Frank Schätzing : Nachrichten aus einem unbekannten Universum

Nachrichten aus einem unbekannten Universum
Nachrichten aus einem unbekannten Universum Eine Zeitreise durch die Meere Originalausgabe: Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006 ISBN 3-462-03690-4, 522 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Frank Schätzing unternimmt mit seinen Leserinnen und Lesern "eine Zeitreise durch die Meere". – "Vorgestern", "Gestern", "Heute" und "Morgen" sind die Kapitel überschrieben. Die Themen: Evolution, Ökologie, Wellen und Meeresströmungen, Korallenriffe, einzelne Tierarten, die Meere als Ressource, Transportmittel, Tiefseetechnik, schwimmende Städte und Unterwassersiedlungen, Raumfahrt, extraterrestrisches Leben u. v. m.
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Kritik

Dem Buch ist deutlich anzumerken, dass am Anfang nicht ein Konzept, sondern das Motiv der Resteverwertung stand, denn "Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere" besteht aus einem Sammelsurium von Themen.
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Gestern

Zunächst unternimmt Frank Schätzing mit seinen Leserinnen und Lesern eine Zeitreise durch die letzten 13,7 Milliarden Jahre, vom Urknall bis zum Auftreten des Menschen.

Gehen wir erstmal zurück, weit zurück, noch vor den Urknall. Was sehen Sie? Richtig, nichts. (Seite 22)

Flott vergehen neun Milliarden Jahre. (Seite 25)

Es begann zu regnen.
Beziehungsweise, Regen kann man das nicht nennen.
Es schüttete!
Kein Fernsehsender würde sich trauen, diesen Wetterbericht zu bringen. Über 300 Grad Celsius war dieser Regen heiß, die Temperatur, bei der Wasser kondensiert, wenn ein Druck von 100 Atmosphären herrscht. Es regnete weiter, Jahrtausende lang, das ultimative Hundewetter. (Seite 27f)

Schließlich bedeckte ein Urmeer die gesamte Erde. In diesem Wasser entstanden die ersten Zellen, wobei ungeklärt ist, was zuerst da war: die Zelle oder der Stoffwechsel.

In den Tiefen des Ozeans jedoch regte sich etwas.
Moleküle reckten und streckten sich, beschnupperten einander und schlossen Freundschaft. (Seite 30)

Michael Russel vom Environmental Research Centre Glasgow und William Martin von der Universität Düsseldorf stellten eine Hypothese auf, derzufolge das Leben an hydrothermalen Quellen begann. Eine hydrothermale Quelle entsteht, wenn Magma nach oben drückt und den Meeresboden an einer Stelle aufreißt. Wasser strömt in die Ritzen, mitunter mehrere Kilometer tief, wird bis auf 400 Grad Celsius erhitzt und schießt wieder nach oben. Aufgrund des enormen Drucks verdampft das heiße Wasser nicht, aber sobald es mit dem kalten Meerwasser zusammentrifft, flocken die mitgeführten Schwefel-Metall-Verbindungen und Mineralien aus, sinken zu Boden und türmen sich allmählich zu einem Kamin auf. Weil es so aussieht, als würde schwarzer Rauch aus dem Schlot quellen, spricht man auch von „schwarzen Schloten“, „schwarzen Rauchern“ oder „Black Smokers“. (Seltener sind „weiße Raucher“.) 1979 wurde der erste „schwarze Schlot“ entdeckt; der größte je gesehene war 24 Meter hoch. An den Flanken dieser heißen Gebilde lagern sich Eisensulfid und andere Substanzen in mikroskopisch kleinen Bläschen ab, in deren Innerem aus Schwefel, Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff aktivierte Essigsäure entsteht, die wiederum den so genannten Zitronensäurezyklus in Gang setzt, den bedeutendsten Stoffwechselzyklus überhaupt. Stickstoff und Essigsäure verbinden sich außerdem zu Aminosäuren, die sich weiter zu Peptiden und Proteinen – also zu Bausteinen des Lebens – verketten. Michael Russell und William Martin sind überzeugt, dass auf diese Weise auch die Nukleinsäuren RNS und DNS entstanden.

Im freien, aufgewühlten Urozean war alles noch eine große, chaotische Party, selbst im gemütlichen Eisensulfidbläschen trieb es anfangs jeder mit jedem, doch nun kehrt Ordnung ein. Schluss mit dem Lotterleben! Wir wollen doch mal Fische, Vögel und Menschen werden. Etwas Disziplin, bitte. (Seite 45)

Nachdem an den hydrothermalen Quellen Leben entstanden war, ging die Evolution weiter. Vor zweieinhalb Milliarden Jahren erwiesen sich die Cyanobakterien als „Kaninchen der frühen Jahre“ (Seite 56). Sie vermehrten sich nicht nur rasant, sondern produzierten in ihrer Gesamtheit auch solche Mengen Sauerstoff, dass dieses für die meisten der damaligen Organismen giftige Gas nicht mehr im Meerwasser gebunden wurde, sondern in die Atmosphäre aufstieg.

