Ich bin die andere

Ich bin die andere

Ich bin die andere

Originaltitel: Ich bin die andere – Regie: Margarethe von Trotta – Drehbuch: Pea Fröhlich und Peter Märthesheimer, nach dem Roman "Ich bin die andere" von Peter Märthesheimer – Kamera: Axel Block – Schnitt: Corina Dietz – Musik: Christian Heyne – Darsteller: Katja Riemann, August Diehl, Armin Mueller-Stahl, Barbara Auer, Karin Dor, Dieter Laser, Bernadette Heerwagen, Peter Lerchbaumer u.a. – 2006; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Robert Fabry verbringt in seinem Hotelzimmer eine Nacht mit einer Prostituierten. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden, hat aber das Geld liegen lassen. Ein paar Stunden später sieht er sie in der Kanzlei seines Anwalts wieder. Die souveräne Juristin, die Dr. Carolin Winter heißt, tut so, als sähe sie ihn zum ersten Mal, nimmt jedoch seine Einladung zum Abendessen an. Danach will er wieder mit ihr schlafen, aber sie rennt schluchzend fort ...
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Kritik

In der Verfilmung des Romans "Ich bin die andere" von Peter Märthesheimer geht es um eine Frau mit Persönlichkeitsspaltung und eine gutbürgerliche Familie, hinter deren Fassade sich Abgründe auftun. Margarethe von Trotta inszenierte das Psychodrama.
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Der junge Ingenieur Robert Fabry (August Diehl), der am Starnberger See ein eigenes Ingenieurbüro betreibt, reist geschäftlich nach Frankfurt am Main. In der Halle des Hotels wird eine blonde Prostituierte, die ein aufreizendes zinnoberrotes Kleid trägt und Herren um Feuer bittet, vom Personal aufgefordert, das Gebäude auf der Stelle zu verlassen. Robert bewahrt sie vor dem Hinauswurf, indem er „Alice“ ruft und so tut, als kenne er sie. „Woher wussten Sie, dass ich Alice heiße?“, fragt sie mit laszivem Augenaufschlag und fährt mit ihm nach oben. In seinem Zimmer legt sie sich auf die Couch und zieht den Rock hoch. Ein Höschen trägt sie nicht. Fabry blättert ein paar Hundert-Euro-Scheine hin und stürzt sich auf sie.

Als er aufwacht, ist die Frau fort, aber sowohl das rote Kleid als auch das Geld hat sie dagelassen.

Ein paar Stunden später ist Robert mit seinem Rechtsanwalt Dr. Maiser (Peter Lerchbaumer) in dessen Kanzlei verabredet. Maiser macht ihn mit seiner Mitarbeiterin, der Juristin Dr. Carolin Winter (Katja Riemann) bekannt, die den Ingenieur bei einem Vertragsabschluss beraten soll. Robert traut seinen Augen nicht: Die smarte, strategisch denkende Frau hinter dem Schreibtisch ist niemand anderes als die Prostituierte, mit der er die letzte Nacht verbrachte. Nur trägt sie jetzt ein Kostüm und keine blonde Perücke. Und sie tut so, als sähe sie Robert Fabry zum ersten Mal. Sie nimmt zwar seine Einladung zum Abendessen an, aber auch als er sie im Restaurant seines Hotels auf die letzte Nacht anspricht, leugnet sie, mit ihm zusammen gewesen zu sein. Das bringt Robert um den Verstand: Er zerrt sie in einen leeren Konferenzraum. Verzweifelt wehrt sie sich gegen seinen Versuch, sie zu vergewaltigen. Schluchzend rennt sie fort.

Noch in der Nacht sucht Robert Dr. Maiser auf. Der hat offenbar bereits von Carolin Winter erfahren, dass sie beinahe vergewaltigt worden wäre. Sie habe sich für einige Tage krank gemeldet, teilt er Robert mit, und er sei nicht bereit, ihm die Privatadresse seiner Mitarbeiterin zu verraten.

Zurück am Starnberger See, erzählt Robert seiner Kollegin und Lebensgefährtin Britta (Bernadette Heerwagen), was er in Frankfurt erlebte. Britta verlangt von ihm, dass er sich zwischen ihr und seiner Obsession für Carolin Winter entscheidet. Sie findet für ihn die Privatadresse der Juristin heraus. Es handelt sich um ein Weingut im Rheingau.

