Maria Lazar : Die Vergiftung

Die Vergiftung
Die Vergiftung Originalausgabe E. P. Tal Verlag & Co Leipzig und Wien 1920 Neuausgabe Herausgeber, Nachwort: Johann Sonnleitner Verlag Das vergessene Buch, Wien 2014 ISBN 978-3-200-03768-7, 167 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 20 Jahre alte zornige Tochter einer großbürgerlichen Familie in Wien rebelliert gegen die dominante Mutter und den selbstgerechten älteren Bruder. Sie verabscheut die Lebenslügen und die Doppelmoral der gehobenen Gesellschaft. Für sich sucht sie einen Weg, der sie authentisch bleiben lässt …
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Kritik

Lesenswert ist der Roman "Die Vergiftung" vor allem wegen des eigenwilligen Stils. Maria Lazar reiht kurze expressionistische Bilder in einem hämmernden Rhythmus aneinander und lässt dabei viele Leerstellen. Sie folgt inneren Monologen der Protagonistin, tritt aber auch als auktoriale Erzählerin auf.
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Die Familie

Ruth ist 20 Jahre alt. Sie wohnt mit ihrer Mutter und zwei älteren Geschwistern in Wien. Die Mutter hatte sehr jung geheiratet, und als ihr Mann kurz vor der Fertigstellung seiner großen Erfindung stand, starb er. Dennoch gehört die Familie nach wie vor zum Großbürgertum und kann sich Bedienstete wie eine Köchin und ein Stubenmädchen leisten.

Zweimal pro Woche kommt Onkel Gustav, der jüngere Bruder der Mutter, zum Essen. Er gilt als Narr; Ruths Geschwister Richard und Martha verachten ihn, denn er hätte Musiker, Maler und Dichter werden können, brachte es jedoch nur zum Zeichenlehrer an einer Mittelschule.

Und es hätte nur eines Funkens Kraft, eines Fußtritts Persönlichkeit bedurft und er wäre ein großer Künstler geworden.

Er fürchtete sich vor seinen Schülern, die ihn verachteten, weil er mit ihnen höflich war.

Zweimal war Gustav verlobt, im Alter von 18 Jahren mit einer wilden Unternehmer-Tochter, später mit einer hässlichen Ansichtskarten-Verkäuferin, aber seine Schwester sorgte beide Male dafür, dass die Heiratsversprechen aufgehoben wurden.

Gustavs Schwester – die Mutter von Richard, Martha und Ruth – verschleuderte ihre Talente.

Mutter macht uns alle unglücklich, weil sie nicht glücklich sein kann. Das Muttersein ist Maske. Dahinter steckt ein furchtbarer Mensch.

Ruth fühlt sich von der dominanten Mutter und dem selbstgerechten Bruder Richard tyrannisiert. Um ihrer Familie zu entkommen, geht sie so oft wie möglich allein bei den Vorstadtgärten spazieren. Sie verabscheut die Lebensweise des Großbürgertums, blickt hinter die Kulissen und durchschaut die Doppelmoral.

Martha hoffte vergeblich auf eine gute Partie. Freudlos unterrichtet sie an der vornehmen Schule, die sie und ihre jüngere Schwester besuchten.

Richard arbeitet in einer Kanzlei, und die Mutter sieht ihren Sohn bereits als Finanzminister oder wenigstens Bankdirektor. Er achtet ebenso wie sie auf die Etikette. Schließlich verlobt er sich mit der Schwester eines adeligen Freundes namens Norbert, den Onkel Gustav seit einiger Zeit zum Essen mitbringt. Kurze Zeit später steht ein von ihm geschwängertes Mädchen aus der Kanzlei vor der Tür. Die Mutter findet sie mit Geld für eine Abtreibung ab, damit der Ruf gewahrt bleibt und Richard seine adelige Verlobte heiraten kann.

Doppelmoral

Während eines Spaziergangs mit Norbert lässt Ruth sich von ihm in einer Parfümerie eine teure Seife kaufen und zeigt ihm dann auf der Straße ein zweites, unbemerkt gestohlenes Stück Seife. Entsetzt fordert der Aristokrat sie auf, das Diebesgut zurückzubringen, und als sie sich weigert, will er umkehren und den Preis bezahlen. Verärgert wirft Ruth daraufhin die kostbare Seife einem Bettler in den Hut.

