Der fremde Sohn

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Der fremde Sohn

Der fremde Sohn – Originaltitel: Changeling – Regie: Clint Eastwood – Drehbuch: J. Michael Straczynski – Kamera: Tom Stern – Schnitt: Joel Cox, Gary D. Roach – Musik: Clint Eastwood – Darsteller: Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan, Gattlin Griffith, Michelle Gunn, Michael Kelly, Colm Feore, Amy Ryan, Devon Conti, Jason Butler Harner, Eddie Alderson, Denis O'Hare u.a. – 2008; 140 Minuten

Inhaltsangabe

Im März 1928 meldet Christine Collins ihren neunjährigen Sohn Walter in L. A. als vermisst. Fünf Monate später täuscht die Polizei aus PR-Gründen einen Erfolg vor, indem sie Christine einen fremden Jungen unterschiebt und ihr einzureden versucht, es sei ihr Sohn. Als sie sich vehement wehrt, lässt die Polizei sie zwangsweise in ein Irrenhaus einweisen, wo der Psychiater jede ihrer Reaktionen als Krankheits-symptom wertet. Kurz darauf wird ein pädophiler Serienmörder entlarvt ...
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Kritik

"Der fremde Sohn" ist ein auf wahren Begebenheiten basierendes Drama. Clint Eastwood prangert damit v.a. den Missbrauch der Staatsgewalt an. Mit großem Aufwand wurde das Ambiente der 20er-Jahre in Szene gesetzt.
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Los Angeles, 9. März 1928. Die allein erziehende Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) bringt ihren neunjährigen Sohn Walter (Gattlin Griffith) zur Schule und fährt zu einer Telefonvermittlung, wo sie als Abteilungsleiterin arbeitet.

Los Angeles, 10. März 1928. Christine springt für eine erkrankte Kollegin ein, unwillig, weil sie eigentlich mit ihrem Sohn einen Ausflug machen wollte. Nach Dienstschluss hält ihr Chef Ben Harris (Frank Wood) sie auf, um sie zu loben und ihr die Leitung der Vermittlung in Beverly Hills anzutragen. Dadurch verpasst Christine die Straßenbahn. Als sie endlich nach Hause kommt, ist Walter nicht mehr da. Vergeblich sucht sie im Haus und auf der Straße nach ihm. Die Polizei erklärt ihr am Telefon, dass eine Vermissten-Meldung erst nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden möglich sei.

DeKalb, Illinois, 20. Juli 1928: Ein Landstreicher, der einen Jungen bei sich hat, lässt sich in einer Gaststätte verköstigen und behauptet dann, seine Geldbörse vergessen zu haben. Er verspricht, sie zu holen und lässt seinen angeblichen Sohn als „Pfand“ da. Aber der Zechpreller kommt nicht zurück.

Zwei Tage später sucht Captain J. J. Jones (Jeffrey Donovan) vom Los Angeles Police Department Christine an ihrem Arbeitsplatz auf. Ihr Sohn lebe und sei gefunden worden, sagt er und nimmt sie mit zum Bahnhof, um den Jungen vom Zug abzuholen. Die Pressemeute wartet bereits. Und der Polizeichef James E. Davis (Colm Feore) freut sich, dass die Zeitungen endlich einmal keine kritischen Meldungen über das LAPD verbreiten, sondern über einen Erfolg berichten werden.

Christine ist außer sich vor Freude, aber als der Junge aussteigt, starrt sie ihn nur an. Das sei nicht ihr Sohn, sagt sie. Jones meint, sie erkenne ihn nur nicht, weil Kinder sich in fünf Monaten stark verändern. Er fragt den Jungen nach seinem Namen. Das Kind sagt: „Walter Collins“, nennt auch die richtige Adresse und bestätigt, dass es sich bei der Dame vor ihm um seine Mutter handele. Jones überredet die verstörte Frau, sich von den Pressefotografen mit dem Jungen ablichten zu lassen und ihn „versuchsweise“ mit nach Hause zu nehmen.

