Henry James : Daisy Miller

Daisy Miller

Henry James

Daisy Miller

Originalausgabe: Daisy Miller, 1878 Daisy Miller Übersetzung: Gottfried Röckelein Insel Verlag, Frankfurt/M 2001 ISBN: 978-3-458-34414-8, 120 Seiten, 8 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Handlung spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als der seit langem in Genf lebende 27-jährige Amerikaner Frederick Winterbourne seine Tante in Vevey besucht, begegnet er der jungen Amerikanerin Daisy Miller, die mit ihrer Mutter und ihrem neunjährigen Bruder Europa bereist. Während er von dem hübschen, gut gelaunten, naiv und munter plaudernden Mädchen fasziniert ist, hält seine Tante das Verhalten der jungen Dame für ungebührlich ...
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Kritik

Henry James stellt v. a. die Haupt­figur Daisy Miller lebendig dar. Er entwickelt die handlungsarme Geschichte chronologisch und löst viel in Dialogen auf. Obwohl Frederick Winterbourne nicht als Ich-Erzähler auftritt, wird alles aus seiner subjektiven Sicht geschildert.
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Der 27-jährige Amerikaner Frederick Forsyth Winterbourne fährt mit dem Dampfschiff von Genf von Vevey, um seine dort im Hotel „Trois Couronnes“ logierende Tante Mrs Costello zu besuchen, eine vermögende Witwe mit drei erwachsenen Söhnen, von denen zwei in New York verheiratet sind und einer sich in Deutschland amüsiert.

Am nächsten Tag spricht ihn ein neunjähriger Junge an und fragt ohne Scheu, ob er sich Zuckerstücke von seinem Tisch nehmen dürfe. Randolph – so heißt er – wohnt mit seiner Mutter, seiner Schwester Annie („Daisy“) und einem Cicerone (Reiseführer) im selben Hotel. Sein Vater Ezra B. Miller sei nicht mit nach Europa gereist, erzählt Randolph, sondern in Schenectady/New York geblieben, denn er müsse sich um sein Unternehmen kümmern. Durch den Jungen lernt Frederick auch dessen ältere Schwester Daisy Miller kennen und später auch die Mutter der beiden, der es im Gegensatz zu ihren Kindern an Selbstsicherheit fehlt.

Frederick Winterbourne, der schon lange in Europa lebt, ist fasziniert von der außergewöhnlich hübschen, gut gelaunten, naiv und munter plaudernden Amerikanerin. Als er seine Tante auf die Familie Miller anspricht, äußert diese sich so abfällig über die Landsleute, dass er nicht mehr wagt, ihr Daisy Miller vorzustellen.

„Ein ungebärdiger kleiner Junge und ein absurder großer Cicerone?“

„Sie sind grauenhaft gewöhnlich […] Die gehören zu der Sorte Amerikaner, die einfach zu ignorieren vaterländische Pflicht ist.“

Zwei Tage später unternehmen Frederick Winterbourne und Daisy Miller einen Ausflug zum Château de Chillon. Sie fahren mit dem Dampfer hin und besichtigen das Schloss. Daisy ist begeistert von den kundigen Erläuterungen ihres gebildeten Begleiters, obwohl sie sich die Einzelheiten gar nicht zu merken versucht. Sie schlägt ihm vor, als Privatlehrer ihres Bruders mit nach Rom zu reisen. Frederick Winterbourne erklärt ihr jedoch, er müsse bereits am nächsten Tag zurück nach Genf. Darüber wird Daisy Miller zornig, und auf dem Rückweg spricht sie kaum noch ein Wort mit ihm.

Mrs Costello gesteht zwar ihrem Neffen erotische Abenteuer zu, denn er ist ein Mann, aber in ihren Augen hat sich das Mädchen durch den Ausflug kompromittiert:

„Sie ging ganz allein mit dir mit?“
„Ganz allein.“
Mrs Costello schnupperte ein wenig an ihrem Riechfläschchen. „Und dieses kleine Luder wolltest du mir vorstellen!“, rief sie aus.

