Harry Mulisch : Die Entdeckung des Himmels

Die Entdeckung des Himmels
Originaltitel: De ontdekking van de hemel De Bezige Bij, Amsterdam 1992 Die Entdeckung des Himmels Von Harry Mulisch durchgesehene Übersetzung: Martina den Hertog-Vogt Carl Hanser Verlag, München / Wien 1993 Taschenbuch: Rowohlt Verlag, Reinbek 2005 ISBN: 3-499-24171-4, 800 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weil sich kaum noch jemand an die Zehn Gebote hält, kündigt Gott den mit Moses geschlossenen Bund auf und will, dass die längst vergessenen Gesetzestafeln als Testimonium beseitigt werden. Damit der menschliche Vollstrecker des göttlichen Willens gezeugt wird, führt ein Engel scheinbar zufällig drei sehr verschiedene Menschen zusammen ...
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Kritik

"Die Entdeckung des Himmels" ist ein elegant geschriebener, kunst- und fantasievoll komponierter, teils ernster, teils grotesker Roman, eine unterhaltsame und geistig anregende Mischung aus den Genres Bildungs-, Liebes-, Abenteuer- und Kriminalroman.
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Weil sich kaum noch jemand an die Zehn Gebote hält, kündigt Gott den Bund mit der Menschheit auf und ordnet die Beseitigung des Testimoniums an: Die von Moses beschriebenen, inzwischen längst vergessenen Gesetzestafeln sollen zerstört werden. Da der freie Wille der Menschen eine direkte Lenkung ausschließt und zudem niemand den Aufbewahrungsort der beiden Steintafeln mit den Zehn Geboten kennt oder etwas von ihrer Existenz ahnt, muss für genau die richtigen Erbeigenschaften eines Neugeborenen gesorgt werden, damit daraus der Vollstrecker des göttlichen Willens hervorgeht.

Ein Engel, der im April 1914 die entsprechende Anweisung erhält, sorgt dafür, dass der 1892 geborene Wiener Wolfgang Delius während des Kriegs mit der aus Wien und Frankfurt am Main stammenden jüdischen Diamanthändlerfamilie Weiß zusammenkommt und 1926 die achtzehnjährige Eva Weiß heiratet. Ihr erster Sohn stirbt nach zwei Wochen. Mit dem 1933 geborenen zweiten Sohn Max verlässt Eva 1939 ihren Mann.

Als Max erwachsen ist, leidet er unter der Vorstellung, dass seine Mutter auf Initiative seines Vaters nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Der durch das Trauma zum ruhelosen Frauenverführer gewordene geniale, gründliche und pedantische Astrophysiker arbeitet in Amsterdam-Westerbork. Er wolle den Himmel entdecken, sagt er. Anfang 1967 nimmt Max in Den Haag einen Anhalter mit: Onno Quist. Der chaotische, steinreiche Snobist, Sohn des früheren niederländischen Regierungschefs Hendrikus Quist, ist ein autodidaktisches Sprachgenie, hat etruskische Texte entziffert und beschäftigt sich zur Zeit mit dem Diskus von Phaistos. Onno wurde am 6. November 1933 geboren, Max am 27. November 1933, weil Onno jedoch drei Wochen zu früh auf die Welt kam, müssen sie beide am selben Tag gezeugt worden sein, und zwar am 27. Februar 1933, als der Reichstag in Berlin brannte (Reichstagsbrand). Sie werden enge Freunde. Max beginnt mit der begnadeten Cellistin Ada Brons, die er im März 1967 kennen lernt, ein Liebesverhältnis, und nachdem er von einer Reise nach Auschwitz zurückkommt, möchte er mit Ada ein Enkelkind für seine tote Mutter zeugen. Während seiner Abwesenheit sind jedoch Ada und Onno ein Paar geworden.

