Colum McCann : Zoli

Zoli

Colum McCann

Zoli

Originalausgabe: Zoli Weidenfeld & Nicolson, London 2006 Übersetzung: Dirk van Gunsteren Rowohlt Verlag, Reinbek 2007 ISBN 978-3-498-04489-3, 383 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die in der Nähe von Bratislava geborene Roma Zoli Novotna überlebt den Holocaust. Nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sie Gesänge ihres Volkes als Gedichte veröffentlichen. Weil die in der Slowakei inzwischen herrschenden Kommunisten sie als Vorzeige-Zigeunerin instrumentalisieren, während man die Roma zwangsweise umsiedelt, wird Zoli von ihrer Sippe verstoßen. Zugleich von ihrem Geliebten verraten, schlägt sie sich allein in den Westen durch, wo auf Freiheit hofft ...
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Kritik

In seinem Roman "Zoli" erzählt Colum McCann die bewegende Geschichte einer starken Frau, schildert Sitten und Gebräuche der Roma, ohne sie zu romantisieren und beleuchtet einige Etappen in der europäischen Zeitgeschichte von den Dreißigerjahren bis 2003.
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Als das sechsjährige, in der Nähe von Bratislava geborene Zigeunermädchen Zoli – eigentlich heißt es Marienka Bora Novotna – von einer dreitägigen Reise mit dem verwitweten Großvater zurückkehrt, werden sie Zeugen, wie die Kumpanija samt Pferden und Wagen von Hlinka-Gardisten mit Maschinengewehren auf einen zugefroreren See getrieben wird. Gegen Mittag, als die Temperatur ansteigt, bricht das Eis.

Nur Zoli und ihr neununddreißigjähriger Großvater entkommen dem Pogrom. Eilig, immer in Gefahr, ebenfalls von den Anhängern Andrej Hlinkas (1864 – 1938) und Aktivisten der Slowakischen Volkspartei niedergemetzelt zu werden, ziehen die beiden mit ihrem Fuhrwerk weiter. Der Großvater, der sich für einen Kommunisten hält, bringt Zoli Lesen und Schreiben bei, schärft ihr jedoch ein, es anderen Roma nicht zu verraten, denn es geziemt allenfalls den Sippenältesten, lesen zu können.

Im Alter von acht Jahren befreundet Zoli sich in einer anderen Kumpanija mit der gleichaltrigen Conka. Deren Mutter, die gern Harfe spielt, verirrt sich eines Tages in den Gassen hinter dem Obstmarkt. Hlinka-Gardisten zerren sie ins Hinterzimmer einer Buchhandlung und pressen sie auf einen Tisch. Dann reißen sie ihr die Fingernägel aus und hängen sie ihr an einer Schnur um den Hals. Conka wird nie wieder Harfe spielen können. Aus Rache zünden ihr Vater und Zolis Großvater die Buchhandlung an, bevor die Kumpanija den Ort verlässt.

Als Zoli vierzehn Jahre alt ist, verheiratet der Großvater sie mit Petr. Der ist zwar schon ein Greis, aber dem Großvater geht es darum, dass Zoli einen Mann bekommt, der ihr das heimliche Schreiben und Lesen nicht verbietet. Einen Monat später vermählt Conka sich mit Fjodor.

Vor den Nationalsozialisten verstecken die Roma sich im Wald bei Trnava. Dort wird ihr Lager von einem deutschen Jagdflieger entdeckt und beschossen. Zolis Großvater kommt dabei ums Leben.

1948 reist der vierundzwanzigjährige Journalist Stephen Swann nach Bratislava, um an der von dem Kommunisten Martin Stránský herausgegebenen avantgardistischen Literaturzeitschrift „Credo“ mitzuarbeiten. Swann wuchs als Sohn einer irischen Krankenschwester und eines aus der Slowakei nach Irland ausgewanderten Dockarbeiters auf. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kehrte sein Vater in die Heimat zurück, schloss sich dort den Partisanen an – und kam bei den Kämpfen ums Leben. Swanns Mutter starb bald darauf ebenfalls.

