José Saramago : Der Doppelgänger

Der Doppelgänger

José Saramago

Der Doppelgänger

Originaltitel: O Homem Duplicado Editorial Caminho, Lissabon 2002 Der Doppelgänger Übersetzung: Marianne Gareis Rowohlt Verlag, Reinbek 2004 ISBN 3-498-06373-1, 383 S., 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem der frustrierte Geschichtslehrer Tertuliano Máximo Afonso in einem Videofilm einen Schauspieler entdeckt hat, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, sucht er nach seinem Doppelgänger. Als er ihn gefunden hat, stellt er entsetzt fest, dass ihre beiden Stimmen und ihre Körper sich wie die von Klonen gleichen. Aber wer ist das Original und wer die Kopie?

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Kritik

"Der Doppelgänger" ist kein Roman für ungeduldige Leserinnen und Leser. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, Sprache, Atmosphäre und Feinheiten der Gestaltung auf sich wirken zu lassen, wird José Saramagos verschmitzten Roman mit großem Vergnügen lesen.
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Tertuliano Máximo Afonso, ein achtunddreißigjähriger Geschichtslehrer an einem Gymnasium in einer Fünf-Millionen-Stadt, lebt seit seiner Scheidung vor sechs Jahren allein. Seit einem halben Jahr hat er ein Verhältnis mit Maria da Paz, einer Bankangestellten, die bei ihrer verwitweten Mutter wohnt. Aber die Beziehung macht ihn nicht glücklich, und er fühlt sich niedergeschlagen, zumal er auch keinen Sinn mehr darin sieht, ignoranten Schülern etwas beibringen zu wollen.

Einem Mathematiklehrer, dem aufgefallen ist, dass Tertuliano Máximo Afonso unter einer Depression leidet, schlägt seinem Kollegen vor, sich in einer Videothek den Film „Wer Streitet, Tötet, Jagt“ auszuleihen. Das bringe ihn vielleicht auf andere Gedanken, meint er. Tertuliano Máximo Afonso folgt dem Rat, aber am Abend in seiner Wohnung ist er nicht sicher, ob er den Film anschauen oder nicht doch lieber die Geschichtsarbeiten seiner Schüler korrigieren soll.

Es bestand keine zwingende Notwendigkeit, die Arbeiten zu korrigieren, und den Film anzusehen, bestand überhaupt keine Notwendigkeit. Das Beste wird sein, ich lese mein Buch weiter, dachte er. Er ging ins Badezimmer und danach ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen, wechselte Schuhe und Hose, zog einen Pullover über das Hemd, die Krawatte ließ er an, weil er sich mit entblößtem Hals unwohl fühlte, und betrat dann die Küche. Er holte drei Dosen mit verschiedenen Gerichten aus dem Schrank, und da er sich nicht entscheiden konnte, zählte er mit einem unsinnigen, fast vergessenen Kinderreim aus, der ihn selbst früher so oft aus dem Rennen geworfen hatte, und der ging so, Do-li-ta, wer ist noch nicht da, sulette, colorette, du gewinnst die Wette. Sieger war ein Fleischeintopf, auf den er nicht gerade den meisten Appetit hatte, doch glaubte er, sich dem Schicksal nicht widersetzen zu dürfen. Er aß in der Küche und spülte das Essen mit einem Glas Rotwein hinunter, und als er fertig war, wiederholte er den Reim, praktisch ohne zu überlegen, mit drei Brotkrumen, wobei der linke das Buch war, der mittlere die Klassenarbeiten und der rechte der Film. Es gewann Wer Streitet, Tötet, Jagt […] (Seite 18)

Tertuliano Máximo Afonso ärgert sich über das blödsinnige B-Movie, und um die Zeitverschwendung wettzumachen, nimmt er sich trotz der späten Stunde noch die Arbeiten seiner Schüler vor. Danach liest er im Bett in einem Buch über die alten mesopotamischen Zivilisationen das Kapitel über die Amurriter und Hammurabi.

Nachts schreckt er hoch. Ist jemand in der Wohnung? Er vergewissert sich, dass er allein ist und lässt, einer plötzlichen Eingebung folgend, das Video noch einmal laufen. Obwohl er es vorhin nicht bemerkt hatte, war ihm während des Schlafens mehr oder weniger bewusst geworden, dass es in dem Film einen Doppelgänger von ihm gibt, und tatsächlich, der Rezeptionist, der zwei oder dreimal kurz ins Bild kommt, sieht ihm bis auf den Schnurrbart zum Verwechseln ähnlich. Der Film ist vier oder fünf Jahre alt, und damals trug er auch so einen Schnurrbart!

