Frank Schätzing : Lautlos

Lautlos
Lautlos Originalausgabe: Hermann-Josef Emons Verlag, Köln 2000 ISBN: 3-897-05185-0, 608 Seiten Taschenbuch: Goldmann Verlag, München 2006 ISBN 978-3-442-45922-3, 702 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Unmittelbar bevor der US-Präsident Bill Clinton am 18. Juni 1999 zu einem Weltwirtschaftsgipfel in Köln eintrifft, warnt der irische Physiker und Bestsellerautor Liam O'Connor, der sich gerade in Köln aufhält, vor einem am Flughafen geplanten Anschlag. Doch wer glaubt schon einem Mann, der zwar als Anwärter für einen Nobelpreis gilt, von dem jedoch auch bekannt ist, dass er zu viel trinkt?
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Kritik

In dem komplexen und spannenden Politthriller "Lautlos" greift Frank Schätzing eine ganze Reihe politischer Themen auf. Zunächst fesselt er die Aufmerksamkeit des Lesers sehr geschickt durch den Wechsel zwischen zwei Zeitebenen und Handlungssträngen, dann steigert er das Tempo ...
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Karl Zeman Drakovic wurde 1956 im jugoslawischen Novi Pazar geboren. Von einem offenbar sehr mächtigen und einflussreichen Herrn, dessen Geheimorganisation sich „Trojanisches Pferd“ nennt, erhält Mirko – das ist Drakovics Deckname – am 20. November 1998 den Auftrag, mit einem serbisch geführten Kommando ein Attentat auf US-Präsident Bill Clinton vorzubereiten.

Am 4. Dezember trifft Mirko sich in Triora, Ligurien, mit Laura Firidolfi, die in Alba, Piemont, eine erfolgreiche Softwarefirma betreibt: die Neuronet AG. Tatsächlich heißt sie Sonja Cosic und ist Serbin. Sie wurde 1969 in Belgrad geboren, studierte Serbisch, Physik und Informatik, spricht fließend serbisch, deutsch, italienisch und englisch – und gilt als eine der besten Terroristinnen der Welt. Ihr Deckname lautet Jana. Zur Vorbereitung und Durchführung der Auftragsmorde schlüpft sie in verschiedene Rollen und nennt sich dann zum Beispiel auch Karina Potschowa oder Teresa Baldi.

Sie weiß ebenso wie Mirko, dass sich die Zeiten seit der Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963 in Dallas, Texas, geändert haben und die Sicherheitsmaßnahmen vor allem nach dem Giftgasanschlag der Aum-Sekte in der U-Bahn von Tokio am 20. März 1995 so verschärft wurden, dass es kaum noch möglich wäre, mit einer Schusswaffe in die Nähe eines US-Präsidenten zu kommen. Aber Jana hat eine Idee, wie sie Bill Clinton trotzdem töten kann. 25 Millionen Dollar plus Material und Spesen verlangt sie dafür.

Bereits am 14. Dezember präsentiert Maxim Gruschkow, der Chefprogrammierer der Neuronet AG und einer der beiden engsten Vertrauten Janas, den ausgearbeiteten Lösungsvorschlag: Wenn Bill Clinton sich in der Öffentlichkeit zeigt, steht weit außerhalb des Sicherheitsbereiches ein Festkörperlaser, ein Neodym-YAG, dessen Laserstrahl über geeignete Spiegel den Kopf des US-Präsidenten trifft und ihn zum Bersten bringt. Gezielt wird mit einem Objektiv am letzten, über Piezomotoren beweglichen Spiegel. Da es sich bei den Spiegeln um für normales Licht durchlässige Glasplatten mit dielektrischer Vielfachbeschichtung handelt, kann die Optik unmittelbar dahinter angebracht werden, sodass es keinen Parallaxenfehler gibt und das Fadenkreuz dem Ziel des Laserstrahls genau entspricht. Das Bild wird durch Radiowellen übertragen, zum Beispiel auf einen Laptop. Weil Jana es jedoch vorzieht, das Attentat nicht aus einem Versteck in der Ferne zu steuern, sondern sich dabei in Sichtweite des US-Präsidenten aufzuhalten, um auf die Situation flexibel reagieren zu können, soll Gruschkow eine Nikon-Kamera so umbauen, dass das Bild der Steuereinheit im Sucher zu sehen ist und der Auslöser wiederum über Radiowellen den YAG aktiviert. Es darf nur nicht regnen, denn die Tropfen könnten den Laserstrahl ablenken.

