W. G. Sebald : Austerlitz

Austerlitz

W. G. Sebald

Austerlitz

Austerlitz Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2001 ISBN: 3446199861, 424 Seiten Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M 2003 ISBN: 3-596-14864-2, 421 Seiten Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 93, München 2008, 417 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In dem Roman "Austerlitz" geht es um einen aus Prag stammenden Juden, der als Kind Name, Identität, Eltern, Muttersprache und Heimat verlor und bei Pflegeeltern in Wales aufwuchs. Erst Jahrzehnte später erforscht er seine Herkunft und berichtet darüber bei mehreren Begegnungen dem Autor des vorliegenden Buches 
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Kritik

In "Austerlitz" treten zwei Ich-Erzähler auf, wobei der eine widergibt, was er vom anderen hört. Diese Erzählstruktur verbindet W. G. Sebald in "Austerlitz" mit langen Schachtelsätzen und Assoziationsketten.
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Im „Salle des pas perdus“ in der Centraal Station in Antwerpen fällt dem aus Deutschland stammenden, in England lebenden Erzähler 1967 ein Mann auf, der offenbar die Architektur des Bahnhofs studiert. Es handelt sich um den Kunsthistoriker Jacques Austerlitz. Die beiden Herren kommen ins Gespräch, verabreden sich für den nächsten Tag, treffen sich nach ein paar Tagen zufällig in einem Industriequartier am Südwestrand von Lüttich wieder und laufen sich einige Monate später auf der Promenade von Zeebrugge erneut über den Weg. Dann besucht der Erzähler Austerlitz an dessen Arbeitsplatz in London. Eigentlich redet nur Austerlitz, und der Autor des vorliegenden Buches hört aufmerksam zu. Austerlitz lässt sich über den Baustil der Centraal Station in Antwerpen aus, über den monströsen Justizpalast in Brüssel und den von François Mitterrand initiierten Neubau der französischen Nationalbibliothek in Paris.

Der Erzähler kehrt Ende 1975 nach neun Jahren Abwesenheit in seine Heimat zurück, aber kaum ein Jahr später zieht es ihn erneut nach England. Austerlitz sieht er zunächst nicht mehr. Erst im Winter 1996 begegnen die Herren sich zufällig in der Bar des Great Eastern Hotels in London wieder. Während der Autor bisher glaubte, Austerlitz sei zehn Jahre älter als er, kommt er ihm nun zehn Jahre jünger vor. So als hätten sie sich gerade erst vor ein paar Tagen zum letzten Mal gesprochen, beginnt Austerlitz ohne einleitende Floskeln von seiner Herkunft zu berichten.

Er wuchs in Bala auf, einem Ort in Wales, und zwar als einziges Kind des calvinistischen Predigers Emyr Elias und dessen Ehefrau Gwendolyn. Als Gwendolyn Elias schwer erkrankte, wurde der Junge – er hieß Dafydd Elias – im Herbst 1946 mit zwölf Jahren in ein Internat geschickt: in die Erziehungsanstalt Stower Grange bei Oswestry. Bald darauf starb Gwendolyn, und Emyr kam nicht über den Tod seiner Frau hinweg. Sein Glauben wurde in dem Augenblick zerstört, als er ihn am dringendsten benötigte. Er wurde in die Heilanstalt von Denbigh eingeliefert, wo er Anfang 1954 starb.

Im April 1949, als im Internat die Abschlussprüfungen anstanden, wurde Dafydd Elias von Rektor Penrith-Smith darüber aufgeklärt, dass dies nicht sein richtiger Name sei und er auf die Examensarbeiten stattdessen „Jacques Austerlitz“ schreiben müsse. Auf diese Weise erfuhr er, dass Emyr und Gwendolyn Elias nicht seine Eltern waren.

Mit viereinhalb Jahren war Austerlitz im Sommer 1939 in der Liverpool Street Station in London eingetroffen und von dem Paar abgeholt worden.

Nachdem Austerlitz 1991 vorzeitig in den Ruhestand getreten war, forschte er nach, woher er gekommen war. Er reiste im Sommer 1992 nach Prag und ließ sich von der etwa vierzig Jahre alten Archivarin Tereza Ambrosová alle Personen namens Austerlitz heraussuchen, die 1934 bis 1939 in Prag gelebt hatten. Es waren nur fünf oder sechs. Bei der für Agáta Austerlitz angegebenen Adresse stieß er auf Vera Rysanová. Die Frau, die in den Dreißigerjahren Romanistik studiert hatte, war vor dem Krieg die Nachbarin von Agáta Austerlitz gewesen. Sie erzählte Austerlitz nun von seinen Eltern.

Austerlitz erfuhr, dass sein Vater Maximilian Aychenwald aus St. Petersburg stammte, dort bis zum Revolutionsjahr einen Gewürzhandel betrieben hatte und nach dem Ersten Weltkrieg in der Tschechoslowakei ein aktiver Funktionär der Sozialdemokratischen Partei geworden war. Seit Mai 1933 lebte er mit der fünfzehn Jahre jüngeren Schauspielerin Agáta Austerlitz in Prag zusammen. Als das unverheiratete Paar einen Sohn bekam, bot Vera Rysanová an, sich um das Kind zu kümmern und wurde Jacques‘ Kindermädchen.

Wegen der Bedrohung durch die Nationalsozialisten drängte Maximilian seine Lebensgefährtin immer wieder, nach Frankreich zu emigrieren, aber sie wollte die Tschechoslowakei nicht ohne ihn verlassen. Am 14. März 1939, einen Tag bevor die Deutschen in Prag einmarschierten, flog Maximilian Aychenwald nach Paris. Agáta Austerlitz bemühte sich vergeblich um eine Ausreiseerlaubnis. Durch die Vermittlung eines Kollegen am Theater gelang es ihr jedoch, ihren Sohn im Sommer 1939 mit einem Kindertransport nach London zu schicken.

