Anna Mitgutsch : Abschied von Jerusalem

Abschied von Jerusalem
Abschied von Jerusalem Originalausgabe: Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 1995 ISBN: 3-87134-204-1, 282 Seiten Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), München 2005 ISBN: 3-423-13388-0, 282 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Hildegard wuchs in einer österreichischen Familie auf, die ihre jüdischen Wurzeln verleugnete. Sie dagegen konvertierte zum Judentum und nennt sich seither Dvorah. Inzwischen hat sie mehrere Freunde in Jerusalem. Auch in diesem Jahr verbringt sie die Ferien dort – und verliebt sich in einen 20 Jahre jüngeren Mann, der sich als Armenier ausgibt. Das ist allerdings nicht sehr glaubhaft. Handelt es sich um einen palästinensischen Terroristen?
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Kritik

"Abschied von Jerusalem" ist ein kluger, nachdenklicher, sensibler und fesselnder Roman. Anna Mitgutsch überzeugt inhaltlich, formal und sprachlich. Obwohl das Buch an keiner Stelle ambitioniert wirkt, handelt es sich um große Literatur.
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Hildegard hat zwei „arische“ Großväter und väterlicherseits eine ebenfalls „arische“ Großmutter. Bei der anderen Großmutter wuchs sie in der Nähe von Wien auf; sie hieß eigentlich Rivka, aber alle nannten sie Beatrice. Dass sie Halbjüdin war, fand die Familie nämlich peinlich. Rivkas aus Böhmen stammender, nach Wien verzogener Vater hatte nach dem frühen Tod seiner ersten Frau, Rivkas Mutter, eine Katholikin geheiratet und den Namen seiner jüdischen ersten Ehefrau aus dem Stammbaum getilgt.

Ihre Eltern blieben Hildegard fremd. Als sie drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg heirateten, saß sie zwischen ihren Großeltern mütterlicherseits in der Kirche.

Man hätte mir jedes beliebige Elternpaar unterschieben können, so gleichgültig waren sie mir, der Vater ein ausgezehrter Kriegsheimkehrer mit grauem Gesicht, die Mutter ein rothaariges Mädchen, das meine Gegenwart in Verlegenheit brachte. Auch nach der Hochzeit wohnte ich bei meinen Großeltern, die Eltern holten mich an Wochenenden, ich war ihr Sonntagsgast.
Von Juden, Halbjuden, Vierteljuden und jüdisch Versippten erfuhr ich bei den Verwandten meines Vaters und begriff erst im Lauf der Zeit, dass auch von mir die Rede war, und aus den Blicken und abfälligen Bemerkungen schloss ich, dass es sich um ein schmutziges Geheimnis handeln musste, eine rätselhafte Schande, für die ich selbst nichts konnte, die mich jedoch von den Gleichaltrigen aus der Familie meines Vaters trennte. (Seite 71f)

Ob sie aus einer Mischehe stamme, wird Hildegard später einmal gefragt. Sie antwortet:

Schlimmer noch, aus einer Familie, die sich ihrer jüdischen Wurzeln schämte und sich zugleich schuldig fühlte, sie verleugnet zu haben. (Seite 147)

Als Hildegard sieben Jahre alt war, starb ihr Großvater, ein biederer katholischer Jurist, fünf Jahre später ihre Großmutter. Kurz vor dem Tod bekannte Rivka sich zum Judentum, lehnte die Letzte Ölung ab und verlangte ein jüdisches Begräbnis mit Kaddisch. Aber die Hinterbliebenen ignorierten diese Wünsche, und am Grab versicherte der Priester, die Verstorbene sei mit Gott versöhnt entschlafen. – Erst nach dem Tod ihrer Großmutter wohnte Hildegard bei ihren Eltern.

Über Wilma, die ältere der beiden Töchter Rivkas, die eigentlich Genja hieß, wurde in der Familie nur getuschelt. Sie hatte ein Verhältnis mit einem verheirateten Nationalsozialisten, der ihr zu einem einwandfreien Ariernachweis verhalf. Wilma starb noch vor Kriegsende an einer Bauchfellentzündung.

Hildegards Onkel Karl, der Bruder ihres Vaters, war Parteigenosse und wurde im „Völkischen Beobachter“ lobend erwähnt. Nach dem Krieg verkam er als Alkoholiker und starb, noch keine vierzig Jahre alt, an Leberzirrhose. Hildegards Eltern übernahmen seine Papierhandlung in Wien.

