Hanns-Josef Ortheil : Agenten

Agenten

Hanns-Josef Ortheil

Agenten

Manuskript: November 1987 bis März 1989 Agenten Originalausgabe: Piper Verlag, München 1989 ISBN: 3-492-03363-6, 323 Seiten, 38 DM btb Verlag, München 2010 ISBN: 978-3-442-73814-4, 317 Seiten, 9.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Abitur sucht Meynard sich in Wiesbaden einen Job und eine Wohnung. Sein Schulfreund Blok war schon vor ihm da, kellnert bereits im Hotel "Savoy" und bereitet die Eröffnung einer American Bar vor. Lautner, der über ein Netzwerk von nützlichen Kontakten verfügt, stellt Meynard zunächst als Korrektor eines Anzeigenblatts ein und vermittelt ihm dann eine Stelle in der Redaktion einer Lokalzeitung, während er zugleich eine Schauspielerin protegiert. Es geht um Geld, Geschäft, Erfolg und Konsum. Man profiliert sich als Einzelkämpfer, pflegt sein Ego und definiert sich über das Einkommen ...
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Kritik

In dem Roman "Agenten" hören wir zwar einem Ich-Erzähler zu, aber es geht um eine ganze Gruppe von jungen Menschen, die in den 70er- oder 80er-Jahren das Abitur machte. Hanns-Josef Ortheil skizziert ein Porträt dieser Generation.

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Bevor der Ich-Erzähler in die Tertia kommt, zieht er mit seiner Familie aus einer Behausung, in der er sich mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Sarah ein Zimmer teilen musste, in ein Reihenhaus in einer Kreisstadt bei Wiesbaden, wo sein Vater eine Anwaltskanzlei übernommen hat. Weil der Gymnasiast bei der Vorstellung in der neuen Schule eine Ballade von John Maynard aufsagt, erhält er den Spitznamen Maynard. Er nimmt ihn an, ersetzt allerdings das erste A durch ein E.

In der Klasse sitzt er neben Frank Blok, der nur beim Nachnamen genannt werden möchte und es hasst, wenn ihn jemand Frankie ruft, denn damit ist zu Hause sein Vater gemeint. Frankie praktiziert als Landarzt und achtet auf eine gesunde Lebensführung. Beispielsweise joggt er. Hin und wieder fliegt er mit seiner Frau übers Wochenende nach Berlin, und dazu gehört auch jedes Mal ein Opernbesuch. Im Urlaub unternehmen sie Safaris in Kenia. Im Haus steht ein Bösendorfer Flügel, obwohl Frankies Repertoire aus gerade mal drei Musikstücken besteht.

Blok lässt keinen Zweifel daran, dass er alles Übliche verachtet. Es dauert Tage, bis er Meynard zum ersten Mal anspricht. Aber dann werden sie Freunde. Schließlich vertraut Blok seinem neuen Freund an, dass die Eltern sich scheiden lassen. Seine Mutter ist bereits fort. Dafür zieht nun Frankies neue Lebensgefährtin ein, eine Ärztin und Dressurreiterin mit einem zwölfjährigen Sohn, die ebenfalls in Scheidung lebt.

Als Bloks Schulnoten für den Aufstieg in die nächste Klasse nicht reichen, schickt sein Vater ihn auf eine Privatschule in Wiesbaden und mietet ihm ein Zimmer. Meynard besucht ihn an den Wochenenden. Meist fährt er mit dem Bus schon am Freitagabend nach Mainz und von dort mit dem Zug hinüber nach Wiesbaden.

Zu Hause fühlt Meynard sich immer unwohler. Sarah hat ihr Zimmer inzwischen in ein muffiges Herbarium verwandelt. Mit ihrer Mutter zusammen schwärmt sie nicht nur von gesunder Ernährung und bequemer Kleidung, sondern auch von einem naturverbundenen Dasein.

