Martin Mosebach : Was davor geschah

Was davor geschah

Martin Mosebach

Was davor geschah

Was davor geschah Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2010 ISBN: 978-3-446-23562-5, 332 Seiten, 21.90 € (D)br>
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als ein vor einem halben Jahr nach Frankfurt/M gezogener 35-jähriger Bankangestellter von seiner neuen Freundin im Bett gefragt wird, "was davor geschah", also bevor sie sich kennenlernten, schildert er ihr seine Beobachtungen in einem Kreis, der sich um zwei Familien der gehobenen Gesellschaft gebildet hatte. Er erzählt von den erotischen Wirrungen, durch die das Beziehungsgefüge neu – aber wohl auch wieder nicht dauerhaft – geknüpft wurde ...
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Kritik

Der Aufbau des Romans "Was davor geschah" wirkt elegant und ungezwungen. Statt auf eine mitreißende Handlung setzt Martin Mosebach auf subtile, sprachlich geschliffene Beschreibungen, um die Leser zu fesseln.
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Der Ich-Erzähler, ein fünfunddreißigjähriger Bankangestellter, dessen Namen wir nicht erfahren, zieht nach Frankfurt am Main und mietet eine Wohnung, vor deren Fenstern ein herrlicher alter Kastanienbaum steht. Kurz darauf verreist er für zwei Tage. Als er zurückkommt, fehlt der Baum. Während seiner Abwesenheit hat man ihn gefällt. Der Stamm war verfault. Wäre er umgestürzt, hätte er wohl den Balkon der neuen Wohnung des Erzählers weggerissen.

Den Mieter der Nachbarwohnung hat er auch nach einem halben Jahr noch nicht gesehen. An der Tür hängt ein Schild mit dem Namen „Frhr. v. Sláwina“. Eines Abends stehen zwei leere Flaschen billigen Rotweins davor, ein anderes Mal verbreiten Reste in Pizzakartons ihren Gestank im Treppenhaus. Der Erzähler hört, wie jemand in der Wohnung eine Liszt-Mazurka übt. Ein anderes Mal sieht er im Eingangsbereich des Hauses einen Rollstuhl mit einem Etikett der Singapore Airlines und der Adresse „Mrs Tamara Kakabadze, c/o Sláwina“.

In einer Kneipe, in der Banker und andere Angestellte nach Büroschluss ein Bier trinken, kommt der Erzähler mit Titus Hopsten ins Gespräch. Der lädt ihn zu einem Besuch in sein Elternhaus ein, eine Villa in Falkenstein. Im Sommer empfangen die Hopstens dort jeden Sonntag Gäste am schwarz gekachelten Pool, und im Winter organisieren sie für ihre Gäste Schlittenfahrten am Feldberg.

In der S-Bahn sitzen dem Erzähler zwei Frauen gegenüber.

Kein Zweifel, die beiden gehörten zusammen […] Die Ältere hatte ein graues Gesicht und dicht beieinander stehende Augen, „dumm und heimtückisch“, sagte ich mir genießerisch, während die Junge ein Engelswesen war, mit einer Haut, die wahrscheinlich schon errötete, wenn ein zu heftiger Windhauch sie traf. Die Lippen, die kleinen Ohren, die kleine Nase, alles war vollendet ausformuliert, kindlich und zugleich fertig. Ich ließ meine Augen wandern – dort war die Abstoßende, hier war die Bildschöne, dort war die Schmuddelige, hier war die Apfelfrische, dort die Erschöpfte, hier die noch nie mit Mühen in Berührung gekommene.

An der vorletzten Haltestelle steigen die beiden Frauen aus und gehen in verschiedene Richtungen, ohne ein Wort miteinander gesprochen zu haben: Die Vermutung, sie gehörten zusammen, war also falsch.