Hildegards Großmutter Rivka hatte ein enges Verhältnis mit einer sieben oder acht Jahre jüngeren Cousine namens Martha, die nach Wien gekommen war, um zu studieren, sich stattdessen in der Boheme herumtrieb, das Fotografieren entdeckte und 1931 einen Maler heiratete, der sie nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 sitzen ließ. Zwei Jahre später heiratete er eine vom Nationalsozialismus überzeugte Österreicherin, die zwanzig Jahre jünger als Martha war. Der Sohn des Ehepaars starb mit fünf, die Tochter mit Ende zwanzig – ohne etwas von der ersten Ehe ihres Vaters erfahren zu haben.

Während Rivka vergeblich als Jüdin zu sterben wünschte, konvertierte Hildegard bereits in jungen Jahren zum Judentum. In ihrem österreichischen Pass steht zwar nach wie vor der christliche Vorname, aber sie selbst nennt sich Dvorah.

In meiner Jugend hatte ich eine Zeitlang den Wahn, die beiden Seiten miteinander versöhnen zu müssen, aber für eine Versöhnung war zu viel Unverzeihliches geschehen. (Seite 147)

Auf der Suche nach der seit 1940 verschollenen Martha spürte Dvorah eine Frau auf, der die Cousine ihrer Großmutter noch einen Brief nach Jerusalem geschickt hatte. Frieda Lipkin hatte in Israel den Namen Channa angenommen. Dvorah reiste mit ihrem Ehemann Alwin, mit dem sie seit einem Jahr verheiratet war, von Wien nach Israel, aber Channa wusste auch nichts über den Verbleib ihrer früheren Freundin.

Alwins Vater war im „Dritten Reich“ Ortsgruppenleiter gewesen. Als er nach dem Krieg aus einem Internierungslager für NS-Funktionäre nach Hause kam, war Alwin zehn Jahre alt. Der Junge litt unter seinem Vater, der ihn bei jeder Gelegenheit demütigte. Der Hass gegen den Vater verband sich mit einem unterschwelligen Antisemitismus. In Israel schimpfte Alwin über die Politik der Regierung.

Nur das Unrecht der Juden in Palästina, dem Land, das sie sich widerrechtlich angeeignet hätten, konnte ihn von seinem niemals eingestandenen, bedrückend gegenwärtigen Schuldgefühl erlösen […] sieh dir das an, ein Verbrechen, ein Vergehen gegen das Völkerrecht, nein, dafür könne es keine Erklärung geben, ich solle zugeben, dass das, was hier geschähe, rassistisch sei, faschistisch. (Seite 156)

Nach der Israel-Reise ließen Alwin und Dvorah sich scheiden.

Als Dvorah vor zwanzig Jahren mit einer älteren Freundin erneut nach Jerusalem kam, wollte sie in der Via Dolorosa fotografieren. Ein Araber, der sich in seinem Stolz verletzt fühlte, schlug ihr die Kamera aus der Hand und holte zu einem zweiten Faustschlag aus. Gerade noch rechtzeitig zog ein in Israel lebender Franzose Dvorah weg. Er hieß Gilbert. Gegen den Rat ihrer Freundin verließ Dvorah kurz darauf die Jugendherberge und zog zu Gilbert in den Kibbuz bei Aschkelon.

Ein halbes Jahr lang lebten sie zusammen. Dann gingen sie in Haifa an Bord eines Schiffes nach Griechenland. Nur für einen Urlaub, hatten sie beim Abschied im Kibbuz beteuert, aber sie trennten sich in Griechenland und kehrten nicht zurück.

Es dauerte nicht lang, bis Dvorah die Trennung bereute, aber erst fünfzehn Jahre später hörte sie wieder von Gilbert. Er hatte in einer Jeschiwa studiert, war Rabbiner geworden und lebte inzwischen auf Long Island. In ihrem Antwortbrief erinnerte ihn Dvorah an die gemeinsame Zeit, zum Beispiel auch daran, wie sie nackt in den Dünen von Aschkelon gelegen hatten, aber Gilbert wollte davon nichts mehr wissen, und Dvorah brach nach seiner Zurechtweisung den Kontakt gleich wieder ab.

Während eines Forschungsjahres in New York verbringt Dvorah die Ferien in Israel.