Obwohl Meynard seinen Freund regelmäßig trifft, spürt er, wie Blok sich von ihm entfernt. Dessen Leben ist durch den Umzug nach Wiesbaden in Fahrt gekommen. Als Meynard wieder einmal an einem Freitagabend bei ihm klingelt, lässt ihn die im Nachbarzimmer wohnende Fachhochschul-Studentin Doris ins Haus. Blok hat sie gebeten, ihm auszurichten, dass er als Kellner im „Savoy“ arbeitet, einem der teuersten Hotels in Wiesbaden. Blümchen, ein gemeinsamer Schulfreund, dessen Onkel an der Rezeption arbeitet, hat ihm den Job vermittelt.

Blümchen gehört wie Lautner und Männie zu Bloks Clique in Wiesbaden. Sein Vater arbeitet als Vertreter einer Mineralwasser-Firma im Taunus. Früher fuhr er zur See, und er besitzt ein Segelboot, das er in einem kleinen Hafen im Rheingau liegen hat. Lautner gehört das Anzeigenblatt „Wiesbaden live“, und er betreibt einen Catering-Service. Männie verfügt über gute Kontakte zu den GIs in der US-Kaserne und kommt dadurch an Sachen heran, die es sonst nicht für Deutsche gibt. Gerüchten zufolge handelt er auch mit Drogen.

Frankies Vater erfindet nicht nur für seinen Sohn eine Krankengeschichte, die diesen vor der Bundeswehr bewahrt, sondern stellt auch einen ausführlichen Arztbericht mit Röntgenbildern über eines Wirbelsäulenschaden zusammen, dessentwegen Meynard angeblich seit Jahren von ihm behandelt wird.

Meynard wird bei der Musterung als untauglich eingestuft, absolviert das Abitur, hat aber keine Lust auf ein Studium und wüsste ihm Gegensatz zu seiner von Biologie begeisterten Schwester auch gar nicht, welches Fach er wählen sollte.

Ich hatte den naiven Dünkel derer, die darauf vertrauen, alles falle ihnen in den Schoß, doch ich hasste mich oft selbst wegen dieses zwar abenteuerlichen, aber bequem machenden Selbstvertrauens. Die Zeit schleifte so dahin, und um mich herum machten die anderen ungehemmt Anstalten, die noch freien Plätze zu besetzen.

Er sucht erst einmal einen Job und wendet sich deshalb an Lautner. Der lädt ihn daraufhin zum Brunch ein.

Lautner empfing seine Gäste gegen Mittag auf der Dachterrasse einer Jugendstilvilla, in der er die obere Etage allein bewohnte. Die Villa befand sich im Nerotal.

Das repräsentative Anwesen gehört einem alten Herrn, der für einige Wochen verreist ist und auch sonst froh ist, wenn er nicht allein im Haus wohnen muss. Lautner erklärt Meynard:

Ich habe an Jobs nie gedacht, das war mir zu dürftig. Ich habe mir Geld geborgt und alles gesetzt, auf Gedeih und Verderb. Glaub nicht, mir hätte jemand etwas geschenkt. Mit Jobs kann kein Mensch etwas werden.

Dann demütigt er den Bittsteller erst einmal:

„Siehst du, das ist es, du kommst daher und willst mir einen Job absteißen, du denkst, der managt das schon, aber du kannst nichts, du weißt nichts, du hast nichts.“

Schließlich stellt er Meynard als Korrektor des Anzeigenblatts ein und vermittelt ihm eine Zwei-Zimmer-Wohnung nahe der Fußgängerzone am Michelsberg. Dorthin kommt Meynard allerdings oft erst weit nach Mitternacht, denn vor allem spätabends gibt es im Büro viel zu tun.

„Du siehst bleich aus“, sagte Blok und nippte kurz an seinem doppelten Espresso. Wir saßen am frühen Nachmittag vor dem Café Maldaner.