Eigentlich soll Swann für Stránský ausländische Autoren übersetzen, aber bald besteht seine Hauptaufgabe darin, ein- bis zweimal pro Woche mit dem schrottreifen Motorrad seines Chefs zu einer Roma-Kumpanija zu fahren, bei der Stránský die perfekte proletarische Dichterin gefunden zu haben glaubt: Zoli. Die junge Frau, die inzwischen Anfang zwanzig ist, singt zu der traditionsreichen Musik ihrer Leute, variiert dabei bestehende Gesänge und erfindet eigene. Swann nimmt sie mit einem Tonbandgerät auf.

Nach dem Tod von Zolis Ehemann Petr lassen sie und Swann sich auf ein Liebesverhältnis ein, obwohl sie mit massiven Sanktionen rechnen müssen, falls ihr Geheimnis entdeckt wird.

Im Herbst 1953 bringt Stránský einen schmalen Band mit Gedichten von Zoli heraus. Sie wird zu Lesungen eingeladen, verkehrt in literarischen Kreisen und wird Parteimitglied.

Die Kommunisten, die zu wissen glauben, was für die Menschen gut ist, bauen Siedlungen für die Roma, zwingen sie, das Nomadenleben aufzugeben und verbrennen die Räder ihrer Wagen. Sie verstehen nicht, warum die Roma sich gegen saubere Häuser mit fließendem Wasser und Zentralheizung sträuben, aber sie lassen auch keine anderen Meinungen zu. Die revolutionäre Aufbruchstimmung ist längst vorbei, und Zoli wird nun als Vorzeige-Zigeunerin missbraucht.

Auf den Straßen sah man immer mehr Gefangenentransporte. Bald hörten wir von Tänzern, die Gräben aushoben, von Professoren, die Kuhställe ausmisteten, von Philosophen, die Pappkartons falteten, von Ladeninhabern, die auf dem Bauch in Straßengräben lagen, von Dichtern, die in Waffenfabriken arbeiteten. Wegweiser wurden entfernt, Straßen umbenannt. (Seite 123)

Martin Stránský wird festgenommen und gefoltert, bis er zugibt, ein Parasit der Gesellschaft zu sein. Man veröffentlicht sein Geständnis in der Zeitung, verurteilt ihn in einem Schauprozess und richtet ihn hin.

Auch Swann wird von sechs Geheimpolizisten verhaftet, aber er kommt mit dem Leben davon, als er sich verpflichtet, wöchentlich einen Bericht über die Vorgänge in der Literaten-Szene abzuliefern.

Zoli, die auf Parteiverstanstaltungen vergeblich gegen die zwangsweise Assimilierung der Roma plädierte, bittet Swann, auf die Veröffentlichung eines inzwischen vorbereiteten zweiten Gedichtbandes von ihr zu verzichten. Er behauptet, das Buch sei bereits gedruckt. Tatsächlich ist nur der Satz fertig, aber Swann beeilt sich nun mit dem Druck.

Die Roma werfen Zoli vor, durch die Veröffentlichung von Gedichten gegen die Traditionen verstoßen zu haben und richten ihre Wut über die Zwangsumsiedelungen gegen sie: Zoli wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen.

Die Neunundzwanzigjährige ist nun verfemt und fällt auch bei der Partei in Ungnade. In Swanns Wohnung in Bratislava vernichtet sie die Tonbänder mit den Aufnahmen ihrer Lieder und verbrennt die Hefte mit den Transkriptionen. Aber die Bücher mit ihren Gedichten sind bereits im Umlauf. Sie versteckt sich vor Swann, der sie überall sucht. Einmal kommt ihr Conka mit den drei Kindern entgegen: Während die Mutter stehen bleibt, überqueren Bora, Magda und Jores eigens die Straße, um Zoli ins Gesicht zu spucken.