Zweimal in der Woche besucht sie Channa in einem der Wohnsilos, die in den Fünfzigerjahren in der Trabantenstadt Kiryat HaYovel errichtet wurden. Channas Mann starb vor fünfzehn Jahren. Die alte Frau fühlt sich in Israel zwar nicht wohl, aber es käme ihr nicht in den Sinn, das Land zu verlassen, das sie mit aufgebaut hat.

Eines Tages werden sie uns alle niedermetzeln, sagt sie gelassen und stellt Früchte und Brötchen auf den Tisch. Sie sagt es mit derselben Stimme, mit der sie erklärt: Zwischen zwei und vier Uhr halte ich Siesta. Noch nicht gleich, denn wir haben die beste Armee, aber es ist unvermeidlich. (Seite 24)

Dvorah hat viel von Jerusalem gesehen, weiß jedoch, dass sie immer eine Fremde bleiben wird.

Am Jaffa-Tor lädt der rothaarige Händler Khaled Dvorah auf einen Kaffee ein.

Und dann drängte er mir wieder die Halskette auf, er hielt sie gegen das Licht, reines Feuer, das passt zu dir, nicht der Elatstein, der ist zu kühl, nur hundert Schekel für dich.
Ich trage keinen Halsschmuck, ich will die Kette nicht.
Du hast meinen Kaffee getrunken, sagte er grob, und du bist die ganze Zeit hier gesessen, während deren ich nichts verkaufen konnte.
Ich weiß nicht, warum ich sie nahm, für achtzig Schekel. (Seite 32f)

Aber was täten sie unten an der Stadtmauer und im Suk ohne vertrauensselige Touristen wie mich? Die Fremden sind die einzige Erscheinung in dieser Gegend, die sich verändert, die einzigen, die keine Ahnung von den Spielregeln haben. Die Einheimischen wissen Bescheid, sie bestehen darauf, wir sind im Krieg, und lassen sich auf nichts ein. (Seite 59)

In ihrem Hotelzimmer spricht sie arglos mit dem palästinensischen Angestellten, der ihr das Bett macht, putzt und frische Handtücher bringt. Unvermittelt drängt er sie aufs Bett und zerrt an ihrem Kleid. Sie wirft ihn hinaus und beschwert sich an der Rezeption über ihn. Am Abend vertritt ihr der Hotelmanager den Weg und beklagt sich darüber, dass sie einen Mann, der eine Familie zu ernähren hat und jeden Tag von der Westbank zur Arbeit kam, um seinen Job brachte. Ohne es auszusprechen, wirft er ihr durch seine Blicke das offene Haar, den Ausschnitt, die nackten Arme und Beine vor.

Während Dvorah sich an der Rezeption beschwerte, saß die Sephardim Nurit mit ihrer Freundin Ada im Foyer und bekam alles mit. So lernten sie sich kennen. Nun treffen sie sich nahezu jeden Tag, entweder tagsüber in dem kleinen Buchladen, den Nurit mit Adas Hilfe betreibt, oder abends in Moschav am südlichen Stadtrand, wo sie wohnt.

Sie liebt die Stadt, in der sie aufgewachsen ist, aber sie hört nicht auf, ihren Zustand als unerträglich und hoffnungslos zu beklagen. Natürlich sollst du bleiben und dich hier niederlassen, nirgendwo sonst findet du so viel Schönheit und Spiritualität, aber es wird dich zugrunde richten, am Ende bist du ein Wrack, ein Nervenbündel, reif für das Irrenhaus. (Seite 49f)

Sie versucht, mir mein westliches Denken abzugewöhnen, und ich glaube manchmal, ich bin auf dem besten Weg: Es gibt nicht bloß eine Wahrheit, behauptet sie, es gibt viele und alle zugleich. Unsere Mentalität ist orientalisch, wir handeln nicht mit Ideen, sondern in Geschichten und Gleichnissen, wir reden Poesie und halten eine Balance zwischen den Gegensätzen, ihr redet von Gerechtigkeit und seid auch bloß selbstgerecht. (Seite 50f)

Orientalen, behauptete sie, lebten zweckfreier als die Menschen im Westen, sie abstrahierten nicht, jeder Gedanke ufere in Gleichnisse aus, und das Leben geschähe in jedem Augenblick ohne genauen Plan und ohne Kalkül. (Seite 217)

Nurit beabsichtigt, Israel zu verlassen und nach Indien zu ziehen.