Meynard und Bloks Zimmernachbarin Doris kommen sich näher. Ihr Vater ist Winzer, und sie wuchs als einziges Mädchen mit drei Brüdern zusammen auf. Nachdem sie die Schule abgebrochen hatte, machte sie eine Lehre in einem Modegeschäft in Wiesbaden und wohnte während dieser Zeit bei einer Tante. An drei Abenden in der Woche kellnert sie. Doris erzählt Meynard, dass Blok manchmal von seinem Vater besucht wird und es dann jedes Mal lautstarken Streit gibt. Dabei gehe es um Geld, sagt sie. Das wundert Meynard, denn Blok verdient im „Savoy“ gut und erhält ohnehin von seinem Vater monatlich einen Scheck. Sie wandern im Dunkeln auf den Neroberg hinauf, klettern über den Zaun ins Opelbad. Nachdem sie ein paar Bahnen geschwommen sind, lieben sie sich im Wasser. Doris stellt klar, dass sie keine heimlichen Affären nebenher dulden werde. Und Blok soll von dem Verhältnis nichts erfahren.

„Aber wir verschweigen es Blok. Es geht ihn nichts an.“
„Das können wir nicht, ich will dich schließlich auch mal besuchen.“
„Es geht ihn nichts an! Er hat für sowas die falschen Töne, und er redet uns drein. Für Zynismus habe ich in solchen Dingen nichts übrig. Die Sache hat Beobachtung nicht verdient, nicht einmal gut gemeinte, am wenigsten spöttische. Ihr seid alte Freunde, und ich weiß, was da aufkommen kann. Also entweder du hältst ihn heraus, oder wir streichen das Ganze.“

Meynard, dachte ich gelinde erschrocken, jetzt bist du nicht mehr allein!

Sein unter Depressionen leidender Vater verursachte inzwischen zwei leichte Verkehrsunfälle, beide beim Ausparken.

Er schien an Substanz zu verlieren und bekam das Aussehen eines aufgeriebenen BKA-Fahnders, der seine Aufträge nur noch von ihm früher untergebenen V-Männern erhielt. Das jahrelange, erbärmliche Stochern in Prozessakten hatte ihm jeden Glauben an überschaubare Verhältnisse genommen, und er versuchte, diese übertriebene Reaktion mit Gebärden eines abgrundtiefen Lebensekels zu adeln, die ich als Entschuldigungen nicht gelten ließ. Seit ich das Elternhaus verlassen hatte, begegnete er mir mit einer gewissen Scheu, als wage er mich nicht nach meinem Leben zu fragen.

Sarah und die Mutter haben die Rollen vertauscht: Die Tochter hat zu Hause das Regiment übernommen, bestimmt, was eingekauft und gegessen wird. Aufgrund ihrer überragenden schulischen Leistungen will ihr die Direktion des Gymnasiums zu einem vorgezogenen Abitur verhelfen. Obwohl Biologie ihre Leidenschaft ist, macht sie inzwischen auch einen Hebräisch-Kurs.

Sarah trat an die Spitze, hemmungslos darauf bedacht, eine starke Einzelle zu werden; Mutter verabschiedete sich aus dem banalen Leben, um die esoterischen Rufe von innen heraus deutlicher zu vernehmen, und Vater glitt in das Schattenreich der müden Depressiven, denen längst alles zu viel war.

Nachdem Meynard wochenlang als Korrektor für „Wiesbaden live“ gearbeitet hat, ruft Lautner ihn an und beauftragt ihn, ein Interview mit der Theaterschauspielerin Linda Francis zu führen.

„Du schreibst mir ein Porträt. Du gehst hin, morgen Mittag um zwölf, und du quetschst sie aus, nach allen Regeln der Kunst. Du bist angemeldet, sie weiß, dass du kommst.

Am nächsten Tag taucht Meynard bei der Probe des Stücks „Das Leben ein Traum“ von Pedro Calderón de la Barca auf. Als Linda Francis ihn entdeckt, geht sie mit ihm in die Kantine. Ihre Mutter sei Spanierin, erzählt sie, der Vater Amerikaner. Sie wurde in Deutschland geboren, wo ihr Vater stationiert war. Inzwischen leben ihre Eltern in Boston.

Lautner nimmt den Artikel kommentarlos entgegen. Aber an einem der nächsten Tage erhält Meynard einen Anruf von der Zeitung „Wiesbadener Bote“. Piehl, der stellvertretende Chefredakteur, will sich mit ihm treffen. Sie verabreden sich in der Gaststätte „Zum Dortmunder“, und Piehl bietet Meynard an, eine vor einem halben Jahr eingeführte „Scene“-Seite für junge Leserinnen und Leser zu übernehmen.

