kalziumtabletten im Haus sind. Betrunken gehen sie ins Bett. An viel mehr kann sich Rument am nächsten Tag nicht erinnern; immerhin ist er ohne Pyjamahose aufgewacht. Joana legt sich am Nachmittag wegen ihrer Allergie ins Bett und geht zwei Tage lang nicht arbeiten.

Rument muss Joana mal wieder mit allen möglichen Säften und Kräutertee wegen ihrer „unvorstellbaren Schmerzen“ versorgen, aber er lässt sich diesen schönen Sonntagvormittag nicht durch ihre Übellaunigkeit verderben und schlägt ihr vor, Ferien zu machen, zum Beispiel in Südfrankreich. Nicht schon wieder Frankreich, stöhnt sie. Aber nach Capri wollte sie eigentlich immer einmal. Na gut, nach Capri, lenkt Rument ein, obwohl er insgeheim die Italiener nicht leiden kann.

Zorn

Leo Meyer-Eggenburg wohnt mit seiner Frau Ilka und den Kindern Joshi, Amos und Alina in einer gepflegten Siedlung. Die Ehe dümpelt so vor sich hin. Allein der neunjährige Joshi macht mit seinen Wutausbrüchen – wohl eine Art „unerforschte Frühestpubertät“, wie Ilka diese Anfälle nennt – etwas Ärger. Alina ist eigentlich Ilkas Nichte; sie hat das Mädchen nach dem Tod ihrer Schwester bei sich aufgenommen.

Nach der Rückkehr von einem Badeaufenthalt auf dem Landsitz der Familie bemerken sie, dass ein Teil der Gartenmöbel gestohlen wurde. Leo will das aufgebrochene Schloss ausbauen. Das gelingt ihm aber nicht. Da fällt Ilka Jan ein, der Nachbar, der abgeschieden in einer Scheune wohnt und kaum mit jemandem Kontakt hat. Dass er „mit Computern was macht“ und ein „unentdecktes Interieur-Genie“ ist, weiß sie. Von ihm erbittet sie Hilfe bei der Reparatur des Schlosses. Seine kryptische Äußerung „Du wirst die Tür nicht zu mir hinübertragen wollen. Und für deinen Bienenkorb von Familie habe ich kein Talent“ (Seite 109) verunsichert sie, da sie „ihn immer für einen Schrull, fast für ein asexuelles Wesen“ (Seite 109) hielt. Was will er damit sagen? Sie fasst das so auf: Er will sie ohne Familie, und das heißt: Er will sie. Jan reicht ihr seine Hand, und sie gehen zu ihrem Anwesen.

Während Ilka Jan aufsuchte, haben Joshi und Alina gerauft, wobei der Junge seine Schwester am Ohr verletzte. Ob die Wunde genäht werden muss, soll im Krankenhaus geklärt werden. Ilka stellt Joshi wegen der Rauferei zur Rede, aber er gibt keine Anwort und verkriecht sich trotzig. Als sie ihn am Arm zerrt und einen Stoß gibt, der heftiger ausfällt als beabsichtigt, fällt er hin. Sie wolle ihn bis morgen nicht mehr sehen, brüllt sie ihn an, worauf er zischt „ich komm eh nicht zurück“.

Jan hat mittlerweile das Schloss ausgebaut, und Ilka bringt ihm nach dem Vorfall mit Joshi, wie vereinbart, Schlüssel und Beschläge. Sie befürchtet, nach Schweiß zu riechen, aber diese hygienische Beeinträchtigung würde sie wohl vor Unvernünftigkeiten schützen, hofft sie. Verlegen betritt sie die dämmrige Scheune und versucht ihre Unsicherheit mit einem ausführlichen Bericht über den Einbruch zu überspielen. Jan kniet sich plötzlich vor sie hin, um ihr, wie es scheint, den Beutel mit dem Beschlägen vom Schoß zu nehmen, aber er beginnt nun seinerseits mit seiner angenehmen Flüsterstimme eine Anekdote zu erzählen. Gleich werde er sie küssen, erwartet Ilka. Jan nimmt sich jedoch die Schweißarbeiten am Schloss vor. Als er damit fertig ist, stellt sich Ilka hinter ihn und schiebt ihre Hände in seine Gesäßtaschen. „Ist Schweißen eigentlich schweißtreibend?“, flüstert sie ihm ins Ohr. Er fasst sie unterm Kinn und sagt: „Schweiß nicht.“ Dann hören sie ein Geräusch an der Tür, und weil Ilka erschrickt, unterstellt er ihr, dass es ihr unangenehm wäre, wenn jemand käme. Sie verneint das zwar, verlässt aber trotzdem die Scheune. Leo kommt gerade mit Alina vom Krankenhaus zurück. Nur zwei kleine Stiche seien nötig gewesen, berichtet Leo, und wo Joshi ist, will er wissen. Der übliche Anfall, sagt Ilka, wahrscheinlich sei er in den Wald gerannt.

