Martin Mosebach : Das Blutbuchenfest

Das Blutbuchenfest

Martin Mosebach

Das Blutbuchenfest

Das Blutbuchenfest Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2014 ISBN: 978-3-446-24479-5, 444 Seiten, 24.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die aus Bosnien stammende Putzfrau Ivana arbeitet um 1991 in Frankfurt für eine Reihe von Bürgern, darunter den Ich-Erzähler, einen Kunsthistoriker, der den von Sascha Wereschnikow geplanten Kongress über die menschliche Würde in den Kulturen des Balkans mit einer Ausstellung über Ivan Mestrovic bereichern soll. Während Ivanas katholische Familie in Bosnien in Existenznot gerät und auf der Flucht ihr Hab und Gut verliert, trinkt man in der dekadenten Frankfurter Gesellschaft Champagner und füttert Kätzchen mit frischer Leber ...
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Kritik

Die Kapitel in "Das Blutbuchenfest" wechseln zwischen der archaischen Tragik des in Bosnien spielenden Handlungsstrangs und der Tragikomik des von Martin Mosebach in Frankfurt angesiedelten satirischen Figurenreigens.
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Sascha Wereschnikow brüstet sich mit seinen Kontakten und lässt dabei Namen wie Henry Kissinger und Boutros Boutros-Ghali fallen. Anfang der Neunzigerjahre, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, plant er in Jugoslawien eine Konferenz mit dem Titel „Die Wurzeln und Fundamente der menschlichen Würde in den Kulturen des Balkans“ und hofft auf Teilnehmer aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen Jugoslawiens: Gelehrte, Kommunisten und Dissidenten, Separatisten und Unionisten. In der Gaststätte des aus Niederösterreich stammenden Wirts Merzinger in Frankfurt am Main spricht er den Ich-Erzähler darauf an, einen Kunsthistoriker Mitte 30. Der soll den Kongress mit einer Ausstellung über den jugoslawischen Bildhauer Ivan Mestrovic bereichern, den „Michelangelo Bosniens“, der 1930 auf dem Höhepunkt seiner Erfolge war.

Wegen der Finanzierung der Mestrovic-Ausstellung soll sich der Kunsthistoriker an Inge Markies wenden, die energische Leiterin einer Agentur, mit der Sascha Wereschnikow vor einigen Jahren eine Affäre hatte. Inge Markies empfängt den Kurator in spe, doch während des Gesprächs eilt sie in ihr Büro, telefoniert und vergisst darüber die Anwesenheit des Besuchers. Zwei Stunden sitzt der Kunsthistoriker herum, dann kommt eine junge Mitarbeiterin der Agentur herein und entdeckt ihn. Inge sei nicht mehr im Haus, sagt sie, und werde an diesem Tag auch nicht mehr zurückerwartet.

Die 20-jährige Angestellte heißt Winnie. Zufällig handelt es sich um die Frau, die dem Kunsthistoriker kürzlich in der U-Bahn auffiel. Sie trug schwere Schnürstiefel, eine militärische Tarnhose und ein T-Shirt, saß ihm schräg gegenüber, arbeitete mit dem Laptop und erhielt dann offenbar eine bestürzende E-Mail. Darauf nun angesprochen, erzählt Winnie von dem entlaufenen Kätzchen ihrer Tante Beate Colisée. In der Mail habe sie die Nachricht erhalten, dass das Kätzchen von einem Auto überfahren worden sei, sagt sie und öffnet eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank der Agentur.

Als der Ich-Erzähler ein paar Tage später mit dem Rad zu einer Verabredung mit Sascha Wereschnikow bei Merzinger fährt, stürzt er und muss sich kurz im Krankenhaus behandeln lassen. Am Ausgang trifft er auf Winnie und badet sich in ihrer Anteilnahme. Sie begleitet ihn nach Hause, und er erfährt, dass sie sich aufgrund einer Herzkrankheit alle drei Wochen im Krankenhaus untersuchen lassen muss. Die Ärzte halten eine Herztransplantation für erforderlich, aber Winnie scheut vor einem fremden Organ zurück. Unbekümmert zieht sie ihr Kleid hoch und zeigt dem Kunsthistoriker die von einer früheren Herzoperation stammende Narbe zwischen ihren Brüsten.

Von da an treffen sich die beiden häufiger, aber es gelingt dem Kunsthistoriker nicht, Winnie in sein Leben einzuflechten.

Winnie auf irgendeine Art von Beständigkeit festzunageln, wäre nicht nur sinnlos, sondern auch grausam gewesen.