Zu den Menschen, mit denen Dvorah in Jerusalem befreundet ist, gehört auch die fünfundfünfzig Jahre alte Armenierin Anahito, die in einem Gewölbe im Cardo für einen Händler arbeitet, der ihr freie Hand lässt. Sie wuchs in Abu Dis im Osten Jerusalems auf, als es noch jordanisch war. Als einzige unverheiratete Tochter unter lauter Brüdern wurde sie wie eine Dienstmagd behandelt – bis sie rebellierte und allein nach Jerusalem ging.

Hin und wieder trifft Dvorah sich auch mit Jaakov. Er taucht immer dann auf, wenn sie gerade dabei ist, ihn zu vergessen.

Ich weiß nicht, welche Funktion er mir zugedacht hat, ich glaube, ihm gefällt einfach die Idee, viele Freunde aus vielen Ländern zu haben. (Seite 63)

Zufällig begegnet sie einmal einer Österreicherin, die sie schon als Kind kannte. Irene Wittrich war damals Jungscharführerin. Jetzt arbeitet sie als Reiseleiterin von Pilgergruppen.

Fünf Tage bevor Dvorah ihren Freund Eli und dessen Familie in Tiberias am See Genezareth besuchen will, wird sie in den Ruinen der Hurva-Synagoge in Jerusalem von einem zwanzig Jahre jüngeren Mann angesprochen. Er heiße Sivan und sei vierundzwanzig Jahre alt, sagt er, gibt sich als katholischer Armenier aus und behauptet, im Auftrag der Vereinten Nationen mit einem Team an einer Dokumentation über Gaza und das Westjordanland zu arbeiten.

Wo wohnen Sie?, fragte ich.
Im Cardo.
Auch das glaubte ich ihm, ohne mir etwas zu denken. Wollte er herausfinden, wie leichtgläubig ich war, wie wenig ich von der Stadt wusste? Ausgerechnet im jüdischen Viertel dieser streng nach Religionen und Volksgruppen aufgeteilten Stadt? Aber ich glaubte ihm.
Warum sind Sie nicht hier bereits misstrauisch geworden?, wird man mich beim Verhör fragen. (Seite 26)

Sivan gibt ihr zwar weder eine Telefonnummer noch eine Adresse, unter der sie ihn erreichen könnte, trifft sich aber jeden Tag mit ihr. Sobald sie mit ihm an die Grenzen der jüdischen Stadtviertel kommt, wirkt er gehetzt. Er weigert er sich, sie im Hotel abzuholen oder sie dorthin zu begleiten. Wenn sie sich verabschieden, weiß Dvorah nicht, wohin er geht und was er tun wird.

Aber wir schlichen im Schutz der Büsche durch Grünanlagen wie Verbrecher, saßen unter mageren Olivenbäumen im Hinnom-Tal, liebten einander in Parks hinter Hecken und zwischen den Grabsteinen des arabischen Friedhofs. Immer angespannt auf Geräusche horchend, immer vor Menschen auf der Flucht und immer im Niemandsland zwischen Ost- und Westjerusalem, im Schutz der Stadtmauer, aber schon drüben im Westen. Streunende Katzen umschlichen uns, israelische Volksmusik drang aus den Pavillons der Hotels herüber, und wir lagen im tiefen Schatten, sogar vorm Mond verborgen, glücklich, ja, aber ausgeschlossen, unerlaubt. Nicht er war es, der mich demütigte am Anfang. (Seite 47)

Er drängt sie, ihn mit nach New York zu nehmen, aber sie macht sich keine Illusionen: Liebe würde nicht ausreichen, die Unterschiede zwischen ihnen dauerhaft zu überbrücken. In dem Maße, wie sich seine Unruhe zur Panik steigert, wachsen Dvorahs Zweifel: Wer ist er wirklich? Und was hat er vor?

Nicht zuletzt, um Abstand von Sivan zu gewinnen, hält Dvorah an ihrem Vorhaben fest, für eine Woche zu Eli nach Tiberias zu fahren. Eigentlich wollte sie den Bus nehmen, aber Sivan rät ihr, ein Auto zu mieten.

Dvorah fragt ihren alten Freund:

Was ist mit deinem Medizinstudium?
Das habe ich längst abgeschlossen, aber ich heile mit den Kräften der Kabbala, nicht der Schulmedizin. (Seite 53)

Nach ihrer Rückkehr aus Galiläa und einen Tag bevor Dvorah den Leihwagen zurückgeben muss, fährt sie mit Sivan in die Wüste. Dabei übersieht sie einen Felsbrocken, der am Fahrzeugboden schrammt. Sivan verspricht ihr, für die Reparatur zu sorgen. Um nach dem Freund zu suchen, an den er dabei gedacht hat, lässt er sich von ihr in den arabischen Teil von Jerusalem bringen und sie in ihrem Wagen mit israelischem Kennzeichen eine Stunde lang warten, bis er zurückkommt, und ihr mitteilt, dass die Reparatur erst am folgenden Tag vorgenommen werden könne.

