Jo Nesbø : Sohn

Sohn

Jo Nesbø

Sohn

Originalausgabe: Sønnen Aschehoug, Oslo 2014 Der Sohn Übersetzung: Günther Frauenlob Ullstein Buchverlage, Berlin 2014 ISBN: 978-3-550-08044-9, 522 Seiten, 22.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als der Musterschüler Sonny Lofthus 15 Jahre alt ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Sein von ihm idealisierter Vater Ab, ein Kriminalkommissar, erschießt sich und bekennt in einem Abschiedsbrief, korrupt gewesen zu sein. Sonny gerät auf die schiefe Bahn und gesteht mit 18 zwei Morde. Nach zwölf Jahren im Gefängnis berichtet ihm ein Mithäftling, Ab Lofthus sei von Verbrechern gezwungen worden, sich zu töten und vorher den Brief zu schreiben. Daraufhin bricht Sonny aus, um seinen Vater rächen zu können ...
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Kritik

In "Der Sohn" erzählt Jo Nesbø vom Rachefeldzug eines Einzelnen in einer korrupten Gesellschaft. Jo Nesbø geht es dabei nicht um Gesell­schafts­kritik oder Moral­pilosophie, sondern um einen spannenden Kriminalroman.
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Sonny Lofthus verbüßt seit zwölf Jahren in Oslo eine Haftstrafe wegen Mordes. Dabei galt er einmal als Musterschüler, und als Ringer war er so erfolgreich, dass viele seinen Aufstieg in die norwegische Nationalmannschaft erwarteten. Seinen Vater Ab Lofthus, einen Kommissar beim Dezernat Wirtschaftskriminalität, bewunderte Sonny als Helden, und er wollte damals dem Vorbild folgen und ebenfalls zur Polizei. Aber als er 15 Jahre alt war, erschoss sich der Vater und hinterließ einen Abschiedsbrief mit einem Geständnis: Er habe Drogen- und Menschenhändler vor polizeilichen Aktionen gewarnt und sei der seit längerer Zeit in den eigenen Reihen vermutete Maulwurf gewesen. Für Sonny brach eine Welt zusammen, zumal ein Jahr später auch seine Mutter Helene sich das Leben nahm. Der Junge rutschte in die Kleinkriminalität ab und wurde drogensüchtig. Als Minderjähriger, der nicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden konnte, gestand er Straftaten anderer und ließ sich dafür mit Geld oder Drogen bezahlen. Im Alter von 18 Jahren nahm er gegen die Zusicherung, während der Haft mit Heroin versorgt zu werden, zwei Morde auf sich. Das Heroin schmuggelt beispielsweise der mit dem korrupten stellvertretenden Gefängnisdirektor Arild Franck konspirierende Gefängnisseelsorger Per Vollan in einer ausgehöhlten Bibel in Sonnys Zelle.

Weil Sonny aufmerksam zuhört, hat er sich zu einer Art Beichtvater für Mithäftlinge entwickelt. Sie vertrauen sich ihm an, und er erfährt auf diese Weise, was in Oslos Halbwelt geschieht. Beispielsweise gesteht ihm Gustav Rover kurz vor seiner Entlassung, dass er für den Menschenhändler Hugo Nestor gearbeitet habe. Den kennt man in der Unterwelt zwar als „Ukrainer“, aber er wurde als Sohn eines norwegischen Fischers mit Namen Hansen in Florø geboren und wuchs dort auf. Einmal floh eines der von Nestor gefangen gehaltenen jungen asiatischen Mädchen, die für ein Bordell bestimmt waren. Nestor hetzte seine argentinische Dogge auf die Fliehende. Als die Männer hinkamen, hatte der Hund ihr das Gesicht zerfleischt. Weil sie damit für Nestor nicht mehr brauchbar war und er ein die anderen Mädchen abschreckendes Exempel statuieren wollte, forderte er Rover auf, die wehrlos am Boden Liegende zu erschießen, und als der das nicht fertigbrachte, schnitt er ihr selbst die Kehle durch. Nach seiner Entlassung will Gusav Rover seine Motorradwerkstatt weiterführen. Mit dem Bau von Waffen nach individuellen Wünschen und dem illegalen Handel damit will er nichts mehr zu tun haben. Er schenkt Sonny zum Abschied eine als Feuerzeug getarnte Pistole und sagt ihm, er habe von früher noch einige Waffen versteckt.