Weil zu seiner Entscheidungsunfähigkeit die Unlust gehört, die Wohnung aufzuräumen, fragt er die junge Frau, die das Treppenhaus putzt, ob sie bereit sei, auch seine Wohnung zu übernehmen. Als er dabei ihren Namen erfährt – Ivana Mestrovic – fragt er sie nach dem Bildhauer Ivan Mestrovic.

Ja, den kenne sie. Nicht persönlich, er sei tot, in Amerika gestorben, aber, sie rechnete kurz nach, nah verwandt. Er stamme aus demselben bosnischen Dorf wie sie, sei nicht der Bruder ihres Großvaters, sondern sein Vetter, die Urgroßväter waren Brüder.

Ivana stammt aus einem bosnischen Bergdorf. Bei ihrer Familie handelt es sich um katholische Kroaten, die seit Generationen neben muslimischen Nachbarn leben. Ivanas Vater hatte Anfang der Sechzigerjahre ein Haus für sich, seine Frau und die acht Kinder gebaut. Arbeiter zu bezahlen, wäre nicht möglich gewesen; die Familienmitglieder mussten mit anpacken. Die Backsteine brannte Ivanas Vater selbst, und nachdem der Eigenbedarf gedeckt war, verdiente er damit Geld, aber als um 1970 herum die ersten Industriebacksteine nach Bosnien importiert wurden, stellte er den Familienbetrieb sofort ein. Während das Gehöft der Mestrovics sich leerte, ging auch Ivana fort – anders als ihre Schwester Anna, die bei den Eltern blieb.

Seit vier Jahren ist Ivana in Frankfurt mit ihrem Landsmann Stipo verheiratet. Sie bewohnen ein Zimmer im Souterrain eines Mietshauses. Ivana putzt nicht nur für den Ich-Erzähler, sondern auch für Sascha Wereschnikow, Inge Markies, den Immobilienbesitzer Breegen und dessen Geliebte Maruscha sowie Winnies altersdemente Tante Beate Colisée, wo sie schmallippig wurde, wenn sie Winnie beim Aufschneiden frischer Leber für das Kätzchen sah.

Weil Breegen vor dem letzten Bankrott beträchtliche Teile seines Vermögens seiner Frau überschrieb, kann er sich nicht scheiden lassen. Aber auf Maruscha will er auch nicht verzichten. Ihm gehört die von Maruscha genutzte Wohnung. Von Anfang an verzichtete er auf Mietzahlungen, wollte nur die laufenden Kosten ersetzt haben, aber Maruscha bezahlt auch dafür nichts.

Maruscha hielt es für angemessen, dass Herr Breegen ihren Freund Sascha Wereschnikow so respektierte, wie sie selbst das tat, und nicht auf ihn herabsah, bloß weil Sascha nicht wusste, dass sie auch Breegens Geliebte war.

Wenn Maruscha Geld benötigt, nimmt sie es sich von einem ihrer beiden Liebhaber.

Maruscha war das längst selbstverständlich; sie nahm ihm das Geld, das sie von ihm haben wollte – nie besonders viel, sie war maßvoll und bürdete keinem Mann mehr auf, als er leisten konnte –, unmittelbar und in blitzartigem Überfall ab, einfach die Brieftasche aus der Jacke ziehend, alle darin liegenden Scheine ratsch-ratsch an sich nehmend, die Tasche geschickt und sanft zurückgleiten lassend.

Während Maruscha mit Breegen auf dem Sofa im Schlafzimmer sitzt und im Fernsehen ein Interview mit Sascha Wereschnikow anschaut, von dem sie annimmt, dass es live gesendet wird, hört sie, wie ihr anderer Liebhaber die Türe aufsperrt.

Aus den Tiefen des Korridors rief gleichfalls Wereschnikows Stimme, heiter und unternehmungslustig: „Liebling“, und mischte sich mit der Fernsehstimme – Wereschnikow überall, Zeit und Raum überwindend.

Rasch drückt Maruscha Breegen die Schuhe in die Hand und schiebt ihn zu der Wendeltreppe, die in den ein Stockwerk tiefer liegenden Teil der Wohnung führt. Dort gibt es zwar auch eine Außentüre, aber sie ist abgeschlossen. Breegen sitzt in der Falle und versteckt sich in einem Wandschrank.

Schränke waren, in einem von Breegen geplanten Haus selbstverständlich, innen beleuchtet, allerdings, wie sinnvoll, nur solange die Tür geöffnet war.