Stattfinden soll die Operation „lautlos“, wenn Bill Clinton zum dreitägigen Weltwirtschaftsgipfel vom 18. bis 20. Juni 1999 nach Köln kommt.

Mirko trifft am 29. Januar 1999 unter dem Namen Biçic auf dem Flughafen Scheremetjewo ein und steigt in ein vorbestelltes Taxi, das ihn ins Moskauer Stadtzentrum bringt. Dort erwirbt er von einem einschlägigen Händler eine extrem flache Pistole und fährt dann weiter zum Jugendstilhaus eines Abgeordneten. Dessen Leibwächter durchsuchen ihn nach Waffen, finden aber nichts. Der Abgeordnete hatte veranlasst, dass der YAG vor wenigen Tagen von Moskau nach Köln geschickt wurde. Dafür war ihm eine Million Dollar versprochen worden. Mirko schüttet die Geldbündel aus einem Koffer auf den Schreibtisch des Abgeordneten, drückt ihm dann die Schmalseite des Koffers an die Stirn und drückt einen im Griff versteckten Knopf, der einen Schuss aus der ultraflachen, in den falschen Boden eingebauten Pistole auslöst. Nach dem russischen Abgeordneten erschießt Mirko noch dessen zwei Leibwächter und reist dann wieder aus Moskau ab.

Die Spiegel werden inzwischen in Chur hergestellt.

Am 18. Februar 1999 verspricht Mirko einem Obdachlosen in Köln 100 Mark, wenn er sich für ein paar Fotos ablichten lässt und fährt mit ihm zu einer Spedition zwischen der Kölner Innenstadt und dem Köln Bonner Flughafen. Dort wartet Jana mit einer Nikon auf den Landstreicher. Sie fokussiert, drückt den Auslöser – und der Kopf des Penners „fliegt in einer Wolke aus Blut, Hirn und Knochensplittern auseinander“ (Seite 180). Das Laser-System funktioniert!

Am 15. Juni 1999 holen Franz Maria Kuhn und Kirsten Katharina („Kika“) Wagner den irischen Physiker, Nobelpreisanwärter und Bestsellerautor Prof. Dr. Liam O’Connor vom Flughafen Köln-Bonn ab. Kuhn ist der designierte Leiter des Lektorats Belletristik des Hamburger Verlags, in dem die deutschen Ausgaben von O’Connors Büchern erscheinen, und bei Kika handelt es sich um die Pressereferentin. Am Abend soll Professor O’Connor im Physikalischen Institut der Kölner Universität einen Vortrag über Lichtbremsung halten, und für den folgenden Tag ist eine Autorenlesung aus seinem neuen Buch in einer großen Kölner Buchhandlung geplant. Da er als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter zweisprachig in Dublin aufgewachsen ist, wird er nicht auf einen Dolmetscher angewiesen sein. Kikas Aufgabe besteht in erster Linie darin, darauf zu achten, den irischen Autor und Wissenschaftler, der sich gern als enfant terrible gibt, vom übermäßigen Alkoholkonsum abzuhalten, damit er die geplanten Termine wahrnehmen kann. Die Achtundzwanzigjährige kann allerdings nicht verhindern, dass O’Connor bereits bei der Ankunft so betrunken ist, dass er von einer Stewardess in die Lufthansa-Lounge geführt werden muss.

