Martin Mosebach : Krass

Krass
Krass Originalausgabe Rowohlt Verlag, Hamburg 2021 ISBN 978-3-498-04541-8, 525 Seiten ISBN 978-3-644-90413-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ralph Krass schart 1988 bei einer Italienreise eine Entourage um sich, zu der auch Dr. Matthias Jüngel gehört, den wir im Jahr darauf arbeits- und mittellos in der französischen Provinz wiedersehen. Im dritten Teil kann der gescheiterte Waffenhändler Krass 2008 seine Hotelrechnung in Kairo nicht mehr bezahlen ...
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Kritik

Was in dem Roman "Krass" geschieht, hat mit unserer Wirklichkeit wenig zu tun. Stattdessen spielt Martin Mosebach mit den wie Marionetten wirkenden Figuren und ihrer Verstrickung, mit der Rolle des Erzählers, der Sprache und dem Aufbau des Romans: l'art pour l'art.
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Allegro imbarazzante

Ralph Krass, ein schwerreicher deutscher Geschäftsmann, handelte früher mit koreanischem Spielzeug, inzwischen geht es jedoch um Waffen. Geld rührt der 53-Jährige nicht selbst an; für die Bezahlung von Rechnungen bar aus einem Koffer während einer Italienreise im November 1988 ist sein 33 Jahre alter Sekretär und Assistent Dr. Matthias Jüngel zuständig. Das Faktotum organisiert auch die Reise, auf der Krass seinen Geschäftspartner Levcius, den Chefarzt Docteur Philippe Lecœur-Jouët, den „Cavaliere“ bzw. Dottore Gennaro Rizzi und deren Lebensgefährtinnen eingeladen hat. Seine eigene Ehefrau hat Krass nicht mitgenommen. Klaus-Jürgen-Alexander Levcius‘ Gefährtin war früher mit Krass zusammen.

[…] die Roslovski […], ergeben, gehorsam […], eine Weile zwischen ihm und Levcius pendelnd, dann endgültig dort abgeladen; mochte der sehen, wohin er sie loswurde.

Herr Krass herrschte zunächst schweigend über seinen Kreis. Wie es seine Art war, mischte er sich nicht in Rede und Gegenrede, sondern sprach, wenn er dann doch den Mund öffnete, das abschließende, entscheidende Wort.

Zum Unterhaltungsprogramm gehört der Besuch einer Vorführung des Illusionisten Harry Renó in Neapel. Am nächsten Tag erkennt die in einem Hotel speisende Reisegruppe in einer allein ein Glas Champagner trinkenden jungen Dame eine der sechs Personen wieder, die Harry Renó aus dem Publikum auf die Bühne rief, und Krass beauftragt Jüngel, sie an seinen Tisch einzuladen.

Bei Lidewine Schoonemaker handelt es sich um die 29-jährige Tochter eines früh verstorbenen flämischen Künstlers. Ohne Geld bei sich zu haben, bestellte sie ein Glas Champagner.

Sie dachte nie über den Augenblick hinaus. Wenn Bedürfnisse sich meldeten, dann nahte auch die Gelegenheit zu ihrer Befriedigung, das war bisher so gewesen, und das würde in Zukunft nicht anders sein.

Nun erfüllt sich ihre Erwartungshaltung, und sie wird sogar zum Essen eingeladen. Der Gesellschaft gesteht sie, dass sie nicht zufällig auf die Bühne gerufen wurde, sondern als Assistentin des Illusionisten an einem der Tricks mitwirkte. Krass will sie in seiner Entourage haben und flüstert mit Jüngel:

„Sie wissen ja, ich pflege Menschen zu kaufen. […] Es geht mir jetzt um die Gesellschaft der jungen Dame, die zu uns gestoßen ist. […] Sie unterbreiten ihr folgenden Vorschlag: Sie zieht hier ins Hotel, in eine eigene Suite. Sie wird neu eingekleidet. Diese Bluse will ich nicht mehr sehen. Sie nimmt an unserem Programm teil, sie ist mir zugeordnet. Es wird keinesfalls Intimitäten zwischen ihr und mir geben […]. Sie unterhält während der Zeit unseres Zusammenseins keine andere intime Beziehung.“

Statt mit Harry Renó weiter nach Bari zu fahren, lässt sich Lidewine auf die unerwartete und großzügig honorierte Abmachung mit Krass ein.