Vor mehr als zwei Milliarden Jahren müssen ein paar größenwahnsinnige Prokaryonten dann beschlossen haben, sich nicht länger mit ihresgleichen gemein zu machen. Man wuchs […]
Der Preis für Riesenwachstum, Verfressenheit und einen zweiten Zellmantel war allerdings, dass Eukaryonten keine Photosynthese vollziehen konnten. Die aber war gerade schwer in Mode. Gruppen junger, erfolgreicher Cyanobakterien, trendy und angesagt, zogen durch die Flachgewässer, feierten Vermehrungsparties im Sonnenlicht und schmissen mit Sauerstoff nur so um sich. Allmählich dämmerte den Riesen, dass sie irgendwas verpasst hatten und möglicherweise Gefahr liefen, auszusterben. Also änderten sie ihre Gewohnheiten. Sie verleibten sich die kleineren, Sonnenlicht atmenden Bakterien ein, zersetzten sie jedoch nicht, sondern boten ihnen einen Handel an. Geschützt vom äußeren Zellmantel der Eukaryonten, konnten die Sauerstoffatmer sich an allem gütlich tun, was die Zellgiganten erbeuteten. Dafür versetzten sie ihre Wirte in die Lage, mit dem ekligen Sauerstoff klarzukommen und Sonnenenergie auch für sich selbst zu nutzen.
Das war der Moment, in dem die Wohngemeinschaft erfunden wurde, wissenschaftlich Endosymbiose. Sozusagen Kommune 1. (Seite 57f)

Die ersten Zellen vermehrten sich durch Teilung. Klone sind jedoch identisch und dem Untergang geweiht, sobald sich die Umweltbedingungen zu ihren Ungunsten ändern. Erst mit dem Sex begann die Variation: Mutationen und unterschiedliche Gen-Mischungen sorgten für eine Diversifizierung, die wiederum die Voraussetzung dafür ist, dass auch bei geänderten Lebensbedingungen ein Teil der Organismen überlebt.

Vor 600 Millionen Jahren endete die Varanger-Eiszeit, in der die Erde ganz oder zumindest fast ganz von einer Eisschicht umhüllt war, und mit dem Ediacarium begann die letzte Periode des Präkambriums, das von der Entstehung der Erde vor 4,6 Milliarden Jahren bis vor 542 Millionen Jahren dauerte. Während es bis dahin nur Prokaryonten und Eukaryonten gegeben hatte, traten im Ediacarium auch Vielzeller auf. Parallel dazu sollen zu dieser Zeit Vendobionten gelebt haben, zwei Meter große Einzeller, die sich zumindest nach Auffassung des Tübinger Paläontologen Adolf Seilacher und anderer Wissenschaftler weder den Tieren, noch den Pilzen oder Pflanzen zuordnen lassen. Frank Schätzing beschreibt sie, als hätten sie wie abgesteppte Luftmatratzen ausgesehen. Jedenfalls verschwanden die Vendobionten bald wieder, und wenn es sich tatsächlich um eine alternative Form des Lebens handelte, war es eine Fehlentwicklung.

Zu Beginn des Kambriums (vor 542 – 488 Millionen Jahren) verdreifachte sich der Kalzium-Gehalt des Meerwassers innerhalb von dreißig Millionen Jahren. Damit hängt es möglicherweise zusammen, dass einige Vielzeller sich panzerten. Die ersten Organismen stiegen aus dem Meer und kamen an Land. Der bilaterale Körperbau setzte sich durch, und es begann ein Existenzkampf nach dem Motto „fressen und gefressen werden“.

Zeitsprung: Devon, vor 390 Millionen Jahren, früher Nachmittag. Es nieselt an der Südküste des variszischen Ozeans […]
An diesem Nachmittag zieht Cladoselache, ein Hai, dicht unter der Wasseroberfläche dahin. Stolze zwei Meter misst er […] (Seite 111)

Plötzlich begegnet der Hai einem sehr viel größeren Dunkleosteus, der ihn zermalmt.

Seine Schrecklichkeit hat gespeist. Heute gab es Hai, zart und frisch. Danke, es hat gemundet. Die Rechnung bitte. (Seite 113)

Im Trias (vor 251 bis 200 Millionen Jahren) trat mit dem Thecodontier der Stammvater der Saurier auf.

„Also, wir haben beschlossen, Saurier zu werden. Dinosaurier, das heißt ‚Schreckliche Echsen‘, echt ein saublöder Name, aber was soll’s. Hauptsache weg mit dem reaktionären Amphibiengeschmeiß und dem ozeanischen Faschismus. Eiablage im Wasser und all der Quatsch. Die Therapsiden können wir vergessen. Säugetiere wollten die mal werden, einige hatten sogar schon Fell, pfui bah! Wir hingegen erklären die Unabhängigkeit vom Wasser und sagen dem Imperialismus der Säuger den Klassenkampf an. Nur ein toter Säuger ist ein guter Säuger! Lang lebe die Revolution!“ (Seite 125)

Die Saurier „kippten vor 65 oder 65,5 Millionen Jahren aus den Latschen“ (Seite 187), am Übergang vom Mesozoikum zum Klänozoikum, als es zum wiederholten Mal in der Erdgeschichte zu einem Massensterben kam. Während Gradualisten bei der Erklärung dieser Zäsuren in der Evolution von einem Ursachenbündel ausgehen, nehmen Katastrophisten ein singuläres Ereignis als Auslöser an. Eine der Ursachen könnte der Gammablitz einer Supernova gewesen sein. Die meisten Forscher vermuten allerdings Meteoriten- bzw. Asteroiden-Einschläge als Ursachen. (Ein Meteorid ist übrigens ein Meteorit, solange er noch nicht in die Erdatmosphäre eingetaucht ist. – Seite 511) Stürzt ein solcher Brocken mit zehn oder zwölf Kilometer Durchmesser ins Meer, kann es zu einem Tsunami mit einer bis zu 4 Kilometer hohen Wasserwand kommen (Seite 231). Es ist denkbar, dass dabei große Mengen Methanhydrat instabil werden und es zu einer abnormalen Freisetzung von Methan kommt. Schlägt der Meteorit bzw. Asteroid auf dem Land auf, wirbelt er mit der Energie von zehn Milliarden Hiroshima-Bomben so viel Staub in die Atmosphäre, dass die Sonne monate- oder jahrelang nicht mehr scheint und es zu einem drastischen Temperatursturz kommt. Vor 65 Millionen Jahren – also zur Zeit des Sauriersterbens – scheinen tatsächlich Meteoriten im Küstengebiet der mexikanischen Halbinsel Yucatan und in der Ukraine eingeschlagen zu sein: Der Boltysch-Krater in der Ukraine weist einen Durchmesser von 24 Kilometern auf, der Chicxulub-Krater auf Yucatan misst 200 Kilometer im Durchmesser.

