Henry James : Eine Dame von Welt

Eine Dame von Welt

Henry James

Eine Dame von Welt

Originalausgabe: The Siege of London Cornhill Magazine, London 1883 Eine Dame von Welt Übersetzung: Alexander Pechmann (Hg.) Aufbau Verlag, Berlin 2016 ISBN: 978-3-351-03634-8, 176 Seiten, 16.95 € (D) ISBN: 978-3-8412-1063-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nancy Headway hat nicht nur vier oder fünf Ehen hinter sich, sondern wohl auch einen unsoliden Lebenswandel. Nun möchte sie in die gehobene Gesellschaft der Neuen Welt aufgenommen werden und strebt zugleich eine Eheschließung mit einem unerfahrenen Baronet an. Der Southern Belle fällt es schwer, die Feinheiten der englischen Umgangsformen zu erkennen und sich anzueignen, aber sie verfolgt ihr Ziel entschlossen und unbeirrbar ...
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Kritik

Henry James interessiert sich in "Eine Dame von Welt" nicht nur für den Gegensatz von Snobismus und demokratischer Gesinnung, sondern auch für die Unterschiede zwischen der Alten und der Neuen Welt in Mentalität und Lebensauffassung.
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Zwei befreundete Amerikaner, der Legationssekretär Rupert Waterville und der zehn Jahre ältere Privatmann George Littlemore, besuchen eine Aufführung des Stücks „L’Aventurière“ von Émile Augier in der Comédie-Française in Paris. Littlemore entdeckt eine Frau im Publikum, die er von früher kennt. Als sich die Herrschaften im Foyer treffen, stellt sich heraus, dass die Amerikanerin inzwischen den Namen Headway trägt. Ihr junger englischer Begleiter heißt Sir Arthur Demesne. Als Littlemore die Dame zuletzt sah, vor längerer Zeit in New Mexico, lautete ihr Name Nancy Beck, und sie war mit Philadelphus Beck verheiratet, dem Herausgeber einer demokratischen Zeitung.

„Headway – Headway? Wo zum Teufel hat sie diesen Namen her?“, fragte Littlemore, als sie in die belebte Dämmerung hinabblickten.
„Vermutlich von ihrem Mann“, schlug Waterville vor.
„Von ihrem Mann? Von welchem? Der letzte hieß Beck.“
„Wie viele hatte sie denn?“, erkundigte sich Waterville […].

Littlemore schätzt das Alter der Dame auf 37 und beschreibt sie seinem Freund:

Alle müssen furchtbare Rüpel gewesen sein, denn ihre eigene Liebenswürdigkeit stehe außer Frage. Man wusste nur zu gut, dass alles, was sie getan habe, reiner Selbstschutz gewesen sei. Kurzum, sie habe gewisse Dinge getan, das sei des Pudels Kern! Sie sei sehr hübsch, gutmütig und gescheit und so ziemlich die beste Gesellschaft in jenen Breiten – ein echtes Kind des fernen Westens, eine Blume der Pazifikküste, ungebildet, keck, grob, aber voller Schneid und Feuer, ausgestattet mit natürlicher Intelligenz und einem sprunghaften, willkürlichen guten Geschmack. Sie hatte immer gesagt, sie wolle nur eine Chance bekommen – offensichtlich hatte sie eine gefunden.

George Littlemore ist seit drei Jahren Witwer. Mit Anfang 40 hatte der Besitzer einer Silbermine und einer Rinderfarm eine 23-Jährige kennengelernt und sie geheiratet, aber sie war bereits ein Jahr nach der Eheschließung gestorben. Littlemore hat die halb verwaiste Tochter seiner Schwester Agnes anvertraut, die mit ihrem englischen Ehemann Reginald Dolphin auf dessen Gut in Hamshire lebt.

Ein paar Tage nach dem Theaterabend besucht George Littlemore seine frühere Freundin und ist nicht überrascht, Sir Arthur Demesne in ihrem Salon anzutreffen. Sie bittet ihren Verehrer allerdings, er möge sie mit ihrem Landsmann allein lassen.

„Er weiß nichts über Ihre Vergangenheit?“, fragte Littlemore, bemüht, nicht impertinent zu klingen.
„Aber ja, ich habe ihm alles erzählt, nur kann er sich keinen Reim darauf machen.“

Als sie davon spricht, dass ihr Mann gestorben sei, fragt Littlemore, welchen ihrer Ehemänner sie meine, denn sie war vier- oder fünfmal verheiratet:

„Als ich mich von Ihnen verabschiedete, war Mr Headway Zukunft.“
„Jetzt ist er Vergangenheit. Er war ein freundlicher Mann – ich kann verstehen, warum ich mich mit ihm eingelassen habe. Aber er lebte nur noch ein Jahr. Er hatte es mit dem Herzen, Neuralgie, er hat mir ein Vermögen vererbt.“

Mrs Headway, die von der Upper Class in New York gemieden wurde, ist bestrebt, in die Haute Volée Englands bzw. Frankreichs eingeführt zu werden und hofft, dass ihr früherer Freund ihr dabei behilflich ist. George Littlemore, der im Theater Rupert Waterville gegenüber andeutete, dass es sich bei ihr nicht um eine ehrbare Frau handelt, hält das Ansinnen für ärgerlich. Statt selbst einzugreifen, zieht er es vor, alles nur zu beobachten. Er befürchtet, dass Mrs Headway auch auf seine Schwester zählt. Das wäre peinlich, denn Agnes Dolphin würde sie keines Blickes würdigen.

