Inge Löhnig : In weißer Stille

In weißer Stille

Inge Löhnig

In weißer Stille

In weißer Stille Originalausgabe: Ullstein Taschenbuch, Berlin 2010 ISBN: 978-3-548-26865-1, 443 Seiten, 8.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 72-jährige Kinderarzt Wolfram Heckeroth liegt tot in seinem Wochenendhaus am Starnberger See. Jemand hat ihn an den Heizkörper gefesselt und verdursten lassen. Dass die Kreditkarte und eine teure Armbanduhr fehlen, deutet auf einen Raubüberfall hin, aber niemand versucht, Geld vom Konto des Ermordeten abzuheben. Kommissar Konstantin Dühnfort leitet die Ermittlungen. Rasch stellt sich heraus, dass Bertram Heckeroth, einer der beiden Söhne des wohlhabenden Toten, in finanziellen Schwierigkeiten steckt ...
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Kritik

Souverän entwickelt Inge Löhnig die verschiedenen Handlungsstränge des komplexen Kriminalromans "In weißer Stille". Eine besondere Stärke sind die farbigen, kontrastreichen und lebendigen Figuren.

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Albert und Barbara („Babs“) Heckeroth sind seit dreizehn Jahren verheiratet. Mit ihren Söhnen Noel und Leon, eineiigen Zwillingen, wohnen sie in einem gepflegten Altbau in München-Schwabing nahe der Kinderarztpraxis, die Albert vor einigen Jahren von seinem inzwischen zweiundsiebzigjährigen Vater Wolfram Eberhard Heckeroth übernahm. Barbara – sie ist jetzt fünfunddreißig, sechs Jahre jünger als ihr Ehemann – hält die Kinder für groß genug, um sich eine berufliche Tätigkeit zu suchen. Obwohl sie ihr Studium der Innenarchitektur abgebrochen hatte, bewirbt sie sich als freie Mitarbeiterin in der Redaktion der Zeitschrift „Interior & Design“ und erhält auch gleich ihren ersten Auftrag.

Das Haus, in dem sich die Arztpraxis befindet, gehört Wolfram Heckeroth. Normalerweise wohnt er dort auch. Loretta Kiendel, eine seiner Mieterinnen, putzt bei ihm. Anfang Oktober, kurz nach dem Tod seiner Ehefrau Elli am 14. September 2008, zog er sich in das Wochenendhaus zurück, das er im Wald bei Münsing am Starnberger See gemietet hat.

Am 6. Oktober wollen Albert und Barbara ihren Hochzeitstag mit einem schönen Essen feiern. Aber am Abend ruft Albert seine Frau an und sagt den Restaurant-Besuch ab. Er müsse nach Münsing und seinem Vater den verstopften Abfluss in der Küchenspüle des Wochenendhauses reparieren, erklärt er.

Genau eine Woche später, am 13. Oktober, macht Loretta Kiendel sich Sorgen, weil der alte Herr eigentlich am Vorabend wieder in seine Münchner Wohnung zurückkehren wollte, aber weder da ist noch angerufen hat und auch nicht im Wochenendhaus ans Telefon geht. Albert fährt nach der Sprechstunde am Abend nach Münsing. Wolfram Heckeroth liegt tot im Bad. Seine Handgelenke sind mit einem Gürtel an den Heizkörper gefesselt.

Assistiert von Alois Fünfanger und Gina Angelucci, leitet der einundvierzigjährige, aus Hamburg stammende Kriminalhauptkommissar Konstantin („Tino“) Dühnfort von der Mordkommission in München die Ermittlungen. Für die Spurensicherung ist Frank Buchholz verantwortlich. Weil das Schlafzimmer durchwühlt wurde und Bargeld, eine Kreditkarte und eine teure Armbanduhr fehlen, sieht es nach einem Raubüberfall aus. Aber niemand versucht, mit Wolfram Heckeroths Kreditkarte Geld abzuheben.

Albert traf seinen Vater am 6. Oktober zum letzten Mal. Frau Ullmann, die nicht weit weg wohnt, sagt aus, das Wochenendhaus habe bereits unbewohnt ausgesehen, als sie am Abend des 6. Oktober mit ihrem Hund vorbeikam. Wurde Wolfram Heckeroth kurz nach der Siphon-Reparatur seines Sohnes Albert überfallen und gefesselt?