Die jüngere der beiden kommt ihm entgegen, als er das Anwesen der Hopstens betritt; es handelt sich um Titus‘ Schwester Phoebe. Er wird den Gastgebern Rosemarie und Bernward Hopsten vorgestellt. Rosemaries Großvater hatte seine schlesische Chemiefabrik, in der Benzin aus Kohle gewonnen wurde, in den Zwanzigerjahren an einen englischen Konzern verkauft und sich den Kaufpreis in Aktien geben lassen. Das geerbte Vermögen war von Rosemarie in die Ehe eingebracht worden, und Bernward Hopsten vergrößerte es geschickt.

Zu den Gästen gehören außer dem Erzähler der in Frankfurt lebende Geschäftsmann Joseph Salam, der sich in Deutschland als Libanese und in Ägypten als Deutscher fühlt, Helga Stolzier, die „Geschmacksrichterin und Schönheitsberaterin bei Rosemarie Hopsten“, der alte Schmidt-Flex, ein ehemaliger Diplomat, dem mehrere Mietshäuser in Frankfurt gehören, seine Ehefrau Adelheid, der Sohn Hans-Jörg und die Schwiegertochter Silvi. Die Schmidt-Flex‘ verbringen nahezu jeden Sonntag mit den Hopstens. Hans-Jörg, der in Frankfurt eine kleine Anwaltskanzlei betreibt, fühlt sich zwar in größeren Gesellschaften unwohl, aber sein Vater besteht auf seiner regelmäßigen Anwesenheit.

Gut, Schmidt-Flex senior war monarchisch, vermutlich eine schwere Last als Vater, aber sein Sohn war kein Kronprinz, hatte es ja auch nicht annähernd so weit gebracht in seinen Jahren wie der Vater, der selten darauf hinzuweisen versäumte, dass er seinen Dr. rer. pol. schon mit einundzwanzig Jahren gemacht habe – und wie viele Ehrendoktortitel waren inzwischen dazugekommen? Für mich als Außenstehenden war bald klar: Wahrscheinlich gab es wenige Menschen, die Hans-Jörg so kritisch und enttäuscht sahen wie sein Vater, das musste einfach so sein, der väterlichen Superiorität hatte er nie und nimmer genügt, aber zugleich ließ der Alte den traurigen Sohn nicht aus den Augen und befahl für die Sonntagnachmittage ein gemeinsames Programm.

Der alte Schmidt-Flex […] gehörte zu der Sorte falscher Patriarchen, die Genugtuung über das Versagen der Nachkommenschaft empfindet und sich in der Tragik gefällt, der Letzte seines Geschlechts zu sein.

Bei Silvi handelt es sich um die Tochter eines nach Brasilien ausgewanderten Deutschen, der sich nur einen schäbigen Bungalow am Rand von São Paolo leisten konnte. Hans-Jörg hatte sie während einer Südamerika-Reise kennengelernt.

Silvi, das Dummchen, kein großes Kirchenlicht, von heilloser Naivität, vollständig ungebildet, ein Wunder an Begabungslosigkeit […]

Durch Silvi werde die Erfolglosigkeit Hans-Jörgs gleichsam endgültig. Sie sei nicht die Frau, ihn da herauszuholen. Hans-Jörg brauche eine Frau, die „etwas aus ihm mache“.

Dass Silvi schon am Vormittag Wein trinkt und ein Problem mit dem Alkohol hat [Alkoholkrankheit], ist ein offenes Geheimnis. Obwohl sie nicht kochen kann, lud sie einmal ihre Schwiegereltern und das Ehepaar Hopsten zum Essen ein. Von Helga Stolzier ließ sie sich am Telefon erklären, wie Mayonnaise gemacht wird, aber es gelang ihr nicht. Helga eilte zu ihr und rettete die Situation. Die kurz darauf eintreffenden Gäste merkten davon nichts. Der alte Schmidt-Flex hatte nur etwas an dem von seinem Sohn ausgesuchten Wein auszusetzen.

In einem großen, wie eine chinesische Pagode geformten Käfig entdeckt der Erzähler bei seinem Besuch in der Hopsten-Villa einen weißen Kakadu.

Später erfuhr ich, wie der Kakadu ins Haus gekommen war: nicht aus Tierliebe, sondern weil Rosemarie in der Komposition ihrer Umgebung etwas Kostbar-Lebendiges vermisste, ein Objet d’art, das sich bewegte, auch ohne dass man es aufzog.

