Maria Lazar : Die Eingeborenen von Maria Blut

Die Eingeborenen von Maria Blut
Die Eingeborenen von Maria Blut Manuskript: 1935 Originalausgabe Pseudonym Esther Grenen Greifen Verlag, Rudolstadt 1958 Neuausgabe Hg. und Nachwort: Johann Sonnleitner DVB Verlag Das vergessene Buch, Wien 2015 ISBN 978-3-200-03950-6, 269 Seiten Revidierte Neuauflage DVB Verlag Das vergessene Buch, Wien 2020 ISBN 978-3-903244-06-1, 313 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Anfang der 30er-Jahre. Bigotte Katholiken wollen an Wunder glauben und fallen sowohl auf medizinische als auch unternehmerische Scharlatane herein. Die Bewohnerinnen und Bewohner des (fiktiven) Wallfahrtsortes Maria Blut sind gegen Juden, Fremde, Liberale und Sozialisten. Rechtsradikale Anschläge werden als unbedeutende Jugendstreiche abgetan. Vinzenz Heberger, ein arbeitsloser Kellner, der eigentlich in Wien Musik studieren wollte, aber von der Akademie abgewiesen wurde, träumt davon, das moralisch verkommene Volk wieder aufzurichten.
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Kritik

Der Roman "Die Eingeborenen von Maria Blut" von Maria Lazar ist eine gewitzte Satire auf die Situation zu Beginn der Dreißigerjahre in der österreichischen Provinz. Maria Lazar löst das Geschehen in eine virtuos komponierte Polyphonie direkter Rede auf und lässt dabei zahlreiche Romanfiguren zu Wort kommen. Innere Monologe ergänzen die umgangssprachlichen Dialoge. In diesem furiosen Pandämonium voller Esprit stehen sich nicht Gute und Böse als Antipoden gegenüber, sondern Maria Lazar verwischt die Grenzen.
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Die Konservenfabrik

Die Konservenfabrik des Unternehmers Schellbach in Maria Blut, einem österreichischen Wallfahrtsort ohne Schnellzuganschluss, wird durch die Weltwirtschaftskrise ruiniert.

Nachdem bereits viele Bewohner ihre Arbeitsplätze in diesem einzigen Industriebetrieb der Provinzstadt verloren haben, schließt ihn Schellbach Anfang der Dreißigerjahre und investiert sein Geld ebenso wie die Salzburger Geistlichkeit und sogar Wilhelm II. in ein Großprojekt von Karl Kapeller in Gaurolzmünster. Der hat angeblich eine Urkraft entdeckt, eine Energieform, die er zum Antrieb von Maschinen nutzbar machen will. Als aus der geplanten Schellbachschen Kraftzentrale nichts wird, erschießt sich der Fabrikant. Mit ihm haben viele andere in der Stadt, die sich von seiner Tochter Elli Schellbach zur finanziellen Beteiligung überreden ließen, ihr Geld verloren.

Adalbert Lohmann, der ältere Sohn des in Maria Blut praktizierenden Arztes Dr. Gustav Lohmann, gehört zu der Horde junger Männer, die bei der stillgelegten Konservenfabrik die Fenster einschlagen und Hakenkreuze an die Wände malen. Immerhin war Schellbachs Mutter Jüdin. In derselben Nacht werfen die Randalierer auch bei dem jüdischen Rechtsanwalt Daniel Meyer-Löw und seinem Sohn ein paar Scheiben ein.

Einige Zeit später, während der 700-Jahr-Feier von Maria Blut, geht die Konservenfabrik nach Explosionen in Flammen auf. Bei den Brandstiftern habe es sich um Bolschewisten gehandelt, heißt es. Pater Lambert erfährt jedoch in der Beichte von Notburga Heberger, dass die Täter Nationalsozialisten wie ihr Bruder Vinzenz und der Arztsohn Adalbert Lohmann waren.