Bei der Obduktion kommt die Gerichtsmedizinerin Dr. Ursula Weidenbach zu dem Schluss, dass das Opfer verdurstete. Ein grausamer Tod.

Wolframs Tochter Caroline Heckeroth befürchtet, dass ihr Bruder Bertram der Mörder sein könnte. Er war von klein auf das schwarze Schaf der Familie, und seit seiner Scheidung war das Vater-Sohn-Verhältnis noch mehr zerrüttet. Außerdem ging Bertram mit seinem Architekturbüro bankrott, und seinem selbst entworfenen Haus in Harlaching-Hochleite droht aufgrund hoher Steuerschulden die Zwangsversteigerung. Die Erbschaft wäre ein Rettungsanker. Caroline ist besorgt, denn Medienberichte über einen Vatermörder in der Familie könnten die weitere Karriere der promovierten Betriebswirtin und Marketingleiterin bei Chocolaterie Jacques Kerity in Martinsried gefährden.

Dühnfort bleibt die finanzielle Lage des erfolglosen Architekten nicht verborgen. Bertram Heckeroth behauptet, den Abend des 6. Oktober mit seiner Ex-Frau Katja Rist in München verbracht zu haben, und die Galeristin bestätigt dies. Seinen Vater habe er am 5. Oktober zum letzten Mal gesehen, gibt Bertram zu Protokoll; er sei zu ihm nach Münsing gefahren und sie hätten zusammen gegrillt.

In der Münchner Wohnung des Ermordeten findet Dühnfort am 14. Oktober ein verstecktes Fotoalbum. Es enthält Bilder von sechsunddreißig gefesselten nackten Frauen, zuerst in schwarz-weiß, dann in Farbe und schließlich Polaroids. Als Fesseln wurden auch Gürtel verwendet.

Von den abgebildeten Frauen ermittelt die Polizei so viele Namen und Adressen wie möglich. Dühnfort sucht unter anderem Sabine Groß auf, eine frühere Kommilitonin Caroline Heckeroths, die im Münchner Stadtteil Giesing von Harz IV lebt. Als er ihr das Nacktfoto aus dem Jahr 1987 zeigt, geht sie mit einem Brotmesser auf ihn los. Dühnfort kann zwar Schlimmeres verhindern, wird jedoch an der Hand verletzt und schaut im nächsten Augenblick in die Mündung einer Pistole: Alexandra („Alex“) Schimoni, die sich im Nebenraum aufhielt, eilte ihrer Freundin zu Hilfe. Sie wusste nicht, dass es sich bei dem Besucher um einen Kriminalkommissar handelt.

Sabine Groß hatte damals einen Blackout, wusste jedoch, dass sie von Wolfram Heckeroth vergewaltigt worden war. Der mit dem Täter befreundete Staatsanwalt Karl von Schmitten brachte sie dazu, ihre Anzeige zurückzuziehen, indem er ihr erklärte, dass sie keine Beweise gegen Heckeroth habe und deshalb chancenlos sei. Die späte Erkenntnis, dass es sogar ein Foto von der Vergewaltigung gibt, machte Sabine Groß so zornig, dass sie Dühnfort attackierte. Sie wird erneut in eine geschlossene Abteilung des Bezirkskrankenhauses Haar eingewiesen. Seit zehn Jahren wird sie von Dr. Emese Nagy wegen einer Persönlichkeitsstörung behandelt. Die Psychiaterin untersagt Dühnfort zwar eine weitere Vernehmung der Patientin, teilt ihm jedoch mit, dass Sabine Groß vor vier oder fünf Wochen zufällig Bertram Heckeroth in einem Café am Wiener Platz in München gesehen habe. Dadurch sei die Erinnerung an die Vergewaltigung durch dessen Vaters wieder aufgewühlt worden.