Als sie ihn badet, stellt sie fest, dass er – anders als Walter – beschnitten ist. Sie führt ihn zum Türrahmen, wo sie regelmäßig die Körpergröße ihres Sohnes markierte. Der Junge ist eine Handbreit kleiner als Walter vor einem halben Jahr war. Captain Jones glaubt, beides erklären zu können: Der letzte Strich am Türrahmen sei ihr verrutscht, und irgendjemand habe ihren Sohn in der Zwischenzeit beschneiden lassen. Jones schickt den Arzt Dr. Earl W. Tarr (Peter Gerety) vorbei. Der versucht Christine einzureden, dass eine Schrumpfung um etwa zehn Zentimeter durch Stress möglich sei. Die Zurückweisung des Jungen gefährde dessen Selbstwertgefühl, warnt er.

Weil Christine bei der Polizei auf Widerstand stößt, wendet sie sich an die Öffentlichkeit. Daraufhin lässt Captain Jones sie von Officer Bill Morelli (Roger Hewlett) ins Polizeipräsidium bringen. Sie habe nach Walters Verschwinden ihre Freiheit genossen und wolle sie nicht mehr missen, schimpft er. Sie drücke sich vor ihrer Verantwortung als Mutter und nehme keine Rücksicht auf den Ruf der Polizei. Er lässt sie zwangsweise in eine geschlossene psychiatrische Anstalt einweisen.

Beim Frühstück am nächsten Morgen wird Christine von der Prostituierten Carol Dexter (Amy Ryan) angesprochen, die ebenfalls zwangseingeliefert wurde („Code 12“), nachdem sie einen gewalttätigen Freier angezeigt hatte, bei dem es sich um einen Polizisten handelte. Carol lehnt sich gegen die Zwangsmaßnahmen in der Anstalt auf, obwohl sie deshalb mit Elektroschocks „therapiert“ wird.

Der Psychiater Dr. Jonathan Steele (Denis O’Hare) hält Christine eine Zeitung mit einem Foto hin, auf dem sie mit dem gerade angekommenen Jungen auf dem Bahnsteig zu sehen ist. Da habe sie das Kind augenscheinlich als ihres begrüßt, sagt er. Ihre Meinungsänderung sei paranoid. Offenbar ist er darauf aus, jede Reaktion als Beweis ihrer psychischen Störung zu werten. Erst wenn sie eine Erklärung unterschreibe, in der sie den Jungen als ihren Sohn anerkenne und bestätige, dass die Polizei sie aus Fürsorge eingeliefert habe, werde er verantworten können, sie freizulassen. Bis dahin müsse sie auch gegen ihren Willen mit Psychopharmaka und Elektroschocks behandelt werden.

Ungefähr zur selben Zeit fährt Detective Lester Ybarra (Michael Kelly) zu einer Hühnerfarm in Wineville außerhalb von Los Angeles. Er ahnt nicht, dass es sich bei dem Mann, den er nach dem Weg fragt, um den Besitzer Gordon Northcott (Jason Butler Harner) handelt. Die Farm scheint verlassen zu sein. Aber dann entdeckt Ybarra einen Jungen.

Der Fünfzehnjährige heißt Sanford Clark (Eddie Alderson). Er stammt aus Kanada und ist ein Neffe des Farmers. Sein Onkel habe ihn für den Fall, dass er von der Farm fortlaufen würde, mit dem Tod bedroht, gibt er zu Protokoll. Gordon Northcott habe etwa zwanzig Jungen entführt, in den Hühnerstall gesperrt, ermordet und mit einer Axt zerstückelt. Sanford musste als Beifahrer bei den Entführungen mitmachen und einige der Jungen auch selbst töten. Aus einem Bündel Fotos von vermissten Jungen sortiert Sanford diejenigen aus, die er erkennt. Dabei ist auch ein Bild von Walter Collins.