Jüngel hat auch den Auftrag, für Krass eine außergewöhnliche Immobilie zu suchen. Als er mit der Besitzerin der Villa Faraone auf Capri und dem zuständigen Makler spricht, erklärt die Dame, nie selbst dort gewohnt zu haben. Ihr Vater habe die Villa gehasst und deshalb auch keine Reparaturen durchführen lassen.

[…] bis das Haus durch ein Loch im Dach, zunächst klein, dann immer größer, vom Winterregen derart durchtränkt gewesen sei, dass es ‒
Der Makler fiel ihr ins Wort: „Sie wollten von dem kleinen Schaden sprechen, Signora?“ […]
„Ich will sagen, daß es eingestürzt ist.“
Der Makler ergriff die Initiative: „Das hat unerhörte Vorteile. Bei der Wiederherstellung ist man ganz frei, kann auch den Grundriß verändern, kann viel leichter eine Heizung, Bäder et cetera einbauen, als wenn man sich in das alte Gebäude hineinzwängen müßte.“

Als Krass und seine Entourage die Ruine während eines Ausflugs nach Capri besichtigen wollen, gelangen sie mit einer Elektrokarren-Karawane hin, denn für Limousinen ist die Auffahrt ungeeignet. Jüngel hat zwei Architekten organisiert, die nun Krass ihre Pläne für die Restauration erläutern. Signora Concetta, die seit einem halben Jahrhundert in der Villa Faraone wohnt und sie im Auftrag der Besitzer bewacht, lässt keinen Zweifel daran, dass sie nicht freiwillig ausziehen wird. Den Hahn, den die Italienerin in einen Käfig gesperrt hat, befreit Lidewine und erklärt dazu Jahre später:

„Es ist hoffentlich Ruine geblieben, mit den Hortensien und der schlechtgelaunten alten Frau – sie hat mich dafür gehaßt, daß ich den Hahn freigelassen habe, aber ich kann Grausamkeit gegen Männer nicht ertragen. Männer können sich nicht wehren.“

Zufällig beobachtet Jüngel am Abend im Hotel, wie der Kellner Achmed zu Lidewine Schoonemaker in die Suite schlüpft. Er bleibt eigens wach und sieht ihn deshalb auch am nächsten Morgen wieder herauskommen. Entschlossen meldet er Krass, dass Lidewine den Pakt gebrochen habe. Krass beauftragt ihn denn auch, der Belgierin eine Frist von einer Stunde für das Verlassen des Hotels zu setzen.

Das Collier aus 40 echten Perlen, das Krass bei einem Juwelier für Lidewine erstand, erwartet er zurück, und als ihm Jüngel nach Lidewines Abreise die leere Schatulle bringt, entlässt er auch ihn und schickt ihn nach Deutschland zurück.

Andante pensieroso

Wir finden Jüngel im Herbst 1989 in der französischen Provinz wieder. Ein Bekannter hat ihm das Anwesen „Les Hortensias“ zur Verfügung gestellt, das von Châteauroux aus in einer zweistündigen Taxifahrt zu erreichen ist.

Während der Abwesenheit der Besitzer schaut Madame Lemoine nach dem Haus. Als sie für einige Zeit ins Krankenhaus von Châteauroux muss, bittet sie Jüngel, sich um ihre beiden Kanarienvögel zu kümmern. Das Männchen habe bereits ein Weibchen umgebracht, berichtet sie, aber inzwischen hat sie ihm eine neue Gefährtin besorgt. An einem der nächsten Tage fegt ein Kater den Käfig vom Tisch. Dabei öffnet sich das Türchen. Einer der Vögel rettet sich auf die Gardinenstange, der andere flattert aufgeregt im Käfig herum, bis Jüngel den Kater vertreibt.

Nach dem Desaster in Italien heiratete Jüngel seine Freundin Hella, aber die Ehe scheiterte nach kurzer Zeit ebenso wie seine Anstellung bei einem Verlag.

Weil er arbeits- und mittellos ist, versucht er Krass anzurufen, erreicht aber nur dessen Ehefrau, und die trifft sich mit ihm in einer Hotelhalle. Ihr Mann habe nie eine Immobilie in Italien erwerben wollen, erklärt sie Jüngel, das sei alles nur ein Spiel gewesen. Nachdem sie das Hotel verlassen hat, muss Jüngel dem Kellner gestehen, dass er die Rechnung für seinen Kaffee und die zwei von Frau Krass getrunkenen Gläser Wein nicht bezahlen kann.

In der „Auberge de l’Abbaye“ begegnet Jüngel dem Kuhhirten Toussaint, der zwar die menschliche Sprache nicht beherrscht, aber mit den Tieren reden und Milch aus den Zitzen einer Kuh saugen kann.