Auch Johannes Halden spricht Sonny an, um etwas für sein Seelenheil zu tun. Der an Lungenkrebs erkrankte ältere Häftling sagt ihm, er habe seinen Vater Ab nicht nur gekannt, sondern sei einer seiner Spitzel gewesen. Halden zufolge musste Ab Lofthus sterben, weil er dem Maulwurf auf der Spur war. Die Verbrecher zwangen ihn, sich selbst zu erschießen. Gegen die Zusage, dass man seine Frau und seinen Sohn in Ruhe lassen würde, hatte er zuvor noch den Abschiedsbrief geschrieben.

Daraufhin ändert Sonny erneut sein Leben. Um seinen Vater rächen zu können, setzt er das Heroin ab und wendet sich dann wieder an Johannes Halden:

„Willst du für mich ausbrechen, Johannes?“

Der ältere Häftling, der als Reinigungskraft eingesetzt wird und sich deshalb nach dem allgemeinen Einschluss noch in den Korridoren bewegen darf, geht abends in den Kontrollraum. Die Wachmänner erwarten, dass er zu putzen anfängt, aber er bedroht sie stattdessen mit der als Feuerzeug getarnten Pistole, die Sonny ihm gab. Weil die Angestellten nicht glauben, dass es sich um eine Waffe handelt, zerschießt Johannes einen der Monitore. Nachdem sich die Männer auf den Boden gelegt haben, entriegelt er zentral alle Türen und Schleusen. Aber er kommt nicht weit. Das Personal aktiviert die die Sicherung, sperrt ihn in einer Schleuse ein und überwältigt ihn dort.

Zweck der Aktion war, dass Sonny unbemerkt seine Zelle verlassen konnte. Die Nacht verbringt er im Spind des seit langem kranken Wachmanns Helge Sørensen. Vor dem morgendlichen Schichtwechsel zieht Sonny dessen Uniform an, setzt sich zum Schuhebinden und mischt sich dann unter die Wachmänner, die das Gefängnis verlassen. Als sein Fehlen bemerkt wird und die Gefängnisleitung die Aufzeichnungen der Überwachungskameras anschaut, ist es zu spät.

Kurz nachdem Per Vollan dem stellvertretenden Gefängnisdirektor erklärte, dass er aussteigen wolle, wird seine Leiche aus der Akerselva geborgen. Es sieht nach einem Suizid aus, aber der Obdachlose Lars Gilberg sah, wie zwei Männer in schwarzen Anzügen den Geistlichen auf eine Brücke zerrten, ihm dort das Genick brachen und die Leiche in den Fluss warfen.

Der kurz vor der Pensionierung stehende Hauptkommissar Simon Kefas leitet die Ermittlungen, und die soeben erst zur Mordkommission versetzte junge Kollegin Kari Adel assistiert ihm dabei.

Sonny gibt sich als „Stig Berger“ aus und lässt sich, wie andere drogensüchtige Obdachlose auch, in das von Martha Lian geleitete Ila Hospiz aufnehmen. Der zwölfjährige Junge Markus Engseth beobachtet ihn aber auch in einem seit seiner Geburt leer stehenden Nachbarhaus und vermutet, dass es sich um den Sohn der ehemaligen Besitzer handelt. Und es ist tatsächlich Sonnys Elternhaus.

Nachdem Sonny sich ein prepaid Handy auf den Namen Helge Sørensen gekauft hat, besorgt er sich in Gustav Rovers Motorradwerkstatt eine Pistole.

