Martin Suter : Melody

Melody
Melody Diogenes Verlag, Zürich 2023 ISBN 978-3-257-07234-1; 336 Seiten ISBN 978-3-257-61351-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 30-jährige Langzeitstudent Tom Elmer trifft auf den 84 Jahre alten ehemaligen Schweizer Nationalrat Dr. Peter Stotz. Während Tom am liebsten weiter auf Kosten seines Vaters gelebt hätte, blickt Stotz nicht nur auf eine erfolgreiche Karriere als Strippenzieher in Politik und Wirtschaft zurück, sondern verfügt auch über ein enormes Vermögen. Er hat alles – mit Ausnahme der Frau, die er vor 39 Jahren heiraten wollte, die jedoch drei Tage vor dem Hochzeitstermin verschwand. Musste Melody Alaoui, die Tochter einer muslimischen Familie aus Marokko, damals fliehen, um einem Ehrenmord zu entgehen?
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Kritik

Martin Suter spielt in "Melody" mit der Suche nach der Wahrheit, mit dem Verhältnis von Fiktion und Realität, Lüge, Täuschung und Tatsachen. Der unterhaltsame Roman lässt sich leicht lesen. Martin Suter macht uns neugierig, spannt uns aber immer wieder durch Cliff Hanger und retardierende Einschübe auf die Folter. Was ist da vor Jahrzehnten geschehen? Bis zum Ende müssen wir warten, dann erfahren wir es nach einigen Plot Twists. Und in den letzten Zeilen deutet sich noch einmal eine andere Version der Geschichte an.
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Der Job

Tom besaß ein Double Degree. Zwei Master of Law, einen der hiesigen Uni und einen des King’s College London. Für Letzteren hatte er zwei Studienjahre angehängt, weil er seinen Abschluss hatte hinauszögern wollen. Sein Vater bezahlte ihm das Studium, und Tom hatte keinen Grund und keine große Lust, berufstätig zu werden.

Kurz bevor der 30-jährige Schweizer Tom Elmer 2022 nach New York fliegen möchte, um seinen beiden juristischen Studienabschlüssen noch einen dritten hinzuzufügen, nimmt sein Vater sich das Leben. Weil deshalb die finanzielle Förderung abbricht und Tom auch von seiner seit der Scheidung mit einem Forstingenieur in Kanada lebenden Mutter nichts erwarten kann, muss er sich um einen bezahlten Arbeitsplatz bemühen.

Nach wochenlangen vergeblichen Bewerbungen erhält er ein gut dotiertes Angebot von Dr. nat. oec. Peter Stotz in Zürich. Der 84 Jahre alte ehemalige Nationalrat machte zunächst beim Militär, dann in Politik und Wirtschaft Karriere, und sein Vermögen beträgt 36,43 Millionen Schweizer Franken. Die Fäden aus dem Hintergrund zu ziehen, nennt man nach ihm „stotzen“.

In der Politik war er immer der Mann, an dem man nicht vorbeikam. In der Wirtschaft genauso. Da war er Vorstand und Präsident vieler Blue Chips des Landes. Eine faszinierende Persönlichkeit. Ein charmanter Smalltalker, heißt es. Und ein Redner, um den man sich gerissen hatte. Mit fünfundsiebzig zog er sich zurück von allem.

Stotz weiß, dass er allenfalls noch ein Jahr zu leben hat und möchte, dass jemand damit beginnt, seinen Nachlass so zu ordnen, dass das von ihm entwickelte Image erhalten bleibt. Tom nimmt das großzügig dotierte Angebot an und zieht zu dem Greis, seiner langjährigen sardischen Köchin Mariella Bonanno und seinem Diener Roberto Bianchi in die Villa Aurora.

Melody

Es dauert nicht lang, bis Tom feststellt, dass eine der vielen Krankheiten seines Arbeitgebers mit üppigem Genuss teurer Alkoholika zu tun hat. Außerdem begreift er bald, dass eine seiner wichtigsten Aufgaben darin besteht, Peter Stotz zuzuhören. Dr. Fritz Karer, der behandelnde Arzt des Hausherrn, erklärt Tom:

„Zuhören ist Ihre Arbeit. Alles andere können Sie machen, wenn er nicht mehr lebt.“

Peter Stotz erzählt von der Frau, die auf Fotos, Zeichnungen und Gemälden in den Wohnräumen zu sehen ist.

Als er im August 1980 ein paar Bücher kaufen wollte, sah er die 20-jährige Buchhändlerin Melody Alaoui zum ersten Mal. Er war damals ein 42-jähriger Major. Sie ging zwar mit ihm aus, ließ sich jedoch auf keine Intimitäten ein und erklärte ihm, dass sie verlobt sei. Ihre Eltern – streng gläubige Muslime aus Marokko – hatten sie bereits einem in Marokko lebenden Mann versprochen, der noch einige Jahre älter war als Peter Stotz.

Nach längerer Zeit wollten Peter und Melody trotz allem heiraten. Melody stellte ihn ihrer Familie vor, aber der Besuch erwies sich als Desaster.