Bertram besucht am 15. Oktober überraschend seinen jüngeren Bruder Albert. Die beiden haben kaum Kontakt miteinander. Schon als Kinder konnten sie sich nicht ausstehen. Der Vater bevorzugte stets Albert und ließ Bertram deutlich spüren, dass er nichts von ihm hielt. Barbara ist bei dem kurzen Gespräch der Brüder in Alberts Arbeitszimmer nicht dabei, aber sie bekommt mit, wie ihr Schwager von ihrem aufgebrachten Mann hinausgeworfen wird.

Trotzdem kommt Bertram am nächsten Tag erneut vorbei, um mit seinem Bruder zu sprechen. Barbara ist allerdings allein zu Hause. Ihr Schwager will zum Gäste-WC, aber sie ertappt ihn, als er statt aus der Toilette aus Alberts Arbeitszimmer kommt. Ein Vogel sei gegen das Fenster geflogen, behauptet er, und er habe nachgeschaut. Dann geht er.

Am selben Tag wird der Geländewagen des Ermordeten auf einem in Luftlinie gerade einmal achthundert Meter vom Tatort entfernten Parkplatz des Schlosshotels König Ludwig gefunden. Im Kofferraum stellt die Polizei Erdkrümel sicher, die aus den Reifen eines Mountainbikes stammen.

Fingerabdrücke von Bertram Heckeroth an der Heckklappe führen Dühnfort erneut nach Harlaching, zum älteren Sohn des Ermordeten. Durchs Fenster sieht er ihn in einem Sessel sitzen. Eine Pistole liegt vor ihm auf dem Boden. Offenbar hat er sich durch einen Schuss in den Mund selbst getötet. Vor ihm liegt eine Kopie des am 18. September geänderten und vom Notariat Alexander Maybusch in München beglaubigten Testaments seines Vaters. Vier Tage nach dem Tod seiner Frau hatte Wolfram Heckeroth seinen Sohn Bertram enterbt.

Bei einer nochmaligen Befragung gibt die Galeristin Katja Rist zu, ihrem Ex-Mann ein falsches Alibi verschafft zu haben: Bertram war am Abend des 6. Oktober nicht bei ihr.

Der Fall ist augenscheinlich geklärt: Bertram Heckeroth ermordete seinen Vater, um an das Erbe zu kommen und seine Schulden begleichen zu können. Als er erfuhr, dass er nur den Pflichtteil bekommen würde, sah er nur noch den Suizid als Ausweg.

Am 17. Oktober kommt es zu einem heftigen Streit zwischen Albert und Barbara. Ausgelöst wird er beim Abendessen. Zur Strafe dafür, dass die Zwillinge in der Schule die Rollen getauscht hatten und Leon in der Parallelklasse anstelle seines Bruders Noel eine Lateinarbeit geschrieben hatte, mussten sie einen Monat lang einer alten Dame die Einkäufe tragen. Barbara hatte ihnen eingeschärft, keine Belohnung dafür anzunehmen. Aber die Greisin drängte den Kindern Geld auf. Während Leon seinen Anteil einem Bedürftigen schenkte, kaufte sich Noel eine gebrauchte Spielkonsole. Während Barbara das nicht durchgehen lassen will, bestätigt Albert Noel in seinem Verhalten und verhöhnt Leon.

Albert schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Gläser klirrten. Babs fuhr zusammen, die Kinder ebenso. „Ist jetzt mal Schluss mit dieser Scheißinquisition? In was für einem Elfenbeinturm lebst du eigentlich!“, schrie er Babs an. „Da draußen tobt das richtige Leben, und das ist kein bisschen fair oder gerecht. Und du stellst hier einen absolutistischen Anspruch an Recht und Moral.“
Babs brauchte einen Augenblick, bis sie ihre Sprache wiederfand. „Was soll das? Nur weil andre sich nicht um Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit scheren, heißt das doch nicht, dass die Jungs sich daran ein Beispiel nehmen sollen. Sie müssen lernen …“
„Du darfst den Gameboy natürlich behalten“, sagte Albert zu Noel, der verängstigt diesen Streit verfolgte. „Und du bist ein echter Depp, so ein dämlicher Gutmensch“, fuhr er Leon an. „Der Alte wird sich von deinem so edelmütig gespendeten Geld nicht Brot und Butter gekauft haben, sondern Schnaps und Bier.“