Statt sich als Rivalen zu bekämpfen, halten Max und Onno ihre Freundschaft aufrecht. Sie begleiten Ada auf einer Konzertreise nach Kuba. Spaßeshalber gibt Onno sich bei der Einreise als Kommunist aus und wird deshalb zusammen mit Max zu einem Kongress der Regierungspartei eingeladen. Am Tag vor der Rückreise lässt Onno sich von María, der jungen Witwe eines in Bolivien erschossenen Revolutionärs, verführen. Ada und Max treiben es währenddressen im warmen Meer. Als Onno ins Hotel zurückkommt, schläft Ada auch mit ihm. In Amsterdam stellt Ada fest, dass sie schwanger ist. Max drängt sie zur Abtreibung, weil das Kind ihm ähnlich sehen könnte und seine Freundschaft mit Onno zerstören könnte, aber Onno freut sich über das Kind, von dem er annimmt, dass es seines ist, und er heiratet Ada, die nicht weiß, welcher der beiden Freunde der Vater ist.

Einige Zeit später erleidet Adas Vater in Leiden einen Herzinfarkt. Max will Ada und Onno trotz eines gerade tobenden Unwetters sofort hinfahren. Als er wegen eines über die Straße gestürzten Baumes eine Vollbremsung macht, rutscht er in die Böschung. Die beiden Männer versuchen, das Auto zurückzuschieben. Da kracht ein durch den Sturm entwurzelter Baum auf das Auto, in dem die schwangere Frau sitzt. Im Krankenhaus glauben die Ärzte nicht, dass Ada jemals wieder aus dem Koma erwachen wird, aber dem Embryo fehlt nichts.

Max überbringt Adas Mutter Sophia, die gerade vom Tod ihres Mannes erfahren hat, die schlimme Nachricht. Wegen des schlechten Wetters übernachtet er bei ihr. In ihrer Verzweiflung klammert Sophia sich an ihn und schläft mit ihm.

Das am 30. Mai 1968 durch einen Kaiserschnitt auf die Welt gebrachte engelsgleiches Kind erhält von Onno den Namen Quinten – nach dem Akkord mit der perfekten Harmonie.

Während Onno in Amsterdam eine Politikerkarriere beginnt und wieder mit Helga Hartman zusammenkommt, die ihn 1967 verlassen hatte, ziehen Max und Sophia ins Schloss Groot Rechteren und nehmen Quinten zu sich.

Schon als Zwölfjähriger ist Quinten überzeugt, eine besondere Aufgabe erfüllen zu müssen, und er betrachtet immer wieder einen Kupferstich von Giovanni Battista Piranesi (1720 – 1778) mit dem Titel „Piazza di S. Giovanni in Laterano“

Onnos vielversprechende Karriere – er wird für das Amt des Verteidigungsministers vorgeschlagen – endet 1981 abrupt, als Fotos auftauchen, die seine Teilnahme an einem kommunistischen Kongress auf Kuba im Jahr 1967 beweisen. Zur gleichen Zeit wird Helgas Leiche mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Die Polizei vermutet, dass ein Fixer sie überfiel und ausraubte. Sie kroch noch zu einer Telefonzelle, aber den Apparat hatten Vandalen zerstört.

Am 11. Mai 1985 kommt der Papst in die Niederlande. Quinten reist am selben Tag, zwei Wochen vor seinem siebzehnten Geburtstag, mit dem Zug nach Venedig. Onno ist seit seinem politischen Absturz und der Ermordung Helgas spurlos verschwunden; Max wurde vor einem Monat von einem Meteoriten erschlagen. Auf der Flucht vor einer fünfzehn oder zwanzig Jahre älteren Frau, die sich in ihn verliebt hat, gelangt Quinten nach Florenz, aber weil ihm dort ein Schwuler nachstellt, fährt er weiter nach Rom.

Im Pantheon bemerkt er einen großen, schweren und verwahrlosten Mann mit einem Raben auf der Schulter. Der Vogel fliegt plötzlich auf und entweicht durch das Loch in der Kuppel. Der vermeintliche Stadtstreicher nähert sich Quinten. Es ist Onno! Seit einem Schlaganfall benutzt er einen Gehstock.

