Marco Balzano : Ich bleibe hier

Ich bleibe hier
Resto qui Giulio Einaudi editore, Turin 2018 Ich bleibe hier Übersetzung: Maja Pflug Diogenes Verlag, Zürich 2020 ISBN 978-3-257-07121-4, 285 Seiten ISBN 978-3-257-61007-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Trina im Vinschgau ihre Reifeprüfung absolviert, leitet Mussolini eine zwangsweise Italienisierung Südtirols ein und sie kann deshalb nicht Lehrerin werden. 1943 vertreiben die Deutschen die Italiener aus Südtirol. Um dem Kriegsdienst für die Deutschen zu entgehen, flieht Trinas Ehemann mit ihr in die Berge. Nach dem Krieg kämpft Erich vergeblich gegen die Fertigstellung des Reschensees, dem sein Dorf weichen muss.
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Kritik

Marco Balzano verknüpft in seinem Roman "Ich bleibe hier" historische Tatsachen mit einer fiktiven Handlung, konkretisiert auf diese Weise die tragischen Entwicklungen und macht daraus eine zeitlose, eindringliche – und keineswegs deprimierende – Geschichte über politische und unternehmerische Rücksichtslosigkeit, kulturelle Identität, Widerstand und Entwurzelung.
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Katakombenschulen

1923, im Jahr nach dem Marsch der Faschisten auf Rom und auch auf Bozen, absolviert Trina die Reifeprüfung. Die Familie Ponte, zu der auch Trinas sieben Jahre jüngerer Bruder Peppi gehört, lebt in Graun im Vinschgau nahe der italienisch-österreichischen Grenze. Während Trinas Vater eine Schreinerei im Nachbarort Reschen betreibt, kümmert sich die Mutter um die kleine Landwirtschaft.

Die Sprache war Deutsch, die Religion christlich, die Arbeit die auf dem Feld und im Stall.

Trina möchte ebenso wie ihre Freundinnen Maja und Barbara Lehrerin werden. Aber die Faschisten verbieten die deutsche Sprache im Rahmen ihrer gewaltsamen Assimilierungspolitik und schicken Lehrer aus Venetien, Sizilien und der Lombardei nach Südtirol.

Um dennoch Kinder unterrichten zu können, geht Trina in die Katakomben, wo verbotenerweise deutsch gesprochen wird. Der Pfarrer Alfred, der die Schulen im Untergrund organisiert, weist ihr einen Keller in der Fraktion St. Valentin auf der Haide zu. Maja unterrichtet in einem Stall in Reschen. Barbara wagt es zunächst wegen der drohenden Strafen nicht, sich daran zu beteiligen, aber Trina überredet sie schließlich, doch noch mitzumachen. Kurz darauf wird Barbara dabei erwischt und deshalb nach Lipari verbannt.

Familiengründung

Als Italien nach dem Ersten Weltkrieg Südtirol annektierte und im Vertrag von Saint-Germain zugesprochen bekam, griff man auch die 1911 begonnenen Überlegungen über die mögliche Nutzung der Wasserkraft im oberen Vinschgau wieder auf. 1939 wird der Projektvorschlag der Societá Elettrica Alto Adige, einer Tochtergesellschaft des Montecatini-Konzerns, genehmigt und sowohl mit Enteignungen als auch mit Bauarbeiten begonnen.

Erich Hauser. ist einer der Männer, die gegen den Bau des Staudamms rebellieren. Er ist mit Trinas Vater befreundet, und der empfiehlt den beiden jungen Leuten nach einer Weile, zu heiraten. Um große Gefühle geht es dabei nicht. Nach der Hochzeit zieht das Paar in das kleine Bauernhaus, das Erich von seinen früh gestorbenen Eltern geerbt hat.

Vier Jahre nach der Geburt des Sohnes Michael bringt Trina die Tochter Marica zur Welt.

