Louis Begley : Wie Max es sah

Wie Max es sah

Louis Begley

Wie Max es sah

Wie Max es sah Originalausgabe: As Max Saw It Alfred A. Knopf, New york 1994 Übersetzung: Christa Krüger Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1995
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei einem Sommeraufenthalt in einer Villa am Comer See trifft der amerikanische Rechtsprofessor Max Strong nach langer Zeit seinen alten Freund Charlie Swan wieder, bestaunt einen höchstens sechzehnjährigen Adonis, der bald darauf Charlies Lebensgefährte wird und lernt eine Italienerin namens Laura kennen, die viele Jahre später zu Max nach Massachusetts zieht und ein Kind von ihm bekommt ...

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Kritik


In Louis Begleys glänzend erzähltem Roman "Wie Max es sah" geht es um die Balance zwischen menschlicher Nähe und Distanz, Anteilnahme und Beziehungslosigkeit.


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Der Erzähler ist Amerikaner, heißt Maximilian („Max“) Hafter Strong und lehrt an der Law School in Cambridge, Massachusetts. Sein Vater, ein Professor für Ackerbau an einem staatlichen College in Rhode Island, war zwanzig Jahre älter als seine Mutter; sie hatte bei ihrem späteren Ehemann studiert und war dann Bibliothekarin geworden. Ihr Mann starb kurz vor Max‘ Schulabschluss auf der Intensivstation einer Klinik. Vier Jahre später stürzte sie „mit gespreizten Beinen und ausgebreiteten Armen“ eine Treppe hinunter und kam dabei ums Leben.

Im Sommer 1974 bereist Max mit einem befreundeten Harvard-Professor namens Arthur Italien. Im August – als Richard Nixon vom Amt des US-Präsidenten zurücktritt – nimmt Arthur ihn mit in die Villa La Rumerosa bei Bellagio am Comer See. Die Gastgeberin Edna Joyce war eine von Max‘ Studentinnen gewesen, und er hatte sogar versucht, sie zu verführen. Jetzt ist sie mit dem pensionierten amerikanischen Diplomaten Rodney Joyce verheiratet, und seit zehn Jahren gehört ihnen La Rumerosa.

Unter den Gästen entdeckt Max den amerikanischen Stararchitekten Charlie Swan, mit dem er früher eng befreundet war. Charlie ist zwar vier Jahre älter als er, aber sie gehörten demselben College-Jahrgang an. Max erinnert sich, dass Ednas Freundin Janie – die inzwischen angeblich zum dritten Mal verheiratet ist und in Chicago wohnt – damals mit Charlie ging.

Dass Max vor zehn Jahren nicht zur Hochzeit Charlies mit Diane in New Jersey kam, verübelt dieser ihm noch immer. Max versucht ihm zu erklären, dass er damals gerade mit seiner späteren Frau Kate im New Yorker Apartment einer übers Wochenende verreisten Freundin Kates war und sie einfach nicht mit dem Sex aufhören konnten. Inzwischen ist Charlie von Diane geschieden, und Kate verließ Max wegen eines Slawisten.

Während die anderen Gäste einen kleinen Ausflug unternehmen, bemerkt Max am Pool eine wohlgeformte Gestalt, die er von hinten zunächst für eine junge Frau hält, die sich oben ohne sonnt. Aber es ist ein Mann, Eros in Person! Er heißt Toby, ist Amerikaner und höchstens sechzehn. Toby erzählt Max, dass er seit der Scheidung seiner Eltern vor drei Jahren in einem Internat bei Lausanne lebt. Sein Vater ist geschäftlich viel unterwegs, und seine Mutter weiß er in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in den USA. In Begleitung Charlies kam Toby hierher, um ein paar Tage Ferien zu machen. Toby arbeitet nämlich nebenher im Genfer Büro des Architekten.

Beim Abendessen in der Villa La Rumerosa sitzt Max neben Laura, einer rothaarigen Galeristin aus Mailand, und die Nacht verbringt er in ihrem Bett.

Viele Jahre später erliegt Max‘ seit dreißig Jahren verwitwete Cousine Emma Hafter Storrow in Boston einem Schlaganfall und vererbt ihm ein beträchtliches Vermögen.