Damit fährt er nach Holmenkollen und sucht das Haus der Familie Iversen. Die 49-jährige Immobilienmaklerin Agnete Iversen öffnet ihm. Noch in der Tür schießt Sonny sie in die Brust. Während sie am Boden liegt und stirbt, nimmt er das Geld aus ihrem Portemonnaie und raubt den Schmuck aus dem Schlafzimmer. Den Safe versucht er gar nicht erst zu öffnen. Kurz darauf wirft er einem Bettler eine Rolex in den Becher und einer Obdachlosen eine mit Schmuck gefüllte Tüte auf den Einkaufswagen, in dem sie ihre Habe verstaut hat. Außerdem begleicht er die Schulden seines Zimmergenossen Johnny Puma im Ila Hospiz.

Statt die Ermittlungen Simon Kefas von der Osloer Mordkommission zu überlassen, schaltet Pontius Parr, der Polizeipräsident, das norwegische Kriminalamt ein, das Åsmund Bjørnstad mit dem Fall betraut.

Sonny beschattet als Nächstes die beiden Heroindealer Pelvis und Kalle, bis sie zu der als Agentur für Musiker getarnten Drogenzentrale zurückkehren. Dort erschießt er Pelvis und einen Mann namens Cassius. Kalle zwingt er, den Tresor zu öffnen und packt sowohl das Geld als auch die Ware ein. Anschließend fesselt er Kalle vor einem Ventilator und bläst ihm ein Kilogramm Heroin im Straßenverkaufswert von einer halben Million Kronen ins Gesicht. Der Drogenhändler kann zwar einige Zeit die Luft anhalten, stirbt am Ende aber doch an der Überdosis.

Kari Adel findet heraus, dass der mit einer Heroin-Wolke ermordete Kalle Farrison vor zwölf Jahren verdächtigt wurde, eine 15 oder 16 Jahre alte schwangere Asiatin mit einer Überdosis Heroin getötet zu haben – bis Sonny Lofthus die Tat gestand.

Bei dem zweiten von Sonny zugegebenen Mordopfer handelte es sich um den Drogendealer Oliver Jovic, der offenbar vorgehabt hatte, seine Geschäfte in Oslo auszuweiten, dann aber mit einer vollständig in den Schlund gestopften Colaflasche tot aufgefunden wurde.

Unmittelbar vor Sonny Lofthus‘ Ausbruch aus dem Gefängnis erwartete Hauptkommissar Henrik Westad vom Distrikt Buskerud ein drittes Geständnis von ihm: Der Häftling soll Eva Morsand, die Ehefrau des Reeders Yngve Morsand, umgebracht haben. Zur Tatzeit war er mit einem Wachmann auf Freigang, hielt sich ganz in der Nähe des Tatorts auf, und bei der Leiche wurden Haare von ihm sichergestellt. Der zwielichtige Rechtsanwalt Einar Harnes brachte ein schriftliches Geständnis zur Vernehmung mit, doch Sonny weigerte sich, es zu unterschreiben. Stattdessen verwies er auf ein Alibi, das dann überprüft und von einem Mann namens Leif Krognæss bestätigt wurde. Simon Kefas vermutet, dass der Freigang nur dazu diente, Sonny einen dritten Mord unterschieben zu können. Man ging wohl davon aus, dass der Drogensüchtige das Gefängnis ohnehin nicht verlassen wollte, solange er mit Heroin versorgt wurde. Warum sich das änderte und er ausbrach, weiß der Kommissar nicht.

Als Leser erfahren wir, dass Yngve Morsand seine untreue Frau selbst mit einer Säge ermordete, nachdem er mit Hugo Nestor vereinbart hatte, dass dieser für alles Weitere sorgen werde.

Auf der Suche nach Sonny dringen Bo und Sylvester, zwei Handlanger Hugo Nestors, in dessen Elternhaus ein. Er ist zwar da, versteckt sich aber unter einer Matratze, und sie finden ihn nicht. Weil die Gangster damit rechnen, dass er in dem Haus Zuflucht sucht, bleibt der 33-jährige Sozialhilfeempfänger Sylvester Trondsen dort, während Bo wieder losfährt. Sonny überrascht Sylvester, schießt auf ihn und wuchtet ihn in die Gefriertruhe, die er dann abschließt. Sylvester wundert sich zunächst darüber, dass er trotz des vielen Blutes keine Schmerzen hat, aber als er den Deckel mit den Füßen aufstemmen will und merkt, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann, begreift er, dass er querschnittgelähmt ist. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.