Vor 25 bis 10 Millionen Jahren galt der Carcharocles megalodon als König der Meere. Der sechzehn Meter lange Hai nahm Körperbewegungen im Umkreis von hundert Kilometer war und folgte einer Blutspur, auch wenn unter eineinhalb Millionen Wassermolekülen nur ein einziges Blutmolekül war. (Nur Aale übertreffen diese Leistung: Sie nehmen ein Duftmolekül unter 2,9 Trillionen Wassermolekülen wahr. – Seite 332). Frank Schätzing beschreibt über mehrere Seiten hinweg, wie so ein Megalodon von einem Rudel Weißer Haie (Carcharodon carcharias) angegriffen wird.

Es reichte! Wochenlang hatte er so gut wie nichs gefressen. Sein Leben war zu einem Dasein voller Pein geworden, die Kräfte hatten ihn verlassen, doch immer noch war er der Herrscher. Ein alter König, von Thronräubern bedrängt, vielleicht zum Tode verurteilt, doch ganz sicher nicht dazu bestimmt, als Futter in den Mägen elender Emporkömmline zu enden […] Niemand biss ihn ungestraft in den Bauch und fraß ihm die Beute vor der Nase weg. (Seite 178f)

Rasend vor Wut stürzt der schwer verletzte Megalodon sich auf die Weißen Haie.

Der andere Hai hatte sich von seiner Betäubung erholt und sah, wie sein Kampfgefährte zerteilt wurde […] Der Megalodon heftete sein gesundes Auge auf ihn. Die andere Seite des gewaltigen Schädels war eine blutige, aufgerissene Masse, doch dieses eine Auge, so ausdruckslos es starren mochte, sandte einen Blick aus, der geeignet war, den Hai zu Tode zu ängstigen. (Seite 179)

Weil das genetische Material von Mensch und Schimpanse zu 98,7 Prozent übereinstimmt, suchte man lange Zeit nach dem so genannten „Missing Link“, doch inzwischen weiß man, dass es keinen gemeinsamen Vorfahren gab (Seite 39f).

Wie kam es zur Hominisation? Der Savannen-Hypothese zufolge wurde der Mensch aus den Ästen afrikanischer Regenwälder geschüttelt (Seite 482), als diese vor sechs bis acht Millionen Jahren aufgrund einer Klimaveränderung verschwanden und das Land versteppte.

[…] inmitten des allgemeinen Wohlgefallens plumpste ein schnatterndes Äffchen vom Baum, rieb sich den Schlaf aus den Augen und beschloss, Mensch zu werden. (Seite 186)

Da man am Boden den Feind oder die Beute umso früher entdeckt, je weiter man blicken kann, war es für die Primaten oder Prähominiden vorteilhaft, wenn sie aufrecht gingen. Zugleich bekamen sie damit die Hände für andere Zwecke frei, beispielsweise für den Gebrauch von Werkzeugen.

Warum hat die Evolution überhaupt komplexeres Leben hervorgebracht? […] Menschen sind intelligenter als Einzeller, gut, aber auch bei weitem anfälliger […] Bakterien haben Vulkanausbrüche und Meteoriteneinschläge überstanden, verkraften Hitze- und Kälteschocks und fühlen sich im Umfeld kochend heißer Tiefseequellen ebenso zu Hause wie in der Antarktis […] Im Grunde sind sie das perfekte Endprodukt. Dennoch muss die Evolution Gründe gefunden haben, eine Entwicklung in Gang zu setzen, an deren Ende Zellkonglomerate Bücher schreiben, die von anderen Zellkonglomeraten gelesen werden. (Seite 21f)

Heute

Vor etwa 4,5 Milliarden Jahren prallte der Kleinplanet Theia auf die Erde und verschmolz zum größten Teil mit ihr, bis auf einige Trümmer, die um die Erde kreisten und sich schließlich zum Mond zusammenballten. Dadurch reduzierte sich die Rotationsgeschwindigkeit der Erde dramatisch. Heute dreht sich die Erde mit einem Drittel der Geschwindigkeit vor dem Zusammenstoß, und sie wird weiter durch die vom Mond verursachten Gezeiten abgebremst: Die Gravitation des Mondes lässt Flutberge über die Weltmeere wandern. Sie befinden sich allerdings nie direkt unterhalb des Mondes, denn das Wasser muss Kontinente umfließen und Reibungswiderstände überwinden. Die Reibung wiederum bremst die Erdrotation: Jedes Jahr werden die Tage um weitere 0,002 Sekunden kürzer. Das klingt nicht viel, aber in 2 Milliarden Jahren wird ein Tag auf der Erde 960 Stunden dauern!

Bei der Gezeitenwelle handelt es sich keineswegs um die einzige Unebenheit auf den Ozeanen. Durch Satellitenmessungen wissen wir inzwischen, dass es Höhenunterschiede des Meeresspiegels von bis zu 130 Metern gibt, und zwar nicht aufgrund von Wellen, sondern wegen verschiedener Wassertiefen: Wo sich auf dem Meeresgrund Gebirge türmen, befindet sich mehr Masse, und die stärkere Gravitation zieht eine größere Wassermenge an. Dasselbe passiert, wenn der Meeresboden dichter ist.

Schwankende Höhenunterschiede gibt es aufgrund von Wellen. Auffallend ist, dass die Brandung überall auf der Erde gegen die Küste rollt. Das ist so, selbst wenn wir uns auf einer kreisrunden Insel absetzen lassen. Zwar verursacht der aus unterschiedlichen Richtungen kommende Wind die Wellen, aber dadurch – so erklärt Frank Schätzing – gerät der gesamte Ozean in einen energetischen Zustand, und diese Energie breitet sich in alle Richtungen aus wie Schallwellen in der Luft.