Verbotenerweise besucht sie ein Mädchen, das mit ihr die Nähschule besuchte. Bella wohnt mit ihrer Mutter in einem schäbigen Vorstadthaus mit roter Beleuchtung. Während Ruth dort ist, kommen zwei Offiziere und ein Theaterdirektor vorbei. Ruth fühlt sich in dieser Gesellschaft wohl – bis der Leutnant sich ans Klavier setzt, Bella ein schlüpfriges Lied singt, dann auf seinen Schoß klettert und sich von ihm küssen lässt. Das findet Ruth ekelhaft.

Einige Zeit später folgt Ruths Familie einer Einladung von Norberts Mutter. Auch der Leutnant ist unter den Gästen, und er begleitet Norberts Braut am Klavier, als sie dasselbe Lied wie Bella singt. Ruth kann es kaum glauben. Danach zerrt der Leutnant sie in das dunkle Zimmer seines Freundes Norbert und küsst sie. Ruth schlägt ihm die Nase blutig.

Norbert berichtet ihr einige Wochen danach, dass der Leutnant sich wegen einer Balletttänzerin duelliert habe, von zwei Schüssen in die Lunge getroffen worden sei und beinahe gestorben wäre.

Thomas

Bei Onkel Gustav begegnet Ruth einem schüchternen Lehrer. Thomas – so heißt er – vergisst beim Abschied eine Mappe mit Schulaufsätzen. Ruth fragt Gustav nach der Adresse des Lehrers und trägt die Mappe hin. Thomas wohnt mit Mutter, Schwester und kleinem Bruder in einem Mietshaus. Es riecht nach aufgewärmtem Essen. Bei der älteren Frau handelt es sich um die frühere Frisörin von Ruths Mutter. Ihre bucklige Tochter Gertrud sitzt an der Nähmaschine und arbeitet als Weißnäherin.

Thomas träumt davon, ein philosophisches Buch zu schreiben, und Ruth schenkt ihm Papier, weil er es sich nicht leisten kann. Aber am Abend, wenn er nach der Korrektur der Schularbeiten Zeit zum Schreiben hätte, fehlt es ihm an Licht, denn die Familie kann nicht genügend Petroleum für die Lampe kaufen.

Als Thomas entlassen wird, ist er verzweifelt, weil die Schule für den Jungen nicht länger bezahlt werden kann. Ruth nimmt ihn heimlich mit in ihr Zimmer. Dort legen sie sich auf den Boden und umklammern sich – bis Ruth sich losreißt und Thomas geht.

Weil ihn das Geschrei des Säuglings der Nachbarin stört, klettert Thomas an einer Straßenlampe hoch und entzündet an der Gaslaterne eine Fackel. Dann schlägt er ein Fenster des Nachbarhauses ein und wirft die brennende Fackel ins Innere. Die Erwachsenen können sich retten, aber das kleine Kind stirbt in den Flammen. Im Gefängnis stürzt Thomas sich aus einem Fenster.

Familiengeheimnis

Gustav hustet Blut und stirbt schließlich.

Als er noch lebte, half er seiner Schwester und Ruth beim Aufräumen einer Kommode. Ruths Mutter wies amüsiert auf einen Liebesbrief hin, den ihr ein Mitschüler geschrieben hatte als sie 17 Jahre alt gewesen war. Ruth stieß dann auf einen weiteren Liebesbrief ‒ und erkannte die Schrift des sehr viel älteren Mannes, mit dem sie seit zwei Jahren eine heimliche Affäre hatte. Widerstrebend beantwortete Onkel Gustav ihre Fragen. Ungefähr zur Zeit von Ruths Geburt war ihre Mutter offenbar die Geliebte eines mit ihrem Ehemann befreundeten Chemikers, der später die Erfindung des Verstorbenen ausschlachtete.