Sonny taucht bei dem Hundezüchter Fidel Lae auf, der neben seiner angemeldeten Einrichtung einen weiteren Hundezwinger mit in Norwegen verbotenen argentinischen Doggen hat. Eines der an Nestor verkauften Tiere hatte dem aus der Gefangenschaft geflohenen Mädchen das Gesicht zerfleischt. Sonny sperrt den Mann mit etwas Wasser und Hundefutter in eine der leeren Boxen.

Im „Vermont“, einer Kombination aus Bar, Restaurant und Nachtklub in Oslo, wendet Sonny sich an Hugo Nestor. Der Gangster erkennt den teuer gekleideten Herrn nicht, der behauptet, im Auftrag eines Klienten zu handeln, der anonym bleiben wolle, aber bereit sei, viel Bargeld für ein minderjähriges Mädchen zu bezahlen. Die Männer verabreden sich in seiner Suite im Plaza Hotel. Während Nestors Begleiter Bo das Geld zählt, beginnt das Heroin zu wirken, das Sonny in die angebotenen Getränke gemischt hat. Nachdem er Bo an die Kloschlüssel gefesselt hat, zwingt er Nestor, das Versteck der gefangenen Mädchen preiszugeben. Die Adresse teilt er Simon Kefas per SMS mit. Dann fährt er mit dem benommenen Nestor zu Fidel Laes illegalem Zwinger und lässt den Verbrecher vor den Augen des Hundezüchters von den Doggen zerfleischen.

Weil andere Hotelgäste sich über den Lärm beschwerten, öffnet die Empfangsdame Betty mit einem anderen Angestellten die Suite des Gastes „Fidel Lae“. Sie befreien den Gefesselten, der vorgibt, mit anderen ein „dummes Spiel“ gespielt zu haben. Weil die Hotelrechnung bezahlt ist und das Personal Aufsehen vermeiden soll, halten Betty und ihr Kollege den Befreiten nicht zurück.

Die Männer, die auf die gefangenen Mädchen aufpassen, wurden offenbar vorgewarnt, denn als Simon Kefas und Kari Adel zu der angegebenen Adresse kommen, wollen die Gangster gerade mit den Mädchen in einem Lieferwagen wegfahren.

Die Polizei findet das, was die Hunde von Hugo Nestor übrig ließen und den völlig verstörten Zeugen Fidel Lae.

Am nächsten Morgen trägt Sonny wieder die Uniform Helge Sørensens, schließt sich dem Wachmann Morgan Askøy auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Gefängnis an, und als dieser die Tür aufschließt, betritt er mit ihm das Gebäude. Gleich darauf meldet die Sekretärin Ina ihrem Chef, dem stellvertretenden Direktor, dass ihn der Wachmann Helge Sørensen sprechen wolle. Arild Franck wundert sich über die unerwartete Genesung des Kranken – und blickt im nächsten Augenblick in die Mündung einer Pistole. Sonny fordert ihn auf, Ina fortzuschicken und fesselt ihn dann mit Klebeband auf einen Stuhl. Franck muss angeben, auf welches Konto Hugo Nestor die Schmiergelder überwies. Es handelt sich um eine Bank auf den Cayman Islands. Außerdem will Sonny wissen, wer seinen Vater töten ließ und wer der Maulwurf war, der für den „Zwilling“ genannten Boss der Osloer Unterwelt gearbeitet hatte. Um Arild Franck zum Reden zu bringen, verklebt Sonny ihm mehrmals die Nasenlöcher und durchsticht sie erst mit einem Bleistift oder Messer, wenn der Gefesselte zu ersticken droht.