Am 18. Oktober fährt Dühnfort zu Frau Ullmann. Dabei stellt er fest, dass die Zeugin, auf deren Aussage der angenommene Tatzeitpunk basiert, Erinnerungen durcheinanderbringt und wohl unter einer beginnenden Altersdemenz leidet. Das wird ihm von ihrer Tochter Sylvia bestätigt. Für die Aufklärung des Falls ist das ein Rückschlag, aber privat bringt der Besuch den Kommissar, dessen Beziehung mit Agnes Gaudera gerade gescheitert ist, ein Stück weit voran: Er kauft das Folkeboot, das Sylvia Ullmanns verstorbener Vater hinterließ. Wenn sein Plan, mit Agnes eine Familie zu gründen, schon zerronnen ist, will er wenigstens den Traum von einem eigenen Segelboot realisieren. Beinahe wäre er ins Nachbarhaus von Agnes in Mariaseeon gezogen, weil ihm der Mietvertrag für seine Wohnung in der Pestalozzistraße in München am 3. Juni gekündigt worden war. Aber die Tochter des Eigentümers überlegte es sich anders: Statt zum Studium nach München zu kommen, will sie sich erst einmal ein Jahr lang in den USA umsehen. Und Dühnfort kann in seiner Wohnung bleiben.

Als er sich noch einmal in Bertram Heckeroths Haus umsieht, fällt ihm im Mülleimer der Fetzen eines Etiketts auf, aber die dazugehörige Whiskyflasche fehlt. Was hat das zu bedeuten?

Barbara entdeckt im Schreibtisch ihres Mannes den Schlüsselbund ihres Schwiegervaters. Den muss Bertram hier platziert haben, als er angeblich wegen eines gegen die Scheibe geflogenen Vogels im Arbeitszimmer war. Damit wollte er den Mordverdacht auf seinen Bruder lenken! Sie legt die Schlüssel in einen leeren Joghurtbecher, stopft eine zerknüllte Aluverpackung hinterher und wirft alles zusammen in eine fremde Mülltonne.

Zwei Tage später, am 20. Oktober, erhält Dühnfort das Ergebnis der Obduktion von Bertram Heckeroths Leiche. In seinem Blut fand sich eine so hohe Konzentration von Hydroxybuttersäure, dem Wirkstoff der Partydroge Liquid Ecstasy, dass er bewusstlos gewesen sein muss und sich nicht selbst erschossen haben kann. Das Mittel, das beispielsweise zum Entfernen von Graffiti verwendet wird, könnte mit dem Whisky in der Flasche vermischt gewesen sein, deren Fehlen Dühnfort auffiel. Sicher ist, dass Bertram Heckeroth ebenso wie sein Vater ermordet wurde.

Außer der Whiskyflasche fehlen der Laptop und das Fotohandy. Die Festplatte des PC wurde gelöscht. Wurde Bertram wegen Fotos ermordet? Erpresste er damit jemanden?

Romeo („Meo“) Klein, der fünfundzwanzigjährige IT-Spezialist in Dühnforts Team, versucht nicht nur, die Daten der gelöschten Festplatte wiederherzustellen, sondern auch das Passwort von Wolfram Heckeroths PC zu knacken, denn seit Dühnfort herausfand, dass der Arzt vor zwei Jahren eine Digicam kaufte, vermutet er weitere Fotos gefesselter Frauen auf dem Computer.

Tatsächlich hat der Zweiundsiebzigjährige auch Franziska Kiendel, die siebzehnjährige Tochter der für ihn putzenden Mieterin, nackt und gefesselt fotografiert. Deren verzerrtes Gesicht lässt darauf schließen, dass sie wütend war. Wollte sie sich dafür rächen, indem sie ihren Vergewaltiger in seinem Wochenendhaus an die Heizung fesselte? Verdurstete Wolfram Heckeroth, weil ihn Franziska nicht mehr losbinden konnte? Sie wurde nämlich in der Nacht vom 6./7. Oktober von einem Führerscheinneuling angefahren und liegt seither im Koma.

Bei einem Besuch in der Praxis am 21. Oktober ertappt Barbara ihren Mann mit der Sprechstundenhilfe Margret Hecht auf dem Schreibtisch in flagranti. Abends forderte sie ihn auf, in die leer stehende Wohnung seines Vaters zu ziehen.

