Leïla Slimani : Das Land der Anderen

Das Land der Anderen
Le Pays des Autres Éditions Gallimard, Paris 2020 Das Land der Anderen Übersetzung: Amelie Thoma Luchterhand Literaturverlag, München 2021 ISBN 978-3-630-87646-7, 384 Seiten ISBN 978-3-641-26406-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Herbst 1944 begegnen sich die 18-jährige Elsässerin Mathilde und der zehn Jahre ältere marokkanische Offizier Amine Belhaj. Die Christin und der Muslim heiraten, ziehen auf einen Hof bei Meknès und gründen eine Familie mit zwei Kindern. Bei den Aufständen gegen die Fremdherrschaft geraten sie zwischen die Fronten ...
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Kritik

Leĩla Slimani veranschaulicht, was es bedeutet, in einer anderen Kultur als der eigenen zu leben. Ihr sachlich und zurückhaltend geschriebener Roman "Das Land der Anderen" ist ein Plädoyer gegen Fanatismus, Fremdenfeindlichkeit und die Bevormundung von Frauen.
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Ein ungleiches Paar

Im Herbst 1944 begegnen sich die in Mühlhausen lebende 18-jährige Elsässerin Mathilde und der zehn Jahre ältere marokkanische Offizier Amine Belhaj, der sich 1939 freiwillig zu einem Spahi-Regiment der französischen Armee gemeldet hat. Der Muslim ist deutlich kleiner als die blonde Christin. Die beiden heiraten 1945 in einer Kirche des elsässischen Heimatdorfs von Mathildes Vater Georges.

Noch im selben Jahr kehrt Amine nach Marokko zurück. Mathilde folgt ihrem Mann im Frühjahr 1946.

Von seinem 1939 gestorbenen Vater Kadour Belhaj, der bis 1935 als Übersetzer für die französische Armee tätig gewesen war, hat Amine ein Stück Land in der Nähe von Meknès am Fuß des Atlas geerbt. Weil der Pächter nicht bereit ist, den Hof vor dem Vertragsende zu verlassen, muss das junge Ehepaar zunächst bei Amines verwitweter Mutter Mouilala und seinen drei Geschwistern in der Medina von Meknès wohnen. Mathilde erfährt, dass es sich bei dem Hausmädchen Yasmine um eine von Kadour Belhaj auf dem Markt von Marrakesch gekaufte Sklavin handelt. Während Amine im Elsass fremd war, wird nun Mathilde mit fremden Lebensgewohnheiten und gesellschaftlichen Verhältnissen konfrontiert. Sobald jemand merkt, dass ihr etwas missfällt, heißt es: „So ist das hier!“

Erst Ende 1948 bekommt Amine den Hof zurück, und im Frühjahr zieht er mit Mathilde und der am 16. November 1947 geborenen Tochter Aĩcha dorthin.

Als Hausmädchen stellen sie Tamo ein, die älteste von sieben Töchtern der Berber-Familie von Ba und Ito Miloud.

In den Briefen an ihre ältere Schwester Irène stilisiert Mathilde das Leben in Marokko zum farbigen Abenteuer. Von den Schattenseiten berichtet sie nichts. Irène war mit einem Deutschen verheiratet, der drei Monate nach der Hochzeit im Krieg fiel.

Die Anfänge

Amine träumt von einem fortschrittlichen landwirtschaftlichen Betrieb, muss aber bald feststellen, dass auf dem steinigen Boden nichts wächst. Als er deshalb mit einer Rinderzucht beginnen möchte, vier Tiere kauft und den Bauer Bouchaĩb beauftagt, sie auf Weiden im Atlas zu bringen, wird er Opfer seiner Naivität: Bouchaĩb behauptet, die Rinder seien geraubt worden, aber auf der Gendarmerie kennt man den Betrüger bereits. Er muss für ein paar Monate ins Gefängnis. Das gleicht Amines Verlust nicht aus.

Einige Zeit später nimmt er den Vorschlag des Gynäkologen Dragan Palosi an und setzt auf Obstbäume. Der aus Ungarn geflohene staatenlose jüdische Arzt plant, Obst nach Osteuropa zu exportieren. Er zahlt Amine eine Pachtgebühr und übernimmt auch die Kosten sowohl für die Erntehelfer als auch den Transport. Dragan lebt mit der Französin Corinne aus Dünkirchen in der Ville Nouvelle von Meknès.