Nachdem Breegen eine Weile im Dunkeln gestanden hat, wird die Schranktür aufgerissen. Aber es ist nicht Wereschnikow, sondern die Putzfrau Ivana, die gerade zur Arbeit kam und von Maruscha sofort damit beauftragt wurde, einen Herrn zu befreien.

Als Ivana den Ehemann ihrer anderen Arbeitgeberin in Maruschas Schrank vorfindet, blickt sie nicht nur hinter die Kulissen reicher Frankfurter Bürger, sondern sie wird sich der Kulissenhaftigkeit überhaupt erst bewusst.

Der Geschäftsmann bestellt die Putzfrau kurz darauf in ein Café, zahlt ihr drei Monatsgehälter aus und verspricht ihr drei weitere, wenn sie nicht versucht, mit seiner Frau Kontakt aufzunehmen. Ivana findet das zwar ungerecht – Wer hatte im Schrank gesteckt? Wer hatte ihn befreit? –, fügt sich jedoch. Zu Hause erklärt Breegen seiner Frau, die sich gerade massieren lässt, die Putzfrau habe angerufen. Wegen irgendwelcher bosnischen Querelen könne sie nicht mehr kommen. Frau Breegen ahnt, dass er lügt und vermutet, dass ihr Mann eine Affäre mit Ivana hatte.

„Wir Frauen ahnen alles, uns kann man nichts verheimlichen …“ –, Herr Breegen hatte ein Verhältnis mit Ivana gehabt, oder ein solches hatte sich zumindest angebahnt – und nun war er klug genug, sich zu befreien und zu Frau Breegen zurückzukehren. Die Entrüstung, die sich zunächst in ihr geballt hatte, wurde alsbald von einer Riesenwoge aus Erleichterung und Dankbarkeit hinweggeschwemmt.

Kurz nachdem Breegen sich im Wandschrank verstecken musste, lernt Maruscha in Merzingers Gaststätte den 23 Jahre alten Tomislaw aus Montenegro kennen, der dichtet und sein Geld als Fensterputzer in Horst Wildflecks Window-Clean GmbH & Co. KG Gebäudereinigung verdient. Wenn du mit zwei Liebhabern nicht zurechtkommst, musst du einen dritten nehmen, sagt Maruscha sich, und beginnt eine Affäre mit Tomislaw („Tommy“). Dafür trennt sie sich von Sascha Wereschnikow.

Als es dem Kunsthistoriker gelingt, die größere der beiden von den Eltern geerbten Eigentumswohnungen zu verkaufen, kann er es sich leisten, nach Shanghai zu reisen und in Bosnien nach Spuren des Bildhauers Ivan Mestrovic zu suchen. Weil er in China eine Schildkröte aß, die vor seinen Augen in kochendem Wasser getötet worden war, kauft er in Bosnien eine Schildkröte, bezahlt absichtlich zu viel dafür und setzt das Tier in der Natur aus.

Aber was hatte die chinesische Schildkröte mit der bosnischen Schildkröte zu tun?

Ivana bringt einen Sohn zur Welt. Von Anfang an ist klar, dass das Kind nicht bei den Eltern bleiben kann, sondern bei Ivanas Mutter in Bosnien aufwachsen wird. Als der kleine Branko zwölf Wochen alt ist, reist Ivana mit ihm und Stipo zur Hochzeit ihres jüngsten Bruders Mirko nach Jugoslawien. Der Ich-Erzähler nutzt die Gelegenheit, um seine Putzfrau zu begleiten, erfährt jedoch in deren Heimatort, dass Ivan Mestrovic zwar dort geboren worden war, die Eltern jedoch unmittelbar nach seiner Geburt nach Zagreb zogen. Und der Direktor der Mestrovic-Stiftung will auf keinen Fall bei einem Projekt mitwirken, an dem auch Serben beteiligt sind.

Während der Hochzeitsfeier setzt sich ein an abschüssiger Stelle abgestellter schwerer Pferdewagen trotz der mit Felsbrocken blockierten Räder in Bewegung. Die Umstehenden sehen, dass der Korb mit Branko auf dem Weg steht, aber niemand kann das Unglück verhindern: Das Kind wird von dem Wagen zermalmt.

Um die trauernde Familie nicht zu stören, reist der Kunsthistoriker am nächsten Tag ab.