Dann hören sie im Haus ein Hämmern über sich. Sie gehen die Wendeltreppe hoch und stellen fest, dass Joshi mit einer Leiter auf den Dachboden gestiegen war und dann die Leiter umstieß, sodass er ohne Hilfe nicht mehr zurück kann. Nun ist er dabei, die Falltüröffnung zuzunageln. Die Schläge dauern an, während Ilka schreiend und weinend davonläuft, völlig außer sich und halluzinierend, sie sei von den Nägeln getroffen worden – „und weil das womöglich irgendwie stimmt.“ (Seite 129)

Neid

Heinz Haybach, ein angesehener und beliebter Professor, hat durch einen Autounfall seinen fünfunzwanzigjährigen Sohn Percass verloren. Percass und sein jüngerer Bruder Rument stammen aus der ersten Ehe Haybachs mit Ulla. Es heißt, dass sie „eine furchterregend schöne Person“ gewesen sei, „eine Domina mit Madonnenblick“ (S. 189). Die Ehe wurde geschieden. Den Grund dafür weiß Haybach selbst nicht genau.

„Ich bekam irgendwann den Eindruck, sie hielt uns zusammen nicht aus, oder sie ertrug sich nicht vor mir.“ (Seite 197)

Für den Scheidungsprozess nahm sich Haybach einen Jugendfreund als Anwalt, dem er auftrug, seiner Frau alles zuzugestehen, was sie verlangte. Sie wollte alles und bekam es auch. Sein Freund bedauerte ihn, weil er nun gar nichts mehr hatte, aber Haybach bedankte sich bei ihm:

„Ich muss mir nichts vorwerfen, ich habe nicht gestritten und mich nicht beschmutzt, ich habe mich freigekauft mit allem, was ich hatte. Mehr kann sie nicht verlangen.“ (Seite 199)

Außer den materiellen Werten übernahm Ulla Haybach auch den für Professor Haybach tätigen Assistenten Eduard Tichy, und zwar nicht nur als Faktotum, sondern er ging auch in ihrem Hause ein und aus. Alle wunderten sich, „was die tausendschöne Frau Haybach mit diesem Zausel anstellen mochte“ (Seite 203).

Natürlich holte sie auch die beiden Söhne zu sich. Wenige Monate nach der Scheidung verkaufte sie das Haus in Dornach, nahm die Kinder mitten im Jahr aus der Schule und zog in ein Dorf in Niederösterreich. Haybach, der keinen Führerschein hatte, fuhr anfangs mit Bus und Bahn dorthin, um für zwei Stunden Percass und Rument in einem Café zu treffen. Als er einmal einen Besuch wegen eines Kongresses absagen musste, verweigerte Frau Haybach weitere Terminvereinbarungen. Sie behauptete, die Söhne wollten ihn nicht mehr sehen – und eines Tages meldete sich unter ihrer Telefonnummer Eduard Tichy.

Rument hing mehr an seiner Mutter, er war der „Anpassler“, wohingegen Percass, der äußerlich seiner Mutter ähnelte, zum „Rebellen“ neigte und dem Vater zugetan war. Percass wollte unbedingt seinen Bruder davon überzeugen, dass ihnen von der Mutter emotionale Gewalt angetan wurde, dass sie absichtlich die Entfremdung vom Vater betrieb und sie, die beiden Söhne, wie im Exil in einem gottverlassenen Dorf aufwachsen ließ. Rument wollte davon aber nichts wissen. Er war der Ansicht, dass die Standpunkte der Mutter zu respektieren seien und eine Einmischung nicht nur unstatthaft wäre, sondern auch „gar nichts brächte“.

