John Banville : Sonnenfinsternis

Sonnenfinsternis

John Banville

Sonnenfinsternis

Originalausgabe: Eclipse, 2000 Sonnenfinsternis Übersetzung: Christa Schuenke Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002 ISBN 3-462-03135-X, 303 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Schauspieler Alex Cleave zieht sich mit 50 Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, in das leer stehende, verwahrloste Haus seiner längst verstorbenen Eltern zurück. Auf der Suche nach seiner Identität grübelt er über das versäumte Leben nach. Er hat immer nur gespielt, auch wenn er nicht im Rampenlicht stand. Eine eigene Persönlichkeit oder echte Gefühle hat er nie entwickelt ...

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Kritik

Der Roman "Sonnenfinsternis" wird vom Protagonisten in der Ich-Form erzählt. Es handelt sich um einen inneren Monolog über Erinnerungen, Assoziationen und aktuelle Erlebnisse. John Banville ist es gelungen, mit seiner virtuosen Sprache eine dichte Atmosphäre zu erzeugen.
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Am Anfang war es eine Form. Oder nicht einmal das. Ein Gewicht, ein zusätzliches Gewicht; Ballast. Ich spürte es an jenem ersten Tag draußen im Freien. Es war, als ginge jemand lautlos neben mir, oder besser: in mir, genau im gleichen Schritt wie ich, ein Anderer, der nicht ich und mir dennoch vertraut war. Ich war es gewohnt, Rollen zu spielen, die hier aber, diese hier unterschied sich von allen bisherigen. (Seite 11)

So beginnt der Roman „Sonnenfinsternis“ von John Banville.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere bricht der fünfzigjährige Theaterschauspieler Alexander („Alex“) Cleave mitten im letzten Akt, kurz vor der Apotheose, schweißüberströmt zusammen und verlässt die Bühne für immer. Alex beschließt, sich in sein seit Jahren leer stehendes Elternhaus zurückzuziehen. Obwohl seine Ehefrau Lydia damit nicht einverstanden ist und befürchtet, er wolle sich auf diese Weise von ihr trennen, begleitet sie ihn auf dem Hinweg. Brotrinden auf dem Küchentisch, alte Teebeutel im Ausguss, Überreste verbrannter Bücher im Kamin und „ein gigantischer Scheißhaufen“ (Seite 29) im Klo deuten darauf hin, dass jemand sich in dem verwahrlosten Haus aufgehalten hat. Lydia hilft ihrem Mann, die Fenster zu öffnen, den Müll hinauszutragen und notdürftig sauberzumachen. Dann fährt sie wieder los.

Alex bleibt allein zurück und beginnt, sich an lang zurückliegende Ereignisse zu erinnern. Ziellos streift er „durch die Chaoswelt in [s]einem Herzen, wo alles aus den Fugen“ ist (Seite 42).

Hier stehe ich, ein erwachsener Mann, in einem Geisterhaus und bin von der Vergangenheit besessen. (Seite 87)

Nach einem obszönen Sexualtraum glaubt er, eine Frau und ein Kind zu sehen, deren Gesichter er jedoch nicht genau erkennen kann. Alex durchschaut, dass die Frau und das Kind nicht real sind, und er fragt sich, ob es sich um Projektionen seiner Fantasie handelt oder ob es für die Erscheinung eine äußere Ursache gibt. Existieren die Geister durch ihn? Die Grenze zwischen Schlafen und Wachen, zwischen Illusionen und „ihrem wie auch immer gearteten Gegenteil“ (Seite 76) verschwimmt für ihn.

Lydia ruft noch einmal an, als sie zu Hause angekommen ist. Alex ist verblüfft, denn ein angeschlossenes Telefon hat er hier nicht erwartet. Um nicht weiter gestört zu werden, zieht er den Stecker heraus. Als Erstes versucht er, in dem verwilderten Garten ein wenig aufzuräumen, aber das gibt er bald wieder auf.

