José Saramago : Die Stadt der Blinden

Die Stadt der Blinden
Originalausgabe: Ensaio sobre a Cegueira, Lissabon 1995 Die Stadt der Blinden Übersetzung: Ray-Güde Mertin Rowohlt Verlag, Reinbek 1997 Taschenbuchausgabe: 2004 ISBN 3-499-23916-7, 400 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Katastrophe beginnt so: Die Verkehrsampel schaltet auf grün, aber der Mann am Steuer fährt nicht los; er gestikuliert nur verzweifelt schreiend "ich bin blind!" Ein anderer Mann bringt ihn nach Hause (stiehlt ihm bei dieser Gelegenheit das Auto), wird selbst blind; dann erblindet ein Augenarzt; es folgen eine Patientin in der Augenarztpraxis, eine junge Frau beim Höhepunkt des Geschlechtsaktes – und die ganze Stadt wird von der "weißen Blindheit" befallen ...
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Kritik

Das Anprangern der humanitären Verwahrlosung und Verrohung überwältigt den Leser mit solch bildhafter Wucht, dass ihm Hören und Sehen (!) vergeht: "Die Stadt der Blinden".
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Die Katastrophe beginnt so: Die Verkehrsampel schaltet auf grün, aber der Mann am Steuer fährt nicht los; er gestikuliert nur verzweifelt schreiend „ich bin blind!“ Ein anderer Mann bringt ihn nach Hause (stiehlt ihm bei dieser Gelegenheit das Auto), wird selbst blind; dann erblindet ein Augenarzt; es folgen eine Patientin in der Augenarztpraxis, eine junge Frau beim Höhepunkt des Geschlechtsaktes –

und die ganze Stadt wird von der „weißen Blindheit“ befallen. Das Nichtsehen ist nämlich nicht schwarz, sondern blendende Grellheit.

Nach Ansicht der Regierung handelt es sich um eine Epidemie, also müssen die Befallenen und die Kontaktpersonen in Quarantäne. Eine frühere Irrenanstalt wird dafür überhastet eingerichtet. Ängstliche Soldaten bewachen die Internierten, um eine mögliche Ansteckung der Bevölkerung zu verhindern. Immer mehr Erblindete werden eingeliefert, und die Situation in der notdürftig ausgestatteten Unterkunft entwickelt sich zur Hölle. Die hygienischen Verhältnisse sind unvorstellbar: Es gibt tagelang kein Wasser, frische Kleidung und Wäsche sind nicht verfügbar, ebenso fehlt es an Toilettenpapier etc.; Gestank bis zum Würgreiz liegt über den hilflosen Menschen.

In einer so überreizten Atmosphäre lösen triviale Anlässe erbitterten Streit unter den wie in einem Stall vegetierenden Kranken aus. Es rotten sich Gruppen zusammen: Die Gewaltbereiten unterdrücken und demütigen die Schüchternen. Organisierte Vergewaltigungen und Diebstähle, sogar der rationierten Mahlzeiten, häufen sich.

„Wenn wir nicht ganz wie Menschen leben können, sollten wir zumindest versuchen, nicht ganz wie Tiere zu leben.“ Diesen Satz sagt die Frau des erblindeten Arztes, mit der es eine besondere Bewandtnis hat: Sie kann nämlich sehen. Aus Solidarität mit ihrem Mann und den Blinden ist sie diesen in die „Heilanstalt“ gefolgt. Als Einzige hat sie also den „Überblick“ und ist somit in der Lage, in die Verelendung und Verwüstung ordnend einzugreifen. Als Akt der Selbsterhaltung bringt sie den Verbrechen anstiftenden Bandenführer um.

Der Staat reagiert hilflos und überfordert auf das „weiße Übel“, wie man die Seuche euphemistisch nennt. Das ganze Land fällt ins Chaos; Ratten ziehen in die verlassenen Wohnungen ein.

Wie lange sich diese Apokalypse hinzieht und wo sie sich abspielt, erfahren wir nicht. Selbst die Menschen bleiben namenlos: Es gibt den ersten Blinden, den Arzt, den Alten mit der schwarzen Augenklappe, den schielenden Jungen etc. Die Figuren werden auf ein Merkmal reduziert.

Der als erster Erblindete bekommt als Erster sein Augenlicht zurück. Nach und nach können auch die anderen wieder sehen. Dann scheint es für kurze Zeit, als ob die Frau, die nie blind geworden war, ihre Sehkraft verlieren würde. Am Schluss wendet sich alles zum Guten. So erhält diese bitterböse Parabel einen optimistischen Ausklang.

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Der allgemeine Verlust des Augenlichts wird in „Die Stadt der Blinden“ zur Allegorie für die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die fiktionale Verfremdung der Wirklichkeit soll eine moralische Warnung erteilen. Und dieses Anprangern der humanitären Verwahrlosung und Verrohung überwältigt den Leser mit solch bildhafter Wucht, dass ihm Hören und Sehen (!) vergeht. „Der Inhalt ist sehr hart und der Stil muss sich dem Inhalt anpassen“, erklärt José Saramago. Die einfache, durch sparsame Interpunktion (so wird direkte Rede z.B. nicht gekennzeichnet) schnell voranschreitende Erzählweise konfrontiert den Leser durch schonungslose Deutlichkeit mit einer entmenschlichten und entwürdigten Gesellschaft.

„Wer schauen kann, der sehe. Wer sehen kann, der betrachte“, ist das Motto dieses Buches, das 1995 erschien. Dieser Leitsatz könnte aber auch für die anderen Werke José Saramagos gelten. Der portugiesische Autor erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur.

Fernando Meirelles hat den Roman von José Saramago verfilmt: „Die Stadt der Blinden“.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2002 / 2008

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