Als Trinas Vater zu alt ist, um jeden Morgen mit dem Rad nach Reschen zu fahren, beginnt sie im Büro der Schreinerei zu arbeiten.

Ich lernte, den Lieferanten zu schreiben, die Arbeiter zu bezahlen, die Hauptbücher in Ordnung zu halten.

Wenn Trina in Reschen zu tun hat, bringt sie Marica zu ihrer Schwägerin Anita. Erichs Schwester kam 1936 mit ihrem Ehemann Lorenz, einem Versicherungsvertreter, aus Innsbruck nach Graun, wo sie eines der vielen leerstehenden Bauernhäuser kauften.

Die große Option

Im Sommer 1939 werden die Südtiroler vor die Wahl gestellt, in ihrer italienisierten Heimat zu bleiben oder ins Deutsche Reich auszuwandern (Große Option).

Das Dorf war in Aufruhr. Alle redeten nur vom Weggehen, malten sich aus, wohin der Führer sie schicken und was er ihnen geben würde für das, was sie hier zurückließen. Welche Höfe, in welcher Gegend des Reichs, wie viel Stück Vieh, wie viel Land.

Erich zieht die Option für Deutschland keine Sekunde lang in Betracht. Die Familie wird in Graun bleiben. Aber die Hausers leiden darunter ebenso wie die anderen „Dableiber“.

Die wenigen, die so wie wir beschlossen hatten zu bleiben, wurden beschimpft und beleidigt. Sie nannten uns Spitzel, Verräter. Leute, die ich seit meiner Kindheit kannte, grüßten mich plötzlich nicht mehr oder spuckten auf den Boden, wenn sie mir begegneten.

Nachdem Michael verprügelt wurde, lässt Trina ihre Tochter nicht mehr in die Schule gehen, sondern unterrichtet sie selbst.

Einem anderen, der nicht wegwill, haben sie den Stall angezündet, sie haben Michael verprügelt, sie warten nur darauf, dass ich Marica zur Schule schicke, um es mit ihr genauso zu machen. Viele reden nicht mehr mit Erich.

Marica findet die Anfeindungen unerträglich und würde ohnehin lieber in einer Stadt leben.

Eines Tages kehrt sie von einem Aufenthalt bei Anita und Lorenz nicht zurück. Trina radelt zum Hof der Verwandten. Da ist niemand, und es stellt sich heraus, dass das Ehepaar für das Deutsche Reich optierte und die Nichte mitnahm.
Wochen später erhält Trina einen Brief ihrer Tochter, in dem es heißt:

Ich war es, die mit Onkel und Tante weggehen wollte. Wir wussten, dass ihr das nie erlaubt hättet, deswegen sind wir geflohen. Hier in der Stadt kann ich studieren und ein besserer Mensch werden.

Danach hören Trina und Erich nie wieder etwas von Marica.

Krieg

Michael hofft, dass Hitler und die Nationalsozialisten die von den Faschisten erzwungene Italienisierung Südtirols rückgängig machen und die Bauarbeiten am Staudamm einstellen werden. Erich ist zwar auch gegen den Stausee, aber Michaels Haltung findet er grundfalsch.

Im Herbst 1940 wird er selbst von den Italienern zum Kriegsdienst eingezogen und über Albanien nach Griechenland geschickt.

Sein Schwager Peppi isst tagelang nur Lakritze und schafft es auf diese Weise, bei der Musterung für untauglich befunden zu werden. Er zieht in die Nähe von Sondrio und arbeitet dort als Maurer. Bei einem Besuch seiner Schwester bringt er seine Braut Irene mit. Die beiden heiraten bald darauf.

1942 kommen zwei Offiziere mit Erich in einem Militärfahrzeug nach Graun. Wegen einer Schussverletzung am Bein ist er für einige Zeit auf Krücken angewiesen.

