Margaret Atwood : Penelope und die zwölf Mägde

Penelope und die zwölf Mägde
The Penelopiad Canongate Books, Edinburgh 2005 Die Penelopiade Der Mythos von Penelope und Odysseus Übersetzung: Malte Friedrich Berlin Verlag, Berlin 2005 ISBN 978-3-8270-0449-9, 173 Seiten Penelope und die zwölf Mägde Neuübersetzung: Marcus Ingendaay und Sabine Hübner Wunderraum-Bücher, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2022 ISBN 978-3-442-31680-9, 189 Seiten ISBN 978-3-641-29624-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Penelope erzählt in der Ich-Form uns Menschen auf der anderen Seite des Styx, was sie zwei-, dreitausend Jahre zuvor mit Odysseus erlebte. Auch ihre zwölf von Odysseus und Telemachos ermordeten Mägde treten auf, als Chor wie im antiken griechischen Theater.
mehr erfahren

Kritik

Im Gegensatz zu Homer rückt Margaret Atwood in ihrem Roman nicht den männlichen Helden der "Odyssee" ins Zentrum, sondern Penelope. "Penelope und die zwölf Mägde" ist ein feministischer Roman, der anprangert, was Frauen in einer von Männern dominierten Welt erleiden.
mehr erfahren

Hochzeit

Penelope erzählt uns Menschen auf der anderen Seite des Styx im 21. Jahrhundert, was sie mit Odysseus erlebte.

An dieser Stelle sollte ich mich vielleicht einmal zu den Gerüchten äußern, die seit zwei-, dreitausend Jahren über mich kursieren.

Ihre Mutter war eine von Okeanos gezeugte Najade; ihr Vater Ikarios teilte sich den Königsthron von Sparta mit seinem Bruder Tyndareos. Ikarios versuchte Penelope im Kindesalter zu ertränken, aber lilageflügelte Enten retteten sie aus dem Meer. Als Penelope 15 Jahre alt war, beschloss der Vater, das seit der Geschlechtsreife von Mägden bewachte Mädchen zu verheiraten und entschied sich für Odysseus von der Insel Ithaka, den Sohn des Königs Laertes. Odysseus gewann das Brautrennen trotz seiner kurzen Beine, weil ihm Tyndareos Aufputschmittel verabreichte, den Gegnern dagegen Beruhigungsmittel in den Wein mischte.

Bei der Hochzeitsfeier kam sich Penelope wie ein ersteigertes Tier vor.

Der Stimmung nach glich das Ganze eher dem geselligen Umtrunk am Ende einer Pferdeauktion.

Die Mägde erzählten Penelope Horrorgeschichten über die bevorstehende Hochzeitsnacht. Wie mit einem Pflug werde der Bräutigam sie aufreißen, hieß es. Aber Odysseus redete stattdessen freundlich mit ihr und ließ sie ein paar Schmerzensschreie für die vor dem Hochzeitsgemach Lauschenden ausstoßen. Erst danach vollzog er die Ehe, ohne Penelope mehr als nötig Schmerzen zu bereiten. Und nach dem Orgasmus wälzte er sich nicht einfach von ihr herunter, sondern erzählte ihr Geschichten.

Ikarios hoffte, dass das frisch verheiratete Paar in Sparta bleiben würde – und er weiterhin die Hand auf die Mitgift halten könnte. Odysseus nahm Braut und Mitgift jedoch mit nach Ithaka, auch Penelopes Magd Aktoris, ein Hochzeitsgeschenk des Brautvaters.

Das junge Paar wohnte mit Odysseus‘ Eltern Laertes und Antikleia im Palast der Insel Ithaka. Besonders misstrauisch wurde Penelope von Eurykleia belauert, der ehemaligen Amme von Odysseus.

Der Trojanische Krieg

Odysseus hatte vor der Eheschließung mit Penelope zu den zahlreichen Freiern der schönen Helena gehört, Penelopes Cousine. Als er begriff, dass er kaum Chancen hatte, riet er Helanas Vater, König Tyndareos, alle Freier schwören zu lassen, seinem zukünftigen Schwiegersohn im Bedarfsfall beizustehen. Die Wahl fiel schließlich auf Menelaos, den Sohn der Aërope und des Atreus aus Mykene, der nach der Ermordung seines Vaters durch Aigisthos mit seinem älteren Bruder Agamemnon nach Sparta geflohen war.

Im Alter von zwölf Jahren war Helena von Theseus und Peirithoos nach Aphidnai in Attika entführt worden. Statt das Opfer, wie üblich, gleich zu vergewaltigen, hatten sich Theseus und Peirithoos darauf verständigt, das Los entscheiden zu lassen, wer sie bekommen sollte. Aber bevor es dazu gekommen war, hatten die Dioskuren ihre Schwester zurück nach Sparta geholt.