Mrs Headway verfügt über eine rasche Auffassungsgabe, sie lernt schnell, aber für eine Southern Belle ist es schwierig, die Feinheiten der Umgangsformen der gehobenen englischen Gesellschaft zu erkennen und sich anzueignen, selbst wenn ihr ständiger Begleiter der Aristokratie angehört.

Sir Arthur Demesne und Mrs Headway lernten sich vor einem Monat in Bad Homburg kennen. Seine Mutter ist die Tochter eines englischen Bankiers, der sich einen Grafen als Schwiegersohn erhofft hatte, sich dann aber mit ihrer Wahl des Baronets Sir Baldwin Demesne abfinden musste. Der brach sich bei einer Jagd das Genick, als sein Sohn Arthur fünf Jahre alt war. Der in Eton zur Schule gegangene Erbe des Titels, der sich vorgenommen hatte, im Alter von 32 Jahren zu heiraten, war noch nie einer Dame wie Mrs Headway begegnet.

Während des Sommers in Paris verabreden sich Sir Arthur Demesne, Mrs Headway, George Littlemore und Rupert Waterville des Öfteren zum Essen in einem Restaurant.

[…] und bei diesen Anlässen nahm Mrs. Headway sogar in den teuersten Restaurants eines der Privilegien einer Dame für sich in Anspruch und wischte ihre Gläser mit der Serviette nach.

Als die Witwe Lady Demesne auf der Durchreise von London nach Cannes bei ihrem Sohn in Paris Station macht, weigert Mrs Headway sich, der Mutter ihres Verehrers ihre Aufwartung zu machen, und schließlich ist es Lady Demesne, die den ersten Schritt unternimmt.

Im nächsten Frühjahr kehrt Lady Demesne von der Riviera nach England zurück. Auch ihr Sohn ist da. Mrs Headway verbrachte den Winter ohne ihn in Rom und kommt nun nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Paris ebenfalls nach England. Rupert Waterville wurde vor einem halben Jahr nach London versetzt. Nur George Littlemore, der vor dem Winter in die USA zurückkehrte, fehlt noch.

Rupert Waterville erhält eine Einladung von Lady Demesne:

„Lieber Mr Waterville“, schrieb sie, „mein Sohn sagt mir, dass es Ihnen vielleicht möglich wäre, uns hier am 17. zu besuchen und zwei, drei Tage zu bleiben. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie Zeit hätten. Wir können Ihnen versprechen, dass Ihre bezaubernde Landsmännin Mrs Headway ebenfalls zugegen sein wird.“

Als George Littlemore nach London kommt, teilt ihm sein Freund Rupert Waterville mit, dass ihn Lady Demesne bereits ungeduldig erwartet. Sie befürchtet nämlich, dass ihr Sohn vorhat, Mrs Headway zu heiraten, und die Lady möchte das verhindern:

„Aber ich traue ihr nicht. Ich weiß nicht, was über ihn gekommen ist; in dieser Familie ist es nicht üblich, solche Personen zu heiraten. Ich halte sie nicht für eine Dame.“

Bevor George Littlemore Lady Demesne seine Aufwartung machen kann, bittet ihn Mrs Headway zu sich und meint dann:

„Sie halten mich für eine unanständige Frau, Sie respektieren mich nicht; schon in Paris habe ich Ihnen das gesagt. Ich habe Dinge getan, die ich bis heute nicht verstehe, das gebe ich zu, so unumwunden, wie Sie wollen. Doch habe ich mich völlig verändert, und ich möchte alles ändern.“

Kurz nach seinem Eintreffen kündigt der Diener Sir Arthur Demesne an, und als Mrs Headway die beiden Herren gleich darauf allein lässt, begreift George Littlemore, dass sie die Zusammenkunft arrangiert hat, weil sie hofft, dass ihr Landsmann bei dem englischen Aristokraten ein gutes Wort für sie einlegt. Stattdessen fragt er sein Gegenüber, ob er etwas über Mrs Headway wissen wolle, und als Sir Arthur Demesne dies verneint, verabschiedet er sich rasch.

Am nächsten Tag erhält er ein Billet von Mrs Headway, in dem sie ihm vertraulich mitteilt, dass sie nun mit Sir Arthur Demesne verlobt sei.

Als er am Abend zu seiner Schwester kommt, ist Lady Demesne zu Besuch, und nach wenigen Minuten entschuldigt sich Agnes Dolphin.