Die anfangs so wortkarge Mutter entpuppte sich als die Wortführerin. Sie war es, die wiederholt betonte, dass Melody bereits verlobt sei. Man könne nicht zwei Verlobte haben.

Die Mutter drohte Tarana – so hieß ihre Tochter offiziell – mit dem Verstoß aus der Familie, und Melodys Bruder Hassan pflichtete ihr hasserfüllt bei, während sich der Vater zurückhielt.

Dr. Peter Stotz und Melody Alaoui verlobten sich trotzdem offiziell. Einige Zeit später erfuhr Melody, dass ihre Eltern und ihr Bruder nach Marokko zurückgekehrt waren. Eineinhalb Jahre nach der Verlobung luden Peter Stotz und Melody Alaoui zu ihrer standesamtlichen Hochzeit im Mai 1983 ein. Als Trauzeugin wählte Melody ihre Schulfreundin Monika Haupt. Das Hochzeitskleid wurde in Paris geschneidert.

Drei Tage vor der geplanten Ziviltrauung verschwand Melody spurlos.

Peter Stotz flog nach Casablanca und ließ sich von einem Fahrer der Schweizer Botschaft nach Marrakesch bringen, um mit Melodys Eltern zu reden. Aber die Mutter erklärte knapp:

„On sait rien. Wir wissen nichts. Tarana ist nicht hier. Wir haben keinen Kontakt mehr zu ihr.“

War Melody geflohen, weil sie nicht Opfer eines Ehrenmordes werden wollte? Vergeblich suchte Stotz nach ihr.

Nachlass

Peter Stotz stirbt. Der Tod des einflussreichen Mannes sorgt für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Einzige gesetzliche Erbin ist die Großnichte Laura Staub, die Enkelin der Schwester des Verstorbenen. Im Testament hat Peter Stotz seine Haushälterin Mariella Bonanno, seinen Diener Roberto Bianchi und Chantal Favre, die 1979 bis 2013 seine Assistentin war, mit je einer Million Schweizer Franken gedacht. Tom wird für ein Jahr als Vermögensverwalter und weitere fünf Jahre als Beirat der Erbin eingesetzt und erhält dafür 5 Prozent Bonus des Gesamtvermögens.

Laura Staub studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne Nouvelle. Kurz bevor sie 18 wurde, kamen ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Damals wohnte Laura bereits seit zwei Jahren bei ihrem Großonkel Peter, der zu einem Ersatzvater für sie wurde.

Bruno Schären, ein erfolgloser Schriftsteller, der die letzten vier Jahrzehnte mit Peter Stotz befreundet war, erzählt Tom und Laura von Peters vergeblicher Suche nach Melody.

„Als Peter aus Marokko zurückkam, war er sicher, dass Melody nicht mehr lebte. Das hat er mir am Tag seiner Rückkehr gesagt. Später ging er auf den Berg Athos, und dort, erzählte er mir, hatte er sich ›von Melodys Seele verabschiedet‹, wie er es nannte. Ab dann war er ruhig und gefasst. Er wurde langsam wieder der Alte.“
[…] „Und dann muss etwas geschehen sein. Ich weiß nicht, was. Er kam zu mir, hierher, in diese Wohnung, und erzählte, dass er einen Brief an Melody gefunden habe von einer Touristin aus Singapur, die am Bahnhof gestrandet war und die sie für eine Nacht bei sich aufgenommen habe. Im Brief stand, dass Melody jederzeit nach Singapur kommen könne, wenn sie vor ihrer Familie flüchten müsse.“

Tom und Laura fliegen nach Singapur und spüren Li Wang auf, eine zerbrechliche ältere Dame. Die erklärt kategorisch, dass sie nie einer Person in der Schweiz einen Brief geschickt habe. Über den pensionierten Kommissar Hans Gerber finden Tom und Laura in Lausanne die Frau, die 1983 als Melodys Trauzeugin vorgesehen war: Monique de Muller, damals Monika Haupt. Sie glaubt, dass ihre damalige Freundin vor der Familie geflohen sei.

„Melody war klar, dass sie von der Familie für immer verstoßen wird, wenn sie Peter Stotz heiratet. Aber kurze Zeit vor der Hochzeit wurde sie überraschend von ihrem fanatischen Bruder aufgesucht. Er bedrohte sie. Sie werde, schwor er, nicht nur verstoßen, sie werde beseitigt. Das hat sie mir erzählt. […] Ich glaube, sie hat gerade noch rechtzeitig das Weite gesucht.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Akrotiri (Spoiler)

Tom und Laura setzen ihre Nachforschungen in Athen fort, wo Tom einen Kommilitonen hat: Kyriakos Pappas. Eine Spur führt zu einer am 28. Mai 1984 gegründeten Handelsgesellschaft mit dem Namen Sigalia (Schweigen) und einem einzigen Gesellschafter: Joe Davies auf der Insel Agistri im Saronischen Golf.