In derselben Gaststätte freundet sich Jüngel mit Louis Desfosses an, der als Schuster im Kloster wohnt und aus Paimbœuf bei Nantes stammt. Er war einem Vorschlag seines Vaters gefolgt und hatte die Nachbarstochter geheiratet. Bald darauf starben zunächst sein Vater und dann die Mutter. Zur selben Zeit brachte seine Frau einen Sohn zur Welt. Charles konnte im Alter von acht Jahren noch nicht sprechen und musste schließlich in die Heil- und Pflegeanstalt in Nantes eingewiesen werden. Daraufhin verließ die Mutter ihren Mann, zog ebenfalls nach Nantes, damit sie sich um Charles kümmern konnte und absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Nach der Scheidung von Louis Desfosses heiratete sie einen Chefarzt in der Provence – keinen anderen als Docteur Philippe Lecœur-Jouët! – und gebar noch drei weitere Söhne. Desfosses schloss die vom Vater übernommene Schuhwerkstatt und wurde Klosterschuster.

Er schlägt seinem neuen Freund eine „Excursion“ mit seinem alten Auto vor. Statt mit Jüngel romanische Kirchen zu besichtigen, nimmt er ihn in eine Reihe von Gaststätten mit. Bei der Rückfahrt ist er betrunken, und sie landen im Straßengraben. Im Morgengrauen sehen sie ein einsames Haus. Dort wohnt Madame Coste. Sie bewirtet die beiden Männer, ruft im Kloster an und sorgt dafür, dass ein Bauer das kaputte Auto mit seinem Traktor abschleppt.

Nachdem Krass aus Lagos zurückgekommen ist, verbindet seine Sekretärin Sonja Reiss den Anrufer Jüngel mit ihm. Aber statt Jüngel finanziell beizustehen, gibt er ihm einen Rat:

„[…] ich habe etwas Besseres für Sie als Geld. Geld gibt es überall. Ich habe einen Rat, einen kostbaren Rat aus meiner Lebenserfahrung. […] Versuchen Sie, allein durchzukommen – ohne Kredit, ganz allein. Sie werden sehen, das geht. […] Ohne Selbstvertrauen kommen Sie nicht durch. Mein ganzer Erfolg beruht auf meinem Selbstvertrauen.“

Marcia funebre

2008 wohnt Ralph Krass im Hotel Windsor in Kairo. Eigentlich wollte er mit General Mustafa Habob über ein Geschäft reden, aber der Ägypter empfängt ihn nicht. Mr Doss, der koptische Hotelier, argwöhnt, dass der bereits in ein billigeres Zimmer umgezogene Gast aus Deutschland zahlungsunfähig ist und akzeptiert deshalb keine Kreditkarte. Als Krass Geld am Automaten abheben möchte, heißt es auf dem Display, sein Konto sei überzogen.

Dem 63-Jährigen gelingt es, den halb so alten ägyptischen Rechtsanwalt Mohammed Ameen für sich zu gewinnen. Respektvoll redet Mohammed von ihm als „Vater“. Er nimmt Krass am 18. November mit nach Hause.

Krass hat das Hotel Windsor gerade verlassen, als sein Zimmer einem anderen Deutschen zugeteilt wird. Prof. Dr. Matthias Jüngel hat inzwischen den Lehrstuhl für Urbanistik der Universität Wuppertal und wurde von der amerikanischen Universität am Tahir-Platz als Gastprofessor eingeladen.

Mohammed will Krass eine große Wohnung zeigen, die er für einen Klienten verwaltet, der voraussichtlich erst in zehn oder zwanzig Jahren aus Kalifornien zurückkehren wird. Das Haus steht leer und ist verwahrlost. Während der Wohnungsbesichtigung bricht Krass zusammen, und weil ihn das amerikanische Hospital in Kairo nicht ohne einen Vorschuss aufnimmt, kommt der Patient im Mehrbett-Zimmer eines armseligen ägyptischen Krankenhauses zu sich. Immerhin wird er dort von Mohammed regelmäßig gewaschen und gefüttert.

Im Hotel Windsor ist auch Lidewine Schoonemaker abgestiegen, die im Auftrag einer amerikanischen Galerie die Gründung einer Niederlassung in Kairo vorbereiten soll. Als sie Matthias Jüngel wiedersieht, erzählt sie, dass sie zwei gescheiterte Ehen hinter sich habe und Adoptivmutter eines allerdings inzwischen wieder beim Vater in Phnom Penh lebenden Khmer-Mädchens sei.