Aus einem Juraprofessor, der von der Hand in den Mund leben musste, war ich auf wundersame Weise in einen potenziell reichen Mann verwandelt worden. Potenziell, weil der Wohltätigkeitsverein, der diesen Batzen Geld empfangen hätte, wenn es meiner Kusine nicht eingefallen wäre, ihn und mich zu überraschen, beschloss, das Testament anzufechten. (Seite 66)

Im Jahr darauf fliegt er zu einer Gastvorlesung nach Peking, wo er von der jungen, attraktiven Dolmetscherin und Fremdenführerin Miss Wang betreut wird. Max will mit ihr schlafen, aber er beherrscht sich, überredet sie zu einem Studium in den USA und freut sich darauf, dort das Versäumte nachzuholen.

Unerwartet trifft er in Peking Charlie und Toby wieder, die nun offensichtlich ein Paar sind. Reiche Übersee-Chinesen wollen sich von Charlie am Stadtrand von Peking ein Luxushotel errichten lassen. Er sei nicht von Anfang an schwul gewesen, beteuert Charlie. In der Zeit am College habe er ein paar homoerotische Erfahrungen gemacht, aber nicht mehr. Dass sich einige Homosexuelle um ihn bemühten, fand er ganz normal.

Ich nahm das als Kompliment, es gehörte dazu, wenn man Champion war! Wenn du Mannschaftskapitän bist und aussiehst wie ich, dann erwartest du einfach, dass kleine Schwule dir die Eier lecken wollen. (Seite 86)

Den ersten Sex hatte Charlie mit einer Cousine. Als er während des Koreakriegs in einem Lazarett auf Hawaii lag, trieb es eine Krankenschwester mit ihm. Janie ließ ihn zwar an sich herummachen, aber sich nicht von ihm penetrieren. Als er gerade seine Ausbildung bei Gordon Bunshaft begann, verliebte er sich in Diane und heiratete sie, aber die Arbeit und der Alkohol reduzierten seine sexuelle Begierde, und Diane schleppte ihn schließlich zu einer alten Sexualtherapeutin in New York, die ihm riet, vom tausend an rückwärts zu zählen, um den Orgasmus hinauszuzögern. Aber es half nichts: Er und Diane ließen sich scheiden. Bald darauf sah er sich aus beruflichem Interesse in Wien um, und dort brachte ihm ein junger Architekturstudent seine Homosexualität zum Bewusstsein. Toby ging nach dem Aufenthalt in der Villa La Rumerosa noch unberührt ins Schweizer Internat zurück. Ein halbes Jahr später lief der Junge allerdings fort und tauchte unvermittelt bei Charlie in dessen Büro in New York auf. Seither sind sie zusammen.

Wieder vergeht einige Zeit. Durch seine Beziehungen erreicht Max, dass Miss Wang zum Studium in Harvard zugelassen wird und sowohl ein Stipendium als auch ein Zimmer im Studentenwohnheim erhält. In der Nacht nach ihrer Ankunft schlafen sie zusammen, aber Max möchte sich keine chinesische Konkubine halten und ist froh, als sie die Geliebte eines chinesischen Lehrers an der Business School wird.

Er heiratet Camilla Kahn, eine im Fogg-Museum beschäftigte Engländerin, deren Vater eine Professor in Oxford hat und deren Mutter als Psychoanalytikerin tätig ist. Camilla ist blond, hat grüne Augen und lange Beine; sie benutzt weder Parfüms noch Deodorants und rasiert ihre Achselhöhlen nicht. Das Paar richtet sich in Billington, Massachusetts, ein.