Am Nachmittag des nächsten Tages ruft er sie aus einer Telefonzelle vor ihrem Hotel an und fordert sie auf, herunterzukommen. Ein Mann namens Jassin und ein Dvorah unbekannter Araber sind bei ihm. Sie fahren zum Parkplatz in Jemin Moschee, südlich des King David Hotels. Dort kriecht der Araber mit einem Schraubenzieher in der Hand unters Fahrzeug und schaut sich den Schaden an. Dann heißt es, die Reparatur müsse in einer Werkstatt vorgenommen werden. Sivan lässt sich von Dvorah die Wagenschlüssel geben und reicht sie dem Araber weiter, der sich ans Steuer setzt. Eh Dvorah sich versieht, befinden sie sich auf dem Weg nach Ramallah. Es dämmert bereits, als sie vor einem Betonhaus anhalten, wo ein weiterer Palästinenser einsteigt, der sich Saïd nennt und behauptet, an der Birtzeit-Universität im Westjordanland Medizin zu studieren. Schließlich halten sie in einem düsteren Innenhof und betreten ein Haus. Sivan bittet Dvorah um ihren Pass. Was die Männer reden, versteht sie nicht, doch offenbar geht es um ihren Ausweis. Anders als Sivan und seine Komplizen glaubten, besitzt sie keine US-amerikanischen, sondern österreichische Dokumente.

Solange Sivan hier ist, werden sie mir nichts tun, dachte ich, es geht schließlich um seine Ehre. Aber dann fiel mir die Geschichte ein, die vor Jahren durch die Zeitungen gegangen war, von der jungen Europäerin, in deren Handtasche bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen ein Sprengsatz gefunden wurde, und sie war ahnungslos gewesen – ein Abschiedsgeschenk von ihrem Verlobten, einem Palästinenser, dessen Kind sie trug: Sie war hochschwanger und hätte mitsamt dem ganzen Flugzeug explodieren sollen. (Seite 231)

Sie schwiegen und sahen mich an, beobachteten mich wie ein exotisches Tier in der Falle. (Seite 232)

Unvermittelt drängt Sivan zum Aufbruch. Der Araber, der auf dem Parkplatz in Jemin Moschee angeblich den Schaden inspizierte, setzt sich wieder ans Steuer. Als sie in eine Militärkontrolle geraten, schaltet der Araber die Scheinwerfer aus, gibt Vollgas, durchbricht die Straßensperre und rast weiter. Erst als er sicher ist, dass sie nicht verfolgt werden, bringt er den Wagen zum Stehen. Sein Freund habe vorhin nicht angehalten, weil er keinen Führerschein besitze, erklärt Sivan.

Was wollten die Männer von ihr? Offenbar hatten sie es auf den Wagen mit israelischem Kennzeichen und einen US-amerikanischen Pass abgesehen. Wollten sie Waffen schmuggeln? Oder einen untergetauchten Palästinenser nach Jerusalem bringen? Haben die Soldaten die Nummer des Fahrzeugs notiert? Wird Dvorah bereits von der Polizei gesucht?

Sie gibt den Leihwagen ab. Obwohl Sivan sie offenbar verraten hat, trifft sie sich noch zwei-, dreimal mit ihm, aber die vor zwei Monaten begonnene Beziehung ist zerstört, und dann taucht er auch nicht mehr auf.

Weil Dvorah befürchtet, bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen abgefangen zu werden, lässt sie ihr Ticket verfallen. Sie irrt durch Jerusalem, fühlt sich observiert, erschrickt immer wieder, weil sie glaubt, jemand habe sie aufgrund eines polizeilichen Steckbriefs erkannt. Vorsichtshalber bleibt sie nicht länger als ein paar Nächte im selben Hotel.