Seine Zynismen wurden gewählter. Er legte sich einen gepflegten Nihilismus zu, kultivierte sein Alkoholproblem und stürzte sich verstärkt in seine Experimente. Die etablierte Welt der Schönen und Reichen widerte ihn ebenso an, wie sie seine Bühne darstellte. Er wusste nur zu gut, dass er ohne das Publikum, das er verachtete, nicht existieren konnte, also bedachte er es mit Spott auf eine Weise, dass es ihn selbst dafür noch bewunderte. Er begann einen zweiten Anlauf als Schriftsteller, verfasste wissenschaftliche Sachbücher und dann utopische Romane. Wie nicht anders zu erwarten, reüssierte er auch hier. (Seite 190)

O’Connor erholt sich wieder, und Kika ist nicht sicher, wieviel Betrunkenheit echt und wieviel vorgetäuscht ist. Beim Abendessen mit ihr, Kuhn und einigen Honoratioren im Hotel Maritim meint O’Connor über das Eingreifen der NATO auf dem Balkan:

„Jamie Shea [Pressesprecher der NATO] spricht immer nur von Luftangriffen. Würde er von Krieg sprechen, müsste er verbindlich die Rechtsgrundlage dieses Krieges erläutern. Offenbar kann er das nicht und tut es nicht, also ist es kein Krieg […]
Ich bin nur ein Physiker, der Bücher schreibt, kein Politiker. Mir teilt sich lediglich mit, dass keiner die Sache Krieg nennen mag, und da frage ich mich halt, wenn die Nato nicht so richtig weiß, was es ist, ob sie dann vielleicht auch nicht richtig weiß, was sie tut.“ (Seite 130f)

Am 17. Juni will O’Connor unbedingt noch einmal mit Kika zum Köln Bonner Flughafen, denn bei der Ankunft entdeckte er seinen früheren Freund und Kommilitonen Paddy Clohessy, aber der reagierte nicht auf sein Rufen und verschwand in einem Aufzug. Clohessy war wegen aufrührerischer Aktivitäten von der Universität geflogen und danach untergetaucht. Da der Mann einen Arbeitsanzug trug, muss er am Flughafen beschäftigt sein. In der Personalabteilung ist man dem prominenten Gast gern bei der Suche nach seinem Freund behilflich, aber es gibt nur einen einzigen Iren unter den Mitarbeitern: den Fassadentechniker Ryan O’Dea. Der wird gerufen, und O’Connor erkennt ihn eindeutig wieder: Es ist Clohessy. Aber der Mann tut so, als sei er dem irischen Physiker nie begegnet, und O’Connor spielt mit.

Nach der Autorenlesung trinkt O’Connor noch mit Kika und Kuhn ein paar Gläser an der Bar seines Hotels. Man bittet ihn in eine der Telefonkabinen: Clohessy ist am Apparat. Er wartet vor dem Hotel und möchte ihn kurz sprechen. O’Connor umarmt ihn flüchtig und fragt:

„Wo bist du abgeblieben damals? Ich weiß nicht das Geringste über dich, außer, dass du erschossen wurdest, und nicht mal darauf konnte man sich verlassen.“ (Seite 228)

Clohessy erzählt seinem früheren Freund, er sei aktives Mitglied der IRA gewesen, habe sich dann aber aus der Organisation zurückgezogen. Nun werde er nicht nur von der Polizei, sondern auch von der IRA gesucht. Deshalb habe er sich eine neue Identität als Fassadentechniker Ryan O’Dea zugelegt. O’Connor solle ihm das nicht kaputtmachen und ihn nicht verraten. Verbittert fährt er fort:

Ich habe mich in den Dienst eines Ideals begeben und verloren. Du hast dich der Bürde des Ideals verweigert und gewonnen. (Seite 231)

Nach ein paar Minuten verabschieden sich die beiden Männer. O’Connor geht wieder zur Bar und erzählt Kika und Kuhn von dem seltsamen Gespräch. Was ist mit Clohessy wirklich los? „Ryan O’Dea“ steht im Telefonbuch, aber als O’Connor dort nach einiger Zeit anruft, schaltet sich der Anrufbeantworter ein; Clohessy ist also vermutlich noch nicht nach Hause gekommen. Die Sache lässt O’Connor keine Ruhe, und er fährt mit Kika zu der Adresse.