„Das Wichtigste ist: Sie kommen von draußen, aus der tiefsten Prärie! Niemand hat Ihnen etwas gelötet, Sie sind ein frischer Landexport, erste Ware! Eingestiegen sind Sie noch nirgends, das war mit Herrn Lautner vereinbart. Sie haben Korrekturen gelesen, nicht mehr, Herr Lautner hat sich daran gehalten, obwohl, bei ihm ist man nie sicher.“

Meynard bezweifelt, ob seine Ausbildung dafür ausreicht, aber Piehl wischt die Bedenken weg:

„Jetzt enttäuschen Sie mich nicht. Ich weiß exakt, wie viel Sie für Lautner getan haben. Sekretariat, Redaktionelles, Gestaltung, Satz, sogar im Layout. Lautner hat mir bestätigt, Sie beherrschen das Handwerk. Und was Sie brauchen, das lernen Sie rasch. Die ersten Monate sind ihnen die Jungs vom Lokalen behilflich.“

Meynard soll gleich anfangen. Sein erster Artikel im Wiesbadener Boten ist das Linda-Francis-Porträt. Ihm steht zwar ein kleines Büro im Verlagshaus zur Verfügung, aber er gestaltet auch seine eigene Wohnung zu einem Arbeitsplatz um und kauft sich einen Anrufbeantworter.

Er erzählt Blok, dass er auch den neuen Job Lautner verdanke. Der habe das augenscheinlich von langer Hand mit Piehl zusammen vorbereitet. Dass es nicht einfach wird, ahnt er. Seine Gegner vermutet er vor allem im Feuilleton, denn in dieses Ressort bricht er zwangsläufig ein.

„Was ist Kultur denn für die? Der Spott, den sie über Leute wie sich selbst ausgießen! […] Kultur ist Parfum, in den Redaktionskonferenzen schweigen alle betreten, wenn die Feuilletonisten sich melden. Wieder Minuten verschenkt!

Was Meynard sich vorstelle, fragt Blok.

„Biografien! Ein Forum für Biografien! Was fangen Menschen, die hier leben, mit der Gegenwart an?“

Meynard hätte gern, dass Blok Restaurantkritiken für ihn schreibt, aber sein Freund erklärt ihm, er könne das nicht und vertraut ihm auch den Grund an: Er werde im Savoy kündigen, sagt er, und ein eigenes Lokal eröffnen, eine American Bar mit kleiner, aber guter Küche. Das Geld hat er von seinem Vater. Ohne zu ahnen, wo sein Sohn arbeitete, verbrachte Frankie heimlich Nächte im Savoy, schlief mit Frauen und verlor große Summen in der Spielbank. Blok erpresste ihn damit und bekam schließlich eine halbe Million.

„Das ist mein Abschied von Frankie. Er hat mein Wort drauf bekommen. Keine Erbschaft, keine weiteren Ansprüche, das hat er schriftlich von mir. Besiegelt von einem Anwalt.“

Als Meynard das vernimmt, staunt er:

Agenten, Blok, du handelst wie ein Agent … […] Was ist nur mit uns? Ich seh es genau, wir spielen uns die Trümpfe geschickt in die Hand, wir verheimlichen, sehr routiniert, wir schicken den agent provocateur, andere reinzulegen, uns selbst zum Plaisir … […] Warum geht uns das alles nichts an? Agenten stehen draußen, Blok, sie leben außerhalb aller Verhältnisse, nur ihre eigenen im Kopf.“

Blok fragt, ob Meynard nichts von seinen Auseinandersetzungen mit Frankie gehört habe.

