Ursula Wiegele : Was Augen hat und Ohren

Was Augen hat und Ohren
Was Augen hat und Ohren Erstausgabe Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien 2019 ISBN 978-3-7013-1266-5, 208 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Wegen seiner Opposition gegen das Ceaușescu-Regime wird der rumänische Schauspieler Bogdan Marinescu von der Securitate verfolgt. Er setzt sich ins Ausland ab und kehrt erst zwei Jahrzehnte nach dem politischen Umsturz zurück. Als er sein Theater-Engagement wegen Kritik an den Regisseuren verliert, stellt ihn ein zum Oligarchen aufgestiegener ehemaliger Geheimdienst-Offizier für seinen Privatsender ein, aber das bedeutet einen Absturz von der Bühne zur Reality-Show und zum Werbespot ...
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Kritik

"Was Augen hat und Ohren" veranschaulicht Machtmissbrauch und Unterdrückung, Kontrolle und Überwachung, Unterwerfung und Demütigung. Ursula Wiegele durchwebt die Chronologie der bestürzenden Parabel mit zahlreichen Rückblenden. Dabei inszeniert sie das Geschehen und kommt ohne stilistische oder inhaltliche Effekthascherei aus.
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Theater

Nachdem sich der rumänische Schauspieler Bogdan Marinescu Ende der Achtzigerjahre in Temeswar gegenüber einem angeblichen Kollegen aus Bukarest abfällig über den Staatspräsidenten Nicolae Ceaușescu äußerte, wird seine Wohnung verwüstet. Und als er am Deutschen Staatstheater Temeswar seine Rolle regimekritisch verändert, nimmt ihn die Securitate fest. Ein Geheimdienst-Offizier namens Traian Voicu bringt Bogdan Marinescu in eine psychiatrische Anstalt in Borşa, 260 Kilometer nordwestlich von Bukarest, und erklärt ihm nach einem „Schnuppertag“, er könne selbst entscheiden, ob er weiter dort eingesperrt sein oder für den Geheimdienst arbeiten wolle.

Bogdan Marinescu gelingt es zu fliehen und das Land zu verlassen. Fast zwei Jahrzehnte lang schlägt er sich in Italien und Österreich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitet beispielsweise als Lagerarbeiter, Antiquitätenhändler, Claqueuer, Koch oder Stadtführer ohne Lizenz.

Schließlich kehrt er nach Rumänien zurück und beginnt wieder am Nationaltheater in Temeswar aufzutreten. Obwohl er sein Einkommen durch Sprachunterricht an einem privaten Institut aufbessert, kann er sich nur eine kleine Dachwohnung leisten.

Bogdan wollte nicht wissen, welche Informationen der Securitate zugetragen worden waren über ihn, denn dann käme die Frage, von welchen Personen sie stammten. Wer in seinem Umkreis informeller Mitarbeiter war. Und dann müsste er sich weiter fragen, wer von den Informanten freiwillig aussagte und wer hingegen erpresst wurde […].

Talkshow

Weil er sich immer wieder mit Regisseuren anlegt, endet sein Engagement am Theater nach fünf Jahren.

Daraufhin bietet ihm der durch Immobiliengeschäfte zum Oligarchen aufgestiegene frühere Securitate-Offizier Traian Voicu eine Mitarbeit bei dessen Privatsender an. Zunächst mimt Bogdan den Moderator einer Talkshow. In der ersten Sendung geht es um die Frage „Fettabsaugen oder Rotgrün-Diät“. Der Absturz vom Bühnenschauspieler zum Moderator einer Talkshow ermöglicht es Bogdan immerhin, für seinen zwölfjährigen Sohn Friedrich („Fritz“) aus seiner Ehe mit Livia in Graz und seine Tochter Sarah Penelope in Heidelberg Alimente zu zahlen. Von der vier Jahre alten Tochter hat er gerade erst erfahren. Falls er wirklich der Vater ist, wurde das Kind auf Chios gezeugt, als die Mutter dort eine Meditationswoche gebucht hatte und Bogdan als Hilfskoch im Seminarhotel arbeitete.