Am nächsten Tag reist Frederick Winterbourne ab.

Ein halbes Jahr später, im Januar darauf, besucht er seine Tante, die den Winter in Rom verbringt. Auch die Millers sind da, und Mrs Costello sagt:

„Tja, das Mädchen saust allein durch die Gegend mit ihren unverkennbar vulgären Ausländern.“

Am Tag nach seiner Ankunft in Rom besucht Frederick Winterbourne die Amerikanerin Mrs Walker. Zufällig tauchen dort auch Mrs Miller, Daisy und Randolph auf. Mrs Walker gibt am übernächsten Abend eine Gesellschaft, und Daisy Miller fragt, ob sie ihren italienischen Freund Mr. Giovanelli mitbringen dürfe. Mrs Walker ist einverstanden, aber die Sprache bleibt ihr weg, als Daisy erklärt, Mr Giovanelli warte am Pincio auf sie und sich zu Fuß auf den Weg macht. Dass Frederick Winterbourne sie begleitet, macht die Sache nicht besser. Mrs Walker folgt ihnen in einer Kutsche, entdeckt Daisy Miller mit den beiden Kavalieren am Pincio und will das unvernünftige Mädchen überreden, zu ihr in die Kutsche zu steigen. Die junge Amerikanerin zieht es jedoch vor, weiter mit den Männern spazieren zu gehen.

Zu Mrs Walkers Abendgesellschaft kommt Mrs Miller zunächst allein. Ihre Tochter übe noch mit Mr Giovanelli ein paar Lieder, erklärt sie. Die beiden treffen gegen 23 Uhr ein. Daisy plappert unbefangen darauf los und macht sich keine Gedanken darüber, dass alle anderen Gäste verstummen. Mr Giovanelli singt ein halbes Dutzend Lieder, ohne dass Mrs Walker angeben könnte, wer ihn dazu aufgefordert hat. Als Daisy Miller sich verabschieden möchte, dreht Mrs Walker ihr demonstrativ den Rücken zu.

Weder sie noch die anderen amerikanischen Damen werden Daisy Miller wieder einladen. Das ungehörige Mädchen wird ausgegrenzt.

Frederick Winterbourne hört das Gerücht, Daisy Miller habe sich mit Mr Giovanelli verlobt, und als er ihr zufällig bei den Kaiserpalästen auf dem Palatin begegnet, spricht er sie darauf an. Daisy entgegnet:

„Da Sie schon damit angefangen haben, ich bin verlobt.“ Er sah sie streng an; das Lachen war ihm vergangen. „Sie glauben es wohl nicht?“, setzte sie hinzu.
[…] „Doch, ich glaube es.“
„O nein, Sie tun’s nicht“, antwortete sie. „Aber falls Sie es tatsächlich tun“, fuhr sie noch beharrlicher fort, „also – ich bin es nicht!“

Bald darauf entdeckt Frederick Winterbourne das Paar gegen 23 Uhr im Kolosseum. Er warnt Daisy Miller vor dem Sumpffieber, das man sich an diesem Ort holen könnte und tadelt Mr Giovanelli, weil dieser Daisy der Gefahr ausgesetzt hat, aber der Italiener redet sich darauf hinaus, dass sie das Kolosseum im Mondschein sehen wollte und er sie nicht davon hätte abhalten können.

Wie befürchtet, erkrankt Daisy Miller und stirbt eine Woche später.

Bei der Beerdigung sagt Mr Giovanelli zu Frederick Winterbourne:

„Sie war die schönste junge Dame, ich ich je gesehen hae, und die liebenswerteste. Und – selbstverständlich! – unschuldigste.“

Von Mrs Miller erfährt Frederick Winterbourne, dass Daisy sie vor ihrem Tod bat, ihm etwas auszurichten. Ihre Mutter sollte ihn an den Besuch des Château de Chillon erinnern und ihm versichern, dass Daisy nicht verlobt war. Erst jetzt begreift er, dass Daisy ihn, als er sie auf die Verlobung ansprach, eifersüchtig machen wollte.