Professor Haybach heiratete noch einmal. Mia ist eine elegante, erfolgreiche Wirtschaftsanwältin und einige Jahre jünger als ihr Mann. Aus erster Ehe hat sie ein blindes Kind. Sie geht auf ihren Mann ein und regelt im Hintergrund die alltäglichen Angelegenheiten.

Nach der Beerdigung von Percass sitzen mit Haybach und seiner Frau Mia ein paar Trauergäste im geschmackvoll eingerichteten Lokal „Kore“, außerdem eine Handvoll früherer Studenten des Professors. Dann kommen noch einige Mädchen, die an Percass‘ Grab für ihren verstorbenen Freund Gitarre spielten. Nach einer Weile wendet sich der Wirt wegen der Bezahlung an Frau Haybach. Es seien nicht so viele Gäste gekommen wie erwartet und deshalb bedaure er, für das exklusiv reservierte Restaurant einen Mindestumsatz berechnen zu müssen.

Gleich um die Ecke vom „Kore“ befindet sich das Lokal „Zum Granatapfel“, das man eher als Wirtschaft bezeichnen würde und eigentlich nicht zum Stil der ersten Frau Haybach passt. Aber genau dorthin hat sie die meisten Trauergäste zum „Gegen-Leichenschmaus“ gelockt. Nun wird auch klar, warum Tichy sich nach der Beerdigung an den Friedhofausgang stellte: Er leitete die Trauergesellschaft um.

Percass lag jung und unbeweglich unter der Erde, Rument wappnete sich für seine zweite Leichenschmaus-Hälfte im „Granatapfel“, und ihre Eltern waren endlich noch weiter getrennt, als es die meisten gewesenen Paare trotz aller Anstrengung fertigbringen. (Seite 212)

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Die unter dem Buchtitel „Lässliche Todsünden“ zusammengefassten Erzählungen von Eva Menasse handeln vorwiegend von Lebens- und Beziehungskrisen und von Paaren, die sich das Leben gegenseitig schwer machen.

In „Gefräßigkeit“ kommt eine Jugendliche mit ihrer ersten sexuellen Erfahrung nicht zurecht und sucht bei einer erwachsenen Frau durch eine homoerotischen Beziehung Kompensation.

Die Schwierigkeiten, die das Ehepaar in „Wollust“ mit ihrem Sexualleben haben, sind auf das Helfersyndrom des Mannes zurückzuführen, das die Frau mit ihren tatsächlichen, zum Teil vorgeschützten Unpässlichkeiten ausnützt.

Die Ehe der Protagonisten in der Erzählung „Zorn“ scheint ziemlich langweilig zu sein. Nur der jähzornige Sohn sorgt für Aufregung. Als sich für die Ehefrau die Gelegenheit zu einem Flirt ergibt, steht sie kurz davor, sich auf ein Abenteuer einzulassen.

In der Geschichte „Neid“ verschafft sich die geschiedene Frau eines Professors nach der Bestattung ihres gemeinsamen Sohnes noch einmal Aufmerksamkeit, indem sie gleichzeitig zu der Trauerfeier, die ihr Ex-Mann ausrichtet, einen „Gegen-Leichenschmaus“ organisiert.

Eva Menasse schildert ihre Personen und deren Handlungsweisen so lebendig, dass ein plastisches Bild der jeweiligen Situation entsteht. Ihr Stil ist einfach, aber nicht einfallslos, und teilweise originell. Die Geschichten sind nicht chronologisch erzählt, aber trotz der Vor- und Rückblenden gut verständlich. Einige Personen und Örtlichkeiten tauchen in mehreren Erzählungen auf, allerdings in unterschiedlichen Konstellationen.

Bei den meisten Geschichten habe ich vergeblich versucht, eine Beziehung zum Titel, also der Todsünde, zu finden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2010
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

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