Verunsicherung

Durch einen Brief ihrer Schwester erfährt Mathilde vom Tod ihres Vaters Georges, als die Beerdigung bereits stattgefunden hat. Im Oktober 1954 reist sie für einen Monat nach Mühlhausen. Im Elsass spielt sie mit dem Gedanken, nicht mehr zu ihrem Mann, der Tochter Aĩcha und dem kleinen Sohn Selim zurückzukehren, aber nachdem sie sich entschieden hat, das Leben in Marokko auf sich zu nehmen, fühlt sie sich besser.

Aĩcha besucht eine von Nonnen geführte christliche Schule in Meknès und gilt unter den jungen Französinnen als Außenseiterin, zum einen wegen ihres krausen Haars und ihrer von der Mutter selbst geschneiderten Kleidung, aber auch, weil sie Klassenbeste ist. Mathilde tut nach ihrer Rückkehr alles, um eine schöne Feier von Aĩchas siebten Geburtstag am 16. November 1954 zu organisieren, aber nur ein paar Mitschülerinnen, die sonst im Internat hätten bleiben müssen, nehmen die Einladung an. Amine holt sie mit dem Auto ab − und wird von den Mädchen für den Chauffeur der Familie gehalten.

Unruhen

Unerwartet kommt Amines früherer Adjutant, der Grenadier Mourad, zu ihm, und er stellt ihn als Vorarbeiter ein.

Zur selben Zeit taucht Amines Bruder Omar Belhaj unter. Er hasst die Franzosen und hat sich einer Gruppe von Freiheitskämpfern angeschlossen.

Ohne die Aufsicht ihres älteren Bruders kann Selma die Schule schwänzen. Als Mouilala erkrankt, nehmen Amine und Mathilde sie und ihre Tochter bei sich auf. Jalil, der jüngste Sohn, kommt zu einem nahe Ifrane lebenden Onkel.

Zufällig entdeckt Amine 1955 im Schaufenster eines Fotostudios in Meknès ein Bild seiner Schwester Selma und eines jungen Mannes. Zornig betritt er das Geschäft und erfährt, dass das Paar sich auf der Straße fotografieren ließ, das Bild bezahlte, aber nicht abholte. Zu Hause wirft er Mathilde das Foto hin. Als er merkt, dass sie von Selmas Beziehung zu dem jungen Franzosen Alain Crozières wusste, schlägt er mit der Faust zu und bricht ihr die Nase. Auf keinen Fall werde er zulassen, dass seine Schwester einen Franzosen heirate, schreit er. Selma ist schwanger. Amine nimmt sie vom Gymnasium und bestellt einen Notar ins Haus, der zunächst Mathildes Übertritt zum Islam dokumentiert − sie nennt sich von da an Mariam −, und dann Selma mit dem zahnlosen Vorarbeiter Mourad verheiratet.

Am 24. Juli 1955 kommt Gilbert Grandval, der am 20. Juni Francis Lacoste als Generalresidenten für Marokko abgelöst hat, nach Meknès. In der Nacht davor taucht Omar wieder auf. Mit Gleichgesinnten mischt er sich unter die Demonstranten. Als einer von ihnen von der Polizei angeschossen wird, verhindert Omar, dass seine Kameraden einen Krankenwagen rufen, denn in der Klinik würde man den Mann über die Untergrundorganisation aushorchen. Stattdessen bringt er ihn zum verlassenen Haus seiner Mutter und lässt den Arzt Dragan Palosi rufen.

Rebellen stecken das Gutshaus von Roger Mariani in Brand, des Nachbarn der Familie Belhaj. Der Franzose, der als Winzer und Schweinezüchter in Marokko reich geworden ist, zieht nach Cabo Negro, wo er ein weiteres Haus besitzt.

Wegen der Unruhen baut Amine mit Mourads Hilfe im Schlafzimmerschrank einen doppelten Boden ein. Und als nachts Schüsse zu hören sind und Feuer aufflammen, müssen sich die Kinder dort verstecken. Erst am anderen Morgen wagen sich Aĩcha und ihr Bruder Selim aus dem Schrank. Sie finden die Eltern auf der Dachterrasse. Von dort sehen sie die Verwüstung.

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In ihrem Roman „Das Land der Anderen“ veranschaulicht Leĩla Slimani, was es bedeutet, in einer anderen Kultur als der eigenen zu leben. In diesem Fall ist es eine junge Elsässerin, die ihrem marokkanischen Ehemann in dessen Heimat folgt.