Joe – inzwischen längst Iosif – besitzt ein einsames Haus auf der Landzunge Akrotiri. Der krankte alte Mann wird von einer Frau namens Evgenia gepflegt, ein junges Mädchen namens Polina macht den Haushalt, und der mit Iosif befreundet Arzt Dr. Stelio Karagiannis versorgt ihn medizinisch.

Iosif erzählt, dass er als Computerspezialist bei IBM in Zürich gewesen war und Melody in der Buchhandlung kennengelernt habe. Kurz vor der geplanten Hochzeit mit Peter Stotz habe sie Bedenken geäußert. Als dann ihr Bruder auftauchte und damit drohte, sie zu ermorden, um die Ehre der Familie wiederherzustellen, nahm Melody Joes Vorschlag an, gemeinsam zu verschwinden. Sie setzten sich nach Akrotiri ab.

Melody schickte Peter Stotz nach einem Jahr ein Geständnis und bat ihn um Verzeihung. Zwei Wochen später war der Schweizer in Akrotiri. Er weigerte sich, das Haus zu betreten und wollte stattdessen mit Melody einen Spaziergang machen, um mit ihr unter vier Augen reden zu können. Joe Davies schlich ihnen zur Steilküste nach – und beobachtete, wie die beiden in Streit gerieten und Melody durch einen Stoß in den Abgrund stürzte.

Während Peter Stotz den Unglücksort sofort verließ, rannte Joe Davies hin. Melody ging in einem Kapernbusch, und es gelang ihm, die Verletzte heraufzuziehen. Während Stelio Karagiannis sie verarztete und im Ziegenstall versteckte, holte Joe den Schweizer auf dem Weg zur Fähre ein und brachte ihn zurück. Widerstandslos unterschrieb Peter Stotz ein Geständnis und verpflichtete sich, einer von Joe Davies noch zu gründenden Firma jährlich 100.000 Schweizer Franken zu überweisen. Das tat er dann auch bis zuletzt.

Dr. Stelio Karagiannis führt Tom und Laura zum Friedhof und zeigt ihnen ein Grab. Melody habe zwei Kinder geboren, Ariadne und Abraxas, erklärt er. Vor vier Jahren sei sie an einem Schlaganfall gestorben.

Als die Besucher aus der Schweiz fort sind, kommen die Geschwister Ariadne und Abraxas ins Haus und fragen Evgenia: „Bist du froh, dass sie weg sind, Mama?“

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In seinem unterhaltsamen Roman „Melody“ konfrontiert Martin Suter den 30-jährigen Langzeitstudenten Tom Elmer im Jahr 2022 mit dem 84 Jahre alten ehemaligen Schweizer Nationalrat Dr. Peter Stotz. Während Tom am liebsten weiter auf Kosten seines Vaters gelebt hätte, blickt Stotz nicht nur auf eine erfolgreiche Karriere als Strippenzieher in Politik und Wirtschaft zurück, sondern verfügt auch über ein enormes Vermögen. Er hat alles – mit Ausnahme der Frau, die er heiraten wollte, die jedoch drei Tage vor dem Hochzeitstermin im Mai 1983 verschwand: Melody Alaoui.

Die Buchhändlerin war 20 Jahre jünger als der Bräutigam, und ihre aus Marokko stammenden Eltern hatten sie bereits einen muslimischen Mann versprochen. Musste sie fliehen, um einem Ehrenmord zu entgehen?

Bevor Peter Stotz stirbt, erzählt er Tom, wie er sein ganzes Leben lang vergeblich nach Melody gesucht habe. Nach seinem Tod forschen Tom und Laura – die Großnichte und Erbin des Verstorbenen – weiter nach Melody. In Griechenland stoßen sie schließlich auf einen Greis, der Melody kannte und ihnen auf dem Sterbebett seine Version der Ereignisse von damals schildert.

Martin Suter spielt in „Melody“ mit der Suche nach der Wahrheit, mit dem Verhältnis von Fiktion und Realität, Lüge, Täuschung und Tatsachen. In dieses Spiel eingebunden ist auch ein erfolgloser Schriftsteller namens Bruno Schären, den Martin Suter genüsslich überzeichnet. Der italienische Schneider Fausto Contarelli gehört dagegen zur Staffage, mit der Martin Suter ebenso wie mit exquisiten Menüs und erlesenen Getränken eine Luxus-Kulisse aufbaut. Die ist allerdings ein wenig stereotyp geraten.

„Melody“ lässt sich leicht lesen. Martin Suter macht uns neugierig, spannt uns aber immer wieder durch Cliff Hanger und retardierende Einschübe auf die Folter. Was ist da vor Jahrzehnten geschehen? Bis zum Ende müssen wir warten, dann erfahren wir es nach einigen Plot Twists. Und in den letzten Zeilen deutet sich noch einmal eine andere Version der Geschichte an.

Den Roman „Melody“ von Martin Suter gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Andreas Fröhlich.

Veranschaulichung der Beziehungen

Zur Verfügung gestellt von © Gerhard Günther

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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