Als er in Wien zu tun hat, rät ihm seine Mutter, bei einer österreichischen Bekannten vorbeizuschauen, die zwar eine Stadtwohnung besitzt, aber das ganze Jahr über in einer abgelegenen Jagdhütte im Waldviertel lebt: Dr. Marguerite Simserl. Als Erben der Hütte samt 8 Hektar Wald hat sie den Erzähler eingesetzt.

Ein der verehrten Frau Doktor wie ein Lakai zur Verfügung stehender Hofrat holt den Besucher vom Bahnhof ab. Seine Schwester kocht für die Einzelgängerin eine Art Säuglingsnahrung, die in Gläsern abgefüllt wird. Marguerite Simserl kann sich den Brei selbst heiß machen und ihn auslöffeln. Der Hofrat nimmt den Gast zur Seite und klärt ihn darüber auf, dass die Jagdhütte hoch belastet sei. Für einen Ausländer sei das kein Wohnort, selbst die österreichische Besitzerin habe sich hier niemals heimisch gefühlt. Deshalb, so der Hofrat, rate er dem Erben, das Anwesen in eine Stiftung einzubringen und ihn mit dem Präsidium zu betrauen.

In Marguerite Simserls Jagdhütte fällt dem Besucher ein gerahmtes Foto von Joseph Salam auf, und er spricht sie darauf an. Es handele sich um einen Libanesen, erzählt sie, den Sohn einer Wienerin, die als Diätköchin bei einer Kaufmannsfamilie in Beirut gearbeitet hatte. Vor dreißig Jahren fand sie ihn schwer verletzt und nur mit einer Unterhose bekleidet am Straßenrand. Geschäftspartner hatten ihn zusammengeschlagen, ausgeraubt und aus dem Auto geworfen. Drei Wochen lang pflegte sie ihn gesund, und dann gab sie ihm Geld, dass er mit seiner Geschäftstätigkeit weitermachen konnte: Er brachte Gebrauchtwagen in den Iran. Seither wartet sie auf ihn. Der Besucher klärt sie darüber auf, dass Joseph Salam inzwischen in Frankfurt am Main wohnt. Sofort fühlt er, dass er einen Fehler gemacht hat:

Mit einer trivial-erfolgreichen Existenz Salams in Frankfurt wurde ihr eigenes Leben bestohlen.

Hans-Jörg Schmidt-Flex reist mit Joseph Salam und dem Anwalt Dr. Steinbrech zu einer Besprechung mit Geschäftspartnern nach Kairo. Gegen den Rat Joseph Salams geht er in die Talaat Harb, wo sich der Kinderstrich befindet. Dort folgt er einem schmutzigen Mädchen. Die Kleine lockt ihn in eine Falle: Plötzlich versperren drei kräftige Männer Hans-Jörg den Weg.

Das Kind hatte ihn gleichsam apportiert, seine Arbeit war getan.

Im diesem Augenblick taucht Joseph Salam auf und schiebt den Bedrohten in das Taxi, mit dem er gekommen ist. Als er Hans-Jörg anrufen wollte und feststellte, dass er nicht in seinem Hotelzimmer war, vermutete er sogleich, dass er in die Talaat Harb gegangen war. Er suchte ihn dort und fand ihn gerade noch rechtzeitig.

Kurz nach der Ägypten-Reise steht der alljährliche Sizilien-Aufenthalt der Familie Schmidt-Flex an. Seit über dreißig Jahren mietet der alte Schmidt-Flex im September die Villa Prisca bei Syrakus. Er schickt seinen Sohn und Silvi voraus, damit sie von der Haushälterin Rosina alles herrichten lassen, bevor er mit seiner Frau und den Hopstens nachkommt. Mit der Begründung, die jungen Leute sollten einmal ungestört zusammen sein, trug der Patriarch ihnen auf, sich im Nebengebäude einzurichten. In Wirklichkeit kam es ihm auf die Deklassierung seines Sohnes an.