Allein schlägt Zoli sich über die Grenze nach Ungarn und 1961 weiter nach Österreich durch, wo sie ein Jahr in einem Auffanglager verbringt, bevor sie weiterzieht. Nachdem sie einem Lastwagenfahrer, der sie ein Stück mitnahm und dann zu vergewaltigen versuchte, mit ihrem Messer ein Auge ausgestochen hat, versteckt sie sich im Kofferraum eines Autos. Pater Renk, dem der Wagen gehört, nimmt sie im Pfarrhaus auf und lässt sie als Gegenleistung putzen. Nach drei Monaten fährt er sie nach Maria Luggau. Von dort bringt der Schmuggler Enrico sie über die Berge nach Italien.

Enrico stammt aus Verona. Viele seiner Angehörigen in der ebenso wohlhabenden wie angesehenen Familie sind Richter und Rechtsanwälte. Doch er zieht es vor, mittellos in einer Berghütte zu leben und sich als Schmuggler zu betätigen. Zoli und er werden ein Paar.

Als Zoli eines Tages verhaftet wird, überwindet Enrico seinen Stolz und bittet seine Familie um Hilfe. Zoli kommt nicht nur frei, sondern erhält zudem einen italienischen Pass.

Nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs möchte sie gern ihre Heimat wiedersehen, und Enrico leiht sich eigens Geld, um mit ihr im Zug nach Bratislava zu fahren. Zoli bringt es jedoch nicht übers Herz, von Wien weiter nach Osten zu reisen: Ohne in der Slowakei gewesen zu sein, kehren sie nach Italien zurück.

– – –

Er fährt an dem schmalen Flussbett entlang, und nach und nach enthüllt sich die vermüllte Landschaft: umgekippte Eimer an der Biegung des Flusses, ein kaputter, unkrautüberwucherter Kinderwagen, ein Benzinfass, das eine trockene Zunge aus Rost herausstrecvkt, der Kadaver eines Kühlschranks in den Brombeersträuchern. (Seite 11)

Dávid Smolenak aus Presov, ein vierundvierzig Jahre alter Journalist, dem Stephen Swann von Zoli erzählte und der den Gedichtband von ihr in einem Antiquariat in Bratislava entdeckte, sucht im Jahr 2003 eine Roma-Siedlungn in Hermanovce auf. Gegen Geld berichten ihm die Männer bereitwillig von ihrem Leben, den Sitten und Gebräuchen, doch als er nach Zoli Novotna fragt, schweigen sie erst einmal. Nach einer Weile erzählen sie ihm dann doch von der Verfemten.

Beim Weggehen drängt ihn ein Rom in seine Hütte zu seiner Frau, den drei Kindern und einem Säugling. Die Frau setzt sich neben den Journalisten, öffnet ihre Bluse und drückt mit zwei Fingern die milchige Brustwarze. Entsetzt denkt Dávid Smolenak, sie wolle sich ihm anbieten. Doch stattdessen betteln die Roma um Geld, und als er versichert, sein ganzes Geld bereits den anderen gegeben zu haben, bringt der Mann ihn zum nächsten Geldautomaten.

Kurz darauf trifft Zoli in Paris ein. Enrico ist vor einigen Jahren gestorben. Die gemeinsame Tochter Francesca und deren Freund Henri holen sie im Gare de Lyon ab. Anlass ist ein Kongress mit dem Titel „Vom Wohnwagen ins Parlament. Vermächtnis und Vorstellungswelt der Roma“, an dessen Organisation Francesca maßgeblich beteiligt ist.

Ihr zuliebe geht Zoli mit zur Eröffnung. Dort wird sie von Dávid Smolenak angesprochen. Kurz darauf sieht sie Stephen Swann auf sich zukommen. Erschrocken läuft sie davon und lässt sich mit einem Taxi zur Wohnung ihrer Tochter bringen.