Clohessy gehört zu Janas Kommando. Übers Handy versichert er ihr, das Gespräch mit O’Connor sei gut gelaufen: der frühere Freund werde ihn von jetzt an in Ruhe lassen. Dass Jana über sein manipuliertes Handy jedes Wort mitgehört hat, ahnt Clohessy zwar nicht, aber er weiß, dass sie ihn nicht mehr benötigt, weil der YAG seit vier Wochen einsatzfähig ist, und aufgrund des Zwischenfalls mit O’Connor fürchtet er um sein Leben. Zu Hause angekommen, beschließt er, lieber auf die Million zu verzichten und sich noch in der Nacht in Sicherheit zu bringen.

Als es an der Wohnungstür klingelt, rührt Clohessy sich nicht. O’Connor und Kika nehmen an, dass er immer noch nicht da ist und warten im Wagen eine Weile auf seine Rückkehr. Dann ziehen sie es vor, in den nahen Park zu laufen und endlich zu tun, was sie seit ihrer ersten Begegnung ersehnen: Sie reißen sich die Kleider vom Leib und fallen übereinander her.

Sobald O’Connor und Kika verschwunden sind, betritt Mirko, der im Dunkeln gewartet hat, das Haus. Im Treppenhaus treffen er und Clohessy aufeinander. Der Ire erschrickt, aber Mirko geht mit ihm kurz in die Wohnung und sagt, man brauche ihn wegen eines kleinen Defekts an der Anlage. Einigermaßen beruhigt steigt Clohessy zu Mirko ins Auto – und wird getötet.

Nachdem Mirko die Leiche im Fond unter Decken versteckt hat, geht er noch einmal zu Clohessys Wohnung, um eventuelle Spuren zu beseitigen. Die Tür ließ er eigens einen Spalt offen. Doch jetzt ist sie zu. Mirko öffnet das Schloss mit einem Spezialwerkzeug – und findet im Bad einen Fremden. Es handelt sich um Franz Maria Kuhn. Der hatte sich Sorgen um Kika und O’Connor gemacht, war ihnen nach einem vergeblichen Anruf auf Kikas Handy nachgefahren und in die offene Wohnung gegangen. Mirko nimmt ihn mit in die Spedition, in der Jana ihre Einsatzzentrale eingerichtet hat und wo auch der YAG steht.

Jana gerät mit dem Gefangenen in eine Diskussion und gibt etwas von ihrer politischen Einstellung preis:

„Ihr habt nicht gewonnen. Ihr habt Miloševic nicht kleingekriegtt, er ist immer noch da, und er wird euch weiterhin auf der Nase herumtanzen. Ihr habt nicht ihn und seine Truppen in die Steinzeit gebombt, sondern mein Volk und das Land, das ihr befreien wolltet. Eure Nato, euer Kanzler, der Präsident der Amerikaner, ihr denkt immerzu, die Frage nach dem Sieg sei eine Frage der technischen Überlegenheit. Die habt ihr weiß Gott demonstriert […] Wer hatte alles zu leiden unter eurer Überlegenheit? Ihr redet von der Wiederherstellung von Werten und werft Bomben, aber wieviele serbische und albanische Werte habt ihr dabei vernichtet, wieviele Menschen sind dabei umgekommen?“ (Seite 335f)

Kika hatte ihr Handy im Auto liegen lassen. Als sie mit O’Connor aus dem Park kommt, wundert sie sich, dass Kuhn offenbar versucht hatte, zu so später Stunde noch einmal mit ihr zu reden. Sie ruft zurück. Kuhn meldet sich und behauptet, er könne sie wegen unvorhergesehener Termine am nächsten Tag nicht sehen. Irgendwie kommt er Kika anders vor, als sonst, aber sie ahnt nicht, dass er in der Halle der Spedition mit Handschellen an ein Heizungsrohr gekettet ist und ein Terrorist neben ihm steht, der aufpasst, was er sagt. Erst einige Zeit später, als Kika den Speicher ihres Handys aufgeräumt hat, erhält sie eine SMS, die Kuhn unmittelbar vor seiner Entdeckung abschickte:

„HILF – PADYS WONUN – DERJAK – DERIJAG? SCHIESST – HABEN PROBLEM – PIEZA DATSPIGLEN – OBJEKTIV – “ (Seite 301)

Am Morgen fahren Kika und O’Connor zur Polizeiwache des Flughafens Köln-Bonn. Hauptkommissar Eric Lavallier sitzt einem Paar gegenüber, das offenbar kaum geschlafen hat, heftig nach Alkohol riecht und ihm eine abenteuerliche Geschichte auftischt, von einem Flughafenmechaniker mit falschem Namen, der ein IRA-Aktivist gewesen sein soll und von einem verschwundenen, möglicherweise entführten Verlagslektor, der am Telefon seltsam klang und per SMS einen kryptischen Hilferuf schickte. Lavallier glaubt, es mit Spinnern zu tun zu haben, aber er muss dem Hinweis nachgehen. Er ruft Hauptkommissar Peter Bär im Kölner Polizeipräsidium an und ersucht ihn darum, das Auto des Vermissten zu suchen. O’Dea ist an diesem Morgen nicht zum Dienst erschienen. Von Martin Mahder, dem Abteilungsleiter für Fassadenbau und Elektrik, erfährt Lavallier, dass O’Dea erst am 25. Januar eingestellt wurde, und zwar nicht nach einer Ausschreibung, wie es die Vorschrift verlangt hätte, sondern aufgrund einer Bewerbung. Außerdem stellt sich heraus, dass Paddy Clohessy alias Ryan O’Dea von 1990 bis Ende 1998 ein aktives Mitglied der IRA war.

Kuhns Auto wird vor Clohessys Wohnung gefunden. Bei deren Durchsuchung entdeckt die Polizei ein Blatt mit der Druckspur einer mit Kugelschreiber geschriebenen Nachricht. Es sieht so aus, als habe Clohessy kurz vor seinem Verschwinden noch einen Brief geschrieben, in dem er behauptete, O’Connor arbeite für James Foggerty, ein bekanntes Führungsmitglied der IRA. Ist O’Connor in Wirklichkeit im Auftrag der IRA hinter dem Abtrünnigen her? Der irische Physiker und Schriftsteller ist zunächst sprachlos, als er mit dem Verdacht konfrontiert wird. Dann überlegt er, wieso jemand daran interessiert sein könnte, ihm auf diese Weise zu schaden.

Gehört Clohessy zu einer Bande, die am Flughafen Köln-Bonn einen Anschlag plant? Etwa auf den US-Präsidenten, der in weniger als zehn Stunden landen wird? Auch Lavallier hält das inzwischen für möglich und überlegt, ob man die Air Force One und die Flugzeuge der anderen Staatschefs, die zum Weltwirtschaftsgipfel erwartet werden, aus Sicherheitsgründen nach Düsseldorf umleiten sollte? Aber der Flughafen Köln-Bonn ist gerade dabei, gegenüber dem Konkurrenten an Boden zu gewinnen, und diesen Erfolg will hier niemand gefährden.

Als Cordula Malik, freie Journalistin aus Wien, ließ Jana sich für die Berichterstattung über den Weltwirtschaftsgipfel akkreditieren und mit einer Poolkarte für die Pressetribüne auf dem Vorfeld Fracht West ausstatten. Nach gründlicher Überprüfung werden sie und ihre Kollegen mit einem Bus vom Pressezentrum in der Kölner Innenstadt zum Flughafen gefahren.

