Martin Mosebach : Eine lange Nacht

Eine lange Nacht

Martin Mosebach

Eine lange Nacht

Eine lange Nacht Originalausgabe: Aufbau-Verlag, Berlin 2000 ISBN 3-351-02895-4, 576 Seiten, 49.90 DM (D) Aufbau Taschenbuch, Berlin 2003 ISBN 3-746-61974-2, 576 Seiten, 10.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Obwohl Ludwig beim Jura-Examen gescheitert ist, wird er zum "General Manager" des europäischen Ablegers eines indischen Handelshauses ernannt, das billige Baumwollwaren nach Europa exportieren will. Zusammen mit Bella, der von ihm eingestellten Sekretärin und einzigen Mitarbeiterin, gelingen Ludwig erste Geschäftsabschlüsse. Nach einiger Zeit fangen die beiden eine Affäre an, obwohl Bella mit dem Herumtreiber Fidi Lopez verheiratet ist ...
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Kritik

"Eine lange Nacht" ist eine Art ironischer Bildungsroman. Die Figuren sind Alltagsmenschen, die Ereignisse unspektakulär. Statt einen Spannungsbogen aufzubauen, reiht Martin Mosebach auf kunstvolle – mitunter ermüdende – Weise Episoden aneinander.
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Frankfurt am Main. Nach dem Scheitern seiner Beziehung mit Erika und dem Abbruch seines Jura-Studiums träumt Ludwig Drais von einer Karriere als Kunsthändler. Doch es gelingt ihm nicht, für Frau von Schenkendorff das Plein-air-Gemälde „Strand bei Zingst“ von Max Liebermann zu verkaufen. Auch der reiche Jurist und Geschäftsmann van Twillebeeckx interessiert sich nicht für das Bild, aber er überzeugt eine indische Industriellenfamilie in Karachi, Ludwig zum „General Manager“ von „Nephew & Nephew Europe“ zu machen, einem neuen Importunternehmen, das zunächst nur aus einer einzigen Person besteht.

Ludwig leiht sich Geld von Bekannten – Frau Rüsing, Rechtsanwalt Bruno Hütte, Ernst Walter Koschatzki –, mietet einen mit Neonröhren beleuchteten Kellerraum und stellt eine junge Frau, deren Aushang er am Schwarzen Brett in der Universität las, als Sekretärin ein: Bella Lopez. Ihr Ehemann, der arbeitslose achtundzwanzigjährige Federico („Fidi“) Lopez, der mitunter Passanten auf der Straße beim Hütchenspiel austrickst, hilft in dem neuen Handelsunternehmen als Hausmeister, Fahrer, Bote, Reparateur und setzt sich ans Telefon, wenn Ludwig und Bella zugleich unterwegs sind, um Kunden für die billigen, aus Karachi und Hyderabad importierten Baumwollwaren zu akquirieren. Bellas Mutter, Erna Klobig, die Fidi nicht leiden kann, sagt über ihn:

„Lopez ist der Erfinder des Nebenberufs. Er ist nicht faul, im Gegenteil. Er ist unablässig auf den Beinen. Er ist viel zu beschäftigt, um zu arbeiten.“ (Seite 242)

Erna erzählt dem Chef ihrer Tochter, dass Bellas Vater Reinhold, ein Studienabbrecher, Sohn eines Physikprofessors und einer Norwegerin, sich das Leben nahm, indem er seinen Kopf ins Backrohr eines Gasherdes steckte. Vorher war Erna mit dem Maler Schwanzke zusammen gewesen, danach hatte sie Klobig geheiratet. In der Aldi-Filiale in der Eschersheimer Landstraße hat Erna Klobig Hausverbot wegen Ladendiebstahls.

Bella macht sich bei „Nephew & Nephew Europe“ unentbehrlich und kommt auch mit Ludwigs etwas schmuddeligem Boss, Mr Khan aus Karachi, besser klar als der „General Manager“.

Als Ludwig nach den ersten Geschäftsabschlüssen seine Studentenbude aufgibt und eine Wohnung mietet, überredet er die Hausverwaltung, Bella und Fidi – die seit einem halben Jahr bei Erna Klobig auf dem Sofa geschlafen haben – ins Souterrain ziehen zu lassen.