„Hast du gar nichts geahnt, von Frankie und mir?“
„Nichts.“
„Aber du hast es doch gehört, all dieses Streiten …“
„Ich?! Wo gehört?“
„Nebenan, du lagst doch mit Doris direkt nebenan.“
„Du weißt davon?“
„Für wie dumm hältst du mich?“
„Hat sie dir etwas erzählt?“
„Ich hab euch gehört, ich hab euch gesehen, und zum Dritten: Lautner hat es schon vor Monaten gemeldet …“

Linda Francis schenkt Meynard zum Dank für das Porträt im Wiesbadener Boten zwei Premierenkarten für „Das Leben ein Traum“, und er nimmt Doris mit. Das geht nicht gut, denn Doris wirft ihm vor, die ganze Zeit Linda Francis angestarrt zu haben, und von der hält sie nicht viel:

„Unmöglich führt sie sich auf! Sie reißt alles an sich, in jeder Szene, in der sie auftritt, sind die Übrigen nur Statisten.“

Bei der Premierenfeier sagt Lautner zu Meynard:

„Ohne mich wärst du nichts, soviel steht fest. Und ohne mich wirst du nicht bleiben, das ist deutlich. Du musst wissen, wem du etwas schuldest.“

Meynard entgegnet:

„Schulden?! Das geht zu weit. Dankbar bin ich dir, ja, doch schulden tu ich dir nichts …“

Aber Lautner weicht nicht zurück:

„Ach ja? Das werden wir sehen. […] Schneller Aufstieg, rascher Fall! […] Ich verlange Kooperation, verschwiegen und klassisch, das biete ich an. Du stänkerst mir nicht gegen alte Bekannte, du bleibst an der Leine.“

Dann beschuldigt Lautner ihn noch, von Bloks Plänen gewusst und ihm nichts davon erzählt zu haben.

Die Anzeige, die Blok zur Eröffnung seiner American Bar in „Wiesbaden live“ schalten möchte, wird von Lautner zurückgewiesen. Aus irgendeinem Grund, den Meynard nicht kennt, hassen sich die beiden. Er fragt Blok:

„Sag mal, warum steht ihr so gegeneinander? Was steckt dahinter?“
„Neid, blanker Neid. Lautner wandern die girls ab, die er zu seiner Manneskosmetik braucht.“
„Lautner und Frauen?!“
„Nichts Festes, nur der Tross, den er hinter sich herzieht. Ich hab sie nach und nach ins Savoy locken können.“
„Damit warst du also beschäftigt …“
„Nicht wie du denkst … Ist doch simpel, ich brauche die girls hier in der Bar, ohne die gibt’s keine Stimmung. […]“
„Blok, wenn ich das alles schreibe, kannst du schließen. Du bist viel zu gerissen.“
„Dann lass es weg.“

Blok ist froh, Lieferanten gefunden zu haben, die nicht von Lautner abhängig sind. Zur Eröffnung von Bloks American Bar ist Meynard selbstverständlich eingeladen, und Blok erklärt ihm, dass er auch später nichts zu bezahlen brauche.

Unter den Gästen ist Walter, ein früherer Schulfreund Bloks und Meynards. Seine Eltern führen im Heimatort einen Gemüseladen. Er erzählt Meynard, dass er in einem Monat seinen Wehrdienst beenden und Bloks Bude übernehmen werde. Die kann er haben, weil Blok in die Wohnung über seiner neuen Bar zieht. Walter, der schon in der Schulzeit ein herausragender Sportler war, hat inzwischen Kontakte zum Fernsehen geknüpft. Schon jetzt jobbt er an seinen freien Wochenenden als freier Mitarbeiter beim Landesstudio des Südwestfunks in Mainz. Er will das nach der Zeit bei der Bundeswehr intensivieren und parallel dazu in Mainz Sport und Geografie studieren. (Walter ist einer der wenigen Schulfreunde, denen der Anschluss gelingt. Die meisten der anderen, die in Mainz studieren und in Wiesbaden wohnen möchten, müssen sich wegen der hohen Preise in der Innenstadt mit Zimmern an der Peripherie begnügen. Wenn sie dort ihre Kohleöfen heizen, gaukeln sie sich vor, das sei Studentenromantik. Meynard besucht den einen oder anderen von ihnen, findet es jedoch zu desolat, um den Kontakt aufrechtzuerhalten.)

Meynard tanzt bei der Eröffnung der American Bar mit Linda. Sie küssen sich, und Linda schlägt ihm vor, mit ihr nach Siena zu reisen, wo sie eine Freundin besuchen möchte. In einer Tanzpause bringt Blok ihm einen Zettel. Er ist von Doris, die bereits gegangen ist. „Es reicht! Du sollst mich kennenlernen!“, steht darauf.