Inzwischen argwöhnt er, dass Ivana Beate Colisées Kätzchen absichtlich ins Freie ließ und es in der E-Mail, die Winnie in der U-Bahn las, nicht um das Tier ging. Zur Rede gestellt, gibt Winnie zu, ihr damaliger Geliebter habe ihr in der Mail das Ende ihrer Affäre mitgeteilt. Bei dem Mann handelt es sich um den früheren Werbetexer Rotzoff, der ebenfalls zu Merzingers Stammgästen zählt.

Beim Empfang eines Achtzigjährigen im Palasthotel bricht Winnie tot zusammen. Die Ehefrau des Jubilars klagt, sie habe den ganzen Tag an der Tischordnung gearbeitet. „Sie wird nicht lebendig, wenn wir das Essen absagen.“ Die Leiche wird hinter einem Wandschirm verborgen, und die Kellner entfernen möglichst unauffällig das überzählige Gedeck. Den Kunsthistoriker, der Winnie mit hochgerutschtem Rock am Boden liegen sah, fordert sie zum Schweigen auf. Er redet denn auch kaum mit seiner Tischdame, einer passionierten Reiterin, bis sich die Gesellschaft auflöst und sie von ihrem sportlich gebräunten Ehemann abgeholt wird. Er hört, wie sie zu ihrem Mann sagt:

„Du hast mir doch gesagt, der Mann macht Ausstellungen, der Mann ist interessant, der Mann kriegt Geld von euch … Ich kann dir sagen: Der Kerl ist eine stinklangweilige Null!“

Beate Colisée kommt nach dem Tod ihrer Nichte Winnie ins Pflegeheim.

Rotzoff, der Rivale des Ich-Erzählers, scheiterte mit seiner Werbeagentur. Aber sein Selbstbewusstsein hat er deshalb noch lange nicht eingebüßt. Der Schmarotzer steht bei mehreren Bekannten in der Kreide und lässt bei Merzinger grundsätzlich anschreiben. Als ihn der Wirt nun um eine Begleichung des aufgelaufenen Betrags bittet, tut Rotzoff so, als beträfe ihn das nicht persönlich.

Rotzoff tat, als hole Merzinger sich Rat bei ihm. Merzinger sei unbelehrbar. Er, Rotzoff, habe ihm stets geraten, den Schwarm der Parasiten und Schnorrer abzuschütteln. Das Pack gehöre in den Steinbruch mit einer Eisenkugel am Bein, zehn Stunden Arbeit täglich mit der Spitzhacke.

Dann wirft Rotzoff das Ruder mit einer spontanen Idee herum: „Ich bin übrigens an einer ganz dicken, ganz heißen Sache.“ Er plane ein großes, exklusives Fest, raunt er Merzinger zu, und dabei komme dem Wirt eine Schlüsselstellung zu. Im Grunde werde nur Merzinger daran verdienen, vom Prestigegewinn für das Restaurant ganz zu schweigen. Als Ort des Festes nennt er den Garten, der zur Wohnung des Bankers Dr. Glück in einer Frankfurter Villa gehört. Das Buffet und die Getränke überlasse er Merzinger, erklärt er. Frechheit siegt. Rotzoff erreicht, dass der Wirt erst einmal nicht weiter auf der Bezahlung der Rechnung besteht und stellt sich bereits vor, dass er mit dem Erlös aus dem Verkauf der Eintrittskarten einen Teil seiner Schulden tilgen kann. Obwohl Rotzoff als Höhepunkt des nach einem markanten Baum in Dr. Glücks Garten benannten Blutbuchenfestes eine Unterwäsche-Modenschau vorschlägt, hält Merzinger 150 DM Eintrittsgeld für zu teuer. Er schlägt vor, den Preis zu reduzieren und zum Ausgleich eine Whisky-Bar zu installieren, deren Getränke nicht inbegriffen sind.

Rotzoff gibt also Eintrittskarten in Auftrag. Den Drucker vertröstet er mit der Bezahlung und stellt ihm drei Eintrittskarten für das exklusive Fest in Aussicht.

Als Inge Markies vom Blutbuchenfest hört, nimmt sie Kontakt mit Dr. Glück auf, was gar nicht so einfach ist, weil er von Assistenten und Chefsekretärinnen und Vize-Direktoren abgeschirmt wird. Sie schlägt ihm vor, zu „seinem“ Fest beizutragen.

„Mein Fest?“ Doktor Glück tat äußerst verwundert – nein nein, mit ihm habe das nicht das geringste zu tun, er stelle nur die Örtlichkeit zur Verfügung.