Ich bin aus der Unschuld gefallen, jetzt erst, obwohl ich schon längst schuldig bin. Jede Bombe, die einen überfüllten Bus zerreißt, könnte mit meiner Hilfe gelegt sein, jeder durch Terror Ermordete könnte auf meine Rechnung gehen. (Seite 174f)

Sie befürchtet, Eli, Nurit, Channa und Jaakov in Gefahr zu bringen, denn man könnte sie als Mitwisser verdächtigen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Als sie bei Channa zu Besuch ist, wird in den Fernsehnachrichten von einer Schießerei in Jemin im Westjordanland berichtet, bei der ein israelischer Soldat, zwei arabische Terroristen und eine unbeteiligte Palästinenserin ums Leben kamen. Dvorah fällt auf, dass die Namen der Terroristen nicht genannt werden; ihre Individualität interessiert hier niemanden.

Und wie geben die andern, drüben, ihre Todesnachrichten weiter? Dort haben die zwei ungenannten Terroristen Namen, eine Geschichte, Witwen, Kinder, dort sind sie nicht gesuchte Terroristen, sondern Gefallene, bewundert, geehrt. (Seite 267)

Am nächsten Tag sieht Dvorah in einer Zeitung ein Ausweisfoto von Sivan. Er ist einer der beiden Terroristen, die bei der Schießerei getötet wurden. Er hieß Sawad Radadeh, war vierundzwanzig Jahre alt und stammte aus Ostjerusalem. Von ihm wurde der gleichaltrige israelische Soldat erschossen.

Dvorah verlässt Jerusalem, aber als sie sich von ihren Freunden verabschiedet, verspricht sie, wiederzukommen. Das Taxi zum internationalen Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv teilt sie sich mit einem israelischen Dozenten, der für einen Monat dienstlich in den USA zu tun hat.

Wollen wir versuchen, Plätze nebeneinander zu bekommen?, fragte er, bevor er sich in die kürzere Warteschlange für Israelis einreihte.
Die Sicherheitskontrolle wird auf meiner Seite länger dauern als auf der Ihren, wandte ich ein.
Das macht nichts, ich warte in der Cafeteria auf Sie.
Sie waren höflich, die junge Frau, die mir über meine Reisetasche hinweg einige Fragen stellte, und auch der Sicherheitsbeamte, der meinen Pass behielt, mich bat, mit ihm zu kommen, fort von der Abflughalle, mich durch lange Korridore führte, in den hellen klimatisierten Raum, wo ich nun warte. (Seite 282)

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In ihrem Roman „Abschied von Jerusalem“ beschäftigt Anna Mitgutsch sich mit dem Nahost-Konflikt, aber nicht, indem sie darüber reflektiert oder gar referiert, sondern in Form einer konkreten und anschaulichen Handlung, in der sie Juden und Araber, Israeli und Palästinenser aufeinandertreffen lässt. Beim Lesen spürt man die besondere Beziehung der österreichischen Autorin zu Jerusalem, und sie kennt auch Ecken, in die Touristen nicht kommen. Das Panorama, das sie in „Abschied von Jerusalem“ entwirft, reicht zurück bis zur Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Diese Komplexität wirkt an keiner Stelle angestrengt; der Roman ist fugenlos aufgebaut und in einem großen Schwung komponiert.

Die Handlung entwickelt sich nicht chronologisch, sondern im Vor und Zurück auf verschiedenen Zeitebenen. „Abschied von Jerusalem“ wird von der Protagonistin, die autobiografische Züge der Autorin aufweist, in der Ich-Form erzählt, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die entscheidenden Ereignisse bereits stattgefunden haben. Dvorah denkt über ihre Erlebnisse in den letzten Tagen nach und erinnert sich zwischendurch an ihre Kindheit bzw. an die Herkunft ihrer Familie.

Dvorah irrt verstört durch Jerusalem, denn sie muss damit rechnen, dass sie von der Polizei gesucht wird. Die psychische Verfassung der verunsicherten Protagonistin erlebt der Leser intensiv nach, zumal er selbst einige Zeit über die Zusammenhänge im Ungewissen bleibt und sich erst allmählich orientieren kann.

Mit derselben Intensität wie Anna Mitgutsch ihre Figuren charakterisiert, fängt sie die Atmosphäre in Jerusalem ein und zeigt die vielen widersprüchlichen Gesichter der Stadt.

Weil „Abschied von Jerusalem“ ein kluges, nachdenkliches und sensibles Buch ist, fesselt es den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile. Anna Mitgutsch überzeugt inhaltlich, formal und sprachlich. Obwohl „Abschied von Jerusalem“ an keiner Stelle ambitioniert wirkt, handelt es sich um große Literatur.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Rowohlt Berlin Verlag

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