Nach dem Waffenstillstand zwischen dem Königreich Italien, den USA und Großbritannien vom September 1943 übernehmen die Deutschen Südtirol, jagen die Italiener davon und führen die deutsche Amtssprache wieder ein. Die neuen Machthaber stellen auch, wie erhofft, die Arbeiten am Staudamm ein, denn Hitler hält den Ausbau des Schienennetzes für wichtiger. Wer allerdings nicht für eine Umsiedlung ins Deutsche Reich votierte, muss sich nun vorsehen.

Während sich Michael begeistert bei den Deutschen zum Kriegsdienst meldet, fliehen seine Eltern in die Berge und richten sich erst einmal in einer Höhle ein. Eines Tages vertritt Trina sich die Füße, und als sie zurückkommt, stehen zwei deutsche Soldaten vor ihrem desertierten Ehemann. Trina nimmt die Armeepistole, die Erich ihr mitgab.

Sie hatte nur sechs Schuss Munition. Ich umfasste den Griff mit aller Kraft und zielte auf den Rücken des Ersten, er fiel mit einem dumpfen Schlag. Der andere drehte sich ruckartig um, und ich traf ihn in die Brust.

Zuflucht finden Trina und Erich schließlich auf einem abgelegenen Bauernhof in den Bergen. Der Sohn der Bauern ist ein junger Priester aus Mals. Eine aus Mals geflüchtete Familie mit einer stummen Tochter namens Maria hat hier ebenfalls Unterschlupf gefunden.

Im Januar 1945 nähert sich ein Trupp von fünf Soldaten. Alle bis auf die Bäuerin verstecken sich in einem weiter bergaufwärts gelegenen Heuschober. Am nächsten Morgen kommt die Frau nach und berichtet, dass die Deutschen ihren Sohn, den Geistlichen, gesucht hätten. Die acht Menschen müssen im Heubschober bleiben, denn die Soldaten haben den Hof niedergebrannt.

Fast drei Monate lang lebten wir zusammengepfercht in dem Heuschober. Maria litt ständig an Fieber, und mir träumte, ich würde sie tot auf dem zerdrückten Stroh finden.

Kurz vor Kriegsende werden alle bis auf Trina, Erich, Maria und den Priester im Heuschober aufgestöbert und erschossen.

Zusammen gruben wir ein Grab. Wir legten sie übereinander, da uns die Kraft fehlte, vier Gräber auszuheben.

Während der Geistliche Maria mit nach Mals nimmt, kehren Trina und Erich nach Graun zurück.

Dort will Trina ihre Freundin besuchen, erfährt jedoch, dass Maja während des Kriegs fortzog und inzwischen in Bayern als Lehrerin tätig ist. Auch Trina kann wieder unterrichten. Inzwischen gibt es in Südtirol sowohl deutsche als auch italienische Schulen. Drei Kühe und ein halbes Dutzend Schafe reichen nicht zum Leben, aber Michael eröffnet die Schreinerei seines Großvaters wieder und bessert das Familieneinkommen auf.

Michael verhilft Naziverbrechern zu falschen Pässen, damit sie sich nach Südamerika absetzen können. Er heiratet ein Mädchen aus Glurns und zieht mit Johanna auf den verwaisten Hof seiner Großeltern. (Trinas verwitwete Mutter, die während des Kriegs Zuflucht bei ihrem Sohn Peppi Ponte in Sondrio fand, lebt seit 1944 mit ihm und seiner Familie in Lugano.)

Der Stausee

Nach dem Krieg bieten die Schweizer Elektrizitätsgesellschaften dem Montecatini-Konzern eine finanzielle Beteiligung am Staudammprojekt im Vinschgau gegen zukünftige Stromlieferungen und forcieren auf diese Weise den Weiterbau.

Erich versucht vergeblich, die hier lebenden Menschen zum Widerstand aufzustacheln. Die Männer trauen es den verachteten Italienern nicht zu, so ein Großprojekt erfolgreich durchzuführen und die Frauen vertrauen auf Gott. Für den italienischen Bauleiter ist das nicht überraschend.

