Cees Nooteboom : Paradies verloren

Paradies verloren

Cees Nooteboom

Paradies verloren

Originaltitel: Paradijs verloren Paradies verloren Übersetzung: Helga van Beuningen Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2005 ISBN 3-518-41726-6, 159 Seiten, 16.90 € (D) Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 2006 ISBN 3-518-45808-6,159 Seiten, 6.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem die Brasilianerin Alma in einer Favela von São Paulo vergewaltigt wurde, reist sie mit ihrer Freundin Almut nach Australien, um das Trauma zu überwinden. Aber der Fünfte Kontinent ist längst kein Paradies mehr. In Perth finden sie einen Komparsenjob und verkleiden sich als Engel. In dieser Aufmachung wird Alma von dem niederländischen Literaturkritiker Erik Zondag entdeckt ...
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Kritik

Kunstvolle Brechungen und Spiegelungen machen "Paradies verloren" zu einem anspruchsvollen Roman, der jedoch nicht schwierig zu lesen ist, zumal Ernst und Heiterkeit ausgewogen sind.
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Während eines Fluges von Friedrichshafen nach Berlin fällt dem Autor eine attraktive Mitreisende auf, die in einem rot eingeschlagenen Buch blättert, das wohl – er kann es nicht mit Bestimmtheit sagen – den Titel „Paradies verloren“ trägt. Er fühlt sich zu der Frau hingezogen, aber nach der Landung wird sie von einem Mann abgeholt, den sie zur Begrüßung küsst.


Die beiden Brasilianerinnen Alma und Almut – beide stammen aus deutschen Einwandererfamilien – sind seit ihrer Kindheit befreundet, haben Kunstgeschichte studiert und leben in São Paulo. Nomen est omen: Während Alma ein wenig verträumt wirkt, ein Faible für die Renaissance-Malerei hat und von Botticelli-Engeln schwärmt, ist Almut – Al(ma) + Mut – resoluter und bevorzugt den aus Holland stammenden amerikanischen Maler Willem de Kooning.

Eines Abends fährt Alma unvorsichtigerweise allein durch die Favela Paraisópolis und wird von mehreren Männern vergewaltigt.

Um das Trauma zu überwinden, verwirklichen Alma und Almut einen Kindheitstraum und brechen nach Australien auf. Sie lassen sich als Physiotherapeutinnen ausbilden, schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch und bereisen den Fünften Kontinent. Aber sie müssen lernen, dass Australien anders ist als sie es sich vorgestellt hatten. Es ist längst kein Paradies mehr. „Mein Australien war eine Fiktion“, gesteht Alma sich ein. Als so etwas wie eine therapeutische Maßnahme verbringt sie einige Tage mit einem Aborigin. In Perth finden Alma und Almut einen Komparsenjob: Im Rahmen eines Theaterprojekts verkleiden sie sich zusammen mit anderen als Engel, verstecken sich und warten darauf, gefunden zu werden. Almut stellt sich aufs Theaterdach; Alma („jetzt bin ich ein Engel“) kauert sich in einen Schrank. So findet sie der aus den Niederlanden stammende Literaturkritiker Erik Zondag, ein korpulenter Griesgram Mitte vierzig, der zu viel trinkt, Erfolgsautoren beneidet und Thomas Bernhard verehrt. Den Anblick des Engels empfindet er wie eine Offenbarung. Am Strand kommen Alma und Erik sich näher, aber das Sirenengeheul eines Streifenwagens beendet die Affäre, bevor sie begonnen hat.

Drei Jahre später folgt Erik Zontag, dessen Ehe gescheitert ist, widerwillig dem Rat einer mit ihm befreundeten Kulturredakteurin und fährt zur F. X. Mayr-Kur nach Igls bei Innsbruck. (Die Fastenkur, bei der man sich fast ausschließlich von Milch und alten Brötchen ernährt, soll den Körper entschlacken.) Erik hätte es nicht für möglich gehalten, aber nach ein paar Tagen stellt er fest: „Kein Bedürfnis nach Alkohol, kein Verlangen nach Sex.“ Da erkennt er in einer Masseuse den Engel aus Perth wieder, der ihm damals ein Wiedersehen angekündigt hatte …


Im Zug nach Moskau begegnet der Autor der Passagierin wieder, die ihm auf dem Flug von Friedrichshafen nach Berlin aufgefallen war.

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Mit dem Titel „Paradies verloren“ spielt Cees Nooteboom auf das monumentale Epos an, das der englische Schriftsteller John Milton 1667 unter dem Titel „Paradise Lost“ („Das verlorene Paradies“) veröffentlicht hatte.

Den Prolog lässt Cees Nooteboom wie sein Landsmann Harry Mulisch in „Die Entdeckung des Himmels“ im Himmel spielen, zwar nicht inmitten der Engel, aber in einem Flugzeug. Der Roman „Paradies verloren“ besteht aus zwei von Prolog und Epilog eingerahmten Abschnitten. Den ersten Teil lässt Cees Nooteboom von Alma erzählen; den zweiten Teil erleben wir aus der Perspektive Erik Zondags. Damit wechselt auch der Sprachstil. Cees Nooteboom porträtiert Menschen, deren Sehnsucht nach Liebe unerfüllt bleibt und beschreibt flüchtige Begegnungen von Reisenden. Kunstvolle Brechungen und Spiegelungen machen „Paradies verloren“ zu einem anspruchsvollen Roman, der jedoch nicht schwierig zu lesen ist, zumal Ernst und Heiterkeit ausgewogen sind. „Seine [Cees Nootebooms] Romane haben Tiefgang, aber keine Gravität“, meint Verena Auffermann („Süddeutsche Zeitung“, 21. Oktober 2005).

Übrigens: Die Favela Paraisópolis gibt es wirklich in São Paulo; und im Jahr 2000 fand in Perth tatsächlich im Rahmen eines Theaterprojekts ein Engel-Festival statt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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