Am nächsten Tag kauft er den ausgeliehenen Film und leiht sich ein halbes Dutzend weiterer Videos derselben Produktionsgesellschaft aus.

Für den Berichterstatter oder den Erzähler, denn höchstwahrscheinlich bevorzugt man eine Figur mit akademischen Siegel, wäre es an diesem Punkt ein Leichtes zu schreiben, auf dem Heimweg des Geschichtslehrers durch die Stadt, bis hin zu seiner Wohnung, ereignete sich nichts. Als wären sie eine Art Zeitmaschine, werden diese vier Worte, es ereignete sich nichts, überwiegend in Situationen eingesetzt, in denen professionelle Skrupel es nicht zulassen, eine Rauferei auf der Straße oder einen Verkehrsunfall zu erfinden, deren einziger Zweck es wäre, Lücken in der Handlung zu füllen, wo doch die Dringlichkeit besteht, zur nächsten Episode zu gelangen, oder vielleicht ungewiss ist, was mit den Gedanken, welche die Figur selbst hervorbringt, zu machen sei, vor allem dann, wenn diese nichts mit den Lebensumständen zu tun haben, in denen sie entscheiden und handeln soll. Genau in einer solchen Lage befand sich unser Lehrer und frisch gebackener Videoliebhaber Tertuliano Máximo Afonso, als er im Auto nach Hause fuhr. Es ist wahr, dass er nachdachte, viel sogar und intensiv, doch seine Gedanken waren so weit entfernt von all dem, was er in den letzten vierundzwanzig Stunden durchlebt hatte, dass die Geschichte, die zu erzählen wir uns vorgenommen haben, unweigerlich eine andere würde, wollten wir seine Gedanken in unsere Erzählung aufnehmen. Dies könnte sich natürlich lohnen, oder besser gesagt, es würde sich sicher lohnen, denn schließlich wissen wir alles über Tertuliano Máximo Afonsos Gedanken, doch das hieße, alle bisher unternommenen Anstrengungen, diese fünfzig kompakten, mühsam erarbeiteten Seiten, für null und nichtig zu erklären und an den Anfang zurückzukehren, zur ironischen, trotzigen ersten Seite, und eine bereits geleistete anständige Arbeit eines riskanten Abenteuers wegen, das nicht nur neu und anders, sondern auch höchst gefährlich wäre, aufs Spiel zu setzen, denn dazu würden uns die Gedanken Teruliano Máximo Afonsos ohne Zweifel bringen. Begnügen wir uns also mit dem Spatz in der Hand und verzichten wir auf die Taube auf dem Dach. Für mehr bleibt auch gar keine Zeit. (Seite 61f)

Wenig später holt Tertuliano Máximo Afonso weitere sechsunddreißig Filme. Besessen schreibt er jeweils die Namen der Nebendarsteller vom Nachspann ab und vergleicht die Listen von Filmen, in denen sein Doppelgänger auftritt mit solchen, in denen er nicht mitspielt, um systematisch den Namen herauszufinden. Natürlich wäre es einfacher, die Produktionsfirma anzurufen, aber er zieht es vor, dass niemand von der Sache erfährt.

Die Fahndung nach dem Doppelgänger nimmt ihn voll in Anspruch. Maria, die besorgt ist, weil er trotz ihrer Nachrichten auf seinem Anrufbeantwortet nicht zurückruft, taucht eines Morgens unangemeldet bei ihm auf – und wundert sich über die vielen Videokassetten in seinem Wohnzimmer und mehr noch über die Titel der Filme, während er lügt, es handele sich um Material für eine wissenschaftliche Studie.

Der gesuchte Nebendarsteller, der beispielsweise in „Wer Streitet, Tötet, Jagt“ als Rezeptionist, in „Der Verfluchte Code“ als Bankkassierer, in „Die Göttin der Bühne“ den Theaterproduzenten spielt, heißt Daniel Santa-Clara! Niemandem verrät Tertuliano Máximo Afonso etwas von seiner Entdeckung.