Als Telemachos, der Sohn von Penelope und Odysseus, ein Jahr alt war, trafen auf Ithaka neue Nachrichten über die ebenso schöne wie eitle und eingebildete Helena ein: Es hieß, sie sei mit Paris durchgebrannt, einem der Söhne des Königs Priamos von Troja.

Um die Familienehre wiederherzustellen, mussten Menelaos und Agamemnon handeln. Helenas Freier, die nicht zum Zug gekommen waren, hatten geschworen, Menelaos beizustehen. Um sich der Pflicht zu entziehen, tat Odysseus so, als sei er verrückt geworden, kleidete sich wie ein Bauer und säte Salz in die Ackerfurchen. Aber der Heerführer Palamedes, der Menelaos und Agamemnon nach Ithaka begleitete, durchschaute die List, entriss Penelope den kleinen Sohn und legte ihn vor den Pflug. Odysseus hob die Schar über das Kind hinweg – entlarvte sich dadurch und musste mit in den Krieg um Troja.

Der dauerte zehn Jahre lang. Kriegsentscheidend war am Ende eine von Odysseus erdachte List: Das Trojanische Pferd.

Odyssee

Als der trojanische Krieg endete, hoffte Penelope auf die Rückkehr ihres Ehemanns. Aber es gelangten nur Gerüchte über seinen Verbleib nach Ithaka.

Odysseus habe gegen einen Zyklopen gekämpft. Oder war es, wie ein Dritter behauptete, nur ein einäugiger Hafenwirt, der die Zeche einforderte?

Weil manche glaubten, dass Odysseus nicht nach Ithaka zurückkehren würde, fanden sich immer mehr Freier auf Ithaka ein. Penelope meint in der Rückschau, dass die Männer weniger sie als die Ländereien begehrten.

Um die Bewerber hinzuhalten, fing sie an, ein Leichentuch für ihren zurückgezogen lebenden, inzwischen verwitweten Schwiegervater Laertes zu weben und erklärte, dass sie nach der Fertigstellung einen der Bewerber erhören werde. Nachts trennte sie jeweils auf, was sie tagsüber gewebt hatte. Das ging drei Jahre lang gut, dann flog der Schwindel auf.

Zur Gastlichkeit gehörte es neben der Bewirtung, dass männlichen Gästen eine Magd für sexuelle Dienstleistungen angeboten wurde. Darüber entschied der Hausherr. In Abwesenheit von Odysseus bedienten sich die Freier jedoch selbst, schlachteten Tiere und vergewaltigten Mägde.

Die Rückkehr des Odysseus

Erst nach 20 Jahren kehrte Odysseus als Bettler getarnt zurück.

Seine Verkleidung war zwar ganz gut gewählt, aber nicht überragend. Glatze und Falten gehörten gar nicht zur Maske (wie ich insgeheim hoffte) […].

Penelope, die inzwischen kein 15-jähriges Mädchen mehr war, sondern eine Matrone, tat so, als durchschaue sie die Tarnung nicht, berichtete dem scheinbaren Bettler von ihrer Treue und der Sehnsucht nach ihrem Ehemann. Dann fragte sie ihn um Rat, wie sie sich auch weiterhin der Freier erwehren könne und schlug als Brautkampf die Aufgabe vor, mit dem Bogen des Eurytos, den Odysseus einst von Iphitos bekommen hatte, einen Pfeil durch die Schaftlöcher von zwölf in Reihe aufgestellten Äxten zu schießen. Sie wusste, dass keiner außer Odysseus dazu imstande wäre – und der fand denn auch die Idee hervorragend.

Nachdem es Odysseus als Einzigem gelungen war, die Aufgabe zu erfüllen, gab er sich zu erkennen. Er, Telemachos und zwei treue Hirten metztelten die etwa 120 Freier nieder. Dann verlangte Odysseus von Eurykleia, ihm die untreuen Mägde zu benennen. Sie gab ihm die Namen der zwölf Mägde, die sie am wenigsten leiden konnte – und Telemachos erhängte die Mägde, die von den Freiern vergewaltigt worden waren. Penelope behauptet nun, sie habe davon nichts mitbekommen, weil ihr unbemerkt ein Schlaftrunk verabreicht worden sei.

Der Ziegenhirt Melanthios, der die Freier mit Fleisch versorgt und den als Bettler verkleideten Odysseus verspottet hatte, starb noch qualvoller als die Mägde und die Freier: Ihm schnitt Odysseus bei lebendigem Leib Nase, Ohren, Hände, Füße und Genitalien ab und warf sie den Hunden vor.

Odysseus erzählte mir von seinen Irrfahrten und Bedrängnissen, allerdings in der Nobelversion mit Ungeheuern und Göttinnen statt der Billigausgabe, die von zwielichtigen Kneipenwirten und Hafenhuren bevölkert war.