Ruth sucht ihren Liebhaber auf, von dem sie nun weiß, dass er auch ihr Vater sein könnte. Er hantiert mit Phiolen, und auf dem Schreibtisch liegt ein scharfes Messer. Sie beendet die Liaison mit den Worten: „Ich glaube, jetzt haben wir einander nichts mehr zu sagen.“

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In dem Roman „Die Vergiftung“ porträtiert Maria Lazar die 20 Jahre alte zornige Tochter einer großbürgerlichen Familie vor dem Ersten Weltkrieg in Wien, die nicht nur gegen die dominante Mutter und den selbstgerechten älteren Bruder Richard (nicht Bernhard, wie er im Nachwort genannt wird) rebelliert, sondern zugleich hinter die Kulissen schaut, Lebenslügen entlarvt und die Doppelmoral der gehobenen Gesellschaft verabscheut. Ruth will sich nicht zum Narren machen wie ihr künstlerisch begabter Onkel Gustav oder zugrunde gehen wie der mittellose Lehrer Thomas. Auch die eigenen Familienmitglieder sind keine guten Vorbilder: die Mutter verschleuderte ihre Talente und heiratete sehr jung, der Vater starb, bevor er seine große Erfindung fertigstellte, die ältere Schwester hoffte vergeblich auf eine gute Partie, und der Bruder schwängert kurz vor oder nach der Verlobung mit einer Aristokraten-Tochter ein Kanzleimädchen. Ruth, die in einem Ende des 20. Jahrhunderts spielenden Buch wohl ein Punk wäre, sucht ihren eigenen Weg, behauptet sich und befreit sich nach zwei Jahren von ihrem Liebhaber, der – wie sie inzwischen weiß – vielleicht ihr Vater ist.

Die Familie Lazar soll „Die Vergiftung“ als Schlüsselroman verstanden haben. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Übereinstimmungen zwischen den Biografien der 20-jährigen Maria Lazar und der gleichaltrigen Protagonistin. Aber für die Leserinnen und Leser spielt es keine Rolle, ob Ruth ein Alter Ego der Autorin ist oder nicht.

Thomas Mann schrieb am 17. April 1920 in sein Tagebuch:

Begann mit einem Roman Vergiftung von Maria Lazar, den Karin Michaëlis geschickt, lese aber nicht weiter. Penetranter Weibsgeruch.

Damit stellte er sich wohl eher selbst ein schlechtes Zeugnis aus. „Die Vergiftung“ lässt sich als Zeitzeugnis lesen, aber vor allem beeindruckt der eigenwillige Stil. Maria Lazar entwickelt keine Handlung im landläufigen Sinn, sondern reiht in den 13 Kapiteln des Buches kurze expressionistische Bilder in einem hämmernden Rhythmus aneinander und lässt dabei viele Leerstellen. Das klingt so:

Im Speisezimmer stand Richard unter der fahlgrünen Lampe und hielt eine Rechnung in den Händen. Mutter lief erregt um den Tisch, und Martha stellte verdrossen die Gläser auf.
‒ Was ist das Ruth, fragte Richard – eine Rechnung für vier paar Lederhandschuhe? Er war ganz ruhig, zog nur die Augenbrauen ungeheuer verwundert in die Höhe. Aber seine Stimme war hässlich vor Zorn.
Mutter rang die Hände.
‒ Ich weiß nicht, sagte Ruth atemlos. – Du weißt nicht und was hast du da? Was sind das für Rosen, Ruth? Du bist wohl verrückt. Du weißt nicht, was du tust. Wie treibst du Dich denn herum?
‒ Lass die Rosen, sie gehören mir.
‒  Dir, dir gehören sie? Ja, was gehört denn überhaupt dir? Du stiehlst. Du stiehlst Mutter das Geld aus der Tasche. Sollen die Handschuhe vielleicht dir gehören? Und die Rosen?
Ruth dachte: Er nimmt mir alles. Alles. Aber er hat eine wohlgefüllte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, silberweiß, blaue Scheine. Nur die Rosen soll er nicht nehmen, die Rosen nicht. Wenn er wirklich danach greift ‒
Sie war umgeben von einer schwarzen, kochenden Masse. Und erstickt griff sie nach dem Brotmesser auf dem Tisch und schleuderte es ‒
Ein Kreischen, ein Stoßen ‒
Sie war allein in ihrem Zimmer.
Von der Straßenlaterne strömte weißgelbes Licht herein. Aber der Zorn tanzte noch in kochend schwarzen Klumpen um sie herum, würgte die Kehle, machte ihre Hände gierig.
Sie fuhr hinein in die blassen Fensterscheiben. Mitten durch.
Aus ihrer Handfläche quoll es langsam heraus, dunkelrot. Sie war ganz ruhig.
Aus immer mehr Stellen heraus, immer mehr. Das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen.
Und ihre Augen wurden satt.
Da waren irgendwo heiße, durstende Glieder, die sich zur Ruhe strecken konnten. Und ausgekühlte Marmorbäder. Und verlöschte, grellrote Lichter.
Zu ihren Füßen lagen viele Münzen. Kupferne, silberne, goldene. Die rollten nicht mehr durcheinander. Die lagen ganz kalt, eine über der anderen.
Und das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und das Geld fraß das Blut.