Robert fährt sofort hin. Am Tor kommt ihm Carolin Winter entgegen, als habe sie mit seinem Besuch gerechnet. Statt die versuchte Vergewaltigung anzusprechen, fragt sie, warum er sie nach dem Abendessen in seinem Hotel in Frankfurt allein auf der Tanzfläche zurückgelassen habe, und Robert geht darauf ein, indem er sich dafür entschuldigt. Oben auf dem Weinberg stellt sie Robert ihrem Vater Karl Winter (Armin Mueller-Stahl) vor, der gelähmt ist und mit einem elektrisch betriebenen Aufzug heraufgekommen ist.

Beim Abendessen sitzt Robert mit Karl Winter, dessen alkoholkranken Ehefrau (Karin Dor), Carolin und dem stummen Verwalter Bruno (Dieter Laser) an der Tafel. Bedient werden sie von der Hausangestellten Fräulein Schäfer (Barbara Auer). Der herrische Patriarch, der seine Frau und seine Tochter tyrannisiert, fordert seinen Gast verbal heraus und erklärt ihm beispielsweise, er halte nichts davon, wie ein Ingenieur Naturgesetze zu befolgen, sondern er mache sich die Natur lieber untertan. Andere Menschen könne man manipulieren, aber er ziehe es vor, ihren Willen zu brechen. Als Winter ins Schlafzimmer geschoben werden möchte, wirft Carolin sich vor ihm auf die Knie, schmiegt ihre Wange an seinen Oberschenkel und schiebt ihn dann hinaus.

Verstört reist Robert kurz darauf ab und nimmt sich in einem drittklassigen Hotel in der Nähe ein Zimmer. Als er in der Gaststube noch etwas trinkt, taucht unerwartet die rot gekleidete Prostituierte auf, die er aus dem Hotel in Frankfurt kennt. Carlotta, so nennt sie sich, geht mit ihm hinauf. Wieder legt er ihr fünfhundert Euro hin und schläft mit ihr.

In der Nacht erwacht sie und erschrickt, als sie sich im Spiegel sieht. Sie reißt sich entsetzt die blonde Perücke herunter und rennt davon.

Beim Frühstück erzählt die Wirtin Robert, dass diese Frau zweimal im Jahr vorbeikomme, sich einen Mann aussuche und mit ihm aufs Zimmer gehe. Sie verlange aber nie Geld dafür.

Robert kehrt zum Weingut zurück.

Fräulein Schäfer vertraut ihm an, dass sie mit fünfzehn von zu Hause ausriss. Ein Matrose, dem sie versprechen musste, ihn oral zu befriedigen, nahm sie mit nach Casablanca. Dort trieb sie sich mit Hafenarbeitern herum, bis Karl Winter sie aus der Gosse holte. Um das Verhältnis mit ihr fortsetzen zu können, nahm er sie mit nach Deutschland und stellte sie als Kindermädchen ein.

Karl Winter erklärt Robert, dass seine Frau und seine Geliebte ihn nicht mehr anfassen, seit er durch einen Unfall gelähmt ist. Seine Tochter ist die einzige, die ihn auch jetzt noch gern berührt.

Als Robert ankündigt, Carolin zu heiraten, warnt Karl Winter ihn: Sie liebe bereits einen anderen Mann, nämlich ihren Vater. Robert könne zwar ihren Körper haben, nicht aber ihre Seele. Carolin werde ihm kein Glück bringen. Robert wirft ihm vor, ein Monstrum zu sein. Ungerührt entgegnet Winter: „Das bin ich wohl.“ Und fügt hinzu: „Wollen Sie mich nicht fragen, warum ich im Rollstuhl sitze?“

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Carolin ist plötzlich verschwunden. Robert folgt ihr nach Casablanca und spürt sie dort mit Hilfe eines marokkanischen Polizisten auf. Sie trägt eine blonde Perücke und einen zinnoberroten Umhang, freut sich offenbar, ihn wiederzusehen und schläft mit ihm. Am nächsten Tag wünscht sie sich einen Ausflug mit ihm in die Wüste und leiht einen Jeep dafür aus. Sie ist nun blau gekleidet. Irgendwo halten sie. Zuerst steigt Carolin allein aus und geht eine Düne hinauf, dann winkt sie Robert zu sich. Als er sie in den Arm nimmt, explodiert der Wagen.