Seit dem zufälligen Zusammentreffen in Peking hat Max den Kontakt zu Charlie und Toby nicht mehr abreißen lassen. Sie sehen sich häufig zum Beispiel bei dem älteren Ehepaar Ricky und Edwina Howe in Billington. Zu deren Hausfreunden zählt auch der Filmregisseur Roland Cartwright, der schließlich einen Lehrauftrag von der Boston University erhält und Toby als Assistenten anstellt. Um seine Liebe trauernd, kehrt Charlie nach New York zurück, während Toby in Boston bleibt. Max arbeitet meistens bis spät in die Nacht und stellt fest, dass Camilla nicht selten erst im Morgengrauen von Verabredungen mit Roland nach Hause kommt. Argwöhnisch und eifersüchtig öffnet er das Kästchen, in dem sie ihr Diaphragma aufbewahrt und ist nicht überrascht, es leer vorzufinden. Mit wem sie es benutze, möchte er wissen, aber sie tadelt ihn wegen seiner Schnüffelei und behauptet, es derzeit jede Nacht zu tragen, um zu prüfen, ob sie allergisch darauf sei. Bald darauf nimmt sie ein Stellenangebot der National Gallery in London an und lässt sich von Max scheiden. Roland folgt ihr nach England.

Um nicht an sie erinnert zu werden, verkauft Max sein Haus in Billington und zieht nach Cambridge, Massachusetts. Dorthin kommt auch Toby.

1989 wird Max noch einmal zu Universitätsvorlesungen nach Peking eingeladen.

Erstmals seit seinem Ferienaufenthalt in der Villa La Rumerosa sieht er Laura wieder. Schließlich nimmt Laura seinen Heiratsantrag an und kurz darauf offenbart sie ihm, dass sie schwanger von ihm ist. Eilig reist sie nach Mailand, um ihre Galerie zu verkaufen.

Als Charlie in Billington seinen sechzigsten Geburtstag feiert, ist Toby bereits schwer krank. Trotzdem reist Charlie für einzige Zeit nach Düsseldorf, wo er ein Schauspielhaus bauen soll und verlässt sich darauf, dass Max sich um Toby kümmert.

Nach der Beerdigung Tobys erzählt Charlie seinem langjährigen Freund, wie er sich zuletzt noch mit einer Nagelfeile das Zahnfleisch und die Innenseite der Wangen zerkratzte, bevor er Toby, der sich kaum noch bewegen konnte, einen blies. Danach zeigte er seinem Liebhaber das blutende – wahrscheinlich infizierte – Innere seines Mundes. Ohne ein Wort zu sagen, drehte Toby sich auf die Seite und Charlie fiel so brutal von hinten über ihn her, dass er vor Schmerzen heulte.

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In Louis Begleys glänzend erzähltem Roman „Wie Max es sah“ geht es um die Balance zwischen menschlicher Nähe und Distanz, Anteilnahme und Beziehungslosigkeit. Der Erzähler Max, ein Juraprofessor, der abwechselnd in der ersten und dritten Person Singular auftritt, bewegt sich zwischen der amerikanischen Ostküste, Norditalien und China, immer in kulturell bzw. wirtschaftlich elitären Kreisen. Über viele Jahre hinweg beobachtet er die homosexuelle Beziehung seiner Freunde Charlie und Toby. Dabei bleibt er ebenso unterkühlt und ironisch wie in seinen eigenen heterosexuellen Affären und Liebesbeziehungen – bis Toby an Aids stirbt und Max‘ neue Lebensgefährtin Laura ein Kind von ihm erwartet.

Louis Begley wurde 1933 in Polen als Sohn eines jüdischen Arztes geboren und wuchs mit dem Namen Ludwik Begleiter auf. Seine Großeltern väterlicherseits wurden von den Nationalsozialisten umgebracht, aber seinen Eltern gelang es, mit ihm über Paris in die USA zu emigrieren. Er studierte Literatur und Jurisprudenz in Harvard und trat 1968 als Sozius in die renommierte Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton in New York ein. 1991 veröffentlichte er seinen in drei Monaten verfassten ersten Roman: „Wartime Lies“ („Lügen in Zeiten des Krieges“). Inzwischen zählt Louis Begley zu den großen amerikanischen Autoren der Gegenwart.

Verheiratet ist er in zweiter Ehe mit der französischen Historikerin Anka Muhlstein.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Louis Begley (kurze Biografie / Bibliografie)

Louis Begley: Lügen in Zeiten des Krieges
Louis Begley: Der Mann, der zu spät kam
Louis Begley: Schmidt
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Louis Begley: Ehrensachen
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Louis Begley: Erinnerungen an eine Ehe

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