Inzwischen schöpft das Wachpersonal Verdacht. Der stellvertretende Gefängnisdirektor hebt das Telefon nicht ab, seine Sekretärin ist nicht im Büro. Geir Goldsrud ruft Ina auf ihrem Handy an und erfährt, dass ein Besucher bei ihrem Chef ist, der sich als Helge Sørensen ausgab. Auf einem Foto erkennt Morgan Askøy den Mann, der mit ihm hereinkam: Sonny Lofthus!

Die Wachmänner stürmen das Büro des stellvertretenden Direktors. Geir Goldsrud befreit seinen Vorgesetzten von Knebel und Fesseln. Alles ist voller Blut. Sobald Arild Franck den Mund frei hat, drängt er die Männer, erst einmal alles abzuriegeln. Aber Goldsrud hält es für wichtiger, dem Verletzten zu helfen, denn die Türen und Schleusen lassen sich ohnehin nur mit registrierten Fingerabdrücken öffnen. Erst als er sieht, woher das Blut kommt, begreift er, dass er einer Fehleinschätzung unterlag: Sonny hat dem stellvertretenden Gefängnisdirektor einen Finger abgeschnitten. Damit überlistete er die Sensoren an Türen und Schleusen. Weil er auch Francks Dienstmütze und Autoschlüssel bei sich hat, kann er in dessen Porsche unkontrolliert die Wache passieren, bevor Alarm ausgelöst wird.

Simon Kefas erhält von Sonny ein Kuvert mit drei Zahnbürsten zugeschickt. Er soll die DNA untersuchen lassen, steht auf dem beigefügten Zettel. Der Kommissar ahnt sofort, dass es sich um Zahnbürsten der Familie Iversen handelt, denn als er den Tatort trotz der Einschaltung des Kriminalamtes inspizierte, fiel ihm auf, dass im Bad überhaupt keine Zahnbürsten waren. An zwei der drei Zahnbürsten wird DNA von Personen gefunden, die mit der des ungeborenen Kindes der vor zwölf Jahren angeblich von Sonny Lofthus ermordeten Asiatin übereinstimmt. Iver Iversen und sein jetzt 20-jähriger gleichnamiger Sohn sind mit dem Kind verwandt!

Bei der Vernehmung gibt Iver Iversen senior zu, dass die Asiatin – sie hieß Mai – vor zwölf, dreizehn Jahren seine Geliebte war. Er kaufte sie frei und erwarb eine Wohnung für sie. Als sie schwanger wurde und die von ihm verlangte Abtreibung verweigerte, bat er seine Frau um Rat. Agnete tolerierte gewöhnlich seine Seitensprünge, zumal sie im Bett ohnehin Frauen bevorzugte und den Sohn nur aus Pflichtgefühl ausgetragen hatte. Sie versprach ihm, sie werde die Angelegenheit regeln, und er wollte nicht wissen, was sie vorhatte. Offenbar bat sie Levi Thou, den „Zwilling“, um die Ermordung des Mädchens und Hugo Nestor schickte daraufhin Kalle Farrison los. Agnete Iversen ging es wohl vor allem darum, einen Skandal zu vermeiden und ihr Ansehen zu wahren.

Simon Kefas sucht den Zwilling im Restaurant „Nautilus“ auf. Dort residiert der Unterweltkönig. Levi Thou weiß, dass der wegen seiner früheren Spielleidenschaft überschuldete Kommissar dringend Geld für die Augenoperation seiner Frau Else benötigt, die kaum noch etwas sieht und ohne den nur in der teuren Howell-Klinik in Baltimore angebotenen Eingriff in Kürze vollständig erblinden würde. Simon Kefas möchte von dem Gangsterboss nicht nur das Geld, sondern auch die Zusage, dass die Jagd auf Sonny Lofthus eingestellt wird. Als Gegenleistung würde er Belastungsmaterial gegen den Verbrecher verschwinden lassen und dafür sorgen, dass die Polizei nichts gegen ihn unternimmt. Der Zwilling will jedoch Sonny Lufthus ausschalten; das ist für ihn nicht verhandelbar. Nachdem er Simon Kefas damit gedroht hat, dessen Frau etwas anzutun, verspricht er, er werde ihm die benötigte Geldsumme aushändigen, sobald ihm der Kommissar Sonny Lufthus ans Messer geliefert habe.