Im Krankenhaus kommt Robert wieder zu sich. Carolins Haut sei noch stärker verbrannt als seine, teilt ihm der Polizist mit; sie müsse sich bei der Explosion zum Schutz über ihn geworfen haben. Offenbar verdächtigt der Kommissar Carolin, den Sprengsatz am Fahrzeug angebracht zu haben. Um ihn davon abzubringen, behauptet Robert, der Wüstenausflug sei seine Idee gewesen und er habe auch den Mietwagen ausgesucht. Die Polizei hat in Carolins Hotelzimmer einen Brief gefunden, in dem eine Carlotta ihrem Geliebten Karl Winter mitteilt, dass sie die Beziehung beenden werde, weil ein anderer Mann in ihr Leben getreten sei.

Tatsächlich war Carolin von ihrem Vater aufgefordert worden, Robert zu töten, aber sie hatte ihm nicht gehorcht.

Zurück im Rheingau, erfährt Robert von Fräulein Schäfer, wie Karl Winter querschnittgelähmt wurde. Carolin war damals acht Jahre alt und leidenschaftlich in ihren Vater verliebt. Sie schminkte sich und putzte sich wie eine Erwachsene heraus. Als sie eines Tages ihr Kindermädchen im Weinkeller in den Armen ihres Vaters überraschte, war sie so entsetzt, dass sie Fässer zum Rollen brachte, die Karl Winter einquetschten.

Kurz vor der Hochzeit gibt es einen Empfang auf dem Weinberg. Als letzte kommen Karl Winter und seine Tochter mit dem Aufzug herauf. Carolin trägt wieder eine blonde Perücke und ein leuchtend rotes Kleid. Kurz bevor der Aufzug die höchste Stelle erreicht hat, schaltet Winter den Motor ab und löst die Bremsen: Er rast mit seiner Tochter in den Tod.

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Bei dem Psychodrama „Ich bin die andere“ handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Peter Märthesheimer, der zusammen mit Pea Fröhlich auch das Drehbuch schrieb (Europa Verlag, Hamburg / Wien 2000, 238 Seiten; Taschenbuch: Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 2003, 252 Seiten).

Es geht in „Ich bin die andere“ um eine Frau, die tagsüber als selbstbewusste Rechtsanwältin Dr. Winter arbeitet, aber zum ängstlichen, schüchternen Kleinkind Carolin mutiert, wenn sie mit ihrem herrischen Vater telefoniert. Immer wieder vertauscht sie ihr Kostüm mit einem aufreizenden Kleid und sucht sich als Prostituierte Carlotta einen Mann für die Nacht aus. Das Geld lässt sie liegen. Ihrem Vater erzählt sie von Carlotta, als handele es sich um eine Freundin. Die Ursache für die Persönlichkeitsspaltung liegt in einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit. Als ihr der Ingenieur Robert Fabry verfällt und sie heiraten möchte, gerät alles noch mehr durcheinander.

Hinter der Fassade der gutbürgerlichen Winzerfamilie seiner Geliebten stößt der Ingenieur auf menschliche Abgründe und Tragödien.

Margarethe von Trotta achtet in „Ich bin die andere“ nicht zuletzt auf die Farbregie. Die Dialoge wirken mitunter, als handele es sich um ein Theaterstück. Das ist wohl auch beabsichtigt, und es passt auch zu den abgehobenen Passagen in „Ich bin die andere“, steht allerdings im Widerspruch zu real und alltäglich wirkenden Szenen. Von den Schauspielern sei August Diehl hervorgehoben, denn er zeigt recht glaubwürdig, wie er immer stärker in den Bann der geheimnisvollen Frau gerät und eine amour fou verfällt. „Ich bin die andere“ ist ein verstörender, faszinierender und formal interessanter Film.

Indem Margarethe von Trotta die Explosion des Jeeps in der Wüste dreimal aus verschiedenen Blickwinkeln zeigt, zitiert sie „Zabriskie Point“ von Michelangelo Antonioni. Bei dem Film, der auf einem Fernsehschirm zu sehen ist, handelt es sich um „Der Schlachter“ von Claude Chabrol.

Peter Märthesheimer (1937 – 2004) schrieb auch die Drehbücher für die von Rainer Werner Fassbinder inszenierten Filme „Die Ehe der Maria Braun“, „Lola“ und „Die Sehnsucht der Veronika Voss“. „Ich bin die andere“ ist der einzige Roman von Peter Märthesheimer.

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Inhaltsangabe und Filmkritik: © Dieter Wunderlich 2008

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