Wellen, die sich der Küste nähern, kommen im flacheren Wasser mit dem Boden in Berührung. Dadurch werden sie unten abgebremst, während ihnen zugleich immer weniger Tiefe zur Verfügung steht. Als Folge gewinnen sie an Höhe und werden steiler; die Wellenlänge verkürzt sich. Sobald die Wellenhöhe das 1,3-Fache der Wassertiefe überschreitet, kippt die Welle vornüber, und es kommt zu einem Brecher.

Berichte über extrem hohe und steile Wellen mitten auf dem Ozean hielt man früher für Seemannsgarn. Inzwischen wissen wir, dass es solche Monsterwellen (Freak Waves, Rouge Waves, Sneak Waves) tatsächlich gibt; sie entstehen durch die Überlagerung mehrerer „normaler“ Wellen. Monsterwellen wandern mit einer Geschwindigkeit von 35 bis 40 Stundenkilometern übers Meer, sind jedoch so instabil, dass sie in der Regel nicht mehr als 10 Kilometer zurücklegen, bevor sie zusammenbrechen. Zwei Drittel der Welle befinden sich über dem Meeresspiegel, ein Drittel darunter. Eine 34 Meter hohe Welle brachte 1933 den amerikanischen Kreuzer „Ramapo“ beinahe zum Kentern. Im Dezember 1978 verschwand der deutsche Frachter „München“ nördlich der Azoren, und es wird vermutet, dass er von einer Monsterwelle versenkt wurde.

Von einem Tsunami merken die Fischer auf hoher See nichts. Erst wenn sie in den Hafen einlaufen, stellen sie fest, dass alles zerstört ist. Daher die Bezeichnung „Tsunami“. Das Wort kommt aus dem Japanischen. Tsu steht für Hafen, Nami für Welle. Ein Tsunami kann durch einen Meteoriteneinschlag ausgelöst werden. Als 1958 in Südalaska eine Bergflanke ins Meer rutschte, entstand ein Tsunami mit einer bis zu 150 Meter hohen Wasserwand. Eine 50 Meter hohe Welle könnte New York überspülen, schreibt Frank Schätzing, wenn die 1949 teilweise abgebrochene Westflanke der Kanareninsel La Palma mit einem Schlag ins Wasser stürzt. Auch Seebeben können einen Tsunami auslösen. Das geschah am 26. Dezember 2004, als die Erdkruste vor Indonesien aufbrach und der Meeresboden bis zu 30 Meter in die Höhe schnellte.

Nach einer Gedankenreise ins Erdinnere wissen wir, dass die Menschheit an der Oberfläche einer kochenden Hölle lebt.

Spätestens jetzt sollten Sie die Erfrischungstüchlein auspacken. Gnadenlose 4000 Grad Celsius erwarten uns während der nächsten 2250 Kilometer. (Seite 32)

Bevor wir ein Ei kochen, stechen wir es an, damit die Schale nicht platzt. Auch die Erde würde es zerreißen, wenn die Rinde nicht in mehrere Platten zerteilt wäre, die auf der Asthenosphäre treiben (Plattentektonik). Durch die gegenseitige Reibung dieser Platten kommt es jedoch immer wieder zu Erd- und Seebeben.

Dass eine Flaschenpost von Kontinent zu Kontinent treiben kann, liegt nicht an Wellen, sondern an Meeresströmungen, an der thermohalinen Zirkulation. Frank Schätzing nimmt uns mit auf eine Reise um die Erde: Sie beginnt an der Meeresoberfläche in der Karibik. Mit dem Floridastrom treiben wir nach Norden. Der Floridastrom geht in den Golfstrom über, und wo dieser von dem sehr viel kälteren Labradorstrom getroffen wird, zerteilt er sich in Riesenwirbel, so genannte Eddies. Die Drift kühlt nicht nur ab, sondern wird auch salziger. Wir bewegen uns an der norwegischen Küste vorbei (Nordatlantische Drift) und gelangen vor Grönland. Dort stürzt das wegen der Kälte und des Salzgehaltes schwer gewordene Wasser 2,5 Kilometer tief ab, und zwar in Sinkschloten mit bis zu 50 Metern Durchmesser. Erneut passieren wir die Küste von Neufundland, diesmal liegt sie jedoch rechts von uns. Am Kap Hoorn schießen wir wieder an die Wasseroberfläche und treiben daraufhin 4000 Kilometer entlang der südamerikanischen Pazifikküste nach Norden, bevor wir durch das Arabische Meer und um das Kap der Guten Hoffnung herum wieder zurück in die Karibik gelangen. Eine solche Weltreise mit der Meeresströmung dauert übrigens tausend Jahre.

Der französische Architekt Jacques Rougerie arbeitet laut Schätzing an einem „SeaOrbiter“, der ab 2008 mit dem Golfstrom nach Norden treiben soll. Mit diesem Drifter, der fünfzehn Jahre lang im Einsatz sein soll, möchte Rougerie die Weltmeere erforschen.

Die Bezeichnung „Plankton“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „das Umherirrende, Treibende“. Unter dem Begriff Plankton versteht man eine größere Menge kleinerer und größerer Organismen, die in der Strömung treiben und entweder gar nicht oder allenfalls in sehr begrenzter Weise zur aktiven Richtungsänderung fähig sind. Haliplankton lebt im Meer, Limnoplankton im Süßwasser. Je nach Art der Organismen unterscheiden wir zwischen Bakterio-, Myko-, Phyto- und Zooplankton. Der Größe nach ist zu differenzieren zwischen Ultra-, Nano-, Meso-, Makro- und Megaplankton.