Silvi bittet Bernward Hopsten, ihr ein in Frankfurt vergessenes Sommerkleid nachzubringen. Er lässt sich von Nachbarn die Reserveschlüssel geben und empfindet es als aufregend, allein in Silvis Schlafzimmer zu sein.

Salam ist ein Schürzenjäger. Als ihm in einem Gartenlokal eine junge Frau gefällt, die mit ihrer Tante an einem der Tische sitzt, geht er hin, streift mit dem Zeigefinger die Haut an ihrem Rücken zwischen dem Pullover und dem Tanga, den sie unter der Jeans trägt, legt ihr seine Visitenkarte auf den Tisch und sagt: „Ich würde Sie gern kennenlernen.“

Auch mit Rosemarie Hopsten beginnt er eine Affäre.

Vor drei Wochen hatte sie gesehen, wie Joseph Salam einen großen Wolfsbarsch, der in ganzer Pracht auf den Tisch gekommen war, zerlegte, in dem offensichtlichen Eifer, sich nützlich zu machen, vielleicht gar mit solchen Maître-d’Hôtel-Künsten ein wenig Eindruck zu schinden. Und nun fühlte sie sich, als sei sie selber solch ein praller, glatter Fisch, der von seinen erfahrenen Händen tranchiert wurde, nach allen Regeln der Kunst, und zwar um verspeist zu werden. Sie sah ihm staunend und hingerissen zu, der er genau wusste, was er wollte. Er war in seiner ganzen Aufmerksamkeit mit ihrem Körper befasst, ohne sich um ihre Lust im mindesten zu kümmern, hier ging es ausschließlich um ihn, aber dieser Egoismus stieß sie nicht ab.

Zwei-, dreimal pro Woche besucht Rosemarie ihren Liebhaber in dessen Apartment.

Die einsame Walküre Helga Stolzier gibt sich nicht mit ihrem Modegeschäft in Frankfurt zufrieden. Sie beabsichtigt, eine eigene Marke und eine deutschlandweite Ladenkette zu gründen. Sie bittet den Banker Sláwina, ihre Pläne zu prüfen. Der verweist sie an Joseph Salam, und der erfahrene Geschäftsmann kommt zu ihr. Während der Unterredung gerät Helga mit einer Hand in die Reichweite von Rosemaries Kakadu, den sie gerade in Pflege hat. Das Tier hackt mit dem Schnabel nach ihr. Salam springt auf, packt Helgas Handgelenk, nimmt den blutenden Finger in den Mund und saugt die Wunde aus. Die Situation erregt ihn. Im „Blutrausch“ nimmt er Helga erstmals als Frau wahr, als Sexualobjekt. Er küsst sie. Sie wehrt sich. Es kommt zu einem Gerangel, bei dem Salam mit dem Kopf gegen eines der Beine einer Vitrine schlägt. Dadurch erwacht er aus seinem Furor.

Helga verschweigt den Vorfall zunächst, aber nach einiger Zeit erzählt sie Rosemarie Hopsten dann doch davon.

Rosemarie sinnt auf Rache. Sie zieht Handschuhe an, holt eine alte Reiseschreibmaschine aus dem Keller, spannt einen Bogen Papier ein und tippt einen anonymen Brief. Dann entsorgt sie den Rest des Papierstapels und die Schreibmaschine in verschiedenen Stadtteilen Frankfurts.

Am nächsten Tag erhält Hans-Jörg Schmidt-Flex in seiner Anwaltskanzlei, die zugleich Sitz der Flex-Boden GmbH und der Wirtschaftsberatungssozietät seines Vaters sowie der Ramsesphone GmbH ist, einen anonymen Brief. Jemand droht unter Hinweis auf sein Abenteuer in Kairo damit, ihn als Pädophilen anzuprangern und verlangt 10 000 Euro als Schweigegeld, exakt die Summe, die Salam den ägyptischen Geschäftspartnern gegen Hans-Jörgs Willen als Schmiergeld zahlen will. Für den Adressaten gibt es keinen Zweifel, dass das Erpresserschreiben von Salam stammt. Wütend schreibt er ihm. Er entbindet den Libanesen von der Geschäftsführung der Ramsesphone GmbH und kündigt die Löschung des Unternehmens im Handelsregister an. Das trifft Salam hart.