Gespräche in Maria Blut

Zwei Bewohnerinnen:

„Habens schon gehört, Frau Wimmer?“
[…] „Aber gehens, da bin ich neugierig.“
„Überhaupt, bei uns gehts jetzt zu im Ort. Das reine Sündenbabel, hat der Herr Abt gesagt. Habens schon gehört vom Oberlehrer, dem Hubert Reindl?“
„Sie meinen wegen der Konservenfabrik?“
„Nein, noch viel ärger.“
„Na, hören Sie.“
„So was kann ich Ihnen gar nicht erzählen. So was nimmt eine anständige Frau nicht in den Mund.“
„Ich bitt Ihnen ‒“
„Was es alles gibt. Man sollt es einfach nicht für möglich halten.“
„Da müssen Sie mir aber jetzt wirklich sagen ‒“
„Nein, nein, Frau Wimmer, ich mach nie einen Tratsch. Schon aus Prinzip nicht. Und überhaupt, ich hab keine Zeit.“

Der Arzt Dr. Brunnbacher und der Bürgermeister Gruber:

„Wir müssen da einen Trennungsstrich ziehen, wir, die heimattreuen Österreicher, müssen einen Trennungsstrich ziehen zwischen uns und diesem Gesindel.“
[…] Der Bürgermeister betrachtet ihn mit sanften blauen Augen. „Es sind doch auch die anständigsten Leute dabei.“

Zwei Herren:

[Inspektor:] „Es sollen […] so alle möglichen subversiven Elemente ihre Vorbereitungen getroffen haben.“
[Hofrat:] „Aber gehens. Das sind doch wieder nur so Gerüchte.“
„Ich möchte mir erlauben, Herrn Hofrat an die Ereignisse bei der Konservenfabrik zu erinnern.“
„Na und was war denn schon dabei. Ein paar Fensterscheiben habens eingeschlagen. Alles nur so Lausbübereien.“
„Die Lausbübereien häufen sich, Herr Hofrat. […]“
„Ja, ja, ich weiß schon. Das erzählen Sie mir jetzt alle Tage. Aber ich sag Ihnen was, Herr Inspektor, die Nazis werden das Kraut auch nicht fett machen.“

Attilas Goldschatz

Von Karl Kapeller beauftragte Wünschelrutengänger glauben, unter dem von ihm erworbenen Schloss Gaurolzmünster das Grab des Hunnenkönigs Attila entdeckt zu haben, und man erwartet einen riesigen Goldschatz.

Elli Schellbach, die Tochter des Selbstmörders, wirbt auch in Maria Blut Investoren für die Ausgrabung an. Außerdem wird in Gaurolzmünster das Gasthaus „Zum Attila“ eröffnet, denn man erwartet ein großes Geschäft mit den Besuchern des Grabes. Heberger, der Wirt des Stiftskellers in Maria Blut, hebt ohne Rücksprache mit seiner Frau Therese die Ersparnisse ab und bringt sie in das neue Projekt ein. Sein Sohn Vinzenz, ein arbeitsloser Kellner, soll ihm beim Betrieb der neuen Gaststätte helfen.

Aber weder unter dem Schlosshof noch an anderer Stelle in Gaurolzmünster wird etwas gefunden.

Kaiserliche Hoheit

In Maria Blut residiert ein illegitimer Sohn von Otto Franz Joseph von Österreich, dem jüngeren Bruder des 1914 in Sarajevo erschossenen Erzherzogs Franz Ferdinand. Er lässt sich als „Erzherzog“ titulieren, ist aber verarmt und verliert sein letztes Geld durch die Fehlinvestition in die Schellbachsche Kraftzentrale, will aber nicht wahrhaben, dass sein Kammerdiener Liebold bereits Stühle verheizen muss, wenn dem überschuldeten Aristokraten zu kalt ist.

„Liebold! Liebold! Liebold! Holens den Doktor.“
„Wollen Kaiserliche Hoheit sich nicht niederlegen?“
„Redens nicht so viel. Schaun Sie, dass Sie weiterkommen.“
„Ich mein nur ‒“
„Wer hat Ihnen geschafft, was zu meinen. Ja, ja, ja, ich sitz schon ganz gut. Laufen Sie. Den Doktor will ich haben. Aber halt, Liebold, halt, nicht den Brunnbacher, den impertinenten Kerl. Steckt mit dem Weileis unter einer Decke. Den Lohmann will ich. Glotzen Sie nicht. Den Lohmannn.“

Dr. Gustav Lohmann kann dem „Erzherzog“ nicht mehr helfen. Er stirbt und wird auf dem Friedhof in Maria Blut begraben.

Die Exzellenz

Auch eine von Materni, die sich als „Exzellenz“ anreden lässt und über die „Saurepublik“ schimpft, wohnt mit ihrem Enkel Tassi und der Köchin Anna Neunteufel in Maria Blut. Ihr Sohn, Tassis Vater, fiel im Ersten Weltkrieg, und mit ihrer Tochter will die Exzellenz nichts zu tun haben, weil Lilly mit einem Juden verheiratet ist.