Zum Megaplankton zählen Quallen, kleine Fische und vor allem der Krill, die wichtigste Nahrung der Bartenwale in der Antarktis. Die winzigen Krebse filtern mikroskopisch kleine Pflanzen aus dem Wasser oder weiden die Algenmatten an der Unterseite der Eisschollen in der Antarktis ab. Durch ihre Ausscheidungen kommt es unter Wasser zu einem Phänomen, das wie Schneefall aussieht. Davon ernähren sich dann Organismen, die weiter unten leben. Damit der Krill beim Auftauchen eines Bartenwals nicht in alle Richtungen davonstiebt, taucht der Wal ein Stück tiefer, umkreist den Krill spiralförmig und erzeugt aus Luftblasen einen Zylinder, den die kleinen Krebse nicht zu verlassen wagen.

Da Krill in großen Mengen vorhanden ist, wird immer wieder darüber nachgedacht, die eiweißhaltigen Tiere für die menschliche Ernährung zu nutzen (etwa für „Krillpartys“ – Seite 268), aber alle Ansätze scheiterten bisher an den Schwierigkeiten, Krill aus dem Wasser zu fischen: Selbst wenn es gelingt, die Netze trotz der erforderlichen Feinheit der Maschen genügend reißfest zu machen, werden die Krebse beim Herausheben der Netze aus dem Wasser von ihrem eigenen Gewicht zermanscht.

Im Lauf der Zeit verändern sich die Meere: 1985 entdeckte der Berufstaucher Henri Cosquer vor Marseille in 37 Metern Tiefe den Eingang einer Grotte und in der von dort aufsteigenden Höhle 27 000 bzw. 8000 Jahre alte Höhlenmalereien. Der Zugang muss also damals oberhalb des Meeresspiegels gewesen sein. Tatsächlich würde das Mittelmeer auch in Zukunft ohne das durch die Meerenge von Gibraltar aus dem Atlantik hereinströmende Wasser austrocknen. In diesem Fall würde der Meeresspiegel jedes Jahr um einen Meter sinken.

Ein Riff ist die Megalopolis der Tropen. Ein mariner Big Apple. (Seite 271)

Korallenriffe werden von winzigen Polypen gebaut. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Coelenterata. Diese Lebewesen bestehen eigentlich nur aus einem kleinen Säckchen mit einem Loch und Tentakeln. Im Körper der Polypen hausen Myriaden einzelliger Algen, die zur Photosynthese fähig sind und dem Wirtstier Glukose und Sauerstoff liefern. Der Polyp wiederum versorgt die Algen mit dem für die Photosynthese benötigten Kohlendioxid. Nachts stülpt der Polyp sich aus der von ihm gebauten Kalkfestung nach außen und hält seine mit Nesselzellen, giftgetränkten Fäden oder Miniharpunen bewaffneten Tentakel in die Strömung, um Kleinlebewesen zu fangen. Im Frühjahr stoßen die weiblichen Polypen Unmengen von Eiern aus, während die männlichen Sperma absondern. Aus den befruchteten Eiern schlüpfen medusenähnliche Larven, die einige Tage frei im Wasser treiben, sich dann im Riff ansiedeln und eigene Kolonien gründen.

Das Zusammenwirken von Korallenpolypen und Algen ist ein Beispiel für eine Symbiose, eine Zweckgemeinschaft, die beiden Partnern nützt. Im Unterschied zu einem Symbionten lebt ein Schmarotzer auf Kosten eines Wirts, allerdings ohne ihm zu schaden; der Schmarotzer „zahlt“ nur nichts. Schlimmer ist der Parasit, der den Wirt ausbeutet und zugrunde richtet.

Wale werden nicht zuletzt wegen ihres Gesangs verklärt. Dabei „singen“ nur die Buckelwale; Grauwale „knarren wie alte Dielen“ (Seite 289), Blau- und Finnwale röhren im für uns unhörbaren Infraschallbereich. Das größte lebende Tier auf der Erde ist mit bis zu 33 Metern Körperlänge der Blauwal. Der Kopf eines Pottwals macht ein Drittel seiner Körperlänge aus, und sein Gehirn wiegt 10 Kilogramm. Weltmeister im Langstreckenschwimmen sind die Grauwale, die – mit bis zu 200 Kilogramm Schmarotzern beladen – im Jahr bis zu 20 000 Kilometer zurücklegen. Zahnwale navigieren über Echoortung: In rascher Folge stoßen sie Klick- und Fieplaute aus und orientieren sich an deren Echo. Besonders interessant für die Forschung sind die Orca (Orcinus Orca; Schwert-, Mörder-, Killerwal), deren Männchen bis zu zehn Meter groß werden. Zu unterscheiden sind Offshore Orcas in der Tiefsee, Transient Orcas, die an der kanadischen Westküste entlang nomadisieren und Resident Orcas, die den Sommer an festen Plätzen verbringen, nämlich an westkanadischen Flussmündungen, wo Lachse aus dem Meer kommen, um flussaufwärts zu ihren Laichplätzen zu wandern. Die Resident Orcas leben in matriarchalischen Verbänden, so genannten Pods, zu denen fünf bis fünfzig Tiere gehören. Frank Schätzing klagt darüber, dass Schiffsschrauben und vor allem das seit Anfang der Neunzigerjahre von den USA zur Überwachung der Meere eingesetzte Niederfrequenz-Sonar Surtass LFA einen unglaublichen Lärm erzeugen, der die Wale desorientiert.

Auch mit den Haien befasst sich Frank Schätzing in seinem Buch „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere“. Er beschreibt die Tiere, die keine Knochen haben, sondern aus Knorpeln und Muskeln bestehen. Der italienische Mediziner Stefano Lorenzini entdeckte 1678, dass Haie am Kopf über ein System aus winzigen, mit elektrisch leitender Gelatine gefüllten Bläschen bzw. Poren verfügen, mit dem sie die von anderen Lebewesen erzeugten Druckschwankungen genau wahrnehmen können (Lorenzinische Ampullen).