Beim Abschied für den ausscheidenden Senior einer Wirtschaftsprüfersozietät trifft der Erzähler erstmals auf seinen Nachbarn Sláwina. Kurz darauf belauscht er ein Gespräch des Bankers und erfährt, dass dieser aus London nach Frankfurt kam und nun für Sheera & Wasserstein tätig ist. Weil Sláwina Frankfurt für eine „Scheißstadt“ hält, will er hier keine Wurzeln schlagen. Während er in einem Apartmenthaus darauf wartete, dass er in die von seiner Bank gemietete Wohnung ziehen konnte, kam er mit seiner Nachbarin zusammen und zog schließlich zu ihr. Seine eigene Wohnung vermietet er seither tage- und wochenweise. Eine Philippinin sorgt jeweils für die Schlüsselübergabe.

Rosemarie Hopsten schlägt ihrem Mann vor, mit Silvi und Hans-Jörg Schmidt-Flex ins Kino zu gehen, um einen italienischen Klassiker anzuschauen. Hans-Jörg hat dazu keine Lust, und am Ende bleibt auch Rosemarie zu Hause. So kommt es, dass Silvi und Bernward allein zusammen im Auto sitzen und sich näherkommen. Im Internet findet Bernward eine Wohnung in Frankfurt, die als Liebesnest vermietet wird. Er fährt mit Silvi zusammen hin. Eine Philippinin übergibt ihm den Schlüssel.

Nach wenigen Minuten klingelt der Hausverwalter Sturm, bis sie die Türe öffnen. Eine Etage tiefer ist die Wand schon wieder nass, weil die Sauna hier in der Wohnung am Vortag benutzt wurde, obwohl sie nicht in Ordnung ist. Als er Silvi Schmidt-Flex erblickt, stutzt er und grüßt die Tochter des Hausbesitzers mit Namen.

Um dem Hausverwalter und den Gerüchten zuvorzukommen, erzählt Silvi ihrem Mann von dem Vorfall. Sie trennt sich von ihm und will mit Bernward zusammenleben. Zum Abschied versichert Hans-Jörg ihr, sie könne jeder Zeit zu ihm zurückkommen. Er lässt ihr die Wohnung und bezahlt weiter die Miete dafür.

Bernward gesteht seiner Frau ebenfalls, was geschehen ist. Rosemarie ist entsetzt, dass ihr bald sechzig Jahre alter Mann mit einer achtzehn Jahre Jüngeren zusammenzieht. Sie wird das Haus in Falkenstein verkaufen, nach New York oder München ziehen und dafür sorgen, dass Bernward nichts von ihrem Vermögen bleibt.

„Bernward fängt mit Null an“, sagte sie [zu Helga], „mit einer Null als Frau und mit einer Null auf dem Konto.“

Den Kakadu versteigert sie bei ebay.

Sie erlaubte sich nicht einmal, den Namen Joseph Salam auch nur zu denken. Diesen Mann gab es gar nicht. Heute Nachmittag wäre sie mit ihm verabredet gewesen, heute hätte sie mehr über Hans-Jörgs seltsam-feindseliges Verhalten erfahren, worauf sie doch eben noch gebrannt hatte. Nun nicht mehr. Salam war nur möglich gewesen – und auch das im Grunde kaum –, solange ihm ein geminderter Grad an Wirklichkeit zukam. Salam war nur als luftdicht abgeschlossene Zyste in ihrem Leben zugelassen, nicht als in das Leben selbst wirklich hineinreichender Mensch. Es schauerte sie bei der Vorstellung, dass sie als von Bernward verlassene Ehefrau nun gleichsam hauptamtlich zu Salams Mätresse geworden sei.

Mit einem Telefongespräch beendet Rosemarie abrupt die Affäre.