Tassi versucht, mit seinem Freund Ferry, dem jüngeren Sohn des Arztes Dr. Gustav Lohmann, im Haus seiner Großmutter eine Bombe zu bauen. Die explodiert vorzeitig, ohne großen Schaden anzurichten, und die Exzellenz will nicht wahrhaben, dass die beiden Jungen einen Sprengstoffanschlag planen.

Stattdessen verdächtigt sie Anna Neunteufel als Diebin. Sie fordert die Köchin auf, ihren gepackten Korb zu öffnen, in dem sie Lebensmittel vermutet. Anna Neunteufel weigert sich – und wird von der alarmierten Gendarmerie abgeführt. In dem Korb befinden sich Gewehre, die ein linker gegen die Heimwehr gerichteter Schutzbund bei der Gesinnungsgenossin versteckte.

Daniel Meyer-Löw

Dr. Daniel Meyer-Löw und sein Sohn Daniel Meyer betreiben eine Anwaltskanzlei in Maria Blut. Der bedächtige Senior kann den Jüngeren gerade noch davon abhalten, in die Schellbachsche Kraftzentrale zu investieren.

Randalierer reißen das Schild der Kanzlei ab und werfen Fenster ein. Als der acht Jahre alte Anselm Meyer von Mitschülern drangsaliert wird, schimpft vor allem die aus Ungarn stammende Haushälterin Marischka über die „Gojim“, obwohl sie selbst keine Jüdin ist. Daniel Meyer-Löw macht sich Sorgen um seinen Enkel und überredet seinen Sohn, Anselm nach England zu schicken.

Gustav Lohmann

Daniel Meyer-Löw ist mit Gustav Lohmann befreundet und einer der wenigen, die noch zu dem Arzt halten. Die beiden spielen des Öfteren miteinander Schach.

Über Dr. Gustav Lohmann wird viel geredet, und die Patienten bleiben aus. Seine Frau Johanna starb vor einigen Wochen. Statt sie beispielsweise zu dem Wunderheiler Weileis in Zallspach zu bringen, hatte er sie von einem jüdischen Kollegen in Wien operieren lassen, und als sie dann im Sterben lag, ließ er keinen Geistlichen an sie heran.

Die Krankenkasse macht Lohmann Schwierigkeiten, weil er für einen Patienten der Lohnklasse 6 Medikamente verschrieb, die der Lohnklasse 3 vorbehalten sind. Dazu kommt, dass er verdächtigte Chinin-Rezepte ausstellte. Außerdem soll er seiner Haushälterin Toni Votruba eine gar nicht vorhandene Lungenkrankheit attestiert zu haben, um ihr zu helfen.

Der von ihrem arbeitslosen Schwager Wittlinger geschwängerten jungen Frau droht die Abschiebung, weil ihr Vater ein Tscheche aus Znaim war. Dabei wuchs Toni bei der Großmutter in Linz auf und lebt seit Jahren in Maria Blut. Ihre Schwester Hermin Wipplinger ist nicht betroffen, weil sie die Ehefrau eines Österreichers ist. Mit Gustav Lohmanns Hilfe fährt Toni Votruba nach Wien, um ihre Angelegenheiten zu regeln.

„Gattenmörder und Engelmacher und Rezeptenfälscher“, tuscheln die Leute über den Arzt.

Nachdem jemand an Lohmanns Badehütte „Mörder“ geschmiert hat, legt sich seine Tochter Hanni mit einem Jagdmesser bewaffnet auf die Lauer. Prompt überrascht sie im Dunkeln einen Mann in der Hütte und sticht auf ihn ein, weil sie ihn für den Täter hält. Aber es handelt sich um einen aus der Stadt verjagten Bettler, der ein Quartier suchte. Er wird später verletzt in einem Straßengraben gefunden.

Die offene Tür der Badehütte fällt Daniel Meyer-Löw auf, als er mit seinem achtjährigen Enkel Anselm spazieren geht. Er entdeckt das Messer, macht sich seinen Reim darauf und gibt es Hanni Lohmann zurück, ohne sie zu verraten.

Hermin Wipplinger

Hermin Wipplingers Ehemann ist seit der Schließung der Konservenfabrik in Maria Blut arbeitslos. Aus Not haben sie einen Bettgeher, den sie auch verköstigen, einen Schausteller, dessen Vater aus Istrien stammt und den sie nur „Krowott“ (Kroate) nennen. Hermin weiß kaum, wie sie die Kinder durchbringen soll, und als sie nun erneut schwanger ist, gelingt es ihr, selbst einen Abortus auszulösen. Wegen des starken Blutverlusts muss sie allerdings ins Krankenhaus, und dort behauptet sie, beim Fensterputzen gestürzt zu sein.