Ybarra ruft daraufhin Jones an.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Obwohl Christine nicht in die Kirche ging, setzt Reverend Gustav Briegleb (John Malkovich) sich für sie ein. In seinen Predigten und mit seinem eigenen kleinen Radiosender macht er den Fall publik. Zugleich prangert er die Korruption der Polizei an und kritisiert Davis‘ Amtsführung. An dem Tag, an dem Jones durch Ybarras über die Morde auf Northcotts Hühnerfarm in Wineville unterrichtet wird, organisiert Briegleb eine Demonstration vor dem Polizeipräsidium und verschafft sich an der Spitze einer Abordnung Zutritt zum Captain. Der nimmt ihm zwar mit der Behauptung, Christine Collins sei aufgrund eines Nervenzusammenbruchs in die Psychiatrie gebracht worden, den Wind aus den Segeln, aber als der Reverend kurz darauf erfährt, dass Walter unter den Opfern des Serienmörders Northcott gewesen sei, erzwingt er Christines Freilassung.

Auf dem Gelände der Hühnerfarm in Wineville lässt Ybarra sich von Sanford zeigen, wo die Leichen der ermordeten Kinder vergraben sind.

Vancouver, 20. September 1928. Gordon Northcott sucht Zuflucht bei seiner Schwester Rachael Clark (Kelly Lynn Warren) in Kanada, aber sie weiß bereits, dass er gesucht wird, und ihr Ehemann Bob (Colby French) verständigt die Polizei, die den Serienmörder daraufhin verhaftet.

Ein mit Reverend Briegleb befreundeter Rechtsanwalt (Geoff Pierson), der die vom LAPD zwangsweise in die Psychiatrie eingelieferten Patientinnen und Patienten pro bono vertritt, erreicht deren Freilassung. Der Bürgermeister (Reed Birney) ärgert sich über die Berichterstattung vor den Wahlen und drängt darauf, Captain Jones vom Dienst zu suspendieren.

Los Angeles, 24. Oktober 1928. Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Jungen, der Christine Collins von der Polizei untergeschoben wurde, um Arthur Hutchins (Devon Conti) handelt. Seine Mutter heißt Janet (Mary Stein). Er sagt aus, die Polizei habe ihn gedrängt, sich als Walter Collins auszugeben.

Während ein Komitee in Los Angeles empfiehlt, den vom Dienst suspendierten Captain J. J. Jones dauerhaft freizustellen, den Polizeichef James E. Davis ebenfalls zu entlassen und die Vorgänge um die Zwangseinweisungen der Patientinnen weiter zu untersuchen, wird vor einem Gericht im Riverside County gegen Gordon Northcott verhandelt. Die Geschworenen halten ihn für schuldig, und der Richter (Ryan Cutrona) verurteilt ihn zu zwei Jahren Haft in San Quentin und anschließender Hinrichtung durch den Strang. In seinem Schlusswort beschimpft Northcott den Richter, den Staatsanwalt und die Geschworenen, zollt jedoch der im Publikum sitzenden Christine Collins seinen Respekt und beteuert, ihren Sohn nicht ermordet zu haben.

Los Angeles, 30. September 1930. Northcott, der am übernächsten Tag hingerichtet werden soll, lässt Christine die Nachricht übermitteln, dass er sie sehen wolle, um ihr vor seinem Tod die Wahrheit zu sagen. Christine, die noch immer hofft, dass ihr Sohn lebt und jede Arbeitspause nutzt, um bei verschiedenen Behörden nachzufragen, kommt der Aufforderung am nächsten Tag nach, aber Northcott behauptet nun, er habe nicht damit gerechnet, dass sie ihn tatsächlich besuchen würde. Er weigert sich, ihr zu sagen, ob er Walter ermordete oder nicht.

Während seiner Hinrichtung durch den Strang am 2. Oktober steht Christine unter den Zeugen.

Los Angeles, 27. Februar 1935. Christine arbeitet auch noch nach Feierabend in der Telefongesellschaft und begleitet weder ihre Kolleginnen noch ihren Chef zur „Oscar“-Verleihung im Biltmore Hotel. Allerdings verspricht sie Ben Harris, am nächsten Abend mit ihm zum Essen zu gehen, wenn ihr Favorit „Es geschah in einer Nacht“ ausgezeichnet wird.