Am Ende verschickt Inge Markies im Einverständnis mit Dr. Glück Einladungen für das Blutbuchenfest an distinguierte Kunden ihrer Agentur und reißt die Organisation an sich. Rotzoff lässt es zu, weil er damit im Fall eines Misslingens die Verantwortung wegschieben kann. Aber er kann es sich nicht verkneifen, Dr. Glück zu warnen.

Als erfahrener Public-Relations-Spezialist sei er natürlich nie glücklich, wenn ihm eine Idee weggenommen, wenn nicht geradezu geklaut werde – dies Fest sei samt Finanzierung im Grunde fix und fertig entwickelt gewesen. Glück steige da nun ein, übernehme die Chose, trage dann freilich auch die Verantwortung. Auf Merzingers erfahrenes Personal möge er da aber lieber weniger rechnen: Die Kellnerin Evi sei eine Freizeitprostituierte, der Kellner Kevin ihr Zuhälter, der von großzügigen Griffen in Merzingers Kasse lebe, Merzinger zu blöd, um etwas zu merken.

Ivana, die inzwischen nach Frankfurt zurückgekehrt ist, erhält den Auftrag, Merzingers Personal beim Blutbuchenfest zu beaufsichtigen. Weil sie gerade zwei ihrer Stellen verloren hat – bei Breegen und Beate Colisée – ist Ivana froh über die Verdienstmöglichkeit, zumal nur Arbeit sie vom Schmerz über den Tod ihres Sohnes ablenken kann.

Während des Blutbuchenfestes telefoniert sie von der Küche aus mit ihrer Familie in Bosnien, und als sie hört, dass sich dort die Spannungen zwischen Serben und Kroaten, Christen und Muslimen zuspitzen, rät sie ihren Angehörigen zur Flucht. Der Vater will allerdings das selbst gebaute Haus nicht aufgeben.

Die Gäste beginnen zu murren, weil Merzinger nicht genügend Essen mitgebracht hat und das Roastbeef deshalb besonders dünn aufschneiden lässt. Außerdem hat niemand daran gedacht, dass die beiden in Glücks Wohnung vorhandenen Toiletten nicht reichen werden. Zunächst die Männer, dann auch die Frauen, jedenfalls die jüngeren, erleichtern sich schließlich in dunklen Ecken des Gartens, und bald beginnt es zu riechen.

Eine halbe Stunde lang schenkt Ivana Champagner aus, dann telefoniert sie erneut. Ihre Mutter, die ihr Handy stets in der Schürzentasche bei sich hat, berichtet, dass zwei Schüsse fielen, nachdem Mirko mit einem Gewehr in der Hand zu den muslimischen Nachbarn gegangen war. Er kam dann mit einer zerfetzten Schulter zurück, und Anna hat ihm den Oberarm mit einem Strick abgebunden, damit er nicht verblutet. Nach diesem Vorfall bleibt den Mestrovics nichts anderes übrig, als eilig ein paar Sachen auf den Lastwagen zu laden und loszufahren. Die drei Kühe, die kleine Ziegenherde und die Hühner lassen sie ebenso wie das Haus zurück.

Eine Horde junger Leute kommt durch das offene Tor in Dr. Glücks Garten und bedient sich am Buffet ebenso wie bei den Getränken. Bald schauen sich die Eindringlinge auch in der Villa um, und niemand hindert sie daran.

Dr. Glück erklärt Inge Markies, er habe ein Zimmer im nahen Frankfurter Hof genommen und geht mit ihr zu Fuß hin. Nach einiger Zeit kehrt sie allein zurück und wendet sich an Wereschnikow, der zu den letzten Gästen gehört. Glück sei zu betrunken gewesen, klagt sie und fährt dann fort:

Du mit deinen brillanten Verbindungen. Schickst mir einen kleinen akademischen Versager, der nur meine Büromädchen vögeln kann, und wunderst dich, dass deine Projekte nicht ins Laufen kommen.

Als Ivana endlich wieder jemanden in Bosnien erreicht, spricht sie mit ihrer Schwester Anna. Der Lastwagen blieb bei der versuchten Durchquerung eines Gebirgsbaches stecken. Die Flüchtlinge sind jetzt zu Fuß unterwegs. Hinter sich sehen sie das Gehöft brennen.

Im Morgengrauen kommt der Kunsthistoriker auf dem zu Ende gehenden Blutbuchenfest mit Renate ins Gespräch, die vor Winnie – vielleicht auch noch einmal danach – Rotzoffs Geliebte war.