Am nächsten Tag verhaftet Dühnfort in Starnberg den Kleinkriminellen Marcel Schneider, der bei eBay das Mountainbike anbot, das Wolfram Heckeroth Anfang Juli gekauft hatte. Er habe es am 14. Oktober an der S-Bahn-Station Wolfratshausen bemerkt, weil es nicht abgesperrt gewesen sei, sagt Schneider nach langem Leugnen und gibt den Diebstahl zu. Die Bankkarte und die Kreditkarte, die in seinem Haus sichergestellt wurden, seien in der Satteltasche gewesen, aber er habe es nicht gewagt, sie zu benutzen.

Caroline musste ihrer Mutter kurz vor deren Tod versprechen, das Tagebuch und die aufbewahrten Briefe zu vernichten. Bevor Caroline das Versprechen einlöst, liest sie die Aufzeichnungen, die am 15. Oktober 1962 beginnen und einen Zeitraum von zwölf Jahren abdecken. Am Ende sind allerdings ein paar Seiten herausgerissen. Elli beklagt sich darüber, dass Wolfram die ehelichen Pflichten ohne Rücksicht auf ihre Gefühle von ihr einforderte und dabei unersättlich war. Den ersten Brief, den Caroline in die Hand nimmt, schrieb ihre Mutter am 11. Dezember 1963 an Peter Brandenbourg. Es handelt sich um einen Liebesbrief. Elli hatte ein Verhältnis mit dem fünfzehn Jahre Älteren, einem Verwaltungsdirektor, der ebenfalls verheiratet war und zwei Kinder hatte. Caroline vermutet, dass es sich bei dem 1951 in München geborenen Geiger Christian Brandenbourg um Peter Brandenbourgs Sohn handeln könnte. Sie ruft ihn an und verabredet sich mit ihm am 22. Oktober in einem Restaurant.

Christian Brandenbourg schickte Elli die Liebesbriefe nach dem Tod seines Vaters. Er wusste, dass die beiden sich liebten, denn er hatte sie im Nymphenburger Schlosspark zufällig bei einem Kuss überrascht. Die Affäre blieb auch seiner Mutter Gertrude, einer geborenen Baronesse von Schweigt-Cosfeld, nicht verborgen. Aber statt ihren untreuen Ehemann zur Rede zu stellen, forderte sie Elli auf, auf Peter zu verzichten. Elli gestand daraufhin Wolfram, dass sie ihn verlassen und mit ihrem Liebhaber zusammenleben wolle. Wolfram Heckeroth, der sich niemals mit so einer Niederlage abgefunden hätte, verlangte von Peter Brandenbourg, die Beziehung zu beenden. Dabei gerieten die beiden Männer in einen heftigen Streit, und Peter Brandenbourg erlag einem Herzanfall. Für den zwölfjährigen Christian begann eine harte Zeit, denn er strebte eine Karriere als Geiger an, aber seine Mutter verachtete Musiker.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Am 23. Oktober überschlagen sich die Ereignisse.

Die mit gespeicherten Handy-Daten erstellten Bewegungsprofile bestätigen Bertram Heckeroths Angabe, er sei am 5. Oktober in Münsing gewesen. Das nächste Mal fuhr er am 13. Oktober nach Wolfratshausen. Die Aufzeichnung einer Überwachungskamera zeigt ihn bei der Ankunft um 18.35 Uhr mit seinem Mountainbike. Um kurz nach 21 Uhr wird er erneut von der Überwachungskamera erfasst, diesmal jedoch mit dem Rad seines Vaters. Albert Heckeroth war am 6. Oktober in Münsing, und dann auch erst wieder am 13. Oktober, und zwar zur gleichen Zeit wie sein Bruder. Sein Handy meldete sich in der entsprechenden Funkzelle um 19.06 Uhr an. Zweiundzwanzig Minuten später meldete er der Polizei den Mord.