„Ich möchte dir liebend gern Lady Demesne vorstellen und hatte gehofft, du würdest vorbeikommen. Müssen Sie wirklich gehen – möchten Sie nicht kurz bleiben?“, fügte sie, an ihre Freundin gewandt, hinzu, und ohne auf eine Antwort zu warten, sprach sie hastig weiter: „Ich muss Sie einen Augenblick verlassen – entschuldigen Sie. Ich bin gleich wieder da!“ Ehe er wusste, wie ihm geschah, fand Littlemore sich allein in Gesellschaft von Lady Demesne.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen fühlt George Littlemore sich als Opfer eines Arrangements. Er fragt geradeheraus, was Lady Demesne von ihm hören wolle, und sie antwortet:

„Ob Sie sie für ehrbar halten.“ […]
„Es würde mir freilich nichts helfen, wenn Sie eine günstige Meinung von ihr haben. Aber wenn Sie eine solche nicht haben, dann könnte ich meinem Sohn sagen, dass die einzige Person in London, die sie länger als sechs Monate kennt, sie für eine verdorbene Frau hält.“

Jetzt, wo George Littlemore weiß, dass er damit wegen der heimlichen Verlobung keinen Schaden mehr anrichten kann, wiederholt er den Satz, den er bereits in der Comédie-Française zu seinem Freund sagte:

„Ich glaube nicht, dass Mrs Headway ehrbar ist.“

Er bat seine Schwester, die sich über die Kürze seines Gesprächs mit Lady Demesne sehr gewundert hatte, ihn mit jeglichen Fragen zu diesem Thema zu verschonen, und Mrs Dolphin blieb einige Tage in dem glücklichen Glauben, dass es keine furchtbaren Amerikanerinnen in der englischen Gesellschaft geben würde, die ihr Heimatland kompromittierten.
Nichts hatte irgendetwas geändert, vielleicht war es zu spät. Die Londoner hörten in den ersten Julitagen nicht, dass Sir Arthur Demesne Mrs Headway heiraten werde, sondern dass das Paar privat und, wie man für Mrs Headway gern hoffte, diesmal untrennbar vereint worden war. Lady Demesne ließ sich nicht blicken, äußerte kein einziges Wort und zog sich aufs Land zurück.
„Ich glaube, du hättest es anders angehen sollen“, sagte eine sehr blasse Mrs Dolphin zu ihrem Bruder. „Aber natürlich wird nun alles ans Licht kommen.“
„Ja, und das wird sie umso begehrter machen!“, antwortete Littlemore mit zynischem Lachen. Nach seinem kurzen Gespräch mit der älteren Lady Demesne hielt er sich nicht mehr für berechtigt, die jüngere zu besuchen, und er sollte nie erfahren – er wollte es nicht einmal wissen –, ob sie, die stolze Siegerin, ihm vergeben hatte.

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Nancy Headway, eine Southern Belle Mitte 30, hat nicht nur vier oder fünf Ehen hinter sich, sondern wohl auch einen unsoliden Lebenswandel. Dass George Littlemore dabei eine Rolle spielte, deutet Henry James nur an. Mrs Headway möchte in die gehobene Gesellschaft der Neuen Welt aufgenommen werden und strebt zugleich eine Eheschließung mit einem unerfahrenen Baronet an. Der Dame aus Kalifornien, die von der Upper Class in New York gemieden wurde, fällt es trotz ihrer Intelligenz schwer, die Feinheiten der Umgangsformen der gehobenen englischen Gesellschaft zu erkennen und sich anzueignen, aber sie verfolgt ihr Ziel entschlossen und unbeirrbar.

Das beobachtet die mit einem englischen Gutsbesitzer verheiratete Amerikanerin Agnes Dophin mit Abscheu. Während sie trotz ihrer Herkunft den englischen Snobismus vertritt, weigert sich ihr Bruder George Littlemore, der aufstrebenden Dame Steine in den Weg zu legen, denn er ist von der Idee der Demokratie überzeugt und hält es für Mrs Headways gutes Recht, sich um einen gesellschaftlichen Aufstieg zu bemühen.

Henry James interessiert sich in „Eine Dame von Welt“ nicht nur für den Gegensatz von Snobismus und demokratischer Gesinnung, sondern auch für die Unterschiede zwischen der Alten und der Neuen Welt in Mentalität und Lebensauffassung.

Während Henry James mit der Hauptfigur in „Eine Dame von Welt“ eine erfahrene Amerikanerin porträtiert, die trotz ihrer dubiosen Vergangenheit zielstrebig ihren gesellschaftlichen Aufstieg betreibt, handelt es sich bei Daisy Miller, der sehr viel jüngeren Protagonistin einer anderen Novelle von Henry James („Daisy Miller“, 1878) um ein unerfahrenes, zwar kokettes, aber unschuldiges Mädchen aus einer wohlhabenden Familie von der Ostküste der USA, das staunend und ziellos durch Europa reist. Gegensätzlich wie die Plots von „Daisy Miller“ und „Eine Dame von Welt“ lässt Henry James die beiden Erzählungen enden.

„Eine Dame von Welt“ besteht aus zwei Teilen. Der erste spielt in einem Sommer in Paris, der andere im folgenden Frühjahr in England. Henry James erzählt locker, aber chronologisch und stringent. Vieles löst er in Dialogen auf. Die Perspektive wechselt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Aufbau Verlag

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