Ein Mann Mitte vierzig taucht auf. Alex weiß, wer es ist. Quirke war Laufbursche bei dem Rechtsanwalt, den Alex nach dem Tod seiner Mutter gebeten hatte, jemanden zu finden, der sich um das leer stehende Haus kümmern würde. Quirke hat seine fünfzehnjährige Tochter Lily dabei und drängt sie Alex als Haushaltshilfe auf, aber die „tumbe Schlampe“ (Seite 142) tut nicht viel, sondern hört lieber Musik aus ihrem Kofferradio oder hängt auf der Couch herum, bis ihr Vater sie abends mit dem Fahrrad abholt. Es dauert nicht lang, bis Alex merkt, dass die beiden nur zum Schein wegfahren und sich danach ins Haus zurückschleichen, um hier zu schlafen, Quirke in einer fensterlosen Kammer und Lily im Bett von Alex‘ Mutter. Statt den beiden Eindringlinge Vorhaltungen zu machen und sie hinauszuwerfen, findet Alex sich mit der Situation ab.

Bei unserem allabendlichen Kartenspiel erzählte mir Quirke dann die Geschichte seines Lebens: die Mutter hatte ein Lokal, der Vater hat’s versoffen, Quirke junior musste mit vierzehn arbeiten gehen, als Laufbursche bei einem Anwalt, hat nie was anderes gemacht; Frau, Kind, dann Frau tot, Witwer: Er berichtet das gleichsam erstaunt, kopfschüttelnd, als wären alle diese Dinge einem anderen passiert, jemandem, den er nur vom Hörensagen kannte oder über den er in der Zeitung gelesen hat. (Seite 185)

(Später erinnert Quirke sich nicht mehr an das, was er an diesem Abend sagte und erzählt, seine Frau sei gar nicht gestorben, sondern mit einem Vertreter durchgebrannt.)

Überraschend steht eines Tages Lydia in der Tür. Diesmal bleibt sie. Alex verkriecht sich in einer Kammer, die er sich unter dem Dach eingerichtet hat und in der er nicht einmal aufrecht stehen kann. Dort sitzt er an einem behelfsmäßigen Schreibtisch und notiert, was ihm durch den Kopf geht. Lydia erklärt er:

„Hier habe ich die Möglichkeit, am Leben zu sein, ohne leben zu müssen, verstehst du.“ (Seite 194)

Bereits als Kind war ein Einzelgänger und Außenseiter.

Wenn bei uns auf dem Schulhof einer angegeben hat, haben wir Kinder hier aus der Gegend immer gesagt, der spielt sich ja bloß auf; ich habe es mir, glaube ich, nie abgewöhnen können, mich aufzuspielen; zu meinem Lebensunterhalt hab ich’s gemacht, mehr noch, zu meinem Leben. (Seite 21)

Mit siebzehn fing er bei einer Laienspielgruppe an und verliebte sich in eine knapp dreißigjährige Mitspielerin, die Dora hieß.

Das war der Anfang unserer Liaison, wenn Liaison nicht ein zu großes Wort ist. Denn eigentlich war ja nicht viel mehr als ein paar gepresste Küsse, ein bebendes Berühren der Hände, ein molkeweiß in der Lücke zwischen zwei Kinositzen aufblitzender Schenkel, ein bisschen wortloses Gefummel, das von einem gezischten Nein! beendet wurde, und das melancholische Schnipsen von losgelassener Elastik. (Seite 128)

Die Ehe seiner Eltern war nicht glücklich. Aus finanziellen Gründen vermieteten sie Zimmer an Handelsreisende und Sekretärinnen, doch als der Vater starb und die Mutter nach einem Schlaganfall verwirrt blieb, zogen die Mieter aus.

Sie [die Mutter] war eine mürrische Person, nie so ganz bei der Sache, immer geplagt von Sorgen und diffusen Befürchtungen; stets von namenlosen Kümmernissen gemartert, als wartete sie permanent mit fest zusammengepressten Lippen und geduldig leidend darauf, dass sich die Welt in Bausch und Bogen bei ihr entschuldigt. Und ständig hatte sie Angst, vor allem und jedem; davor, zu spät zu kommen, und davor, zu früh zu erscheinen, vor Zugluft und vor Schwüle, vor Keimen, Menschenmengen, Unfällen und vor den Nachbarn, davor, von einem Fremden auf der Straße niedergestreckt und ausgeraubt zu werden. (Seite 49f)

Und eines Morgens fand ich sie unten in der Toilette; sie lag auf der Seite, die Schlüpfer um die Knie, mit bläulich angelaufenem Gesicht und Schaum vorm Mund. (Seite 90)

Lydia heißt eigentlich Leah, aber Alex hatte ihren Namen beim Vorstellen falsch verstanden und fuhr dann fort, sie Lydia zu nennen. Lydias Eltern betrieben ein schäbiges Hotel – es hieß „Halcyon“ – und ihr Vater sah eher wie ein Hoteldetektiv als wie ein Hotelier aus. Alex‘ Mutter, die damals noch lebte, war nicht nur ungehalten über die Mesalliance, sondern auch darüber, dass sie nur standesamtlich heirateten. Als Catherine („Cass“), die hoch begabte Tochter des Ehepaars, fünf oder sechs Jahre alt war, hörte sie erstmals Stimmen. Trotz ihrer Geisteskrankheit wurde sie Wissenschaftlerin. Jetzt ist sie zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt und lebt im Ausland.