Quinten, der von Max und Sophia agnostisch erzogen wurde, besichtigt mit Onno die Stadt und erfährt dabei auch einiges über die Bibel, den jüdischen und den christlichen Glauben. Beispielsweise erzählt Onno in der Kirche San Pietro in Vincoli vor der berühmten Statue Michelangelos von Moses und den Zehn Geboten. Die Bundeslade mit den beiden schätzungsweise 48 mal 16 Zentimeter großen Gesetzestafeln, erfährt Quinten, stand im Allerheiligsten des jüdischen Tempels in Jerusalem. Als Nebukadnezar diesen ersten Tempel 597 vor Christus zerstörte, gingen die Bundeslade und ihr Inhalt verloren. Im Lateran erläutert Onno, dass Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, einer mittelalterlichen Legende zufolge die Scala Sancta, die Heilige Treppe, im 14. Jahrhundert aus Jerusalem hierher hatte bringen lassen. Es soll sich um die achtundzwanzig Marmorstufen aus dem Palast des römischen Statthalters Pilatus handeln, über die der dornengekrönte Jesus hinaufgeführt worden war. Als Papst Sixtus V. (1585 – 1590) den Lateran-Palast abreißen und neu errichten ließ, blieb nur die päpstliche Kapelle – das Sancta Sanctorium, das Allerheiligste – stehen. Ohne weitere Details zu kennen, ist Quinten überzeugt, dass in der Kapelle die verschollenen Tafeln mit den Zehn Geboten zu finden sind und es seine Aufgabe ist, sie von dort wegzuschaffen. In dem 1908 von dem österreichischen Jesuiten Hartmann Grisar veröffentlichten Bericht „Die Römische Kapelle Sancta Sanctorum und ihr Schatz. Meine Entdeckungen und Studien in der Palastkapelle der mittelalterlichen Päpste“ finden Onno und Quinten eine penible Beschreibung.

Am Abend vor seinem 17. Geburtstag lässt Quinten sich mit Onno im Lateran einschließen. Mit dem eigens besorgten Werkzeug und der bei einem Schlosser auf Groot Rechteren erworbenen Fertigkeit gelingt es Quinten, die Schlösser des Allerheiligsten eines nach dem anderen zu öffnen. Das Innere scheint leer zu sein, aber er findet die beiden gut versteckten Steinplatten. Im Morgengrauen nehmen Onno und Quinten im Flughafen Leonardo da Vinci die erste Maschine. Damit fliegen sie nach Tel Aviv.

Quinten weiß selbst nicht, was er in Israel vorhat, aber er ist zuversichtlich, dass alles von selbst in Ordnung kommen wird. In Jerusalem müssen sie mit dem schäbigen Hotel „Raphael“ in der Altstadt vorlieb nehmen, weil die guten Hotels überfüllt sind. Den Koffer mit den Gesetzestafeln deponieren sie im Hotelsafe und amüsieren sich, weil der Besitzer nicht ahnen kann, dass sein Tresor vorübergehend in die Bundeslade verwandelt wurde.

In einer Fernsehübertragung aus Rom sehen sie, dass eine eifrige Gläubige, die am frühen Morgen auf ihren Knien die achtundzwanzig Stufen der Heiligen Treppe hinaufgerutscht war, hinter den Gittern des Allerheiligsten den von Onno dort vergessenen Gehstock entdeckt hatte. Ein Wunder! Man hält den Gehstock für den Stab, mit dem Moses Wasser aus dem Felsen geschlagen hatte. Von überall her machen sich Pilger auf den Weg nach Rom.

Auf dem Tempelberg besichtigen Onno und Quinten auch Al-Aqsa. Dabei, so erklärt ihnen ein Führer, handelt es sich nicht um eine Moschee, sondern um einen im 7. Jahrhundert von Kalif Abd al-Malik errichten Schrein für den mannshohen Felsen in der Mitte, den die Juden für den Grundstein des Weltgebäudes halten. Quinten begreift: Hier stand einst die Bundeslade, und später lagen die Tafeln auf dem Felsen.