Der Taxifahrer Pelle Granerud fährt Sonny zu Martha Lians Wohnhaus. Sonny will der Frau, in die er sich verliebt hat, einen Koffer voll Geld für die erforderliche Renovierung des Ila Hospiz übergeben, aber sie weist das Angebot zurück, weil sie aus den Nachrichten weiß, dass er nicht Stig Berger heißt und als mehrfacher Mörder von der Polizei gesucht wird. Ihr eifersüchtiger Verlobter Anders attackiert den vermeintlichen Nebenbuhler. Sonny lässt sich von ihm schlagen und treten, ohne sich zu wehren oder zu seiner Pistole zu greifen.

Als Anders von ihm ablässt, steigt er wieder ins Taxi und lässt sich von Pelle Granerud zum Anwesen des Reeders Yngve Morsand bringen. Dort erwartet ihn eine vom Zwilling ausgeheckte Falle. Statt Morsand sitzt Bo mit schusssicherer Weste so im Wohnzimmer, dass durchs Fenster nur seine Silhouette gegen das Lampenlicht zu sehen ist. Drei weitere Ganoven lauern im Garten und im Haus, denn der Zwilling rechnet damit, dass Morsand das nächste Opfer des Rächers sein soll. Sonny gelangt unbemerkt ins Haus. Sofort erkennt er, dass er nicht den Reeder vor sich hat. Es kommt zu einer Schießerei, und Sonny flieht verletzt im Auto der toten Eva Morsand.

Simon Kefas lässt Sonnys Handy orten und findet heraus, dass er in der schäbigen Absteige „Bismarck“ ein Zimmer genommen hat. Aber der Gesuchte ist nicht da. Sein Handy liegt im Schrank.

Als Sonny am späten Abend in sein Elternhaus kommt, findet er dort Martha vor. Sie wird Anders nicht heiraten, nicht nur, weil ihr klar geworden ist, dass sie ihren Jugendfreund nicht wirklich liebt, sondern vor allem, weil sie Sonnys Gefühle erwidert. Nachdem Martha Sonnys Verletzungen versorgt hat, schläft sie mit ihm. Am nächsten Morgen erklärt Sonny, dass er noch zwei Männer töten müsse, bevor er Oslo mit ihr zusammen verlassen könne: den Mann, der vor 15 Jahren den Tod seines Vaters befahl und den damaligen Maulwurf bei der Polizei.

Dann findet er das von seinem Vater versteckte Tagebuch und erfährt beim Durchblättern, dass dieser doch korrupt war. Es gab zwei Maulwürfe, und Ab Lofthus war einer von ihnen. Ein weiteres Mal bricht für Sonny eine Welt zusammen, und er sieht keinen Sinn mehr in dem Rachefeldzug.

Simon Kefas spürt Sonny in einer Absteige auf. Der 30-Jährige ist gerade dabei, eine Überdosis Heroin zu erhitzen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Kefas erzählt, dass er früher eng mit Ab Lofthus, dem jetzigen Polizeipräsidenten Pontius Parr und Sonnys Mutter Helene befreundet war. Als Studenten teilten sie sich eine Wohnung in Oslo. Die Männer waren alle in Helene verliebt. Sie heiratete Simon Kefas, aber dessen Spielsucht zerstörte die Beziehung, und sie wechselte zu Ab Lofthus. In seiner Geldnot verkaufte Simon Kefas seine Seele und bot sich dem Zwilling als Maulwurf an. Außerdem überredete er seinen ehemaligen Freund Ab Lofthus dazu, ebenfalls für den Zwilling zu arbeiten. Ab Lofthus ging darauf ein, weil er seinem Sohn eine gute Zukunft bieten wollte und dafür mehr Geld benötigte, als er bei der Polizei verdiente.