Ein Junge namens David Clay (Asher Axe) meldet sich bei der Polizei. Er sagt aus, er sei von Northcott entführt und zusammen mit anderen Jungen auf der Hühnerfarm gefangen gehalten worden. Als er mit drei anderen Opfern – darunter Walter Collins – fliehen wollte, blieb er mit seiner Hose am Zaun hängen. Walter kehrte um und half ihm, während Northcott bereits mit seinem Gewehr aus dem Wohnhaus kam. Die vier Jungen flüchteten in verschiedene Richtungen. David hat die drei anderen nie wieder gesehen. Christine sieht zu, wie die glücklichen Eltern (Lily Knight, Jeffrey Hutchinson) ihren Sohn in die Arme schließen.

Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass auch Walter noch lebt.

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Die Handlung des Films „Der fremde Sohn“ greift ein tatsächlich begangenes Verbrechen auf, das damals in der amerikanischen Presse unter dem Begriff „The Wineville Chicken Coop Murders“ für Aufsehen sorgte (die Hühnerstall-Morde in Wineville).

Clint Eastwood nutzt den Plot, um am Beispiel der Polizei in Los Angeles seine Skepsis gegenüber der Staatsmacht auszudrücken. In „Der fremde Sohn“ ist das LAPD der Zwanzigerjahre nicht nur korrupt, sondern täuscht auch aus PR-Gründen die erfolgreiche Aufklärung eines Vermissten-Falles vor. Als die Mutter des verschwundenen Jungen dies nicht akzeptiert, sondern sich an die Öffentlichkeit wendet, wird sie – wie andere missliebige Frauen auch – zwangsweise von der Polizei in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingeliefert. Um das zu veranlassen, reicht der Anruf eines Captains. (Ob Clint Eastwood dabei auch an Guantanamo dachte?) Am Ende siegt jedoch die Zivilcourage gegen den Missbrauch der Staatsgewalt.

Im Original lautet der Filmtitel „Changeling“. Das bedeutet Kuckuckskind, Wechselbalg. „Der fremde Sohn“ beginnt denn auch als beinahe rührseliges Drama über eine Mutter, deren Junge vermisst wird und der die Polizei daraufhin ein anderes Kind unterzuschieben versucht. Dann prangert Clint Eastwood die Praktiken im rechtsfreien Raum der Psychiatrie an (das erinnert an „Einer flog über das Kuckucksnest“) und kritisiert Übergriffe der Polizei, bevor er zum Genre des Serienmörder-Thrillers mit Splatterelementen und schließlich zum Gerichtsdrama wechselt.

Meiner Meinung nach hätte Clint Eastwood spätestens mit der Hinrichtung des Serienmörders aufhören müssen. Danach franst die Handlung aus, und die Beklemmung löst sich auf.

Mit großem Aufwand wurde das Ambiente der Zwanzigerjahre in Szene gesetzt. Das betrifft zum Beispiel die Mode, die Autos und zwei eigens nachgebaute Straßenbahnwaggons. Weniger überzeugend ist das Erscheinungsbild der Hauptfigur Christine Collins: feuerrote Lippen kontrastieren mit dunkel geschminkten, von einer breiten Hutkrempe abgeschatteten Augen. Dass Angelina Jolie aufgrund dieser nicht besonders nuancenreichen Rolle für einen „Oscar“ nominiert wurde, ist mir unverständlich. Einleuchtender waren die Nominierungen für die Ausstattung und die Kameraführung. Aber am Ende ging „Der falsche Sohn“ leer aus.

Christine Collins Favorit für die „Oscar“-Verleihung am 27. Februar 1935 im Biltmore Hotel in Los Angeles ist übrigens „It Happened one Night“. Dieser Film gewann tatsächlich fünf der Trophäen (Film, Drehbuch, Regie, Hauptdarsteller Clark Gable, Hauptdarstellerin Claudette Colbert).

Es geschah in einer Nacht – Originaltitel: It Happened one Night – Regie: Frank Capra – Drehbuch: Robert Riskin, nach einer Kurzgeschichte von Samuel Hopkins Adams – Kamera: Joseph Walker – Schnitt: Gene Havlick – Musik: Howard Jackson – Darsteller: Clark Gable, Claudette Colbert, Walter Connolly, Roscoe Karns, Jameson Thomas, Alan Hale, Arthur Hoyt, Blanche Friderici, Charles C. Wilson u.a. – 1934; 105 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

The Wineville Chicken Coop Murders

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