Die deutsche Meditationsschülerin wollte das Schweigen nicht aufgeben, also schrieb sie ihm das Nötigste auf einen Zettel. Für die zehn Tage Vipassanā-Meditation hatte sie sich freiwillig dazu verpflichtet, das Reden zu lassen, aber über sexuelle Abstinenz war nichts ausdrücklich gesagt worden zu Beginn dieses Kurses. Schon am ersten Tag waren sie einander begegnet, Bogdan brachte die vegetarischen Momos in den Speisesaal, ein Blick hatte genügt. In den folgenden Tagen halfen Bogdan seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Pantomime, und am sechsten Tag führte er die Meditationsschülerin nach der Abendsession auf sein Zimmer. Stumme Gesten. Das bewusste Ein- und Ausatmen der Meditation wurde zu einem bewusstlosen Stöhnen und Keuchen, das Schweigen aber brach die Deutsche kein einziges Mal. Am Tag des Abflugs war der Kurs zu Ende, da hätte sie sprechen dürfen, aber sie verschwand einfach ohne ein Wort.

Reality-Show

Ein Jahr nachdem Bogdan bei dem Privatsender des Oligarchen angefangen hat, muss er für eine Art Reality-Show nach Italien. Die Kostüme werden ihm jeweils aufs Hotelbett gelegt, und seine Anweisungen erhält er kurzfristig. Ob und wann er gefilmt wird, weiß er nie, denn es geschieht nur mit versteckten Kameras.

In Sabbioneta, einer Stadt in der Poebene, stürzt er weisungsgemäß auf eine Gruppe soeben abgestiegener Motorradfahrer zu und schreit, auf den Duce sei ein Attentat geplant, das müsse verhindert werden. In Federico Fellinis Geburtsstadt Rimini sitzt er in einer Baumkrone auf einem Ast und schreit: „Ich will eine Fraaaauuuu!“ Als dann andere Mitarbeiter des Privatsenders eine Leiter anstellen, bewirft er sie mit Pappmaché-Steinen, und am Ende wird er von zwei als Pfleger verkleideten Mitwirkenden abgeführt.

Nach der Ankunft in Rom hat er vier drehfreie Tage.

Valeria

Beim Frühstück auf der Hotel-Terrasse spricht er eine attraktive junge Frau an, die ihn an Daniela erinnert, seine große Liebe 1988 in Temeswar. Valeria, so heißt sie, hat ein Buch von John Keats dabei . Sie studiere englische Literatur, sagt sie, und besuche als Vorbereitung ihrer Masterarbeit Ruhestätten romantischer Dichter in Rom. Bogdan begleitet sie zum Grab von Percy B. Shelley.

Bald darauf nennt sie ihm die Adresse einer Privatwohnung, die angeblich einem Bekannten gehört. Dort möchte sie mit ihm schlafen, aber der Anblick ihres zwar wohlgeformten, aber an allen entsprechenden Stellen glattrasierten Körpers macht Bogdan vorübergehend impotent. (Später kauft er ihr einen String-Tanga mit einem haarigen Dreieck auf der Vorderseite.)

Als er ihr – misstrauisch geworden – ein Buch mit Gedichten von Lord Byron schenkt und Valeria es achtlos beiseitelegt, verstärkt sich sein Argwohn, dass sie auf ihn angesetzt wurde. Schluchzend gibt sie zu, dass Traian Voicu ihr Onkel ist und sie nicht Literatur, sondern Ökonomie und Wirtschaftsenglisch studiert.

Sorin

Ein Landsmann namens Sorin Florea spricht ihn an. Er sei einer der unsichtbaren Kameramänner gewesen, behauptet er, aber Traian Voicu habe ihn entlassen. Sorin erzählt, dass er dem Oligarchen erstmals in Bukarest begegnet sei, zu der Zeit, als alle über den Tod von Irina Cornici im Kloster Tanacu sprachen (2005). Traian habe ihn dann mit ihm geschlafen und ihn in seiner Villa in Bukarest einquartiert. Die andere Villa des Oligarchen in Temeswar, in der die Ehefrau und die beiden Töchter wohnen, kenne er nicht.

Dekadenz

Von Rom reist Bogdan nach Gargnano am Gardasee.

Von Herbst 1943 bis Frühjahr 1945 residierte Mussolini in der Villa Feltrinelli bei Gargnano. Vor dem Grandhotel, das dort inzwischen betrieben wird, trifft Bogdan auf Traian Voicus Beauftragte Caterina, die ihn anweist, sich bis auf die Unterhose auszuziehen und wie ein Hund auf allen Vieren zu laufen. Sie führt ihn an einem Halsband herum, und er leckt an aus Nutella geformten Kothäufchen.

Gegen diese Demütigung protestiert eine elegante junge Dame, die im Hotel zu wohnen scheint. Caterina erklärt der Aufgebrachten, dass die Szene als Hommage an Pasolini gedacht sei und an dessen in der sogenannten Republik von Salò spielenden Kinofilm “ Die 120 Tage von Sodom“ erinnern solle. Daraufhin entkleidet sich die Dame – bei der es sich in Wirklichkeit um eine von Traian Voicu engagierte Schauspielerin mit Vornamen Jennifer handelt – bis auf den Slip und lässt sich ebenfalls ein Hundehalsband anlegen.

