Rosenstraße

Rosenstraße

Rosenstraße

Originaltitel: Rosenstraße - Regie: Margarethe von Trotta - Drehbuch: Margarethe von Trotta und Pamela Katz - Kamera: Franz Rath - Schnitt: Corina Dietz - Musik: Loek Dikker - Darsteller: Katja Riemann, Maria Schrader, Martin Feifel, Jürgen Vogel, Jutta Lampe, Doris Schade, Svea Lohde, Fedja van Huêt, Carola Regnier, Thekla Reuten, Hans Peter Hallwachs, Jutta Wachowiak, Jan Decleir, Martin Wuttke u.a. - 2003; 135 Minuten

Inhaltsangabe

Um ihre aus Berlin stammende jüdische Mutter Ruth besser zu verstehen, reist eine Amerikanerin ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland und nimmt Kontakt mit der früheren Pflegemutter Ruths auf. Die alte Frau erzählt ihr von dem Protest der Frauen, die 1943 in der Rosenstraße für die Freilassung ihrer eingesperrten jüdischen Männer demonstrierten.
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Kritik

"Rosenstraße" ist ein bewegendes Melodram, mit dem Margarethe von Trotta die tatsächlichen Ereignisse im Frühjahr 1943 in der Rosenstraße in Berlin anhand von fiktiven Einzelschicksalen veranschaulicht.

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Nach der Beerdigung ihres Ehemanns Robert besinnt Ruth Weinstein (Jutta Lampe) in New York sich auf die jüdisch-orthodoxe Religion und verlangt von ihrer Familie die Einhaltung der Schiva. Ihre Tochter Hannah (Maria Schrader) versteht das nicht. Von Ruths Cousine Rachel (Carola Regnier) erfährt sie, dass ihre Großmutter Miriam Süßmann von den Nationalsozialisten umgebracht worden war. Bevor Rachels Mutter ihre damals zehnjährige Nichte Ruth 1945 von Berlin nach New York brachte, hatte sich drei Jahre lang eine Deutsche namens Lena Fischer um das verwaiste Mädchen gekümmert. Weil Ruth sich weigert, über ihre Kindheit in Deutschland zu reden, fliegt Hannah nach Berlin, macht Lena Fischer (Doris Schade) ausfindig, gibt sich als amerikanische Historikerin aus und lässt die alte Frau von den schrecklichen Erlebnissen im „Dritten Reich“ berichten.

Gegen den ausdrücklichen Willen ihres Vaters, des Barons von Eschenbach (Hans Peter Hallwachs), hatte Lena (Katja Riemann) den jüdischen Geiger Fabian Fischer (Martin Feifel) geheiratet und war mit ihm in eine kleine Mietwohnung gezogen. Wegen Fabians Abstammung mussten sie unter dem Hitler-Regime die Geige, den Konzertflügel, das Telefon und sogar den Kanarienvogel abliefern. Fabian wurde zu Zwangsarbeiten herangezogen. An einem Abend im Jahr 1943 wartete Lena vergeblich auf ihn. Verzweifelt lief sie von Amt zu Amt, um herauszufinden, was mit ihm geschehen war. Hauptsturmführer Weber (Hans Kremer) riet ihr, sich scheiden zu lassen und ihren Mädchennamen wieder anzunehmen; statt Auskunft zu geben, beschimpfte er sie als „Judenhure“. Schließlich erfuhr Lena, dass man ihren Mann in der Fabrik festgenommen hatte und ihn zusammen mit anderen jüdischen Ehemännern „arischer“ Frauen im ehemaligen Sozialamt der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße festhielt.

Lena stellte sich zu anderen Frauen, die in der Rosenstraße auf ihre Männer warteten. Auch ein achtjähriges Mädchen stand da, denn es wusste, dass sich seine jüdische Mutter (Lena Stolze) in dem Gebäude befand. Der „arische“ Vater hatte sich vor zwei Jahren scheiden lassen. Als Lena begriff, dass das verwaiste Kind – es hieß Ruth Süßmann (Svea Lohde) – keine weiteren Angehörigen hatte und in Gefahr war, nahm sie sich seiner an.

Aus Sorge um seine im ehemaligen Sozialamt der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße vermutete Tochter Erika Schlesinger (Lilian Schiffer) meldete sich deren jüdischer Vater (Edwin de Vries) freiwillig am Tor des ehemaligen Sozialamts, aber statt Erika sehen zu dürfen, wurde er zu den anderen Männern gesperrt.

Hunderte von Frauen begehrten schließlich in der Rosenstraße gegen die Festnahme ihrer jüdischen Ehemänner auf und verlangten deren Freilassung. Die Proteste hielten während der folgenden Tage an, verhallten aber zunächst erfolglos.

In ihrer Verzweiflung wandte Lena sich an ihre Eltern. Während der Baron klarstellte, dass er nicht bereit war, etwas für seinen unerwünschten Schwiegersohn zu unternehmen, schwieg Lenas Mutter Elsa (Gabi Dohm).

Die Bewacher der eingesperrten Juden fühlten sich von den immer lauter protestierenden Frauen bedrängt und riefen die SS zu Hilfe, aber die Frauen in der Rosenstraße ließen sich auch von Warnschüssen nicht einschüchtern.