Im Telefonbuch stehen drei Einträge mit dem Namen Santa-Clara. Bei einem Anschluss wird nicht abgehoben, als Tertuliano Máximo Afonso anruft, die beiden anderen erweisen sich als Fehlschlag. Aber er kann doch unmöglich selbst zur Produktionsgesellschaft gehen und nach Daniel Santa-Clara fragen. Die Leute würden ihn für den Schauspieler halten und annehmen, er erkundige sich nach sich selbst, um einen Witz zu machen. Also muss er einen Brief schreiben und zwar möglichst unter einem anderen Namen. Tertuliano Máximo Afonso ruft Maria an und verabredet sich mit ihr, um sie für sein Vorhaben zu gewinnen: Er will in ihrem Namen ein Autogramm und die Adresse des Schauspielers von der Filmgesellschaft erbitten. Widerstrebend ist Maria bereit, dass er ihren Namen benützt, ihre Unterschrift nachahmt, und sie verspricht, ihm das Antwortschreiben sofort auszuhändigen. Um seinem Brief eine besondere Note zu verleihen, fügt Tertuliano Máximo Afonso zum Schluss noch etwas über die Bedeutung von Nebendarstellern hinzu. (Er ahnt nicht, welche Wellen dieser Zusatz in der Filmgesellschaft schlägt, denn dort befürchtet man, die Nebendarsteller könnten sich zusammentun und höhere Gagen verlangen.)

Einige Tage später ruft Maria aus der Bank an und teilt Tertuliano Máximo Afonso mit, dass die Antwort eingetroffen ist. Sofort eilt er zu ihr und lässt sich den Brief geben. Ungeduldig reißt er im Auto den Umschlag auf. Er enthält ein Bild des Schauspielers mit einem Autogramm und einen Briefbogen. Ausnahmsweise teilt man ihm nicht nur den bürgerlichen Namen des Schauspielers Daniel Santa-Clara mit – António Claro –, sondern auch die Adresse.

Tertuliano Máximo Afonso sucht die Nummer im Telefonbuch heraus und ruft an. Helena Claro, die Ehefrau des Schauspielers, hebt ab. Als Tertuliano Máximo Afonso nach Daniel Santa-Clara fragt, ohne seinen eigenen Namen zu nennen, bedauert sie, der sei nicht zu Hause, aber sobald er zurückkomme, werde sie ihm ausrichten, dass António Claro nach ihm gefragt habe. Sie hält nämlich den Anruf für einen Scherz ihres Mannes, weil Tertuliano Máximo Afonso genau die gleiche Stimme hat.

Am nächsten Vormittag fährt Tertuliano Máximo Afonso an dem Haus vorbei, in dem António Claro wohnt. Er stellt sich die beunruhigende Frage, wer von ihnen beiden wohl das Original und wer die Kopie ist.

Bei seinem zweiten Anruf scheint Tertuliano Máximo Afonso zunächst mehr Erfolg zu haben: Helena Claro holt ihren Ehemann ans Telefon, doch obwohl Tertuliano Máximo Afonso ihm versichert, die gleichen Leberflecken am rechten Unterarm wie er zu haben und auch eine Narbe unter dem linken Knie, misstraut António Claro dem Anrufer und will nichts mit ihm zu schaffen haben.

Doch die Neugier lässt António Claro keine Ruhe: Er sucht Tertuliano Máximo Afonsos Telefonnummer heraus, ruft ihn an und verabredet sich mit ihm in seinem Landhaus außerhalb der Stadt. Dort würde sie kaum jemand zusammen sehen. Als sein Doppelgänger eintritt, ist António Claro verblüfft über die doch nicht erwartete perfekte Gleichheit. Mit der Routine des Schauspielers zieht er sich nackt aus, und etwas zögerlich und verschämt folgt Tertuliano Máximo Afonso seinem Beispiel: Ihre Körper sehen tatsächlich wie geklont aus. Zwar sind beide am selben Tag geboren, aber António Claro ist einunddreißig Minuten älter als sein Doppelgänger. Eine DNS-Analyse könnte zeigen, ob auch ihre Erbanlagen identisch sind, aber die beiden Männer wollen das Risiko nicht eingehen, dass jemand von ihrer Gleichheit erfährt.

Während Tertuliano Máximo Afonso nach der Klärung des Sachverhalts kein Interesse mehr an seinem Doppelgänger hat, beginnt António Claro mit Nachforschungen. In der Produktionsgesellschaft fragt er nach dem Brief von Tertuliano Máximo Afonso, aber unter diesem Namen ist nichts in den Eingangslisten verzeichnet. Erst als er den eigenartigen Nachsatz über die Nebenschauspieler erwähnt, von dem Tertuliano Máximo Afonso ihm erzählt hat, erinnert sich eine Sekretärin an das Schreiben, das allerdings nicht von einem Mann, sondern von einer Frau gewesen sei. Das Original ist nicht aufzufinden, aber die Sekretärin, die sich von dem ausgefallenen Brief eine Kopie gemacht und mit nach Hause genommen hat, verspricht António Claro, ihm die Kopie per Post zu schicken. So stößt er auf den Namen Maria da Paz.