Er wolle ein Treffen mit dem Zwilling und dem Maulwurf organisieren, erklärt Simon Kefas, aber das sei nur möglich, wenn Sonny die aufgezogene Spritze weglege und bereit sei, den Lockvogel zu spielen.

Später ruft der Kommissar den Polizeipräsidenten an, gibt ihm eine Adresse durch und nennt ihm eine Uhrzeit am nächsten Morgen. Pontius Parr soll Kari Adel mitnehmen. Sie würden Gelegenheit für eine hochkarätige Festnahme haben, sagt Simon Kefas, will aber keine weiteren Einzelheiten verraten.

Als Pontius Parr und Kari Adel am nächsten Morgen das Steakhaus betreten, dessen Adresse Simon Kefas nannte, sitzen dort Iver Iversen senior und sein Rechtsanwalt Øhre beim Frühstück. Kari befürchtet, am falschen Ort zu sein. Aber die Herren erwarten den Polizeipräsidenten bereits. Sie sind nur verwundert darüber, dass dieser nichts von der mit dem Hauptkommissar getroffenen Abmachung weiß: Iver Iversen erklärt sich bereit, als Belastungszeuge gegen Levi Thou aufzutreten und legt sogleich Dokumente über von ihm vorgenommene Immobilientransaktionen vor, mit denen Geld des Gangsterbosses gewaschen wurde. Außerdem will er gegen Fredrik Ansgar aussagen, der im Dezernat für Wirtschaftskriminalität für den Zwilling gearbeitet hatte, bis er von seinem Kollegen Simon Kefas zur Kündigung gezwungen worden war. Iversen hat auch noch einen USB-Stick mit einer Tondatei zu bieten, die ihm der Kommissar schickte. Darauf ist zu hören, wie der stellvertretende Gefängnisdirektor Arild Franck das Konto angibt, auf das Hugo Nestor die Schmiergelder für ihn überwies. Als Gegenleistung erwartet Iver Iversen eine Strafmilderung.

Zur gleichen Zeit begleitet Sonny Lofthus den Kommissar ins Restaurant „Nautilus“. Sie haben zwei Koffer bei sich. Nachdem die Leibwächter Simon Kefas die Dienstwaffe abgenommen haben, werden die Besucher zum Zwilling geführt. Simon Kefas schlägt einen Friedensschluss vor und erklärt, Sonny sei bereit, die Beute aus der Drogenzentrale zurückzugeben. Als Zeichen des guten Willens habe man ein Drittel des Geldes und des Heroins bereits mitgebracht. Bo öffnet einen der Koffer und zeigt seinem Boss, dass er mit Banknoten gefüllt ist. Statt auf Simon Kefas‘ Vorschlag einzugehen, fordert der Zwilling Bo auf, Sonny umzubringen. Als der Gangster Sonny ein Messer an die Kehle hält und niemand auf den Kommissar achtet, öffnet dieser den zweiten Koffer und zündet die darin liegende Blendgranate. Bevor die Gangster begreifen, was los ist, eröffnen Simon und Sonny mit den ebenfalls dem Koffer entnommenen Waffen das Feuer.

Alle vier Leibwächter kommen ums Leben; aber der Zwilling flieht in eine nahe Kirche. Als der Kommissar hinkommt, sieht er Sonny und den Zwilling in einem Beichtstuhl sitzen. Der Verbrecherboss zieht eine Pistole. Simon bleibt keine Zeit mehr, selbst zu schießen. Stattdessen wirft er sich zwischen die beiden Männer und fängt die Kugel mit seinem Oberkörper auf. Der Zwilling stürmt aus dem Beichtstuhl. Nachdem Sonny ihn mit der Uzi erschossen hat, will er einen Krankenwagen rufen, aber Simon hält ihn davon ab. Er weiß, dass er tödlich getroffen wurde.