Als die auch in der Rosenstraße ausharrende Stenotypistin Klara Singer (Thelka Reuten) erfuhr, dass ihr Mann sich schon nicht mehr in dem Gebäude befand, sondern deportiert worden war, ließ sie sich von Lena zum „Judenreferat“ der Gestapo in der Burgstraße begleiten. Aber der Beamte, den Klara nach Hans Singer fragte, wies sie barsch ab. Besorgt schaute Lena am folgenden Tag nach Klara, aber in deren Wohnung fand sie nur noch eine Leiche vor: Aus Verzweiflung über das Schicksal ihres Mannes hatte Klara sich das Leben genommen.

Bei ihrem Besuch im Elternhaus hatte Lena auch ihren Bruder Arthur von Eschenbach (Jürgen Vogel) angetroffen, der gerade aus einem Lazarett gekommen war und in Stalingrad ein Bein verloren hatte. Arthur bat seinen Kameraden von Welz (Heio von Stetten), seinem Schwager zu helfen, aber der Offizier wollte seine Karriere nicht gefährden. Um seiner Schwester zu helfen, arrangierte Arthur einen Gesellschaftsabend, bei dem sie die mit ihm befreundete Sängerin Litzy (Nina Kunzendorf) am Flügel begleitete. Dadurch erregte sie die Aufmerksamkeit des ebenfalls anwesenden Joseph Goebbels (Martin Wuttke). Das wiederum nutzte Arthur, um den einflussreichen NS-Minister und Gauleiter von Berlin auf die Frauen in der Rosenstraße anzusprechen, aber Goebbels wollte lieber Lena beim Klavierspiel bewundern und verwies ihn an einen Adjutanten.

Am sechsten oder siebten Tag brachte die SS in der Rosenstraße Maschinengewehre in Stellung. Als die Frauen sich davon jedoch nicht beirren ließen, wurden sie wieder abgebaut. Dann kamen die jüdischen Männer einer nach dem anderen aus der Tür, auch Fabian.

Ruths Mutter blieb jedoch verschwunden. Vermutlich hatten die Nationalsozialisten sie inzwischen in ein Vernichtungslager deportiert. Lena und Fabian nahmen das Mädchen deshalb wie eine Tochter bei sich auf.

Als Ruth nach dem Krieg von ihrer bereits 1933 in die USA emigrierten Tante abgeholt wurde, verlor sie zum zweiten Mal eine Mutter. Lena war darüber sehr traurig, aber sie hatte kein Recht, sich dem Wunsch der Verwandten zu widersetzen.

Jetzt versteht Hannah, warum ihre Mutter nie über ihre traumatischen Kindheitserlebnisse sprach.

Nach ihrer Rückkehr aus Berlin heiratet Hannah in New York ihren aus Nicaragua stammenden Verlobten Luis Marquez (Fedja van Huêt), und ihre Mutter akzeptiert endlich den nichtjüdischen Schwiegersohn, gegen dessen Auftauchen während der Schiva sie heftig protestiert hatte.

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Mit fiktiven Figuren veranschaulicht Margarethe von Trotta die Ereignisse Ende Februar, Anfang März 1943 in der Rosenstraße in Berlin (historischer Hintergrund). Obwohl im Vorspann auf die Authenzität des Films hingewiesen wird, geht es nicht um eine historisch einwandfreie Darstellung, sondern um Einzelschicksale in einem menschlichen Drama.

Historiker wie Wolfgang Benz, Hermann Graml und Wolf Gruner verwahrten sich gegen die Verfälschung historischer Tatsachen und kritisierten zugleich die dem Drehbuch zugrunde liegende Darstellung Nathan Stoltzfus‘ in dem Buch „Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße“. Gruner legte RSHA-Akten vor, die seiner Ansicht nach belegen, dass die im ehemaligen Sozialamt der jüdischen Gemeinde eingesperrten Juden von Anfang an nicht für eine Verschleppung, sondern als Ersatz für tatsächlich nach Auschwitz deportierte jüdische Zwangsarbeiter in Berliner Fabriken vorgesehen waren. Augenzeugen und Betroffene erinnern sich jedoch anders und halten Margarethe von Trottas Darstellung für zutreffend.

„Rosenstraße“ ist ein bewegendes Melodram, bei dem das eigentliche Geschehen in eine Rahmenhandlung eingebettet ist und sechzig Jahre danach von der (fiktiven) Beteiligten Lena Fischer erzählt wird. Vielleicht hätte Margarethe von Trotta auf einige Szenen verzichten und den Film straffen sollen. Beispielsweise wäre es nicht nötig gewesen, auch noch die Hochzeit von Lena und Fabian in einer Rückblende darzustellen und auf diese Weise eine weitere Zeitebene einzufügen. Nicht zuletzt wegen der kitschigen Musikuntermalung wirken einige Sequenzen rührselig. Die Nationalsozialisten sind gemein, die Frauen stark, ihre jüdischen Männer schwach bzw. intellektuell, und Lenas Vater verhält sich so, wie man sich das bei einem preußischen Adeligen eben vorstellt – da hat Margarethe von Trotta Klischees verwendet. Die exzellente Besetzung und die handwerklich überzeugende Inszenierung helfen über Unzulänglichkeiten hinweg. Mehr als auf die Gräueltaten der Nationalsozialisten kommt es Margarethe von Trotta in ihrem Film „Rosenstraße“ darauf an, zu zeigen, was sich selbst unter dem Hitler-Regime mit Zivilcourage erreichen hätte lassen.

Gedreht wurde ab 18. Dezember 2002. Die Berliner Rosenstraße der Vierzigerjahre hatte man auf dem Freigelände der Studios in Babelsberg nachgebaut.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005 / 2006

Nationalsozialismus
Frauen protestieren in der Rosenstraße (Historischer Hintergrund)
Nathan Stoltzfus: Widerstand des Herzens

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