Dühnfort stellt folgende Hypothese auf: Bertram Heckeroth fährt von Wolfratshausen mit dem Mountainbike zum Wochenendhaus und stellt es davor ab. Im Bad stößt er auf die Leiche seines Vaters. Als er das Auto seines Bruders hört und sieht, flüchtet er durchs Fenster, denn er will nicht wegen seiner finanziellen Schwierigkeiten und seiner Anwesenheit am Tatort als Mörder seines Vaters verdächtigt werden. Mit dem Handy fotografiert er aus einem Versteck heraus Albert, der offenbar Spuren beseitigt, statt sofort die Polizei anzurufen. Um nicht in den Bereich des Bewegungsmelders zu treten, holt Bertram das Mountainbike seines Vaters aus dem Schuppen und kehrt damit zur S-Bahn-Station Wolfratshausen zurück. Albert wundert sich darüber, dass das üblicherweise im Schuppen stehende Mountainbike seines Vaters an einem Holzstoß im Freien lehnt, aber ohne darüber weiter nachzudenken, legt er das Rad in den Kofferraum des Geländewagens seines Vaters, stellt das Auto auf den Hotelparkplatz, kehrt mit dem Mountainbike zurück und wählt die Notrufnummer.

Währenddessen findet Barbara im Schreibtisch ihres Mannes die teure Uhr ihres Schwiegervaters, die angeblich gestohlen wurde. Bertram deponierte also nicht nur die Schlüssel, sondern auch die Uhr als Beweisstück bei seinem Bruder. Unvermittelt steht Albert in der Tür. Barbara zeigt ihm die Uhr und erzählt ihm von dem Schlüsselbund, den sie wegwarf, um Bertrams Plan zu durchkreuzen. Die Uhr will sie nicht auch noch verschwinden lassen, sondern lieber Kommissar Dühnfort anrufen und ihm alles berichten. Er sei ohnehin gleich mit dem Ermittler im Wochenendhaus des Vaters verabredet, sagt Albert, sie könne mitkommen und mit Dühnfort reden.

Während der Fahrt kommen Barbara Zweifel. Könnte es sein, dass Albert die Beweisstücke nicht von seinem Bruder untergeschoben wurden, sondern er sie selbst in den Schreibtisch legte? Ist er der Mörder? Bertram kann er allerdings nicht umgebracht haben, denn zum Tatzeitpunkt war er mit ihr im Bett. Verunsichert sucht Barbara in der Raststätte Höhenrain die Toilette auf. Im Waschraum trifft sie auf eine junge Polizistin. Soll sie um Hilfe bitten? Vor Aufregung fegt sie ihre Handtasche vom Waschbecken und muss den Inhalt wieder aufsammeln. Aber sie versichert der besorgten Polizistin, es sei alles in Ordnung.

Polizeihauptmeisterin Christine Meingast kennt den Mann, zu dem die nervöse Frau ins Auto steigt: Albert Heckeroth, dessen Notruf dazu führte, dass sie am 13. Oktober zu dem Wochenendhaus bei Münsing fuhr. Sie wählt Dühnforts Nummer und berichtet ihm, was sie gerade sah. Aufgrund der Beschreibung nimmt Dühnfort an, dass es sich bei Heckeroths Begleiterin um dessen Ehefrau handelt. Er bittet die junge Kollegin, den beiden unauffällig zu folgen und sie zu observieren.

Im Wochendhaus erzählt Albert seiner Frau, sein Vater habe ihm absichtlich den Hochzeitstag verdorben. Den Siphon hätte er problemlos selbst reparieren können. Anschließend verhöhnte er ihn, weil Albert sich nicht geweigert hatte, nach Münsing zu kommen: „Du bist genauso ein Waschlappen wie dein Vater!“

Albert hatte von klein auf geglaubt, der Lieblingssohn seines Vaters zu sein. Inzwischen weiß er, dass er für Wolfram nur eine Art Trophäe darstellte. Als Wolfram von Ellis Liebesbeziehung mit Peter Brandenbourg erfahren hatte, vergewaltigte er sie, um seinen Besitzanspruch zu demonstrieren. Dabei sei Albert gezeugt worden, meinte Wolfram. Nach dem Tod seiner Frau entnahm er jedoch deren Tagebuch, dass Peter Brandenbourg Alberts Vater war. Die Seiten riss er heraus. Nachdem Albert den Siphon repariert hatte, warf ihm Wolfram an den Kopf, dass sie nicht Vater und Sohn waren.