Mit letzter Kraft weist er Sonny darauf hin, dass er ihm versprochen habe, auch der Maulwurf von damals werde da sein. Er halte sein Versprechen. Er selbst sei es gewesen. Nicht einmal der Zwilling habe das gewusst, denn sie hätten nur auf Umwegen miteinander kommuniziert. Als der Zwilling dann zu der Auffassung kam, es sei besser, mit einem Zuträger aus dem Dezernat für Wirtschaftskriminalität auszukommen und vorschlug, den anderen nicht nur zu töten, sondern als Maulwurf zu entlarven und damit die Gerüchte über den Verräter in den Reihen der Polizei zum Verstummen zu bringen, nahm Simon an, dass Ab Lofthus eine entsprechende Anweisung erhalten habe – und kam seinem früheren Freund zuvor, indem er ihn zwang, den Abschiedsbrief zu schreiben und sich zu erschießen. Zur gleichen Zeit brach der den Kontakt zum Zwilling ab.

Martha lieferte an diesem Morgen bereits eine mit Geld gefüllte Sporttasche in der Kanzlei Tomte & Øhre ab. Rechtsanwalt Øhre bezahlt damit die Flüge, die Augenoperation und die Behandlung Elses in der Howell-Klinik in Baltimore.

Sonny Lofthus und Martha Lian sind verschwunden.

Der Reeder Yngve Morsand wird tot aufgefunden. Jemand hat ihm einen Teil des Schädels weggesägt – so wie er es mit seiner Frau gemacht hatte.

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Nach neun Kriminalromanen über die Figur des (Ex-)Kommissars Harry Hole führt Jo Nesbø mit „Der Sohn“ eine neue Hauptfigur ein: Sonny Lofthus.

Um dessen Rachefeldzug dreht sich die Handlung. Im Namen der Gerechtigkeit ermordet Sonny Lofthus andere Gewaltverbrecher, die ihn bzw. seinen Vater ins Verderben stürzten. Gleichzeitig erweist er sich immer wieder als Wohltäter, der Bedürftigen Geld zukommen lässt. Das geschieht in einer verkommenen Gesellschaft, in der sich Anwälte, Polizisten und Gefängnisdirektoren von einem Gangsterboss kaufen lassen. Obwohl das Thema Schuld umkreist wird und Jo Nesbø sowohl mit Namen wie Simon, Pontius, Martha, Johannes und Ab(raham) als auch mit einem Mann, der nach einem Schlag die andere Wange hinhält, Bezüge zur Bibel herstellt, legt er weder Wert auf Gesellschaftskritik noch Moralphilosophie, sondern es kommt ihm einfach darauf an, einen spannenden Thriller vorzulegen.

Souverän meistert Jo Nesbø die Herausforderungen, denen er sich durch den komplexen Aufbau des Thrillers stellte. Die verschiedenen Perspektiven greifen wie gut geölte Zahnräder ineinander. Mehrmals führt Jo Nesbø Gegenstände ein, die erst hundert Seiten später bedeutsam werden. Die Handlung entwickelt er chronologisch im fortwährenden Wechsel der Handlungsfäden. Neben der intelligenten Konstruktion sind es die stringente Entwicklung, eine knappe, klare Sprache und lebendige Dialoge, die „Der Sohn“ zur unterhaltsamen Lektüre machen.

Einiges wie zum Beispiel die ebenso rasche wie radikale Überwindung der langjährigen Heroinsucht oder die Liebesgeschichte zwischen Sonny Lofthus und Martha Lian wirkt unplausibel. Verwunderlich ist es, wenn die Polizei erst aus dem Ergebnis eines DNA-Vergleichs schließt, dass der jetzt 20 Jahre alte Iver Iversen junior nicht der Vater eines vor zwölf Jahren im Mutterleib getöteten Kindes ist. Und auch im Lektorat wurde übersehen, dass der Rechtsanwalt Øhre auf Seite 487 Jens und auf Seite 495 Jan heißt.

Den Roman „Der Sohn“ von Jo Nesbø gibt es in einer gekürzten Fassung auch als Hörbuch, gelesen von Sascha Rotermund (Bearbeitung: Regina Carstensen, ISBN 978-3-89903-919-1).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

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