Während Doris mit Meynard Schluss gemacht hat, meldet Linda sich nach diesem Abend nicht mehr bei ihm, auch nicht, als er ihr Blumen schickt. Vergeblich versucht er, in ihre Garderobe vorgelassen zu werden oder sie am Bühnenausgang abzupassen. Die doppelte Abfuhr macht ihn krank.

Sarah immatrikuliert sich nach dem vorgezogenen Abitur in Mainz für Biologie und Philosophie. Fürs Erste zieht sie zu ihrem Bruder in Wiesbaden. Sie ist froh, nicht mehr bei den Eltern wohnen zu müssen. Seit der Vater sich wegen seiner oft monatelangen Ausfallzeiten durch seine Depressionen die Kanzlei mit einem Partner teilt, redet die Mutter von Abstieg und Verarmung.

Meynard hat seinen Schulfreund Männie in sein Team bei der Zeitung geholt. Der kommt eines Tages zu ihm ins Büro, schließt die Tür und meint:

„Du machst nur noch Scheiß! Es läuft nicht mehr richtig. Keine Ideen, du bist völlig verbraucht.“

Männie unterrichtet Meynard darüber, dass die Kollegen über ihn tuscheln. Franz Schmahl, der schon länger als 20 Jahre in der Anzeigenabteilung tätig ist, verhöhnt ihn als Tristan ohne Isolde. Außerdem meint Männie, dass Linda Francis Meynard nur benutzt habe. Der Nächste sei Lautner gewesen. Der sei mehrmals mit ihr zusammen in Frankfurt gesehen worden. Er habe ihr dort eine Wohnung besorgt. Ihn habe sie jedoch ebenfalls abserviert, als sie seine Unterstützung nicht mehr benötigte. Weil die Schauspielerin jedoch wochenlang kein einziges Mal in ihrer Wohnung war, ist Männie überzeugt, dass sie inzwischen mit einem anderen Mann zusammen ist, vermutlich einem, der ihr noch mehr bieten kann. Außerdem, sagt Männie, habe Linda von ihm zweimal Kokain gekauft, und zwar beachtliche Mengen. Er glaubt jedoch nicht, dass sie selbst drogensüchtig ist.

Männie ist kaum fort, da wird Meynard von Piehl zu einer Unterredung aufgefordert. Der stellvertretende Chefredakteur kritisiert seine Arbeit und weist auf die zahlreichen unzufriedenen Leserzuschriften hin. Außerdem beschwerte sich Lautner, einer der wichtigsten Anzeigenkunden, darüber, dass Meynard Hofberichterstattung über seine Freunde betreibe, zum Beispiel mit einem Artikel über die neue American Bar.

„Sie bringen in baldiger Zukunft was über Lautners rasenden Service. Sie wissen, er füttert die neureichen Cliquen mit diesen Häppchen, wie nennt sich das gleich?“

Meynard lässt sich Kopien der Leserbriefe geben, die er bisher gar nicht beachtete. Männie argwöhnt, dass die meisten von Doris bzw. in ihrem Auftrag geschrieben wurden. Sie hat ihr Studium abgebrochen und arbeitet inzwischen mit Walter zusammen beim Südwestfunk in Mainz. Ansagerin wolle sie werden, erzählt Männie. Und er rät seinem Freund nicht nur zu Amphetaminen, sondern auch zu einer Image-Korrektur:

„Du brauchst Frauengeschichten.“

Meynard lehnt zwar die Drogen ab, folgt jedoch dem anderen Rat und lässt sich von nun an fast jeden Abend mit einer anderen hübschen Frau sehen. Außerdem greift er für seine Artikel auf einen Fundus von etwa 50 Geschichten zurück, die Männie aufs Band gesprochen hat. Schmahl verschafft Männie nämlich die Adressen von Frauen, die Kontaktanzeigen aufgegeben haben, und Männie ist dann der Erste, der sich mit ihnen verabredet, und zwar stets unter einer anderen Identität. Was er auf diese Weise erlebt, hält er mit skizzenartigen Diktaten fest, die Meynard Material für eine ganze Artikelserie liefern.

Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von „Wiesbaden live“ lädt Lautner über 100 „enge Freunde“ zu einem Hafenfest im Rheingau ein. Er nimmt Meynard im Sportwagen mit und erklärt ihn zum Ehrengast. Unterwegs meint er:

„Du zelebrierst jetzt den Hengst, was? Man sieht dich alle paar Tage mit einer neuen flotten Begleitung.“

Dann warnt er ihn:

„Sobald ich sehe, du bist mit Blok geschäftlich liiert, springst du über die Klinge.“

Meynard hat sich auf dem Fest mit einer Freundin namens Corinna verabredet. Als sie Lautner mit Lina Francis zusammen sehen, wundert Meynard sich zunächst, denn im Auto beklagte Lautner sich noch, die Schauspielerin habe ihn ausgenutzt und dann stehen lassen. Später nimmt Lautner ihn auf die Seite und behauptet, Meynard habe ihm Linda geraubt. Der traut seinen Ohren nicht, aber Lautner ist überzeugt, dass es sich bei der Frau, die seit einiger Zeit bei Meynard wohnt, um Linda handelt.

„Du hast es auf irgendeine dunkle Weise geschafft, die Francis an dich zu binden. Sie geht kaum noch aus, sie verbringt die Nächte fast immer in deinen zwei Zimmern.“

Vergeblich beteuert Meynard, dass nicht Linda, sondern seine Schwester bei ihm wohne. Lautner glaubt ihm nicht. Er geht mit ihm auf seine Jacht und konfrontiert ihn in der Kajüte mit Linda, die sich darüber beschwert, dass Lautner sie eine Stunde lang warten ließ. Der hebt zu einem Monolog an, in dem er darauf hinweist, dass Linda Francis von ihm entdeckt wurde.

„Ich hatte sie einmal im Theater gesehen, in einer schummrigen Posse. Ich wusste gleich, die Francis war noch für Höheres gut, für Aufgaben weit übers Theater hinaus. […] Dann hab ich ihr Meynard geschickt, Meynard war damals ein Nichts […]. Und er hat seine Chance genutzt. Sein Porträt über die Francis hat ihm die Türen geöffnet, und sie ist ins Rampenlicht gekommen dabei. Die beiden hatten das alles mir zu verdanken, ich war der heimliche Sponsor […]. Meynard hab ich an die Zeitung gebracht, und für die Francis hab ich in Frankfurt antichambriert.“

Aber dann hätten sich, so Lautner weiter, die Schauspielerin und der Redakteur heimlich gegen ihren Mäzen verschworen. Linda protestiert; sie glaubt, Lautner habe den Verstand verloren. Meynard schweigt. Plötzlich springt er auf, rennt zu den anderen, entschuldigt sich bei Corinna und lässt sich von Blümchen auf der Stelle nach Wiesbaden fahren. In der American Bar findet er Blok hinter der Theke. Obwohl Hochbetrieb ist, besteht er darauf, dass Blok ihm die Frage beantwortet, ob er mit Linda zusammenlebe. Blok gibt zu, dass sie bei ihm wohnt. Darüber hinaus vertraut er Meynard an, dass ihm das Dienern im Savoy schwer zu schaffen machte und er es nur mit Kokain vertrug. Weil Lautner davon erfuhr und ihn beobachten ließ, besorgte Linda ihm schließlich den Stoff.

Dass sein Schulfreund die ganze Zeit über heimlich mit der Frau zusammen gewesen ist, deren Abfuhr ihm so zusetzte, dass er deshalb beinahe seinen Job bei der Zeitung verloren hätte, verzeiht Meynard ihm nicht, und er schließt daraus, dass sie niemals wirklich Freunde waren.

Blok und Linda versuchen später noch einige Male, wieder mit ihm in Kontakt zu kommen, aber er löscht ihre Nachrichten von seinem Anrufbeantworter.