Währenddessen nimmt O’Connor sich noch einmal Kuhns Hilferuf vor, und plötzlich fällt der Groschen: „DERJAK“ ist kein Personenname, sondern soll heißen „der YAG“, und „PIEZA DATSPIGLEN“ steht für „Piez Adapt. Spiegel“, also Piezomotoren in einem Adaptiven Spiegel. Das deutet tatsächlich auf einen geplanten Anschlag hin: Unter Zuhilfenahme entsprechender Umlenkspiegel könnte man einen Politiker mit einem tödlichen Laserstrahl aus mehreren Kilometer Entfernung töten – zum Beispiel den US-Präsidenten, der in einer Stunde eintreffen wird. Aber dann müssten hier irgendwo Spiegel montiert sein. Ein Fassadentechniker wie Clohessy könnte sie auf einem der Dächer angebracht haben. O’Connor wendet sich an Martin Mahder und fragt ihn, in welchen Bereichen Clohessy gearbeitet habe. Der Abteilungsleiter ruft Clohessys Kollegen Josef Pecek. Der klettert mit O’Connor aufs Dach, tritt an den Rand und tut so, als habe er etwas entdeckt. Als O’Connor es sehen will, versucht Pecek, ihn über den Rand zu stoßen, verliert jedoch selbst das Gleichgewicht und stürzt in die Tiefe. O’Connor prallt zurück und kracht durch eine zersplitternde Glasscheibe auf ein Gerüst darunter. Pecek ist sofort tot. O’Connor kommt nach einiger Zeit wieder zu sich und hat sich nur Prellungen und Schnittwunden zugezogen. Als Erstes will er wissen, ob die Air Force Once bereits gelandet sei. Die Boeing 747-200B hat ihre Halteposition bereits erreicht. Aufgeregt fordert O’Connor die über ihn gebeugte Polizeimeisterin Gerhard auf, zu verhindern, dass Clinton das Flugzeug verlässt. Die Polizistin glaubt zunächst, der Verletzte befinde sich in einem Schockzustand, aber er insistiert, bis sie Lavallier anruft und das Codewort „Eiszeit“ durchgibt: Alarm! Ein Attentat!

Mahder sah zwar, wie sein Komplize Pecek ums Leben kam, aber er bricht das Unternehmen nicht durch einen Anruf ab, denn er will auf die Million nicht verzichten, die Jana ihm für die erfolgreiche Durchführung versprach, und er weiß, dass sich die beiden von Clohessy am Flughafen installierten Spiegel in einem ganz anderen Bereich befinden. Eine vorzeitige Entdeckung ist deshalb so gut wie ausgeschlossen, nicht zuletzt auch, weil Jana die Klappen über den Spiegeln erst im letzten Augenblick öffnen wird.

Lavallier hält nach Spiegeln Ausschau, wie O’Connor es ihm gesagt hat. Bill Clinton erscheint auf der Gangway. Plötzlich entdeckt Lavallier den Lichtreflex eines bewegten Spiegels. Sofort weist er einen der auf den Dächern postierten Scharfschützen an, darauf zu schießen. Im nächsten Augenblick drückt auch Jana, die das Fadenkreuz auf Clintons Stirn hält, den Auslöser ihrer Nikon, aber der durch den Schuss aus seiner Position gerissene Spiegel lenkt den Laserstrahl nach oben in einen Vogelschwarm ab.

Obwohl das Attentat missglückt ist, bleibt Jana äußerlich ruhig. Jetzt gilt es, wenigstens unbehelligt davonzukommen. Unauffällig lässt sie den Chip aus dem Batteriefach der Kamera fallen und zertritt ihn am Boden. Bei der zu erwartenden Durchsuchung wird man an der Nikon nichts Auffälliges feststellen.

Nicht so beherrscht wie Jana bleibt Gruschkow, der den YAG aus der Speditionshalle auf Schienen in den Hof fuhr und den Anschlag auf einem Monitor verfolgte. Wie damals, als er seine Ehefrau und sein Kind totprügelte, gerät er in blinde Wut, stürzt sich auf den wehrlosen Lektor und tritt auf ihn ein, bis dieser sich nicht mehr bewegt. Dann erst lässt er den YAG in die Halle zurückfahren.