Während vor allem chinesische Fischer Haie angeln, um ihnen bei lebendigem Leib die in Feinschmeckerlokalen begehrten Flossen abzuschneiden und die verstümmelten, schwimmunfähigen Tiere zurück ins Meer werfen (Finning), gehören Menschen nicht ins Beuteschema der Haie. Laut Frank Schätzing gibt es pro Jahr hundert Haiattacken, von denen zehn tödlich ausgehen.

Ist der Hai grausam, weil er den Menschen frisst? Ist der Mensch grausam, weil er die Auster isst? Wird dem Hai das Leiden des Opfers bewusst, wenn dieses schreit? Oder nimmt er das Schreien als erfreuliches Indiz für die Frische der verzehrten Ware, so wie wir wohlwollend das Zucken der Auster betrachten, wenn wir ihr Fleisch mit Zitronensaft beträufeln? […]
Haie, so viel steht fest, sind nicht grausamer als eine Kokosnuss, die einem auf den Kopf fällt. (Seite 324)

Viele glauben, ein Hai greife einen Schwimmer oder Surfer an, weil er ihn aufgrund der Silhouette mit einem Beutefisch verwechsle. Dieser Frage gingen Gerhard Wegner und Erich Ritter 2004 nach. In rechteckigen Schwimmkästen erzeugten sie unterschiedliche Geräusche, und mit Robotern imitierten sie Surfer. Die Haie zeigten keinerlei Interesse an den Silhouetten, wenig Interesse für die Bewegung der Roboter, aber großes Interesse für den Kasten, sobald er bestimmte Geräusche abgab.

Schon in der euphotischen Zone, der oberen, vom Sonnenlicht durchschienenen Schicht der Ozeane, verschwinden nach und nach alle Farben. Zuerst werden langwellige Strahlen absorbiert: In zehn Metern Tiefe gibt es keine rote Farbe mehr. Blau sieht man beim Tauchen am längsten. In noch größeren Tiefen ist es dunkel – doch nicht ganz, denn in der aphotischen Zone sind Lebewesen zu Hause, die über Biolumineszenz verfügen. Der Melanstomias beispielsweise leuchtet mit Infrarotlicht und sieht damit Beutetiere, die ihn nicht sehen können. Wenn der Kalmar Watasenia angegriffen wird, sprenkelt er seinen Körper mit Lichtpunkten und verwirrt damit den Gegner. Ein Ruderfußkrebs stößt bei Gefahr eine Wolke aus, die nach einer Zeitverzögerung in einem Lichtblitz explodiert. Der Jäger schießt darauf zu, aber der Krebs ist längst in entgegengesetzter Richtung geflohen.

Druck und Dunkelheit stellen die Forscher in der Tiefsee vor Probleme. Halogenscheinwerfer leuchten 20 bis 30 Meter weit, aber viele Meeresbewohner nehmen die Forscher trotz der Dunkelheit über sehr viel größere Entfernungen wahr und sind längst fort, bevor ein Lichtstrahl sie erfasst. Dass wir über das Leben im Meer weniger wissen als über die Rückseite des Mondes, hat aber auch mit der Öffentlichkeit zu tun, die sich stärker für die Raumfahrt interessiert. Dabei sind zwei Drittel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt, und 95 Prozent der Biosphäre befinden sich im Meer. Da gäbe es also viel zu entdecken.

Es gibt Eismeere und tropische Meere, Binnenmeere und Ozeane, Flachmeere und die lichtlose Tiefsee. Keines dieser Universen ist mit dem anderen vergleichbar. (Seite 271)

Bis 2010 will nun eine Organisation mit Sitz in Washington das Leben in den Ozeanen besser erforschen: „Census of Marine Life“ (CoML).

Für Forschungszwecke stehen seit einiger Zeit auch unbemannte U-Boote zur Verfügung, die ohne „Nabelschnur“ auskommen und deshalb sehr viel flexibler einsetzbar sind: „Autonomous Underwater Vehicle“ (AUV).

In diesen Zusammenhang gehören auch die Kryptozoologen, mit deren Arbeit – sie versuchen sagenhafte Tiere wie das Ungeheuer von Loch Ness aufzuspüren – Frank Schätzing sich in einem Kapitel seines Buches „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere“ beschäftigt.

Morgen

Immer größere Containerschiffe – für 2010 sind 380 Meter lange, 55 Meter breite Schiffe mit einer Kapazität von 12 000 Containern vorgesehen – minimieren die Transportkosten auf den Meeren ebenso wie eine ausgeklügelte Logistik, die Internetplattformen benutzt, um Fracht und Kapazitäten virtuell so zu verknüpfen, dass die Schiffe auf allen Routen (und in beiden Richtungen) optimal ausgelastet sind. Um die Kosten weiter zu senken, arbeiten Stephan Wrage und dessen Unternehmen SkySails an 5000 Quadratmeter großen Drachen, die in 100 bis 500 Metern Höhe vom Wind getrieben werden und Schiffe ziehen, deren Energieverbrauch auf diese Weise reduziert wird.

Flugzeuge, glaubt Frank Schätzing, wird es in einigen Jahrzehnten nicht mehr geben. Frank Davidson vom MIT hält es für realistisch, dass die Menschen dann in speziellen Gefährten sitzen und mit Geschwindigkeiten von bis zu 25 000 Stundenkilometern in Vakuumröhren, die hundert Meter unter dem Meeresspiegel auf Stelzen angebracht sind, von Kontinent zu Kontinent gesaugt werden (Seite 464).

