Warum läuft Herr R. Amok?

Warum läuft Herr R. Amok?

Warum läuft Herr R. Amok?

Originaltitel: Warum läuft Herr R. Amok? - Regie: Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler - Improvisationsvorlage: Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder - Kamera: Dietrich Lohmann - Schnitt: Rainer Werner Fassbinder alias Franz Walsch und Michael Fengler – Darsteller: Kurt Raab, Lilith Ungerer, Irm Hermann, Lilo Pempeit, Franz Maron, Harry Baer, Peter Moland, Hanna Schygulla, Ingrid Caven, Doris Mattes, Hannes Gromball, Vinzenz Sterr, Maria Sterr, Peer Raben, Eva Pampuch, Carla Egerer alias Carla Aulaulu, Amadeus Fengler, Peter Hamm, Jochen Pinkert, Eva Madelung u. a. - 1969; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Der schweigsame Herr R. arbeitet als technischer Zeichner und führt mit seiner Frau und seinem Sohn ein ganz normales Leben. Eines Abends kommt eine Nachbarin vorbei und schwärmt von ihrem Skiurlaub. Frau R. prahlt damit, dass ihr Mann demnächst befördert werde und sie bereits nach einer besseren Wohnung suchten. Da läuft Herr R. Amok ...
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Kritik

Gezeigt wird eigentlich keine psychologische Entwicklung, sondern ein unerträglicher Zustand. Dabei trieben die Filmemacher den Naturalismus auf die Spitze, indem sie die trostlose Handlung uninszeniert und authentisch wirken lassen.
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Herr Raab (Kurt Raab) arbeitet als technischer Zeichner in einem Architekturbüro in München mit netten Kollegen (Lilo Pempeit, Harry Baer, Peter Moland). Nur sein Chef (Franz Maron) ist nicht mit ihm zufrieden.

Mit seiner attraktiven blonden Ehefrau (Lilith Ungerer) und dem gemeinsamen kleinen Sohn (Amadeus Fengler) wohnt Herr Raab in einem Mietshaus mit Gartenanteil und führt ein ganz normales Leben. Wenn seine Eltern (Vinzenz Sterr, Maria Sterr), eine Schulfreundin seiner Frau (Hanna Schygulla) oder andere Bekannte zu Besuch kommen und sich stundenlang mit seiner Frau über Nichtigkeiten unterhalten, hört Herr Raab nur stumm zu. Bei einer Feier mit seinem Chef und den Kollegen erhebt er sich jedoch und hält eine unbeholfene, pathetische und viel zu lange Rede über das ausgezeichnete Betriebsklima.

Der Sohn tut sich in der Schule etwas schwer, denn er ist noch sehr verspielt und kann sich kaum konzentrieren. Wenn die anderen in der Klasse eine Aufgabe bereits gelöst haben, versteht er oft noch gar nicht, um was es geht. Aber die Lehrerin gibt sich in einem Gespräch mit seinen Eltern durchaus optimistisch.

Wegen seiner dauernden Kopfschmerzen konsultiert Herr Raab einen Arzt. Der rät ihm, weniger zu rauchen.

Eines Abends, als der Sohn bereits schläft, kommt eine der Nachbarinnen (Irm Hermann) vorbei und schwärmt von ihrem Skiurlaub: „Der Schnee und die Sonne, das ist einfach fantastisch, das kann man gar nicht beschreiben!“ Herr Raab sitzt neben den beiden Frauen auf der Couch, raucht und versucht, sich auf eine Fernsehsendung zu konzentrieren. Um mit der Nachbarin mithalten zu können, gibt Frau Raab ihr zu verstehen, dass sie aus besseren Verhältnissen stamme und prahlt damit, dass ihr Mann demnächst befördert werde und sie bereits nach einer besseren Wohnung suchten. Während sie aus der Küche etwas zu trinken holt, steht Herr Raab auf, nimmt den Kerzenständer vom Fernsehgerät, stellt ihn auf den Couchtisch und zündet ruhig die Kerze an. Dann erschlägt er damit die Besucherin, seine aus der Küche zurückkehrende Frau und seinen schlafenden Sohn.

Am nächsten Morgen fragen zwei Kriminalbeamte (Peter Hamm, Jochen Pinkert) in dem Architekturbüro nach Herrn Raab, der gerade zur Toilette ging. Die Kollegen sagen aus, er sei pünktlich zur Arbeit erschienen und es sei ihnen auch nichts Ungewöhnliches an ihm aufgefallen. Als die Männer nachsehen, finden sie Herrn Raab in der Toilette: Er hat sich am Fensterkreuz erhängt.

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Herr R. schweigt meistens und lässt die anderen ihren verlogenen Unsinn reden. Er leidet unter seinem Unvermögen, sprachlich das auszudrücken, was ihn bewegt: seine Verzweiflung über das hohle, konventionelle Getue und seine Entfremdung von der Welt. Um sich mitzuteilen, bleibt ihm am Ende nur der Amoklauf.

Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler zeigen in ihrem Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ eigentlich keine psychologische Entwicklung, sondern sie stellen einen unerträglichen Zustand episodisch dar. Dabei trieben sie den Naturalismus auf die Spitze, indem sie die Handlung wie auf einer Bühne in Szene setzten, sie dabei jedoch zugleich uninszeniert und authentisch wirken lassen. Bewusst verzichteten sie auf ein Drehbuch und legten den improvisierenden Schauspielern nur ein Konzept vor.

„Warum läuft Herr R. Amok?“ ist der einzige von Michael Fengler inszenierte Kinofilm. Rainer Werner Fassbinder soll nur an zwei Tagen bei den Dreharbeiten gewesen sein.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005/2008

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