Die Fahndung nach Mahder läuft. Aber bei dem Schützen muss es sich um eine andere Person gehandelt haben, denn die Spiegel wurden erst im letzten Augenblick ausgefahren. O’Connor hält es für möglich, dass die Anlage mit einer Kamera gesteuert wurde. Die Reporter! Aufgrund seines Hinweises lässt Lavallier die Journalisten und deren Kameras am Ausgang sorgfältig durchsuchen, aber Jana gelang unbehelligt ins Freie.

US-Präsident Bill Clinton und Bundeskanzler Gerhard Schröder verständigen sich darauf, keine Nachrichten über den missglückten Anschlag in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen.

Als O’Connor, Kika und Aaron Silberman, der stellvertretende Chefredakteur für Politik bei der „Washington Post“, nach Köln zurückfahren, fällt dem Physiker ein hoher Strommast auf. An dessen Spitze könnte ein weiterer Spiegel befestigt sein. Zufällig trifft auch Jana gerade bei ihrer Einsatzzentrale ein und sieht O’Connor neben dem Mast. Gerade als er Lavallier anrufen will, zwingt sie ihn und seine beiden Begleiter mit vorgehaltener Pistole, mit ihr in die Spedition zu gehen. In der Halle wartet nicht nur Gruschkow auf sie, sondern auch Mahder, der nur rasch seine Million einpacken und dann vor der Polizei fliehen will. Weil er Jana auf die Nerven geht, erschießt sie ihn.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Da wird das Tor aufgesprengt. Vier Agenten einer für Bill Clintons Sicherheit in Köln zuständigen, von Carl Seamus Drake geführten Einheit des Secret Service stürmen in die Halle. Ihr Auftrag lautet: Die Attentäter töten, dann mit deren Waffen auch die Geiseln erschießen. Aber da sind mehr Menschen im Raum, als erwartet. Ein Moment der Verwirrung kostet dem ersten Sicherheitsbeamten das Leben: Jana erschießt ihn. Bei dem Schusswechsel kommen auch Gruschkow und ein zweiter Agent ums Leben. Dem dritten Mitglied des Kommandos wird die rechte Hand abgetrennt. Drake entkommt unverletzt ins Freie. Jana hat ihn erkannt: Es ist niemand anderes als Mirko! Offenbar war von Anfang an geplant, keine Zeugen des Attentat auf Bill Clinton am Leben zu lassen. Bei dem „Trojanischen Pferd“ handelt es sich nicht, wie sie annahm, um jemand in der serbischen Staatsführung, sondern um eine Gruppe von Amerikanern, die die Ermordung des demokratischen US-Präsidenten wie einen Anschlag serbischer Nationalisten aussehen lassen wollten.

Jana weiß, dass Mirko draußen auf sie wartet und sie keine Chance hat, zu entkommen. Das gilt auch für O’Connor, Kika, Silberman, den schwer verletzten Agenten und den bewusstlosen Lektor.

Mirko hört drei Schüsse aus der Halle. Dann ruft der Sicherheitsbeamte, er habe Jana erschossen und brauche Hilfe. Vorsichtig betritt Mirko die Halle. Er sieht die Toten am Boden liegen. An Kleidung und Perücke erkennt er Jana. Um sicher zu gehen, dass sie tot ist, schießt er auf den Körper. Plötzlich merkt er, dass der rechte Arm des Schwerverletzten mit einer Krawatte abgebunden ist und wittert die Falle. Er springt zurück – und entgeht dadurch dem von Kika aus dem Nebenraum auf ihn abgefeuerten tödlichen Laserstrahl. Im nächsten Moment springt jemand auf, den Mirko für einen seiner toten Kameraden hielt. Mirko erkennt noch Janas Gesicht, dann trifft ihn ein tödlicher Schuss.

Als die Polizei eintrifft, ist Jana verschwunden.

