Angst essen Seele auf

Angst essen Seele auf

Angst essen Seele auf

Originaltitel: Angst essen Seele auf - Regie: Rainer Werner Fassbinder - Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder - Kamera: Jürgen Jürges - Darsteller: Brigitte Mira, El Hedi Ben Salem, Barbara Valentin, Irm Hermann, Peter Gauhe, Karl Scheydt, Rainer Werner Fassbinder, Marquard Bohm, Walter Sedlmayr, Doris Mattes, Liselotte Eder, Gusti Kreissl, Margit Symo, Elma Karlowa, Anita Bucher, Katharine Herberg, Lilo Pempeit, Hark Bohm, Ingrid Caven, Kurt Raab u.a. - 1974; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Um ihre Rente aufzubessern, geht die sechzig Jahre alte Witwe Emmi Kurowski putzen. Abends sitzt sie allein vor dem Fernsehgerät. Als sie vor einem Regenschauer in eine Kneipe flüchtet, wird sie von dem dreißig Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter Ali zum Tanzen aufgefordert ...
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Kritik

"Angst essen Seele auf" ist ein schlichter, ergreifender Film über die Einsamkeit und die tabuisierte Liebe einer älteren Deutschen zu einem jüngeren und noch dazu dunkelhäutigen Ausländer.
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Die sechzig Jahre alte Witwe Emmi Kurowski (Brigitte Mira) hat drei erwachsene Kinder. Verheiratet war sie mit einem nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gebliebenen polnischen Zwangsarbeiter. Tagsüber geht sie putzen, um ihre Rente aufzubessern; abends sitzt sie allein vor dem Fernsehgerät.

Als sie einmal vor einem Regenschauer sie in eine Kneipe flüchtet, wird sie dort von dem dreißig Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter Ali (El Hedi Ben Salem) zum Tanzen aufgefordert. Später bringt er sie nach Hause, hört ihr zu, und Emmi lädt ihn auf eine Tasse Kaffee ein. Er bleibt über Nacht. Als Emmi am anderen Morgen Angst vor der unerwarteten Entwicklung verspürt, versucht Ali sie zu beruhigen: „Nix weinen. Nix Angst. Angst essen Seele auf!“ Die beiden verlieben sich. Die Nachbarinnen Frau Kargus (Elma Karlowa), Frau Ellis (Anita Bucher) und Frau Münchmeyer (Lilo Pempeit) tuscheln; im Kolonialwarenladen Angermayer (Walter Sedlmayr, Doris Mattes) wird Ali nicht bedient; die Arbeitskolleginnen Paula (Gusti Kreissl), Hedwig (Margit Symo) und Frieda wenden sich von Emmi ab, und ihre Söhne Albert (Karl Scheydt) und Bruno (Peter Gauhe), ihre Tochter Krista (Irm Hermann) und deren Mann Eugen (Rainer Werner Fassbinder) wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben. Die Nachbarn alarmieren den Vermieter Gruber, und der schickt seinen Sohn (Marquard Bohm), um Emmi darauf hinzuweisen, dass sie keinen „Untermieter“ haben darf. Da behauptet Emmi, sie und Ali wollten heiraten. Gruber gibt sich damit zufrieden – und Ali nimmt Emmis Aussage ernst: Die beiden werden ein Ehepaar.

Nach einem Kurzurlaub der frisch Verheirateten ändert sich das Verhalten der Mitmenschen ihnen gegenüber: Der Krämer Angermeyer ist nun doch bereit, Ali zu bedienen, weil er die Konkurrenz eines Supermarkts fürchtet. Frau Ellis möchte gern Sachen ihres Sohnes in Emmis Keller verstauen. Bruno und seine Frau, die inzwischen zu arbeiten angefangen hat, benötigen Emmi als Babysitter. Die Kolleginnen haben eine neue Vorarbeiterin bekommen, die Jugoslawin Yolanda (Helga Ballhaus), und bauen auf Emmis Solidarität.

Als der äußere Druck nachlässt, wachsen die Probleme zwischen Ali und Emmi. Ihn stört es, dass sie ihn nicht nur als Haushaltshilfe einsetzt, sondern auch vor anderen mit seiner sexuellen Potenz prahlt. Ali lässt sich auf ein Verhältnis mit der vollbusigen Kneipenfrau Barbara (Barbara Valentin) ein, und die Ehe droht zu scheitern.

Dann bricht Ali zusammen, und der Arzt (Hark Bohm) diagnostiziert ein Magengeschwür. Wird Emmi sich um ihn kümmern?

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Der Film „Angst essen Seele auf“ steht unter dem Motto „Das Glück ist nicht immer lustig.“

Rainer Werner Fassbinder ließ sich wohl von Douglas Sirks Film „Was der Himmel erlaubt“ zu „Angst essen Seele auf“ inspirieren: Sirks Film handelt von der reichen Witwe Cary, die sich in ihren fünfzehn Jahre jüngeren Gärtner Ron verliebt und deshalb von ihren Nachbarn mit Verachtung gestraft wird.

Was der Himmel erlaubt – Originaltitel: All that Heaven Allows (1956) – Regie: Douglas Sirk – Drehbuch: Peg Penwick – Kamera: Russell Metty – Darsteller: Jane Wyman, Rock Hudson, Anges Moorehead u.a.

Eine Hommage an Douglas Sirk und „Was der Himmel erlaubt“ inszenierte Todd Haynes: „Dem Himmel so fern“.

Mit seinem schlichten und ergreifenden Melodram über die Einsamkeit und die tabuisierte Liebe einer älteren Deutschen zu einem jüngeren und noch dazu dunkelhäutigen Ausländer hält Rainer Werner Fassbinder einer Gesellschaft, die sich für liberal hält, den Spiegel vor. Trotz ihrer Neugier interessieren die Nachbarinnen sich nicht für einander, sondern sie suchen Projektionsflächen für ihre eigenen unguten Gefühle. Und die Freundlichkeit, die dem Paar schließlich entgegengebracht wird, beruht auf eigennütziger Berechnung.

„Angst essen Seele auf“ ist ein Großstadtmärchen, aber in keiner Weise kitschig oder rührselig.

Jürgen Jürges betont das Distanzierte und Verkrustete in den mitmenschlichen Beziehungen, indem er Großaufnahmen meidet und auf statische Kamerapositionen setzt.

Brigitte Mira wurde für ihre Rolle mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2005

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