Helga fragt Hans-Jörg geschäftlich um Rat. Da er sich in der Textilbranche nicht auskennt, verweist er sie an seinen Vater. Bald darauf eröffnet sie in Düsseldorf ihr zweites Geschäft, gründet ein Unternehmen, dessen Geschäftsführung Hans-Jörg Schmidt-Flex übernimmt und stellt ihre erste eigene Kollektion vor. Weil ihr die Arbeit über den Kopf wächst, ruft sie ihre Nichte zu Hilfe.

Phoebe Hopsten, die den Erzähler zunächst kaum beachtete, lädt ihn in ihre Studentenwohnung in Frankfurt ein. Er sagt zu, aber als er vor dem Haus steht, kommt zufällig Helga mit ihrer Nichte vorbei. Statt bei Phoebe zu klingeln, geht er mit den beiden Damen zum Essen.

Die Nichte wird seine neue Freundin. Ihr erzählt er die ganze Geschichte, als sie im Bett wissen möchte, „was davor geschah“, also bevor sie sich kennenlernten.

Joseph Salam, der vier Outlet-Geschäfte betreibt, trifft sich mit Herrn Slepzak, dem Besitzer eines Jeans-Ladens, in einer Pizzeria. Sie sind beide zahlungsunfähig und wollen sich zusammentun. Während der Unterredung fällt Salam eine Frau in der Küche auf. Er sieht nur ihren mehlbestäubten Arm, aber der hat es ihm angetan. Schließlich geht er hin und redet mit ihr. Ein Mann drängt ihn aus der Küche. Eine Woche später wundert Salams augenblickliche Gefährtin sich darüber, dass seine Anzugjacke voller Mehl ist.

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In seinem Roman „Was davor geschah“ erzählt Martin Mosebach von zwei Frankfurter Familien der gehobenen Gesellschaft und ihren Trabanten. Die Beziehungen werden durch erotische Wirrungen neu geknüpft, aber auch die neuen Konstellationen werden wohl nicht von Dauer sein.

Der Titel bezieht sich auf die Rahmenhandlung: Der Ich-Erzähler, ein fünfunddreißigjähriger, vor einem halben Jahr nach Frankfurt am Main gezogener Bankangestellter, dessen Namen wir nicht erfahren, wird von seiner neuen Freundin im Bett gefragt, „was davor geschah“, also bevor er sie kennenlernte. Zwischendurch stellt die Frau weitere Fragen und kommentiert, was sie erfährt.

Der Aufbau des Romans wirkt elegant und ungezwungen. Als Running Gag wird ein „Frhr. v. Sláwina“ eingeführt, von dem zunächst nicht mehr als das Türschild zu sehen ist, den wir aber im letzten Drittel des Buches tatsächlich kennenlernen. Über den Erzähler selbst erfahren wir kaum etwas: Er bleibt eine Nebenfigur.

Gleich zu Beginn gibt Martin Mosebach mit der seitenlangen Beschreibung eines Kastanienbaums, der herrlich aussieht, obwohl er morsch ist, die Grundmelodie vor: Da wird schon deutlich, dass wir in „Was davor geschah“ keine mitreißende Handlung erwarten dürfen. Martin Mosebach fesselt den Leser stattdessen durch sprachlich geschliffene, subtile und sorgfältig beobachtete, teilweise ironische Beschreibungen. Allerdings vergaloppiert er sich auch schon mal im Ton, etwa in einem Satz wie dem folgenden:

Die Fliegen waren wie Ingenieure ohne Bleistift, die einen Raum stets aufs Neue abstecken und abmessen müssen, weil sie die Zahlen der Maße nicht aufschreiben können.

Den Roman „Was davor geschah“ von Martin Mosebach gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Stefan Kaminski (Regie: Stefanie Wittram und Jens Kronbügel, Hamburg 2011, 6 CDs, ISBN 978-3-8337-2752-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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"Frühstück bei Tiffany" ist eine rührende und sehr unterhaltsame Satire auf die New Yorker Schickeria, in der Truman Capote einfallsreich eine teils vergnügliche, teils melancholische Handlung entwickelt.
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