Vinzenz Heberger

Therese Heberger leidet unter Asthma und bezahlt dem Wunderheiler Weileis in Zallspach viel Geld für die Behandlungen. Ihr Mann hat den Stiftskeller in Maria Blut gepachtet, aber als er dafür keine Zukunft mehr sieht, vertraut er die Ersparnisse Karl Kapeller an und hofft auf das Gasthaus „Zum Attila“ in Gaurolzmünster.

Notburga, die Tochter der Familie Heberger, ist mit Hanni Lohmann befreundet, obwohl die Arzttochter nicht ihren Glauben an Wunder teilt und Weileis für einen Scharlatan hält.

Notburgas Bruder Vinzenz Heberger arbeitet als Kellner in der Bahnhofsgaststätte, bis er sich mit Gästen streitet und entlassen wird. Noch immer tuscheln die Bewohner von Maria Blut darüber, dass der „Pimperl“ – so nennen sie ihn – als Ministrant heimlich Messwein getrunken habe. Eigentlich wollte er Musik studieren, aber er scheiterte bei dem Versuch, ein Stipendium für die Akademie in Wien zu bekommen.

Seine Mutter, erzählte ihm von dem Verwandten Adolf Krückelgruber oder Krückelhuber, der Künstler hatte werden wollen, aber am Ende bei den Hakenkreuzlern landete.

Während eines Besuchs bei der Näherin Mitzi Reindl, seinem „Gspusi“, entdeckt Vinzenz das Buch „Mein Kampf“, und Mitzis Bruder, der Oberlehrer Hubert Reindl, leiht es ihm.

Vinzenz Heberger gehört denn auch zu den jungen Männern, die bei der Konservenfabrik und der jüdischen Anwaltskanzlei Fensterscheiben einwerfen. Bei einem Kameradschaftsabend prostet Adalbert Lohmann ihm zu und meint, als nächstes sollten sie dasselbe beim Wiener Parlament machen. Vinzenz, dem eine dunkle Haarstränge in die Stirn hängt, beabsichtigt, eine Rede zu halten und stellt sich vor, statt der paar Leute im Wirtshaus ein Millionenpublikum vor sich zu haben. Aber sobald er sich zu Wort meldet, ruft die angetrunkene Mitzi Reindl: „Jessas nein, der Pimperl spricht!“ Damit ist alles vorbei. Vinzenz will nur noch hinaus. Der Ausgang wird von zwei Gendarmen bewacht, aber sie lassen ihn laufen, denn der eine sagt seinem Kollegen, er habe Vinzenz schon als Buben gekannt, der sei ein Narr.

Bei Sonnenuntergang wandert Vinzenz von Maria Blut hinaus über die Stoppelfelder.

Nicht länger will er der armselige Kellner sein. Er wendet sich ab, starrt der Sonne entgegen, dem großen und uralten Gotte der Germanen, wie sie eben über seiner Heimat, seinem Volke, seinem ach noch ungeeinten Reiche untergeht. Das heilige Feuer brennt ihm in die Augen, so wie einst der Wein, das Blut des Heilands, in seinen Knabenjahren die Kehle verbrannte. In diesem Augenblick schwört er vor dem Allmächtigen, dem Schicksal und der ewigen Vorsehung mit zäher und fanatischer Verbissenheit, dass er seinem armen, verirrten, zerrissenen, vom Feinde vergewaltigten, vom jüdischen Mammon verkauften Vaterland die Befreiung und die Erlösung bringen wird. […]
Er senkt den Kopf. […] Um ihn ist es finster geworden. Tiefe Nacht.

Während die Mutter den Erblindeten zu Weileis in Zallspach bringt, eilt seine Schwester Notburga nach Konnersreuth, zu der wegen ihrer Stigmata als Heilsbringerin verehrten Therese Neumann. Danach kann Vinzenz wieder sehen, und Notburga ist überzeugt, dass die Resl von Konnersreuth ein Wunder bewirkt hat.

Pater Lambert plaudert im Suff ein Beichtgeheimnis aus und widerlegt dadurch die Behauptung, die Konservenfabrik sei von Bolschewisten gesprengt worden. Weil die Täter daraufhin Vinzenz Heberger für einen Verräter halten, erschießen sie ihn. Ein Fememord.