Einige Zeit später fängt Ludwig mit seiner Sekretärin ein Verhältnis an, aber Bella klagt:

„Fidi werde ich auch nie loswerden. Fidi wird mich nie verlassen. Ich werde nie frei sein.“ (Seite 351)

Ludwig verspricht ihr, mit Fidi zu sprechen und lädt ihn eines Abends zu einem Kneipenbesuch ein. Fidi will zu der Wirtin Hermine, die aus „Karls Pilsstation“ eine „Minnies“ genannte Kneipe gemacht hat. Weil Hermine sich zu ihnen setzt, findet Ludwig keine Möglichkeit, mit Fidi über Bella zu reden. Nach drei Flaschen Sekt greift Fidi der Wirtin unbekümmert in den Pullover, hebt „die große weiße Brust wie einen Sack voll Milch und Sahne heraus“ (Seite 410) und weist Ludwig auf die kleine Brustwarze hin. Dann verschwinden sie zu dritt in dem Zimmer hinter der Tür mit dem Schild „Privat“ und ziehen sich aus. Nachdem Fidi sich „in einen bräunlichen Waldmenschen“ verwandelt und die Wirtin angefallen hat wie ein „Marder, der sich in den Hals einer blütenweißen aufgeschwollenen Gans verbeißt“ (Seite 411), fordert er Ludwig auf: „Los. Jetzt du.“

Als alles vorbei ist und sie sich wieder anziehen, sieht Ludwig den Manschettenknopf am Boden liegen, den er vor einiger Zeit in der Souterrainwohnung verloren hatte. Er muss aus Fidis Hosentasche gefallen sein.

Fidi ist so betrunken, dass er beim Ausparken das Auto vor ihm schrammt, und Ludwig zieht es vor, zu Fuß zu gehen.

Vor dem Haus, in dem er wohnt, stößt er auf Bella, die dort auf ein Taxi wartet: Sie muss ins Unfallkrankenhaus. Fidi ist tödlich verunglückt. Er war der Besatzung eines Streifenwagens aufgefallen, hielt jedoch nicht an, sondern raste davon – bis er auf einer Pfütze ins Schleudern geriet.

Nach der Einäscherung der Leiche ihres Mannes holt Bella ihre Sachen aus dem Souterrain und zieht zu Ludwig.

Bald darauf stirbt dessen Vater nach monatelanger schwerer Krankheit.

Eines Abends wundert Ludwig sich im Treppenhaus über Geräusche in seiner Wohnung, denn er weiß, dass Bella einen Kundentermin hat. Es ist Bellas Mutter; sie ist dabei, die Inneneinrichtung zu verschönern. Seit sie erfahren hat, dass Ludwig gar kein Jurist ist, sondern sein Studium abgebrochen hat, will sie nicht mehr, dass Bella seine Frau wird. Sie erwartet stattdessen von ihm, dass er ihr hilft, Bella mit Mr Khan zu verheiraten, der seit einem Jahr verwitwet ist. Bella soll sich hier in der Wohnung mit dem Inder verabreden. Ludwig hört Erna Klobig lange zu. Dann brüllt er: „Jetzt ist es genug!“, packt sie am Hals und schüttelt sie.

Erna Klobig taumelte zurück. Sie rieb sich den Hals. An der Seite war etwas Dunkles zu sehen – ein blauer Fleck? Ganz ruhig, und indem sie es vermied, Ludwig den Rücken zuzukehren, suchte sie ihre Handtasche und ihren linken Schuh, der bei dem Angriff davongeflogen war, sie hatte ihn vorher auf den Zehen herumgewippt. Ganz zu sich selbst gewandt, hörte er sie ungläubig murmeln: „Er wollte mich wirklich umbringen.“ (Seite 530)

Obwohl Ludwig klar ist, dass er sich Bellas Mutter zur Feindin gemacht hat, beabsichtigt er, seiner Geliebten einen Heiratsantrag zu machen.