Kurze Zeit später reist Frederick Winterbourne zurück nach Genf.

Im Sommer darauf besucht er erneut seine Tante in Vevey. Dabei kommt er auf Daisy Miller zu sprechen und meint, die junge Amerikanerin habe sich nach Wertschätzung gesehnt. Er wirft sich vor, ihr Unrecht getan zu haben.

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Die 1878 von Henry James veröffentlichte Erzählung „Daisy Miller“ spielt in einer Zeit, in der eine Europa-Reise für Amerikaner, die es sich leisten konnten, zum guten Ton gehörte. Die Bildungsreise war gewissermaßen die grand tour wohlhabender Amerikaner. Dabei trafen Angehörige der Neuen auf die gehobene Gesellschaft der Alten Welt, und auf beiden Seiten gab es Vorurteile.

So hält Mrs Costello die ungebildete Daisy Miller für ordinär, und als die junge Amerikanerin in ihrer Naivität und Unbekümmertheit, Launenhaftigkeit und Lebensfreude die Etikette ignoriert, grenzen die anderen Damen sie entrüstet aus. Es ist bemerkenswert, wie Mrs Costello auf den Ausflug ihres Neffen mit Daisy Miller zum Château de Chillon reagiert: Dem Mann würde ein erotisches Abenteuer nicht schaden, aber dass sich die junge Frau leichtfertig von ihm begleiten lässt, ruiniert deren Ruf vollends. Daisy Miller umgibt sich mit Herren, die gesellschaftlich über ihr stehen und möchte auch von den Damen anerkannt werden, brüskiert diese jedoch durch ihr ungebührliches Verhalten. Der Konflikt zwischen den verschiedenen Moralvorstellungen in der Alten und Neuen Welt wird vom Standesdünkel noch verschärft. Daisy Millers Vater ist zwar ein amerikanischer Unternehmer, gilt jedoch in den Augen traditionsreicher europäischer Familien lediglich als neureich.

Vor diesem Hintergrund ist eine Liebesbeziehung zwischen Daisy Miller und dem seit längerer Zeit in Europa lebenden Frederick Winterbourne unmöglich: Ihre Denkmuster sind zu verschieden, als dass sie sich gegenseitig verstehen und achten könnten. Immerhin sieht Frederick Winterbourne dies am Ende ein, und es bedrückt ihn.

Henry James hat die Erzählung in vier Abschnitte gegliedert. Die ersten beiden spielen am Genfer See, die anderen in Rom. Das ist vermutlich kein Zufall: Von Genf ging der strenge Calvinismus aus. Rom, die Hauptstadt der Katholiken, war dagegen als Sündenpfuhl verschrien. Und in der Ruine des Kolosseums infiziert Daisy Miller sich mit dem „Römischen Fieber“.

Vor allem den Charakter der Hauptfigur Daisy Miller stellt Henry James recht lebendig und anschaulich dar. Er entwickelt die handlungsarme Geschichte chronologisch, löst viel in Dialogen auf und schildert alles aus der subjektiven Sicht Frederick Winterbournes. Der tritt jedoch nicht als Ich-Erzähler auf. „Ich“ ist stattdessen der Autor, der allerdings nicht mehr weiß als die Figur und deren Einschätzungen auch nicht kommentiert (interne Fokussierung):

Ich könnte nicht sagen, ob es eher die Übereinstimmungen oder die Unterschiede waren, die jenem jungen Amerikaner durch den Kopf gingen, der, vor zwei oder drei Jahren, gerade im Garten der „Trois Couronnes“ saß, einigermaßen müßig um sich blickte und ein paar der anmutigen Objekte betrachtete, die ich gerade erwähnte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © ars vivendi verlag

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