1905 wollte Kaiser Wilhelm II. mit seinem Besuch beim Sultan in Tanger ein Zeichen setzen, aber das Deutsche Reich musste Marokko 1911 als französisches Einflussgebiet anerkennen, und im Jahr darauf zwang Frankreich dem nordafrikanischen Land einen Protektoratsvertrag auf. Einen Aufstand schlugen Frankreich und Spanien 1926 nieder, aber im Zweiten Weltkrieg erstarkte die Unabhängigkeitsbewegung, und in der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre erschütterten Aufstände gegen die Fremdherrschaft das Land. Nachdem der verbannte Sultan Muhammad V. zurückgekehrt war (1955), erlangte Marokko 1956 die Unabhängigkeit, und im Jahr darauf proklamierte sich Muhammad V. zum König.

Vor diesem Hintergrund zeigt Leĩla Slimani in „Das Land der Anderen“ den Zusammenprall von Kulturen, den Hass der Nationalisten gegen die Fremden und zugleich die Bevormundung der Frau in einer islamischen Gesellschaft, in der eine Familie wie die von Amine und Mathilde argwöhnisch beobachtet wird. Amine empfindet sich und seine Angehörigen als Mischwesen und denkt dabei an den Orangenbaum, dem er einen Zitronenzweig aufgepfropft hat.

„Das Land der Anderen“: die Anderen, das sind für Amine zunächst die Franzosen, für die der Marokkaner in den Krieg zieht, dann sind es die Marokkaner, in deren Gesellschaft Mathilde lebt, aber auch die Franzosen, die sich die besten landwirtschaftlichen Flächen des Protektorats gesichert haben. Aus der Sicht einer Frau ist das Land der Anderen nicht zuletzt das der Männer, die das Sagen haben.

Im Mittelpunkt steht Mathilde. Neben ihr gibt es nur einige wenige Charaktere, die wie Amine und Aĩcha von Anfang bis Ende zugegen sind. Manche Figuren tauchen nur vorübergehend auf, und Leĩla Slimani verliert die mit ihnen verknüpften Nebenhandlungen gleich wieder aus dem Blick. Das gilt auch für kurz angerissene Themen. Von einer stringenten Darstellung kann man also nicht sprechen.

Leĩla Slimani schreibt zurückhaltend und sachlich-distanziert, ohne die Charaktere zu bewerten oder ihre Handlungsweisen zu kommentieren. Sowohl Mathilde als auch Amine haben ihre Stärken und Schwächen; da gibt es kein Gut und Böse oder Schwarz und Weiß.

Weil die kluge Schriftstellerin Leĩla Slimani sowohl die marokkanische als auch die französische Gesellschaft aus eigener Erfahrung kennt, liest man ihren Roman „Das Land der Anderen“ mit großem Gewinn.

Leïla Slimani wurde am 3. Oktober 1981 in Rabat als Tochter einer algerisch-stämmigen französischen HNO-Ärztin und des marokkanischen Ökonomen Othman Slimani (1941 − 2004) geboren. Nach dem Schulbesuch in ihrer Heimatstadt ging sie 1999 nach Paris und studierte am Institut d’études politiques de Paris und an der ESCP Europe. 2008 begann sie als Journalistin für das Magazin „Jeune Afrique“ zu arbeiten. Als Schriftstellerin debütierte Leïla Slimani 2014 mit „Dans le jardin de l’ogre“. Für „Chanson douce“ / „Dann schlaf auch du“, ihren zweiten Roman, wurde sie 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Leïla Slimani engagiert sich gegen jede Art von Fanatismus und Intoleranz, für Feminismus und Selbstbestimmung. Es heißt, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron habe die Schriftstellerin als Kultusministerin im Auge gehabt. Auf jeden Fall ernannte er Leïla Slimani 2017 im Pariser Élysée-Palast zur Botschafterin der Organisation internationale de la Francophonie (OIF).

Die Geschichte ihrer Großeltern mütterlicherseits inspirierte Leïla Slimani zu dem Roman „Das Land der Anderen“. Dabei lässt sie offen, was davon den Tatsachen entspricht bzw. fiktional ist. „Das Land der Anderen“ ist als erster Band einer Trilogie konzipiert. Zu erwarten wäre, dass in den folgenden zwei Bänden der nur teilweise autobiografischen Familiengeschichte die nächsten beiden Generationen im Mittelpunkt stehen, also Aĩcha und dann deren Tochter.

Den Roman „Das Land der Anderen“ von Leïla Slimani gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Wiebke Puls.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Luchterhand Literaturverlag

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