Seither versteht Albert, wem er seine außergewöhnliche musikalische Begabung verdankt, die einem Musiklehrer in der Schule aufgefallen war. Im Alter von elf Jahren fing er an, Geige zu spielen. Als die schulischen Leistungen sanken, verlangte Wolfram von ihm, mit dem „Gefiedel“ aufzuhören. Aber statt den Musikunterricht einfach zu verbieten, erwartete er von dem Jungen Einsicht. Zu diesem Zweck schickte er ihn in einen Verschlag unter der Stiege, die in den Keller führte. Dort sollte er nachdenken und sich entscheiden. Erst dann durfte er wieder nach oben kommen. Albert blieb zweieinhalb Tage im Keller. Caroline wollte ihm etwas zu trinken und zu essen bringen, aber der Vater verbot es. Als Albert nach vierundfünfzig Stunden endlich wieder auftauchte, war er so dehydriert, dass er kollabierte und beinahe gestorben wäre.

Die Eröffnung seines vermeintlichen Vaters am Hochzeitstag riss Albert das Fundament seines Lebens weg. Er drehte durch, fesselte den Vater an den Heizkörper im Bad und wollte sich für die Tortur rächen, die er mit elf Jahren durchgemacht hatte. Eigentlich beabsichtigte er, den Vater nach zwei Tagen wieder zu befreien, aber am 8. Oktober wollte Barbara mit ihm ins Kino. Deshalb verschob Albert die Fahrt nach Münsing auf den nächsten Morgen. Als er dann Material für eine bei seinem Vater gewiss nötige Infusion aus der Praxis holen wollte, rief ihn eine Hausbewohnerin, deren Ehemann zusammengebrochen war. Nachdem er Herrn Cernovsky wiederbelebt hatte und der Notarzt eingetroffen war, saßen bereits die ersten Patienten im Wartezimmer. Und schließlich war es zu spät, um den Gefangenen zu retten. Er habe auch Angst vor Wolfram gehabt, gibt Albert zu, und deshalb mit der Befreiung gezögert.

Christine Meingast steht mit dem Streifenwagen im Wald und beobachtet das Ehepaar durch ein Fenster. Dühnfort trifft ein. Er hat bereits Verstärkung angefordert, aber als er den Eindruck gewinnt, dass die Situation im Wochendendhaus außer Kontrolle gerät, greift er ein. Heckeroth reißt die Türe auf. Er hält Barbara vor sich und drückt ihr ein Messer an die Halsschlagader. Nach ein paar Sekunden zerrt er seine Frau zurück und knallt die Türe zu.

Christine Meingast, die im Streifenwagen warten sollte, klettert durchs Fenster ins Wochenendhaus und fordert Heckeroth mit vorgehaltener Dienstwaffe auf, das Messer fallen zu lassen, das er seiner Frau sofort wieder an den Hals gedrückt hat. Heckeroth schubst Barbara gegen die Polizistin, entreißt dieser die Pistole und schießt sie nieder.

Dühnfort, der den Schuss gehört hat, sieht durchs Fenster, dass die junge Frau in einer sich rasch ausbreitenden Blutlache am Boden liegt. Um sie zu retten, macht er sich bemerkbar und drängt Heckeroth, ihn statt der beiden Frauen als Geisel zu nehmen. Sie könnten losfahren, bevor die Verstärkung eintrifft. Heckeroth lässt Dühnfort ein. Der Kommissar fordert einen Rettungshubschrauber an und drängt den Kinderarzt, der Schwerverletzten Erste Hilfe zu leisten. Als Heckeroth sich über die Polizistin beugt, zieht Dühnfort seine Waffe und legt ihm Handschellen an.

Kurz darauf landet ein Rettungshubschrauber. Christine Meingast überlebt die Schussverletzung.

Barbara weiß jetzt, dass Albert seinen Vater ermordete und beinahe auch sie getötet hätte. Aber wer brachte Bertram um? Albert könne es nicht gewesen sein, meint sie, denn zur Tatzeit trank sie mit ihm Gin Tonic und ging dann mit ihm ins Bett. Ob sie nach dem Sex besonders tief geschlafen habe, fragt Dühnfort.