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Das Bild war klein und wirkte von weitem wie schmutziger Lehm. Kein Licht und keine Tiefe war in den Farben. Opake Pasten, auf der Palette hin- und hergeschoben, gemischt und gemanscht, von düsterer, unbestimmbarer Tönung. Die Farben hatten sich gegen die immer neuen Mischungen gleichsam gewehrt, indem sie schon auf dem Pinsel ihren Geist aufgaben. Bei genauerem Hinsehen war dann doch etwas zu erkennen auf der leicht gebogenen Malpappe. Ein Erdhaufen lag im Schatten, ein paar vom Wind gebeugte Halme wuchsen darauf wie schütteres Haar. Ein schlammiger Weg erreichte schräg ansteigend die Höhe des Haufens. Dort stand ein unförmiger Kasten, vielleicht in Strandkorb, und ragte in den gelbgrauen Himmel, der von dunkler Feuchtigkeit troff […]
„Eine kolossal ulkige Sache“, sagte die Besitzerin und nahm das Bild mit leicht zitternden Händen, deren krumm gewachsene Fingernägel nicht ganz sauber waren, von der Wand. „Liebermann saß in den Dünen und übte sich in Plein-air-Malerei“ – sie sagte „Pleng-Air“ –, “ und da fiel ihm das Bild wie eine gebutterte Stulle in den Sand.“ Die ganze Vergeblichkeit, im Freien zu malen, komme in dem „Strand von Zingst“ zum Ausdruck. Wenn es warm sei, locke der Geruch der Ölfarbe Mücken und Fliegen an. Die Wolken bewegten sich. Das Licht wechselte. Und dann fielen auch schon die ersten Tropfen und zwangen zum überstürzten Einpacken. Dabei verschmierte alles. (Seite 8f)

So beginnt der Roman „Eine lange Nacht“. Martin Mosebach zeigt dem Leser damit schon auf der ersten Seite, dass er keine rasante „Action“ erwarten darf. „Eine lange Nacht“ ist eine Art Bildungsroman mit alltäglichen Figuren und einer einfachen Handlung ohne spektakuläre Ereignisse.

Das Frappierende scheint doch zu sein, dass sich alle große Literatur auf eine ganz banale Fabel reduzieren […] lässt […]
Was nun dieses – pardon – Stoffliche angeht, so soll man sich vom Banalen nicht täuschen lassen: Wenn ein Autohändler (wie in Christoph Heins Roman Willenbrock), ein Bettenverkäufer (wie in Michael Kumpfmüllers Roman Hampels Fluchten) und ein Vertreter für pakistanische Billighemden (wie in Martin Mosebachs Roman Eine lange Nacht) ins Zentrum der dargestellten Welt vorrücken und von dort die Aschenbach-Figuren vertreiben, die in sich den Konflikt von Bürger und Künstler auszutragen hatten, so muss das nicht bedeuten, dass sich die Literatur von ihrem Anspruch verabschieden würde, Totalkunst zu sein, ganz im Gegenteil.
[…] Das Stoffliche darf durchaus banal sein, doch an die Seite dieses banal Stofflichen […] muss das Gestalterische treten. (Lutz Hagestedt, Süddeutsche Zeitung, 18. Oktober 2000)

Martin Mosebach erweist sich auch in „Eine lange Nacht“ als vorzüglicher Beobachter, und seine hintergründige Ironie lässt die Lektüre passagenweise zu einem kurzweiligen Vergnügen werden. Allerdings macht er es dem Leser nicht leicht, denn es gibt weder einen Spannungsbogen noch eine mitreißende Entwicklung. Stattdessen reiht Martin Mosebach Episoden assoziativ aneinander, und es ist ermüdend, ihm in immer neue Verästelungen zu folgen, obwohl die Übergänge kunstvoll gestaltet sind und viele eingestreute Geschichten über unterschiedliche Paarbeziehungen, gescheiterte Existenzen und Todesfälle so etwas wie Leitmotive ergeben.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Aufbau-Verlag

Martin Mosebach (Kurzbiografie)

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Traudl Junge - Bis zur letzten Stunde
Wir erfahren, wie banal und unspektakulär das Alltagsleben im Zentrum der Macht verlief, einer Macht wohlgemerkt, die Tod, Leid und Zerstörung verursachte. Es war wie im Auge des Sturms, wo man von den Verwüstungen ringsherum kaum etwas mitbekommt.
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