Gegen die geplanten Wiederholungen der Aktion verwahrt sich allerdings das Hotelmanagement.

Werbespots

Vor der Kulisse des Doms in Parma steht Bogdan erstmals wieder vor nicht versteckten Kameras: Traian Voicu lässt Werbespots für Käse mit ihm drehen.

Inzwischen pflegt der Assistent Florin im Auftrag des Oligarchen einen auf den Namen „Bogdan Marinescu“ angelegten Facebook-Account und einen angeblichen Blog des Schauspielers ‒ der erst jetzt davon erfährt.

Befreiung

Nach diesen Erniedrigungen kündigt Bogdan einen Urlaub an der Nordsee  an. Seine Urlaubsansprüche seien bereits mit drehfreien Tagen abgegolten, behauptet Traian Voicu – und gewährt ihm unbezahlten Urlaub.

Bogdan tut nur so, als reise er an die See. Tatsächlich fährt er nach Graz. Dort schläft er bei einer Bekannten namens Bernarda auf dem Sofa im Wohnzimmer. Er besucht seine Ex-Frau Livia und seinen Sohn Friedrich, der inzwischen einen Ersatzvater hat: Livias neuen Lebensgefährten Ciprian. Bogdans 75 Jahre alte Schwiegermutter Maria Agnelli freut sich über das Wiedersehen. Unterstützt von Bogdan, veranstaltet die frühere Operndiva in einem Stollen des Grazer Schlossbergs eine Matinee mit dem Titel „Monolog einer Sängerin“.

15 Monate nach seinem letzten Auftritt in Temeswar fliegt Bogdan nach Hamburg und reist von dort weiter auf die Insel Norderney. Vorübergehend tut er das, was sein virtueller Doppelgänger im Blog und auf Facebook zu tun behauptet.

Maria Agnelli teilt ihrem ehemaligen Schwiegersohn begeistert mit, dass ihr die Präsidentin des Vereins „Vierklee“ angeboten habe, den „Monolog einer Sängerin“ in den 25 von ihr betriebenen Seniorenheimen zu wiederholen.

Daraufhin verlässt Bogdan die Insel Norderney. Auf dem Weg nach Graz will er auch in Heidelberg vorbeischauen.

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Ursula Wiegele erzählt in ihrem Roman „Was Augen hat und Ohren“ von einem rumänischen Schauspieler, der Ende der Achtzigerjahre wegen seiner Opposition gegen das Ceaușescu-Regime von der Securitate verfolgt wird. Bogdan Marinescu flieht ins Ausland, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und kehrt zwei Jahrzehnte nach dem politischen Umbruch Ende 1989 in die Heimat zurück. Weil er jedoch immer wieder die Regisseure kritisiert, endet sein Theater-Engagement nach fünf Jahren. Der ehemalige Geheimdienst-Offizier Traian Voicu, der inzwischen durch Immobiliengeschäfte zum Oligarchen aufgestiegen ist und einen Privatsender betreibt, stellt den Arbeitslosen ein. Für Bogdan Marinescu bedeutet das allerdings einen Abstieg vom Theater über die Talk- und Reality-Show zum Werbespot innerhalb weniger Monate. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, auf allen Vieren zu laufen, sich an einem Halsband führen zu lassen und an Hundehaufen zu lecken (immerhin nicht an echten, sondern aus Nutella geformten), befreit er sich von der mit Erniedrigungen verbundenen Abhängigkeit.

„Was Augen hat und Ohren“ veranschaulicht Machtmissbrauch und Unterdrückung, Kontrolle und Überwachung, Unterwerfung und Demütigung.

Ursula Wiegele durchwebt die Chronologie der bestürzenden Parabel mit zahlreichen Rückblenden. Dabei inszeniert sie das Geschehen und kommt ohne stilistische oder inhaltliche Effekthascherei aus.

Ursula Wiegele wurde 1963 in Klagenfurt geboren. Nach dem 1988 in Innsbruck mit einer Arbeit über die Ästhetik Theodor W. Adornos abgeschlossenen Philosophie-Studium arbeitete sie als freiberufliche Lektorin und Schreibpädagogin. 2011 debütierte Ursula Wiegele mit dem Roman „Cello, stromabwärts“. 2015 folgte „Im Glasturm“. „Was Augen hat und Ohren“ ist ihr dritter Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Otto Müller Verlag

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