Wohnen könnten die Menschen in Unterwassersiedlungen und schwimmenden Städten. Der bereits erwähnte französische Architekt Jacques Rougerie erhielt 1973 von der NASA den Auftrag, ein „Underwater Village“ zu konzipieren. Zwei Jahre später war Hans Hass in einem Unterwasserhaus des japanischen Architekten Kiyonori Kikutake zu Gast.

Fünf Kilometer vor Osaka kippten die Japaner das fünfundsiebzigfache Volumen der Pyramide von Gizeh ins Wasser und legten auf der so entstandenen künstlichen Insel den drittgrößten Flughafen der Welt an: Kansai Airport.

In der 80 Meter tiefen Bucht von Tokio möchte der Architekt Norman Foster einen 840 Meter hohen Turm auf einem 126 Meter breiten Fundament errichten: eine ganze Stadt aus Wohnungen, Büros, Geschäften, Gaststätten und Freizeiteinrichtungen.

Vor Monaco ist eine künstliche Insel mit einem Durchmesser von 300 Metern für 4000 Monegassen geplant, die 25 Meter tief im Wasser liegen und 15 Meter über die Meeresoberfläche ragen soll. Architekt ist der Franzose Jean-Philippe Zoppini.

Was mit dem Müll solcher Siedlungen im Meer geschehen soll, weiß Frank Schätzing allerdings auch nicht.

Auf den Meeren ließe sich sehr viel mehr Energie gewinnen, nicht nur in Wind-, sondern auch in Gezeiten-, Wellen-, Strömungs-, Meereswärme-, Osmosekraftwerken, die Frank Schätzing alle kurz beschreibt.

Unsere Anpassung an die Umwelt geschieht weniger über physische Veränderungen als durch „Prothesen“ wie Computer, Flugzeuge und Taucherausrüstungen. Die Evolution setzt sich gewissermaßen in der „Technolution“ fort. Der technische Fortschritt verläuft dabei exponentiell: Der Fortschritt der letzten hundert Jahre entsprach dem der tausend Jahre davor und ist nicht größer als der in den kommenden zehn Jahren zu erwartende Schub.

In wenigen Jahrzehnten wird kaum jemand in der westlichen Hemisphäre noch ohne Computerprothetik leben, diverse Neuroimplantate ersetzen unsere Organe und helfen uns beim Hören, Sehen und Denken. Computerpathogene werden ein größeres Gesundheitsrisiko darstellen als Herzinfarkt und Krebs, die dank des gentechnologischen Fortschritts weitgehend besiegt sind, während zugleich jeder durchschnittlich begabte Terrorist in der Lage ist, in irgendeinem Hinterzimmer virologische Waffen herzustellen. Wohlhabende Leute bringen Designerkinder auf die Welt und lassen sie vorsichtshalber klonen. Menschliche Hirne werden molekular gescannt, radikale Neuerungen im Bereich der Nano- und Femtotechnologie stellen uns Unsterblichkeit in Aussicht, wenn wir bereit sind, unsere Körper zu verlassen und uns mit künstlicher Intelligenz zu vernetzen. Maschinen entwickeln ein Bewusstsein und werden immer menschlicher, Menschen werden zu Maschinen. (Seite 435)

Außerirdisches Leben könnte es in unserem Sonnensystem auf dem Jupitermond Europa geben, meint Christopher Chyba vom SETI-Institut für Exobiologie in Mountain View. Der Trabant mit einem Durchmesser von 3 122 Kilometern reflektiert 64 Prozent des einfallenden Sonnenlichts, denn er ist mit blankem Eis überzogen. Diese bis zu 19 Kilometer dicke Eisschicht besteht allerdings wie die Erdkruste aus mehreren Puzzleteilen, die vermutlich auf einem 80 bis 100 Kilometer tiefen Ozean schwimmt, an dessen Oberfläche die Gravitation des Planeten Jupiter 30 Meter hohe Gezeitenwellen erzeugt. (Einen See unterhalb einer Eisschicht? So etwas gibt es auch auf der Erde: Wostok-See in der Antarktis.) 2008 soll ein Cryobot auf dem Jupitermond Europa landen und sich in das minus 163 Grad Celsius kalte Eis fräsen.

Wenn es dort oder anderswo im Universum Leben gibt, wird es wahrscheinlich anders aussehen als auf der Erde. Falls wir einem intellektuell weit überlegenen Alien begegnen, erkennen wir vermutlich dessen geistige Kapazität gar nicht und es geht uns wie dem Hund, der in der Handlungsweise seines Herrchens nur selten einen Sinn erkennt. Extraterrestrische Intelligenz könnte beispielsweise wie ein Bienen- oder Ameisenstaat organisiert sein und aus Einzellern bestehen.

Übermorgen

Im letzten Kapitel seines Buches „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere“ warnt Frank Schätzing vor der Überfischung der Ozeane. Weil immer mehr Fischkutter und schwimmende Fischfabriken immer weniger fangen, geraten zunehmend auch jüngere Fische auf unsere Teller. Die betroffenen Arten – darunter vor allem der Kabeljau – sind vom Aussterben bedroht.

Eine Spezies, die ihre Kinder verliert, ist auf dem besten Wege ins Museum. (Seite 496)

Die Fischer, die sich an dem Raubbau auf den Meeren beteiligen, gefährden damit auch ihre eigene wirtschaftliche Existenz, drohen selbst zu Opfern der Überfischung zu werden und sich selbst zu dezimieren.

Wie sieht ein leeres Meer aus? Wir wissen ja nicht mal, wie ein volles aussieht. (Seite 498)

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Unter der Überschrift „Vorgestern“ – eigentlich handelt es sich um ein Vorwort – schildert Frank Schätzing, wie ihn der Herausgeber der Zeitschrift „PM“ und der Chef des Verlags Kiepenheuer & Witsch in einem Hotel in Berlin auf die Idee brachten, die Ergebnisse seiner Recherchen für den Roman „Der Schwarm“ in einem Sachbuch zu verarbeiten. Aus den vorgesehenen 150 wurden dann 500 Seiten, „eine Chronik der Meere und unserer Herkunft“.