Sarahs Kleidung wird immer nachlässiger. Das von ihr benutzte Geschirr lässt sie einfach stehen, und dass ihr Bruder es abspült, scheint ihr gar nicht aufzufallen. Schließlich verabredet sich ihr Philosophie-Dozent Wolfgang Dreisen mit Meynard, um mit ihm über die Studentin zu reden. Meynard kann den unförmigen Kerl, der seit über sechs Jahren an seiner Dissertation über antike Glückslehren arbeitet, nicht ausstehen, und als der Doktorand behauptet, Sarah habe ein nicht nur fachliches Interesse an ihm gezeigt, bringt ihn das noch mehr gegen Dreisen auf.

Meynard verschweigt seiner Schwester das unerfreuliche Gespräch. Bald darauf trifft er sie in der Küche an. Sie trägt nur ein Nachthemd und zittert vor Kälte. Die Tür zu dem von ihr bewohnten Zimmer, die sie seit längerer Zeit meistens absperrt, steht offen. Meynard geht hinein.

Ich öffnete schnell das Fenster, es roch infernalisch, eine Mischung aus Schimmel, Öl und Verdorbenem. Der Gestank kam aus der Richtung des Betts, und mir kam eine furchtbare Ahnung. Ich rückte das Bett zur Seite, Einweckgläser, eine nicht mehr zu übersehende Zahl, bis oben gefüllt mit Zeug von der Straße, Dreck, Blätter, loses Geröll. Auch diese Gläser waren exakt mit bunten Zeichen beschriftet, mit Angaben von Fundort, Datum und Wetter.

Die Mutter kommt und bringt einen mit der Familie befreundeten Psychiater mit, der nach einem einstündigen Gespräch mit Sarah erklärt, das paranoide Konzept sei noch nicht ganz zur Entfaltung gekommen. Inzwischen hat Meynard den Koffer seiner Schwester gepackt. Die Mutter und der Psychiater nehmen die psychisch Kranke mit.

Piehl fragt Meynard, wo der Artikel über die Jubiläumsfeier von „Wiesbaden live“ bleibe. Lautner habe sich bereits beschwert. Dann konfrontiert er Meynard damit, dass man beschlossen hat, ihn durch ein Paar abzulösen.

[…] eine zugkräftige Konstellation. Wir wollten Ihre Stelle ja früher schon splitten, ein Mann, eine Frau, der Frauensektor ist besonders empfindlich, und die junge Dame verfügt über die besten Kontakte.“

Meynards Verdacht, dass es sich bei den beiden um Doris und Walter handele, wird von Piehl bestätigt. Der stellvertretende Chefredakteur bietet ihm zwar Arbeit in einem „Sonderbereich“ an, aber Meynard kündigt auf der Stelle.

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Als „Agenten“ bezeichnet Hanns-Josef Ortheil junge Menschen, die in den Siebziger- oder Achtzigerjahren aus der Schule kamen, in die Großstädte zogen und berufliche Karrieren begannen. Die sexuelle Revolution war ebenso vorbei wie die politische Rebellion oder die Kultivierung stundenlanger Dispute über alles und nichts. Nun ging es um Geld, Geschäft, Erfolg und Konsum. Man profilierte sich als Einzelkämpfer, knüpfte vorteilhafte Beziehungen, pflegte sein Ego und definierte sich über das Einkommen. Mit dem Roman „Agenten“ präsentiert Hanns-Josef Ortheil ein skizzenhaftes Porträt dieser jungen Menschen.

Dabei lässt er zwar einen Ich-Erzähler auftreten und schildert das Geschehen aus dessen Perspektive, aber einige andere Figuren sind mindestens ebenso wichtig wie Meynard: Blok, Lautner, Linda Francis. Entscheidende Akzente werden auch durch Bloks Vater und Meynards Familienangehörige gesetzt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil (Kurzbiografie)

Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse
Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise
Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Henri Charrière - Papillon
Durch den autobiografischen Roman "Papillon" wurde Henri Charrière in den Siebzigerjahren weltberühmt. Dem Kriminellen war es gelungen, von der Sträflingskolonie Bagno in Französisch-Guyana zu fliehen, aber in seiner Darstellung sind Tatsachen und Fiktionen vermischt.
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