Seit Lydia da ist, hat sich kein Geist mehr blicken lassen. Damit sie nicht gleich merkt, dass Quirke und Lily nachts im Haus schlafen, lädt Alex seine Frau am ersten Abend in einen Pub ein.

Wir tranken zu viel Gin und sind versackt im Amourösen – ja, ja, ich fürchte, ich habe mich doch noch einmal vor den Karren der Sexualität spannen lassen, und dabei hatte ich fast schon geglaubt, von diesem Wahnsinn wäre ich geheilt. (Seite 216)

Ein Zirkus gastiert in der Stadt, unweit des Hauses. Lily möchte unbedingt eine Vorstellung sehen, aber stattdessen geht Alex mit dem Mädchen spazieren – und dabei erleben sie eine Sonnenfinsternis. Als sie am Zirkus vorbeibeikommen, wo gerade eine Pause in der Vorstellung ist, spricht Lily einen der Artisten an, und der lässt sie beide ins Zelt. Bei einer Nummer meldet Lily sich freiwillig und wird in der Manege hypnotisiert. Daraufhin gibt Alex sich als ihr Vater aus und holt sie fort.

Einige Wochen später erhalten Alex und Lydia die Nachricht vom Tod ihrer Tochter. Sie fliegen nach Italien, nehmen sich einen Leihwagen und werden von einem Polizeibeamten ins Leichenschauhaus begleitet. Cass war über eine Steinbrüstung geklettert und ins Meer gesprungen. Ihr Gesicht wurde an den Felsen zerschlagen. Die junge Frau war im dritten Monat schwanger.

Alex fragt sich, ob die Gespenster im Haus eine Warnung waren. Kamen sie aus der Zukunft, während er in die Vergangenheit schaute?

Jetzt muss ich also auch noch mit dem Geheimnis ihres Todes fertig werden, als wäre das Geheimnis ihres Lebens nicht schon genug gewesen. (Seite 289)

Er verlässt das Haus wieder und kündigt Quirke zum Abschied an, er werde es Lily überschreiben.

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Als der Schauspieler Alex Cleave begreift, dass er als Vater und Ehemann versagt hat, versinkt er auf der Suche nach seiner Identität in der Vergangenheit und grübelt über das versäumte Leben nach. Er hat immer nur gespielt, auch wenn er nicht im Rampenlicht stand. Um in die Rollen schlüpfen zu können, beobachtete er andere und ahmte ihre Gefühle nach, aber er selbst empfand nie etwas. Es ist, als ob er an einer Krankheit leiden würde, die anaesthesia cordis heißt.

Der Roman „Sonnenfinsternis“ wird vom Protagonisten in der Ich-Form erzählt. Es handelt sich um einen inneren Monolog über Erinnerungen, Assoziationen und aktuelle Erlebnisse. Alles wird aus der Innenperspektive von Alex Cleave wiedergegeben.

Trotzdem ist es John Banville gelungen, einiges an Ironie in den Roman aufzunehmen. Auch scheinbar banale Szenen ziehen den Leser in ihren Bann, und das sehr poetische Buch vermittelt eine dichte Atmosphäre. „Sonnenfinsternis“ besticht durch Metaphern, Spiegelungen und eine virtuose Sprache.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

John Banville (kurze Biografie / Bibliografie)

John Banville: Das Buch der Beweise
John Banville: Geister
John Banville: Athena
John Banville: Der Unberührbare
John Banville: Caliban
John Banville: Die See
John Banville: Unendlichkeiten
John Banville: Im Lichte der Vergangenheit

Martin Mosebach - Ruppertshain
"Ruppertshain" erinnert an ein morbides Genrebild. Martin Mosebach nimmt sich viel Zeit, seine Figuren und deren Beziehungen zu entwickeln. Während die gesellschaftliche Ordnung sich auflöst, wahrt er die literarische Form und achtet auch auf den sprachlichen Schliff.
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