Ausklang

Nachdem Daniel Meyer-Löw in Maria Blut mit einem Stein beworfen wurde, schließt er die Kanzlei, denn er sieht in Österreich Schlimmes voraus:

„Aber es wird einer kommen, der wird zu was führen. Die Eingeborenen wollen ihren Messias haben. Und der Messias wird sein kein Wunderarzt, denn da kommt man drauf, wenn er ein Kurpfuscher ist, es dauert nicht lang. Und der Messias wird sein kein Wundertechniker, denn bei der Technik halten sich die Wunder nicht. Der Messias wird haben ein Geschäft, das ist kein Geschäft, er wird haben einen Beruf, das ist kein Beruf, sodass er sagen kann, schwarz ist weiß und weiß ist schwarz, und keiner wird es widerlegen. Wenn einer kommt und ist ein Weileis oder ein Kapeller, kann sein ein Friseur oder ein Oberkellner oder ein Postbeamter, was weiß denn ich, und macht genau denselben Schwindel in der Politik – da werden die Menschen ganz anders verbluten als beim Weileis oder beim Kapeller. Und darauf warten sie nur.“

Seinem Freund Gustav Lohmann rät er, sich wegen der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen einen arischen Anwalt zu suchen. Ein jüdischer könne nichts mehr für ihn ausrichten.

„Lohmann, von den Zeiten, die jetzt kommen werden, haben Sie keine Vorstellung. Sie sind ein einfacher Mensch, Lohmann, deshalb verstehen Sie die Primitiven nicht. Es kommen grausame Jahre.“

Gustav Lohmann begreift nicht, warum sich die Bewohner von Maria Blut nicht besinnen.

„Was hier im Ort allein alles passiert ist. Die Pleite mit der Konservenfabrik, die Urkraftaktion des Herrn Kapeller, Not und Arbeitslosigkeit, Krise, Verzweiflung – es nützt alles nichts, die Leute werden nie gescheiter.“

Nach der fehlgeschlagenen Ausgrabung in Gaurolzmünster gibt Daniel Meyer seinem Vater die Verlobung mit Elli Schellbach bekannt. Sie wird ihren Bräutigam in die Geschäftsführung ihrer auf dem Gelände des niedergebrannten Konservenwerks geplanten Munitionsfabrik aufnehmen.

Wieder einmal sucht Gustav Lohmann Zuflucht bei seiner Geliebten Alice, einer jüdischen Ärztin in Wien. Als er zurückfahren will, erklärt ihm der Schaffner, dass er den falschen Zug genommen habe. Der Schnellzug hält nicht in Maria Blut. Lohmann müsse bis zur Grenze nachzahlen und dort umsteigen.

Im Speisewagen gibt es Kaffee, man muss nur bis zum Speisewagen gelangen, der Wagen beutelt so, die Lichter dort, das ist wohl jetzt Maria Blut, ist ja zu dumm, dass man da einfach vorbeifahren soll …
„Wo ist denn der Herr, der das Billett bis zur Grenze nachzahlen soll?“
„Der Herr ist schon vor einer Weile aus dem Abteil gegangen.“
„Im Speisewagen ist er aber auch nicht.“
[…] „Und die Tür steht offen. Schaffner, sehen Sie doch.“
„O mon dieu.“
„Da muss man die Notbremse ziehen.“
„Vielleicht hat er die falsche Tür geöffnet.“
„Ein Selbstmord?“
„Ein Unfall?“

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Der Roman „Die Eingeborenen von Maria Blut“ von Maria Lazar ist eine gewitzte Satire auf die Situation zu Beginn der Dreißigerjahre in der österreichischen Provinz. Bigotte Katholiken wollen an Wunder glauben und fallen sowohl auf medizinische als auch unternehmerische Scharlatane herein. Die Bewohnerinnen und Bewohner des (fiktiven) Wallfahrtsortes Maria Blut sind gegen Juden, Fremde, Liberale und Sozialisten. Rechtsradikale Anschläge werden als unbedeutende Jugendstreiche abgetan.

Maria Lazar nennt die Bevölkerung von Maria Blut „Eingeborene“. Das ist abwertend gemeint; die Autorin spricht diesen Menschen die Zivilisiertheit ab.

In diesem furiosen Pandämonium voller Esprit stehen sich nicht Gute und Böse als Antipoden gegenüber, sondern Maria Lazar verwischt die Grenzen: Grautöne statt schwarz-weiß.