In einem Café in der Neustadt fällt den beiden Männern eine ältere Israeli auf, die am Arm eine Tätowierung mit einer Nummer hat. Ihre leuchtend blauen Augen erinnern Onno sowohl an Quinten als auch an Max. Handelt es sich um die Mutter von Max? Hatte sie Auschwitz überlebt? Und war Max Quintens Vater?

Zurück im Hotel, zieht Quinten sich in seinem Zimmer aus und knotet nur ein Handtuch um die Hüfte. Da taucht Onnos Rabe am Fensterbrett auf, und als Quinten ihn zu seinem Vater bringen will, hat sich das Gebäude verändert. Niemand ertappt ihn, als er das Schloss des Hotelsafes mit der spontan erratenen Kombination J, H, W, H öffnet, die Tafeln mit den Zehn Geboten herausnimmt und damit zum Tempelberg geht. Dort springen plötzlich die Buchstaben des Dekalogs ab und verschwinden zusammen mit Quinten.

Als Onno nach Quinten sieht, ist die Türkette von innen eingehängt. Er muss also im Zimmer sein, aber er meldet sich nicht. Beunruhigt drückt Onno die Tür mit Gewalt ein. Das Zimmer ist leer. Quintens Kleider liegen auf dem Bett. Er kann doch nicht nackt aus dem Fenster gesprungen sein! Einer Ahnung nachgebend, lässt Onno sich von der Tochter des vorübergehend verreisten Hotelbesitzers den Koffer aus dem Safe geben. Die Steintafeln sind weg!

Onno ruft Sophia an. Sie kommt gerade von der Einäscherung der Leiche Adas. Weil sie nicht mehr mit ansehen wollte, wie der Körper ihrer bewusstlosen Tochter von den Metastasen eines Gebärmutterkarzinoms überwuchert wurde, hatte sie ihr heimlich eine Überdosis Insulin in den Oberschenkel injiziert. Ada war an Quintens siebzehnten Geburtstag gestorben – dem Tag, an dem er mit Onno zusammen die Gesetzestafeln aus dem Sancta Sanctorium im Lateran geraubt hatte.

Der Engel aber, der für die Ausführung des göttlichen Befehls gesorgt hatte, stellt sich am Ende gegen den erbarmungslosen Himmel: Er will als Mensch auf die Erde und versuchen, die Menschheit zu retten.

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Gott hat den Bund mit der missratenen Menschheit aufgekündigt – wir haben es nur noch nicht gemerkt. Aus dieser Grundidee hat Harry Mulisch einen dicken und komplexen Roman gemacht, in dem es nicht nur um Liebe, Freundschaft und die Frage nach der Lebensaufgabe geht, sondern auch um Zeitgeschichte, Politik und Kultur. „Die Entdeckung des Himmels“ ist ein elegant geschriebener, kunst- und fantasievoll komponierter, teils ernster, teils grotesker und ironischer Roman, eine unterhaltsame und geistig anregende Mischung aus den Genres Bildungs-, Liebes-, Abenteuer- und Kriminalroman mit unzähligen historischen, philosophischen, kabbalistischen und literarischen Anspielungen. „Ein heiteres Spiel, ein ernster Scherz“, meint Harry Mulisch selbst dazu.

Harry Mulisch wurde 1927 in Haarlem als Sohn eines Bankiers tschechischer Herkunft und einer Jüdin aus Frankfurt am Main geboren. Sein Vater kollaborierte im Zweiten Weltkrieg mit den Deutschen, um seine Frau und seinen Sohn zu schützen, konnte aber nicht verhindern, dass seine Schwiegermutter und deren Mutter in Auschwitz ermordet wurden. Harry Mulisch starb am 30. Oktober 2010.

Jeroen Krabbé hat den Roman 2001 verfilmt: „Die Entdeckung des Himmels“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004 / 2010

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