Doch das Privileg, das wir genießen, nämlich zu wissen, was bis zur letzten Seite dieser Erzählung alles passieren wird, ausgenommen dem, was noch dazu erfunden werden muss, erlaubt es uns vorwegzunehmen, dass der Schauspieler Daniel Santa-Clara morgen bei Maria da Paz anrufen wird […] (Seite 294)

Am nächsten Morgen parkt er vor dem Haus, in dem Maria mit ihrer Mutter wohnt, und als die beiden herauskommen, folgt er ihnen.

Nach der Aufregung um seinen Doppelgänger eröffnet Tertuliano Máximo Afonso seiner Geliebten, er wolle mit ihr zusammen leben. Maria ist überrascht und glücklich. Jetzt muss nur noch entschieden werden, ob sie zu ihm zieht oder er zu ihr und ihrer Mutter.

Unvermittelt steht António Claro abends bei seinem Doppelgänger in der Tür. Nur widerwillig lässt Tertuliano Máximo Afonso den ungebetenen Besucher in seine Wohnung. António Claro erzählt ihm, er habe Maria angerufen und in sein Landhaus eingeladen; dort wolle er die Nacht mit ihr verbringen. Tertuliano Máximo Afonso glaubt, sich verhört zu haben, aber dann begreift er, dass sein Doppelgänger sich für Tertuliano Máximo Afonso ausgegeben hat und Maria wegen der Gleichheit der Stimmen keinen Verdacht schöpfte. Mit der gefälschten Unterschrift auf dem Schreiben an die Produktionsgesellschaft erpresst António Claro Tertuliano Máximo Afonso, ihm Kleidung, Papiere und Auto zu überlassen. Warum er das tue? Vielleicht aus Rache für sein gestörtes Eheleben, oder aus der Laune des Schürzenjägers heraus, wahrscheinlich aber aus Hass auf den Doppelgänger. Einer von ihnen beiden sei zu viel auf der Welt!

Als António Claro gegangen ist, entkleidet Tertuliano Máximo Afonso sich, schlüpft mit gerümpfter Nase in die Unterwäsche seines Doppelgängers, zieht dessen Sachen an, streift den abgelegten Ehering über, nimmt den zurückgelassenen Autoschlüssel und fährt zur Wohnung des Schauspielers. Helena ist nicht zu Hause. Tertuliano Máximo Afonso sperrt auf und prägt sich die Lage der Zimmer, der Lichtschalter und so weiter ein, bis sie gegen 23 Uhr kommt und ihrem vermeintlichen Ehemann erklärt, sie sei bei ihren Eltern zu Besuch gewesen. Sie gehen ins Bett, lieben sich, wachen am Morgen nackt auf und lieben sich erneut.

Während Helena Frühstück macht, denkt Tertuliano Máximo Afonso darüber nach, wie er fortkommt, bevor António Claro auftaucht. Schließlich ist das Mittagessen fertig, aber Tertuliano Máximo Afonso hat keinen Appetit und behauptet, auf der Stelle weg zu müssen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Um herauszufinden, wo Maria und António Claro sind, ruft er in der Bank an – und erfährt, dass Maria da Paz an diesem Morgen mit ihrem Verlobten einen tödlichen Autounfall hatte.

Verwirrt überlegt Tertuliano Máximo Afonso, dass er nicht in seine eigene Wohnung kann, weil man ihn für tot hält, aber jetzt, wo er weiß, dass sein Doppelgänger tot ist, bringt er es auch nicht mehr fertig, sich gegenüber Helena als deren Ehemann auszugeben. Also nimmt er sich erst einmal ein billiges Hotelzimmer.

Von dort aus hinterlässt er seiner Mutter Carolina, die aufgrund der Nachricht vom Tod ihres Sohnes bestimmt auf dem Weg von ihrem vierhundert Kilometer entfernten Wohnort in die Stadt ist, auf seinem eigenen Anrufbeantworter die beruhigende Nachricht, er lebe, der Tote sei ein Doppelgänger, und zum Beweis nennt er ihr den Namen ihres Hundes Tomarctus. Einige Stunden später ruft sie ihn aus seiner Wohnung im Hotel an und eilt dann selbst herbei. Tertuliano Máximo Afonso erzählt ihr alles und erfährt von ihr, dass António Claro die Kontrolle über seinen Wagen verloren habe und in einen entgegenkommenden Sattelschlepper gerast sei. Die beiden Insassen des PKWs waren auf der Stelle tot. Der nur leicht verletzte Fahrer des Sattelschleppers sagte aus, er habe den Eindruck gehabt, das Paar in dem Unglücksauto habe miteinander gerungen, aber wegen der spiegelnden Windschutzscheibe könne er das nicht mit Sicherheit sagen.