Nur selten beschreibt Maria Lazar in „Die Eingeborenen von Maria Blut“ eine Szene. Sie löst das Geschehen in eine virtuos komponierte Polyphonie direkter Rede auf und lässt dabei die zahlreichen Romanfiguren zu Wort kommen: Aristokraten, Honoratioren, Kleinbürger, Bedienstete und Arbeitslose. Innere Monologe (von denen einige in Klammern eingefügt sind) ergänzen die umgangssprachlichen Dialoge. Herrschaften und Diener, Einheimische und Zugewanderte wie die aus Ungarn stammende Haushälterin Marischka unterscheiden sich dabei auch im Sprachgebrauch.

Hervorzuheben ist Vinzenz Heberger. Der wollte eigentlich in Wien Musik studieren, scheiterte aber ebenso wie sein Onkel Adolf mit dem angestrebten Kunststudium. Da denkt man an Adolf Hitlers Zurückweisung durch die Akademie in Wien. Maria Lazar nennt den Onkel im Buch (absichtlich oder versehentlich) manchmal Krückelhuber, dann wieder Krickelhuber oder Krickelgruber. Schicklgruber wäre Hitlers Name gewesen, wenn seine Großmutter Anna Maria Schicklgruber, die bei der Geburt seines Vaters noch ledig war, nicht fünf Jahre später Georg Hitler geheiratet hätte. Maria Lazar erwähnt eine dunkle Haarsträhne über Vinzenz‘ Stirn, wie auch Hitler sie hatte. Hitler erblindete 1918 vorübergehend, und Vinzenz Heberger passiert das Gleiche, als er davon träumt, das moralisch verkommene Volk wieder aufzurichten und dabei in die Sonne schaut.

So wie Maria Lazar in „Die Eingeborenen von Maria Blut“ bei Vinzenz Heberger auf Hitler anspielt, gestaltet sie zwei weitere Romanfiguren nach realen Vorbildern: den Wunderheiler Weileis in Zallspach und den Erfinder Karl Kapeller in Gaurolzmünster. Tatsächlich gab es den mit medizinischen Anwendungen der Elektrizität experimentierenden Heiler Valentin Zeileis (1873 – 1939). Und Karl bzw. Carl Schappeller (1875 – 1947), der behauptete, mit der „Raumkraft“ eine für den Antrieb von Maschinen nutzbare Energieform entdeckt zu haben, erhielt vom ehemaligen deutschen Kaiser Wilhelm II. eine halbe Million Reichsmark für sein Projekt. Wirkungsstätten der beiden waren die oberösterreichischen Marktgemeinden Gallspach und Aurolzmünster. Unter dem Schloss Aurolzmünster, das Carl Schappeller 1925 erworben hatte, ließ er 1932 nach Attilas Goldschatz graben, fand aber nichts.

Maria Lazar vollendete „Die Eingeborenen von Maria Blut“ 1935 im Exil in Kopenhagen. Einen Auszug konnte sie zwar 1937 unter dem Pseudonym Esther Grenen in der von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und Willi Brendel herausgegebenen Moskauer Exilzeitschrift „Das Wort“ veröffentlichen, aber einen Verlag für das Buch fand sie nicht. Ein Schweizer Verleger antwortete ihr zwar begeistert, wollte jedoch nicht riskieren, sich mit den Nationalsozialisten anzulegen.

Erst 1958, zehn Jahre nach Maria Lazars Suizid, erreichte ihre ältere Schwester Auguste Lazar (1887 – 1970) eine Veröffentlichung des Romans „Die Eingeborenen von Maria Blut“ unter dem Pseudonym Esther Grenen im Greifen Verlag in Rudolstadt.

Der Wiener Germanistik-Professor Johann Sonnleitner editierte 2015 die Neuausgabe von „Die Eingeborenen von Maria Blut“ im DVB Verlag in Wien und steuerte ein umfangreiches Nachwort bei. Im selben Verlag erschien Ende 2020 eine durchgesehene und überarbeitete Neuauflage des Romans.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © DVB Verlag

Maria Lazar (kurze Biografie)

Maria Lazar: Leben verboten!
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Patrick McCabe - Der Schlächterbursche
Patrick McCabe erzählt in seinem Roman "Der Schlächterbursche" die Entwicklung eines Heranwachsenden aus dessen Perspektive und in dessen Sprache. Trotz der Brutalität wirkt die psychologisch subtile Darstellung auf beklemmende Weise auch komisch.
Der Schlächterbursche