Wir fanden sehr spät zueinander, erst in der Auflösungsphase des Festes.

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In seinem Roman „Das Blutbuchenfest“ kontrastiert Martin Mosebach das Auseinanderbrechen Jugoslawiens 1991 mit einem Jahrmarkt der Eitelkeiten in Frankfurt am Main. Während katholische Bewohner eines Bergdorfs in Bosnien im Bürgerkrieg zwischen Serben und Kroaten, Christen und Muslimen in Existenznot geraten und auf der Flucht ihr Hab und Gut verlieren, wird in der dekadenten Frankfurter Gesellschaft Champagner getrunken und ein Kongress über „Die Wurzeln und Fundamente der menschlichen Würde in den Kulturen des Balkans“ geplant. Verknüpft sind die beiden Handlungsebenen durch die aus Bosnien stammende, in Frankfurt lebende Putzfrau Ivana Mestrovic.

Die Planung des absurden Kongresses im Jahr 1991 erinnert an die in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ für das Jahr 1918 angestrebte „vaterländische Aktion“ zur Feier des 70. Jahrestages der Thronbesteigung Kaiser Franz Josephs I., für die es nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Untergang der Doppelmonarchie keine Grundlage mehr gibt.

Die zahlreichen Kapitel in „Das Blutbuchenfest“ wechseln zwischen der archaischen Tragik des in Bosnien spielenden Handlungsstrangs und der Tragikomik der in Frankfurt angesiedelten Gesellschaftssatire. Eine Handlung im engeren Sinn entwickelt sich erst in der zweiten Hälfte des Romans. „Das Blutbuchenfest“ besteht zum größten Teil aus einem Figurenreigen, kleinen Geschichten unterschiedlicher Qualität, die nur durch das Personal und die übergreifende Idee des satirischens Gesellschaftspanoramas verbunden sind.

Dabei lässt Martin Mosebach auch einen kraftlosen Kunsthistoriker in der Ich-Form auftreten, behält diese Perspektive jedoch nicht bei, sondern führt großenteils als auktorialer Erzähler durch das Geschehen.

Martin Mosebach nennt zwar keine Jahreszahl, doch aufgrund der politischen Ereignisse gibt es keinen Zweifel daran, dass die Handlung um 1991 spielt. Obwohl es damals weder das Internet noch Mobilfunknetze gab, werden in „Das Blutbuchenfest“ nicht nur in der U-Bahn E-Mails auf dem Laptop gelesen, sondern Ivana in Frankfurt und ihre Angehörigen in Bosnien telefonieren ein Dutzend Mal mit Handys, und Martin Mosebach erwähnt auch noch die Kleinheit der Geräte.

Er gab Maruschas Nummer ein – warum war er darauf nicht früher gekommen? Die beklopptesten Bergsteiger schickten ihre Rettungsrufe aus dem Himalaja. Er funkte sein SOS aus dem Wandschrank – nein, das tat er leider nicht: Leuchten konnte das schwarze teure Ding, aber nicht senden, hier im Schrank gab es keinen Empfang.

Tatsächlich wurden erst 2010 am Basis-Lager des Mount Everest in 5200 Metern Höhe Sendemasten aufgestellt.

Andreas Platthaus glaubt zu wissen, dass Martin Mosebach beim Schreiben nicht darüber nachgedacht und den Anachronismus dann auch nicht mehr korrigiert hat, nachdem er vom Lektorat darauf hingewiesen worden war (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Januar 2014). Selbstverständlich ist es einem Belletristik-Autoren nicht verwehrt, von der Realität abzuweichen. So wie Martin Mosebach konsequent Sopha statt Sofa schreibt, darf er seine Figuren 1991 mit Handys telefonieren und E-Mails lesen lassen. Wenn dies jedoch nicht mit einem erkennbaren Sinn einhergeht, muss er sich Kritik gefallen lassen. So auch bei der Figur des Bildhauers, dem „Michelangelo Bosniens“. Ivan Meštrović lebte tatsächlich (1883 – 1962), allerdings wurde er nicht in einem bosnischen Dorf geboren, wie es in „Das Blutbuchenfest“ heißt, sondern in Vrpolje, und wuchs in Otavice auf. Das sind beides Orte in Kroatien, nicht in Bosnien.

Den Roman „Das Blutbuchenfest“ von Martin Mosebach gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Jürgen Uter (Audiofassung: Uticha Marmon, Regie: Melanie Möller, ISBN 978-3-8337-3223-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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