[…] er reiste schon ein Leben lang durch die Welt. Sie waren überall gleich, nur auf ihre Ruhe bedacht. Bloß nichts hören und nichts sehen. Auf diese Weise hatte er schon andere Dörfer geräumt, Stadtviertel entkernt, Häuser abgerissen, um freie Bahn für Gleise und Straßen zu bekommen, Felder zubetoniert, an Flussläufen Fabriken gebaut. Und seine Arbeit war nie krisengefährdet, denn sie florierte, wo das blinde Vertrauen ins Schicksal herrschte, der alles erleichternde Glaube an Gott, die Nachlässigkeit der Menschen, die nur ihre Ruhe wollen. All das erlaubte ihm, Zigarre rauchend in seiner Baracke zu sitzen, während die weit weg in irgendeiner Stadt angeworbenen Hungerleider im Zug angekarrt wurden, um wie Sklaven im Regen zu schuften und in den Tunnelschächten an Staublunge zu krepieren. Er hatte in seiner Karriere stets leichtes Spiel gehabt beim Zerstören von jahrhundertealten Plätzen, von Häusern, die vom Vater auf den Sohn übergegangen waren […]

7000 vorwiegend in Süditalien angeworbene Bauarbeiter kommen nach Südtirol, um den Staudamm zu errichten.

Der Pfarrer Alfred wendet sich Hilfe suchend an den Bischof von Brixen. Die beiden Geistlichen erhalten von Papst Pius XII. eine Privataudienz und nehmen Erich mit nach Rom, aber auch die Gebete des Kirchenoberhaupts verhindern nicht die Fertigstellung des Stausees.

Vor der fast ein Jahr lang dauernden Vollflutung werden im Sommer 1950 alle Gebäude in Graun und einem Teil von Reschen bis auf den denkmalgeschützten Kirchturm von Graun aus dem 14. Jahrhundert gesprengt.

Für die Familien, die nicht wegzogen, baut man eine Reihe von Fertighäusern. Die Entschädigungen für die verlorenen Höfe sind so gering, dass sich der Weg nach Bozen, wo die Gelder ausgezahlt werden, kaum lohnt.

Erich stirbt im Herbst 1953, und seine Witwe erhält eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Neu-Graun.

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„Ich bleibe hier“ ist ein realitätsnaher, aufschlussreicher und mitreißender Roman.

Am Beispiel einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborenen Bewohnerin von Graun veranschaulicht Marco Balzano, dass die Menschen im oberen Vinschgau Wellen zwangsweiser Italienisierungen und den Verlust ihrer Heimat durch die Anlage des Reschensees erleiden mussten. Marco Balzano verknüpft die historischen Tatsachen mit einer fiktiven Handlung, konkretisiert auf diese Weise die tragischen Entwicklungen und macht daraus eine zeitlose, eindringliche Geschichte über politische und unternehmerische Rücksichtslosigkeit, kulturelle Identität, Widerstand und Entwurzelung.

Trotz der vielen schlimmen Erfahrungen der Protagonistin Trina ist „Ich bleibe hier“ keine deprimierende Lektüre.

„Ich bleibe hier“ ist gewissermaßen ein Briefroman, denn Marco Balzano tut so, als ob Trina den Text schreiben würde. Die verwitwete Lehrerin wendet sich dabei an ihre Tochter, von der sie seit Jahrzehnten nichts mehr gehört hat. Als Marica noch ein Kind war, optierten Trinas Schwager und Schwägerin in Graun für das Deutsche Reich und verließen Südtirol mit der Nichte, ohne mit den Eltern darüber gesprochen zu haben.

Im Nachwort weist Marco Balzano darauf hin, dass er sich bei der Romanfigur des Pfarrers Alfred von Alfred Rieper inspirieren ließ, der ein halbes Jahrhundert lang Seelsorger in Graun gewesen war und gegen den Bau des Staudamms gekämpft hatte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Diogenes Verlag

Waris Dirie - Wüstenblume
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