Für Franz Maria Kuhn kommt jede Hilfe zu spät.

In einer Klosterkirche in den Appalachian Mountains ärgert das „Trojanische Pferd“ sich über den missglückten Anschlag, der elf Millionen Dollar gekostet hat. Der YAG stammt übrigens aus dem Institut für Hochenergielaserforschung in Redondo Beach, Kalifornien, und wurde eigens auf dem Umweg über Moskau nach Köln geschickt, um die Herkunft zu verschleiern.

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In dem Politthriller „Lautlos“ geht es um Terrorismus und Nationalismus, radikale Gegner jeder Liberalisierung in den USA, die Mediengesellschaft, den Ersatz politischer Prinzipien durch populistische Parolen und die umstrittenen Luftangriffe der NATO 1999 im Kosovo-Krieg. Frank Schätzing weist auf die Heterogenität der nordamerikanischen Gesellschaft hin.

Selbst ernannte Christen ohne jede Nächstenliebe, die ihren Glauben notfalls mit Gewalt predigen, gewinnen Oberwasser. Dumpfe Moralwächter, zu allem bereit, sehnen mittelalterliche Zustände herbei. Das freieste Land der Welt steht hinter dem islamischen Fundamentalismus in nichts zurück, wenn man einen Blick auf die erzkonservative Szene wirft.
In diesem Land kann kein Präsident regieren, der es jedem irgendwie recht macht […] (Seite 599f)

Bill Clintons Sicherheitschef Norman Guterson legt er folgende Sätze in den Mund:

„Dick Morris war ein Fall für sich. Es hieß, er habe ’96 für Clinton die zweite Wahl gewonnen, indem er die Politik der hehren Absichten einer auf Umfragen und Marktforschungsstudien basierenden Strategie opferte […] Viele Politiker verließen sich mittlerweile auf Consultants wie Morris, die bei ihnen noch die letzten Reste von Prinzipien exorzierten und sie einzig auf ihre Vermarktbarkeit zurechtbogen. Weltweit entstanden auf diese Weise politische Superstars an der Spitze von Medienparteien, deren Charisma die Konzeptionslosigkeit überstrahlte.“ (Seite 432f)

Und den amerikanischen Journalisten Aaron Silberman lässt Frank Schätzing sagen:

„Unser Irrtum besteht darin, dass wir die Weltgesellschaft mit der Mediengesellschaft verwechseln. Wir sind ernsthaft der Meinung, Menschen unsere Werte verordnen zu können, ohne uns über ihr Leben, ihre Besonderheiten, ihre Kultur und ihre Geschichte kundig machen zu müssen, und wenn Sie genauer hinschauen, stellen Sie fest, dass wir selbst gar keine klar umrissenen Werte haben. Amerika ist in tiefem Zwiespalt, der Amerikaner selbst sein größter Feind.“ (Seite 550)

In in einem Buch, das ein Jahr vor den Anschlägen vom 11. September 2001, drei Jahre vor dem Irakkrieg und fünf Jahre vor der Wiederwahl George W. Bushs erschien, wirken diese Einschätzungen beinahe prophetisch.

Die Lichtbremsung wurde allerdings nicht von einem irischen Professor erfunden, sondern von dem Physiker Achim Wixforth in München. Darauf weist Frank Schätzing im Nachwort hin.

Auch wenn nicht jede Einzelheit des komplexen Romans „Lautlos“ plausibel ist, tut das der Spannung keinen Abbruch. In der ersten der vier „Phasen“ des Romans fesselt Frank Schätzing die Aufmerksamkeit des Lesers sehr geschickt durch den Wechsel zwischen der Vorbereitung des Attentats auf Bill Clinton ab dem 20. November 1998 und dem Eintreffen des irischen Physikers und Bestsellerautors am 15. Juni 1999 in Köln. Danach steigert er das Tempo und sorgt kurz vor dem Ende für einen blutigen Showdown.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Hermann-Josef Emons Verlag

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