Tatsächlich schlief António Claro noch, als Maria erwachte. Seine Hand lag auf ihrem Kopfkissen, dicht vor ihren Augen. Da fiel ihr der weißliche Abdruck an seinem Ringfinger auf. Das war nicht Tertuliano Máximo Afonso! „Wer sind Sie?“, schrie Maria. António Claro musste zugeben, dass er ein Doppelgänger ist. Streitend stiegen sie ins Auto. Eine halbe Stunde später passierte der Unfall.

Niedergeschlagen geht Tertuliano Máximo Afonso zu Helena, und obwohl er noch António Claros Schlüsselbund hat, zieht er es vor, zu läuten. Helena wundert sich darüber und ist noch mehr verblüfft, als er sie wie eine Fremde mit „Sie“ anspricht. Tertuliano Máximo Afonso erzählt ihr, was geschehen ist, und allmählich begreift sie, dass nicht er, sondern ihr Ehemann tot ist. Leise bietet sie dem Doppelgänger an, den Platz ihres Mannes einnehmen.

Während Helena Claro und Carolina Máximo bei der Beerdigung von Tertuliano Máximo Afonsos Doppelgänger sind – Carolina so tut, als beweine sie ihren Sohn und Claro sich wie eine bloße Bekannte zurückhält –, klingelt in der Wohnung von António und Helena Claro das Telefon. Tertuliano Máximo Afonso hebt ab. Jemand, der genau die gleiche Stimme hat wie er, fragt nach dem Schauspieler Daniel Santa-Clara. Seit Wochen suche er bereits nach ihm, erklärt der Anrufer. Jetzt möchte er sich mit ihm treffen, denn er habe herausgefunden, dass sie Doppelgänger sind. Tertuliano Máximo Afonso verabredet sich mit ihm in einem Waldstück außerhalb der Stadt, nimmt die von António Claro hinterlassene Pistole aus der Schublade und lädt sie, bevor er das Haus verlässt.

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„Der Doppelgänger“ ist kein Roman für ungeduldige Leserinnen und Leser. 130 Seiten lang sichtet der Geschichtslehrer Tertuliano Máximo Afonso Videofilme, um den Namen seines Doppelgängers herauszufinden. José Saramago hält sich mit langen Überlegungen seines unschlüssigen Protagonisten auf (Beispiel) und schiebt immer wieder ausufernde Betrachtungen des Erzählers ein.

Bislang bestand keinerlei Notwendigkeit zu erfahren, an welchen Wochentagen sich diese verzwickten Ereignisse abspielen, doch will man die folgenden Handlungen Tertuliano Máximo Afonsos richtig verstehen, so wird die Information erforderlich, dass der Tag, den wir gerade schreiben, ein Freitag ist, woraus leicht zu folgern ist, dass der gestrige Tag ein Donnerstag und der vorgestrige ein Mittwoch war. Vermutlich werden vielen Lesern diese Zusatzinformationen über den gestrigen und vorgestrigen Tag überflüssig, selbstverständlich, unnütz, absurd und vielleicht sogar dumm vorkommen […] (Seite 81)

Darüber hinaus muss sich der Leser erst an die unübliche Interpunktion der Dialoge gewöhnen. José Saramago verzichtet nämlich auf Anführungszeichen und reiht die einzelnen Äußerungen der Romanfiguren, nur durch Kommata getrennt, aneinander.

Diese Art der Dialog-Schreibweise ist jedoch ebenso wie die umständlich formulierten Bandwurmsätze, die detailverliebten Beschreibungen und scheinbaren Abschweifungen des Erzählers ein unverzichtbarer Bestandteil der poetischen Komposition. Wer sich die Zeit nimmt, Sprache, Atmosphäre und Feinheiten der Gestaltung auf sich wirken zu lassen, wird José Saramagos verschmitzten Roman mit großem Vergnügen lesen.

Denis Villeneuve ließ sich von dem Roman „Der Doppelgänger“ zu dem Film „Enemy“ inspirieren.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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