Lange blieb Odysseus nicht bei Penelope. Unter dem Vorwand, der Geist des Sehers Teiresias habe es ihm aufgetragen, verließ er Ithaka erneut.

Im 21. Jahrhundert muss er sich vor Gericht verantworten. Die Ermordung der Freier, die sich jahrelang auf Ithaka eingenistet hatten, sei aufgrund eines defensiven Notstands erfolgt, behauptet der Verteidiger – und erreicht damit einen Freispruch. Aber dann geht es um die zwölf erhängten Mägde, die als Geister zusammen mit einer ebenfalls zwölfköpfigen Schar von Erinnyen im Gerichtssaal erscheinen, während Penelope im Zeugenstand steht.

Vorsitzender Richter: Was geht hier vor? Ruhe! Ruhe! Sie befinden sich vor einer Strafkammer des einundzwanzigsten Jahrhunderts! Sie da oben an der Decke, kommen Sie sofort runter und stellen Sie die Tierlaute ein. Und Sie, Madam, wenn ich bitten darf, bedecken Ihre Brust und legen Sie den Speer weg. Und was hat überhaupt diese Wolke hier zu suchen? Und wo sind die Justizbeamten? Wo ist der Angeklagte? Wo sind sie alle hin?

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Bei der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2005 wurde ein von 30 Verlagen unterstütztes internationales Großprojekt vorgestellt: Von Schriftstellerinnen und Schriftsteller neu erzählte Mythen sollten gleichzeitig in 27 Sprachen erscheinen. In Deutschland beteiligte sich der Berlin-Verlag daran – und veröffentlichte sogleich außer dem Einführungsband von Karen Armstrong („Eine kurze Geschichte des Mythos“, Übersetzung: Ulrike Bischoff) „Der Schreckenshelm. Der Mythos von Theseus und dem Minotaurus“ von Viktor Pelewin (Übersetzung: Andreas Tretner), „Die Last der Welt. Der Mythos von Atlas und Herkules“ von Jeanette Winterson (Übersetzung: Monika Schmalz) – und „Die Penelopiade. Der Mythos von Penelope und Odysseus“ von Margaret Atwood (Übersetzung: Malte Friedrich).

Eine Neuübersetzung von Margaret Atwoods Buch durch Marcus Ingendaay und Sabine Hübner brachte der Wilhelm Goldmann Verlag 2022 in der Reihe „Wunderraum“ unter dem Titel „Penelope und die zwölf Mägde“ heraus.

Im Gegensatz zu Homer rückt Margaret Atwood in ihrem Roman nicht den männlichen Helden der „Odyssee“ ins Zentrum, sondern Penelope, in der Mythologie das Sinnbild der treuen Ehefrau, die 20 Jahre lang auf die Rückkehr ihres Ehemanns wartet und sich der zahlreichen Freier erwehrt. Margaret Atwood lässt Penelope selbst in der Ich-Form und in der Sprache unserer Zeit erzählen – in der Gegenwart aus dem Hades. Auch ihre zwölf von Odysseus und Telemachos ermordeten Mägde treten auf, als Chor wie im antiken griechischen Theater.

„Penelope und die zwölf Mägde“ ist ein feministischer Roman. Margaret Atwood prangert an, was Frauen in einer von Männern dominierten Welt erleiden.

Die Grundidee ist originell, aber in der Ausführung glänzt Margaret Atwood nicht durch besonderen Einfallsreichtum; da hat sie sehr viel eindrucksvollere Romane geschrieben.

Den Roman „Penelope und die zwölf Mägde“ von Margaret Atwood gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Nina Kunzendorf, Johanna Engel, Luise Pauline Ehl, Toni Pitschmann, Uwe Zerwer, Peter Schröder.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Wilhelm Goldmann Verlag

Margaret Atwood (Kurzbiografie / Bibliografie)

Margaret Atwood: Der Report der Magd (Verfilmung)
Margaret Atwood: Lady Orakel
Margaret Atwood: Katzenauge
Margaret Atwood: Der blinde Mörder
Margaret Atwood: Moralische Unordnung
Margaret Atwood: Das Zelt
Margaret Atwood: Hexensaat
Margaret Atwood: Die Zeuginnen

T. C. Boyle - Blue Skies
T. C. Boyle entwickelt die Handlung der Dystopie "Blue Skies" abwechselnd aus drei Perspektiven. Wie bei einer Satire üblich, sind Figuren, Situationen und Entwicklungen überzeichnet. Auch mit tragikomischen Elementen bietet T. C. Boyle eine unterhaltsame Lektüre vor dem ernsten Hintergrund des Klimawandels und der ökologischen Katastrophe. Sarkastisch ist nicht nur der Titel "Blue Skies".
Blue Skies