Dass in diesem Fall anstelle eines Konzepts das Motiv der Resteverwertung stand, ist dem Buch deutlich anzumerken. „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere“ besteht aus einem Sammelsurium von Themen: Evolution, Ökologie, Wellen und Meeresströmungen, Korallenriffe, einzelne Tierarten, die Meere als Ressource, Transportmittel, Tiefseetechnik, schwimmende Städte und Unterwassersiedlungen, Raumfahrt, extraterrestrisches Leben und so weiter. Frank Schätzing reißt viel zu viel an, holt weit aus und lässt sich zu immer neuen Abschweifungen hinreißen, ohne seine Darstellungen näher zu erläutern, zu vertiefen oder in einen systematischen Zusammenhang zu bringen. Zwischen Wesentlichem und Nebensachem wird kaum unterschieden.

Wir brauchen nicht lange, um hinzukommen, lediglich ein paar Jährchen. Bis dahin vertreiben wir uns die Zeit mit Anekdoten. (Seite 472)

Offenbar wollte Frank Schätzing auf keine der vorhandenen Notizen verzichten oder vielleicht auch demonstrieren, was er alles weiß. Dabei stützte er sich allerdings mehr auf Quantität als auf Qualität.

Nichts ist gegen die augenzwinkernde Verbindung von Witz und Wissen, Fakten und Faszination einzuwenden, aber in seinem Ehrgeiz, auf jeder Seite drei Kalauer unterzubringen, schießt Frank Schätzing weit übers Ziel hinaus. Besonders albern sind Personifizierungen und Dramatisierungen, die mit der Realität nichts zu tun haben.

Dann schellt bei Miss Evolution das Telefon. Wir sind so weit, sagt Gott, der Ozean ist flüssig. Packen Sie die Aminosäuren ein, ich will sie hier in fünf Millionen Jahren sehen! (Seite 486)

Ebenso effekthascherisch ist es, die Leserinnen und Leser aufzufordern, sich in die Lage eines Hais zu versetzen, dem bei lebendigem Leib die Finnen abgeschnitten werden.

Plötzlich erblicken Sie […] einen schönen großen Fisch, merkwürdigerweise schon halbiert […] Plötzlich hängen sie an einer langen Leine […] Ein Mann reißt mit einem Ruck den Haken aus Ihrem Kiefer […] Ein anderer […] zieht Sie am Schwanz in die Höhe und schneidet Ihnen mit schnellen Hieben die Flossen ab. (Seite 318)

Frank Schätzing hat „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere“ in einem lockeren, flapsigen Plauderton geschrieben. Das liest sich flott, auch wenn er es hie und da übertreibt („was die Cyanobakterien sicher freuen würde, wenn es ihnen nicht am Arsch vorbeiginge“ – Seite 75). Zu dem unterhaltsamen Ton passen allerdings nicht die zahlreichen Fachbegriffe.

Zwar gibt es ein Glossar in dem Buch, aber kein Register, und da auch die Kapitelüberschriften keine sachlichen Informationen liefern („Warum Bakterien keine Vornamen haben“, „Die Typen mit der großen Klappe“, „Lurchis Rückkehr“), ist das Sachbuch nicht zum Nachschlagen geeignet.

Warum ich „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere“ dennoch in meine persönlichen Buchtipps aufgenommen habe? Weil es kein apokalyptisches, sondern ein im Grunde optimistisches Buch ist, dem durchaus Leserinnen und Leser zu wünschen sind, weil es deren Neugier und Begeisterung für einzelne Themen wecken kann. Es stimmt schon, was Frank Schätzing im Vorwort („Vorgestern“) schreibt:

All unser Wissen über das Aussehen und Verhalten lebender und längst verschwundener Arten, über Naturereignisse, über das Kausalitätengeflecht in der Natur, über unsere Rolle und die Zukunft unserer Spezies lebt, atmet und entwickelt sich, häutet sich mitunter, wächst, durchläuft Stadien der Metamorphose, gewinnt an Kontur […]
Dies ist kein Lehrbuch. Kein Manifest. Es trägt keine Botschaften vor sich her. Es ist ein Thriller. Denn nichts anderes ist die Erdgeschichte als eine ungeheuer spannende Story voller Wendungen und Überraschungen. Nichts in dieser Geschichte ist wirklich kompliziert, und schon gar nicht ist es langweilig. Es gibt nur Leute, die es gerne kompliziert und langweilig hätten […]
Nachrichten aus einem unbekannten Universum will eigentlich nur eines: unterhalten und Lust machen auf mehr. Lesen Sie dieses Buch, wie Sie wollen. Kreuz und quer oder in einem Rutsch. Die meisten Kapitel funktionieren für sich. (Seite 16)

Auf der Grundlage des Buches „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ und ihm Rahmen der Fernsehreihe „Terra X“ entstand der dreiteilige Film „Universum der Ozeane – mit Frank Schätzing“ (Erstausstrahlung: 9., 16. und 23. Oktober 2010 bei Arte; 10., 17. und 24. Oktober 2010 im ZDF).

Es geht um die Entstehung des Lebens, und Frank Schätzing ist der Animateur des Wissens um die Evolution. (Julia Amalia Heyer, Süddeutsche Zeitung, 8. Oktober 2010)

Übrigens erschien gleichzeitig mit „Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere“ die deutsche Übersetzung eines qualifizierten Sachbuchs des Meeresforschers Richard Ellis mit dem Titel „Der lebendige Ozean. Nachrichten aus der Wasserwelt“ (Originaltitel: The Empty Ocean, Übersetzung: Olaf Kanter, 517 Seiten, Marebuchverlag, Hamburg 2006, ISBN 3-936384-94-0).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006 / 2010
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

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