An einer Stelle gleiten zwei Wirklichkeitsebenen nahtlos in einander:

Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch, sehr rasch, flüchtend vor den zu roten Straßen und verbarg ihre Schuhe unter dem dunklen Sitz.
Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewürztes Essen, unreine Haare. Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer.
Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Blütenfülle, die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette musste kostbar sein.
Die Tochter des amerikanischen Milliardärs trug lange Korkzieherlocken und strahlte mit blendend weißen Zähnen. […]

„Die Vergiftung“ beginnt und endet mit einer Abkehr Ruths von ihrem sehr viel älteren Liebhaber. Dazwischen folgen wir ihrer Wahrnehmung und ihren inneren Monologen, aber Maria Lazar bleibt bei der dritten Person Singular und tritt auch als auktoriale Erzählerin auf.

Maria Lazar schrieb „Die Vergiftung“ 1915. Veröffentlicht wurde das Buch erst Anfang 1920 vom Verlag E.P. Tal & Co in Leipzig und Wien. Es war kein großer Erfolg. Im Dezember 2014 nahm der kurz zuvor von Albert Eibl in Wien gegründete Verlag „Das vergessene Buch“ Maria Lazars Roman „Die Vergiftung“ als allerersten Titel ins Programm. Der Literaturprofessor Johann Sonnleitner fungierte als Herausgeber und schrieb ein erhellendes Nachwort über die Schriftstellerin Maria Lazar.

Maria Lazar

Maria Lazar wurde am 22. November 1895 in Wien als jüngstes von acht Kindern eines Eisenbahndirektors geboren. Die jüdische Familie war zur katholischen Konfession konvertiert und gehörte zum Großbürgerturm. Der Vater starb, als Maria 13 Jahre alt war.

Sie besuchte die von der aus Galizien stammenden Reformpädagogin Eugenie („Genia“) Schwarzwald (1872 – 1940) geleitete Gemeinschaftsschule, an der unter anderem Adolf Loos und Oskar Kokoschka unterrichteten. Letzterer malte Maria Lazar 1916 als „Dame mit Papagei“. Elias Canetti erwähnt Maria Lazar in „Das Augenspiel“: Sie hatte ihn eingeladen, aus seinem Drama „Hochzeit“ zu lesen, und er lernte bei dieser Gelegenheit Hermann Broch kennen.

Nach dem Abitur unterrichtete Maria Lazar im Landerziehungsheim der Schwarzwaldschulen am Semmering. Das Studium der Philosophie und Geschichte brach sie gleich wieder ab.

1920 veröffentlichte der Verlag E. P. Tal & Co in Leipzig und Wien ihren fünf Jahre zuvor entstandenen Roman „Die Vergiftung“, und im Jahr darauf führte die Wiener Neue Bühne ihren Einakter „Der Henker“ auf.

Maria Lazar heiratete 1923 den zwei Jahre jüngeren Journalisten Friedrich Strindberg, den Sohn von Frank Wedekind und Frida Uhl-Strindberg. Dadurch erhielt sie die schwedische Staatsbürgerschaft. 1924 gebar sie die Tochter Judith, aber die Ehe wurde 1927 geschieden.

Weil die Journalistin und Übersetzerin für ihre eigenen Roman-Manuskripte keinen Verlag fand, wählte sie das dänische Pseudonym Esther Grenen und blieb nach dem ersten Erfolg dabei.

Im Sommer 1933 emigrierte Maria Lazar mit ihrer Tochter nach Dänemark und wohnte zusammen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel bei der Schriftstellerin Karin Michaëlis auf Thurø. 1935 zogen Maria und Judith nach Kopenhagen und vier Jahre später flohen sie vor den Nationalsozialisten nach Schweden.

Nachdem bei Maria Lazar eine unheilbare Knochenkrankheit diagnostiziert worden war, nahm sich die 52-Jährige am 30. März 1948 in Stockholm das Leben.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Verlag Das vergessene Buch

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