Francesca erzählt ihr später am Abend, sie habe mit Swann geredet. Nach den Vorgängen 1968 in Prag hatte er die Slowakei verlassen. Er lebt jetzt in Manchester. Trotz seines Alters und einer Gehbehinderung aufgrund eines Motorradunfalls in der Slowakei nimmt er noch immer an allen bedeutenden Veranstaltungen über die Roma teil.

Henri hat die Musiker von der Eröffnungsveranstaltung mitgebracht, und obwohl es schon spät ist, geht Zoli zu ihnen ins Wohnzimmer.

Der mit den Locken spielt einen Ton auf der Mandoline, einen falschen, zu hohen Ton, löscht ihn aber mit dem nächsten aus, und dann fällt, zunächst noch langsam, der Gitarrist ein. Eine Welle geht durch den Raum wie ein Wind, der über hohes Gras streicht, und es ist, als würde sich alles weiten, als würden erst das eine und dann das andere Fenster aufspringen, als würden schließlich auch die Wände verschwinden. Der Mandolinenspieler schlägt einen hohen Akkord an und nickt Zoli zu. Sie lächelt, hebt den Kopf und beginnt.
Sie beginnt. (Seite 378f)

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In seinem Roman „Zoli“ erzählt der irische Schriftsteller Colum McCann (*1965) die bewegende Geschichte einer starken Frau mit Zügen der polnischen Roma-Dichterin Bronislawa Wajs (1910 – 1987), schildert Sitten und Gebräuche der Roma und beleuchtet einige Etappen in der europäischen Zeitgeschichte von den Dreißigerjahren bis 2003.

„Zoli“widmet sich der fremden Kultur mit echtem Interesse, mit Sorgfalt und Bewunderung für die Kunst der Roma, und lässt doch keinen Zweifel daran, dass die Heldin gegen die Sitten dieser Kultur verstoen muss, um zu werden, was sie sein will.
(Kai Wiegandt, Süddeutsche Zeitung, 7. Februar 2007)

Das in sechs Blöcke aufgeteilte Geschehen wird von Colum McCann aus wechselnden Perspektiven wiedergegeben: In einem vorgezogenen Teil eines 2003 in der Slowakei spielenden Kapitels schreibt er in der 3. Person Singular über den Journalisten Dávid Smolenak. Dann beginnt die eigentliche Handlung: „Tschechoslowakei, Dreißigerjahre bis 1948/49“. Wir lesen einen Text, den Zoli in der Ich-Form für ihre Tochter zu Papier bringt. Als Nächstes schildert Stephen Swann – ebenfalls in der Ich-Form – seine Erlebnisse mit Zoli: „England – Tschechoslowakei, Dreißigerjahre bis 1959“. Über Zolis Flucht geht es in „Tschechoslowakei – Ungarn – Österreich, 1959 bis 1960“. Das Kapitel steht in der 3. Person Singular. Mit der Fortsetzung der Episode, die wir aus dem Prolog kennen, springen wir von 1960 ins Jahr 2003. In „Compeggio, Norditalien 2001“ schreibt die inzwischen dreiundsiebzigjährige Zoli ihre Erinnerungen an die Begegnung mit Enrico zu Beginn der Sechzigerjahre für ihre Tochter auf. Das letzte, wieder in der 3. Person Singular verfasste Kapitel spielt 2003 in Paris.

Colum McCann geht es nicht so sehr um die psychologische Entwicklung seiner Figuren als um das äußere Geschehen – und das ist fulminant. Die Handlung entwickelt er in eindringlichen Szenen, ohne die Traditionen der Roma zu idealisieren oder gar in die Nähe der Zigeunerromantik zu geraten. Sprachlich wechselt Colum McCann zwischen kurzatmigen Sätzen und pathetischen Metaphern. Dass nicht alle stilistischen Details überzeugen – es wäre beispielsweise nicht nötig, bei jedem Polizisten, Soldat oder Milizionär zu schildern, wie dieser sich mit dem Gummiknüppel drohend ans Bein klopft –, beeinträchtigt nicht wirklich das grandiose Gesamtkonzept.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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