„Hat Albert etwas in den Drink getan?“, fragte sie ungläubig.
Dühnfort wies auf das Mikrofon [des Aufnahmegeräts]. „Ich brauche erst eine Antwort auf meine Frage.“
Sie beugte sich vor. „Ich habe tief und fest geschlafen wie schon lange nicht mehr“, sagte sie deutlich und ließ sich zurück in den Stuhl fallen.

Am 27. Oktober unternimmt Konstantin Dühnfort seinen ersten Segeltörn auf dem Starnberger See. Er ist zweihundert Meter vom Ufer entfernt, als plötzlich eine Bö den Großbaum herumreißt. Mit gebrochenem Oberarm wird Dühnfort über Bord geschleudert. Die Kleidung zieht ihn nach unten. Als er es dennoch kurz schafft, aus dem Wasser zu schauen, wird ihm klar, dass er mit dem gebrochenen Arm weder das Boot noch das Ufer erreichen kann. Da taucht Gina Angelucci neben ihm auf. Er klammert sich an sie. Sie drohen beide zu ertrinken. Aber da kommt Schorsch, ein Bekannter Sylvia Ullmanns, der ihm geholfen hatte, das Boot ins Wasser zu hieven.

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„In weißer Stille“ ist der zweite Roman, den Inge Löhnig über den aus Hamburg stammenden, in München tätigen Kriminalhauptkommissar Konstantin Dühnfort geschrieben hat. Obwohl einige Motive aus „Der Sünde Sold“ aufgegriffen werden, handelt es sich um einen in sich geschlossenen, also ohne Vorkenntnisse verständlichen Kriminalroman.

Wieder hat Inge Löhnig in die Thriller-Handlung auch einige Entwicklungen in Dühnforts Privatleben eingebaut. Das bringt uns den Protagonisten nahe und macht ihn lebendig. Farbig, kontrastreich und anschaulich sind aber auch die anderen Romanfiguren. Das ist eine der großen Stärken von Inge Löhnig.

Der aktuelle Teil der Handlung von „In weißer Stille“ spielt im Oktober 2008. Aber dem Kriminalfall, den Konstantin Dühnfort hier zu lösen hat, liegt eine bis in die Sechzigerjahre zurückreichende tragische Familiengeschichte zugrunde, die nach und nach ans Licht kommt, ebenso wie die Zusammenhänge im Verlauf der Ermittlungen Stück für Stück erkennbar werden. Mit einer Reihe von Nebenhandlungen lockt uns Inge Löhnig auf falsche Spuren. Den Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen nutzt sie in ihrem komplexen, eindrucksvollen und spannenden Roman „In weißer Stille“ immer wieder für Cliffhanger. Auch wenn man spätestens in der Mitte des Buches zu wissen glaubt, wer der Mörder ist, bleibt „In weißer Stille“ bis zur letzten Seite fesselnd.

Der Titel stammt aus dem Roman „Pêcheur d’Islande“ („Islandfischer“, Neuübersetzung: Dirk Hemjeoltmanns und Otfried Schulze, dtv, München 2011, 220 Seiten, ISBN 978-3-423-14038-6) von Pierre Loti (1850 – 1923) aus dem Jahr 1886:

Rund um Island herrschte das seltene Wetter, das die Seeleute die weiße Stille nennen.

Nach „Der Sünde Sold“, „In weißer Stille“ und „So unselig schön“ veröffentlichte Inge Löhnig im November 2011 den vierten Kriminalroman über Kommissar Konstantin Dühnfort: „Schuld währt ewig“ (List Taschenbuch, München 2011, 432 Seiten, ISBN: 978-3548610696).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

Inge Löhnig: Der Sünde Sold
Inge Löhnig: So unselig schön
Inge Löhnig: Sieh nichts Böses

Max Frisch - Montauk
Die Erzählung über eine Romanze im Mai 1974 teilt Max Frisch in viele einzelne Teile auf, die er mit älteren Erinnerungen, Tagebuchauszügen, Selbstreflexionen und anderem autobiografischen Material zu einer Collage montiert – wodurch das Werk über die individuelle Konfession hinausgehoben wird.
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