Zu einem Besuch bei der ägyptischen Malerin Dr. Nagla auf der Nilinsel Zamalek nimmt Lidewine den Deutschen mit. Dort lernen sie auch den Rechtsanwalt Mohammed Ameen kennen, ahnen allerdings nicht, dass es sich bei dem von ihm als „Vater“ bezeichneten Krankenhauspatienten um Krass handelt.

Eine Nacht verbringt Lidewine mit Matthias, aber dann geht sie mit Mohammed aus. Der zeigt ihr die große Wohnung, und trotz zerbrochener Fenster ist Lidewine begeistert: In den Räumen könnte man nicht nur eine Galerie unterbringen, sondern auch eine Videoinstallation gestalten.

Mohammed wählt eine von Krass auf einem Zettel notierte Telefonnummer, weil er aber die deutsche Sprache nicht beherrscht, bittet er Jüngel, es noch einmal zu versuchen. Es meldet sich Frau Krass, und Jüngel begreift, um wen es sich bei dem von Mohammed betreuten Krankenhauspatienten handelt. Als er Frau Krass erklärt, dass ihr Mann in Kairo im Sterben liege, meint sie:

„In Kairo? Warum nicht. Wünsche, gut zu sterben – das können Sie ihm ausrichten.“

Matthias und Lidewine eilen am 24. November 2008 mit Mohammed zum Krankenhaus. Aber Krass ist gerade gestorben. Mohammed organisiert noch am selben Tag die Beerdigung. Matthias und Lidewine finden zwar den Friedhof, aber nicht das Grab.

Lidewine steigt in ein Taxi und lässt Matthias auf dem Friedhof zurück. Am nächsten Morgen erfährt er im Hotel Windsor, dass Lidewine Schoonemaker abgereist sei. Eine Nachricht hat sie nicht für ihn hinterlassen. Jüngel erinnert sich an ihren Ausspruch:

„Ja, genauso mache ich es, schon mein ganzes Leben lang – ich reise ab, wenn alles zu Bruch gegangen ist!“

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Der Roman „Krass“ von Martin Mosebach ist mit Details, Anekdoten, Parabeln und Metaphern gespickt. Zum Beispiel beobachten wir den Kampf einer Wespe mit einem Leineweber und die Befreiung eines eingesperrten Hahns. Ein Kater bedroht ein Kanarienvogel-Pärchen, dessen Männchen dem ersten Weibchen in mörderischer Absicht die Hirnschale aufpickte. Im Krankenhaus in Kairo liegt ein junger Pascha, der bei einem Motorradunfall unfreiwillig sterilisiert wurde, weil ihm die Münzen in seiner Hosentasche die Samenstränge durchtrennten. In einem Dorf lebt ein Vater mit einem blinden, tauben und stummen Sohn.

Er spricht mit dem Sohn, indem er dessen nackten Arm betastet, sehr schnell, wie ein Flötenspieler, und der Sohn legt seinen Kopf zurück und lacht.

„Krass“ ist in drei Teile gegliedert: Bei „Allegro imbarazzante“ sind wir 1988 in Neapel und auf Capri, „Andante pensieroso“ spielt im Jahr darauf in der französischen Provinz und „Marcia funebre“ 2008 in Kairo. Der mittlere Teil besteht aus Tagebuch-Einträgen von Matthias Jüngling, der auch sonst als Briefschreiber und zumeist als auktorialer Erzähler auftritt.

Die Zeitgeschichte bleibt außen vor. Martin Mosebach erwähnt in „Krass“ nicht einmal die Öffnung der Berliner Mauer im November 1989. Das passt zu dem Ansatz, bei dem es nicht um Realität geht. Was in „Krass“ geschieht, hat mit unserer Wirklichkeit wenig zu tun. Stattdessen spielt der Autor mit den wie Marionetten wirkenden Figuren und ihrer Verstrickung, mit der Rolle des Erzählers, der Sprache und dem Aufbau des Romans: l’art pour l’art.

Zu Martin Mosebachs Sprachspielerei gehört auch, dass er beispielsweise „Sopha“ statt „Sofa“, „daß“ statt „dass“ und „biß“ statt „biss“ schreibt. Dazu passt Ralph als Vorname der Titelfigur.

Den Roman „Krass“ von Martin Mosebach gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Franz Wassmer. Die Taschenbuchausgabe ist für August 2022 geplant (ISBN 978-3-499-27334-6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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