Agáta Austerlitz wurde im Dezember 1942 nach Theresienstadt und im September 1944 von dort nach Auschwitz gebracht.

Auf der Rückreise von Prag nach London fiel Austerlitz auf, wie sauber und aufgeräumt es in Deutschland aussah. Zurück in England, brach er zusammen und wurde in das St. Clement’s Spital eingeliefert.

Es nutzte mir offenbar wenig, dass ich die Quellen meiner Verstörung entdeckt hatte, mich selber, über all die vergangenen Jahre hinweg, mit größter Deutlichkeit sehen konnte als das von seinem vertrauten Leben von einem Tag auf den anderen abgesonderte Kind: die Vernunft kam nicht an gegen das seit jeher von mir unterdrückte und jetzt gewaltsam aus mir hervorbrechende Gefühl des Verstoßen- und Ausgelöschtseins.

Inmitten der einfachsten Verrichtungen, beim Schnüren der Schuhbänder, beim Abwaschen des Teegeschirrs oder beim Warten auf das Sieden des Wassers im Kessel, überfiel mich diese schreckliche Angst. In kürzester Zeit trocknete die Zunge und der Gaumen mir aus, so als läge ich seit Tagen schon in der Wüste, musste ich schneller und schneller um Atem ringen, begann mein Herz zu flattern und zu klopfen bis unter den Hals, brach mir der kalte Schweiß aus am ganzen Leib, sogar auf dem Rücken meiner zitternden Hand, und war alles, was ich anblickte, verschleiert von einer schwarzen Schraffur. Ich glaubte aufschreien zu müssen und brachte doch keinen Ton über die Lippen, wollte auf die Gasse hinaus und kam nicht von der Stelle, sah mich tatsächlich einmal, nach einer langen, qualvollen Kontraktion über eine finstere und ferne Gegend verstreut. (Seite 326f)

Einige Zeit nach dem Wiedersehen mit Austerlitz erhält der Autor eine Karte von ihm aus Paris. Er besucht ihn dort und erfährt, dass Austerlitz – der bereits 1958/59 in Paris gewesen war – nach seinem Vater suchte. Austerlitz erzählt ihm, wie er sich überlegte, was mit seinem Vater geschehen sein könnte. Hatte man ihn bereits im August 1941 interniert oder erst im Juli 1942, als 13 000 Juden aus Paris abgeholt worden waren. Schließlich fand er heraus, dass Maximilian Aychenwald Ende 1942 in dem Lager Gurs nördlich der Pyrenäen gewesen war. Doch dort verlor sich seine Spur.

Zum Abschied gibt Austerlitz dem Erzähler die Schlüssel zu seiner Wohnung in London. Dort werde der Schriftsteller Schwarz-Weiß-Fotos finden, mit denen Austerlitz seine kunst- und kulturkritischen Beobachtungen ebenso wie die Rekonstruktion seines Lebens dokumentiert habe. Außerdem weist ihn Austerlitz auf einen versteckten jüdischen Friedhof neben dem Haus hin.

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In dem Roman „Austerlitz“ erzählt W. G. Sebald – der wie der Ich-Erzähler Deutscher war und längere Zeit in England lebte – von einem aus Prag stammenden Juden, der als Kind Name, Identität, Eltern, Muttersprache und Heimat verlor und in Wales aufwuchs. Erst Jahrzehnte später erforscht er seine Herkunft.

Jacques Austerlitz referiert über Baustile und erzählt dem Autor des vorliegenden Buches, dass seine Mutter im Holocaust umgekommen war und sich die Spur seines Vaters in einem Lager nördlich der Pyrenäen verloren hatte. Die beiden Herren, die sich 1967 kennen lernten, bleiben – abgesehen von einer mehrjährigen Unterbrechung – drei Jahrzehnte lang in Kontakt. Dabei pflegt Austerlitz seine Monologe auch nach Jahren ohne einleitende Floskeln so fortzusetzen, als habe es gar keine Pause gegeben.

Austerlitz ist nicht nur der Name dieser Romanfigur, sondern auch der eines Ortes in Mähren, an dem Napoleon 1805 Kaiser Franz II. und den russischen Zaren Alexander I. geschlagen hatte [Dreikaiserschlacht bei Austerlitz] und der Name eines Bahnhofs in Paris. Außerdem klingt das Wort ein wenig wie Auschwitz.

Der melancholische Roman „Austerlitz“ ist stilistisch eine Mischung aus Fiktion, Poesie und Dokumentation. Wie Walter Kempowski hat W. G. Sebald unkommentierte Fotos in den Text eingebaut, die dem Buch die Aura des Dokumentarischen geben sollen.

In „Austerlitz“ treten zwei Ich-Erzähler auf. Der Autor ist einer von ihnen; er hält im Wesentlichen fest, was er von Austerlitz, dem anderen Ich-Erzähler, hört. Und der zitiert hin und wieder auch noch andere Ich-Erzähler. Auf diese Weise wird alles mehrfach gebrochen. W. G. Sebald wird nicht müde, diese verschachtelte Erzählstruktur zu betonen.

Auf den Vornamen André, so sagte er [André Hilary] mir einmal, sagte Austerlitz, habe sein Vater ihn taufen lassen […] (Seite 101)

[…] dies alles war während der gesamten Zeit meines Lebens, die sich jetzt in mir überstürzte, an seinem Platz geblieben, weil Vera, wie sie mir sagte, sagte Austerlitz, seit sie mich und meine ihr so gut wie schwesterlich verbundene Mutter verloren hatte, keine Veränderung mehr ertrug. (Seite 220)

[…] und aus dieser Freundschaft ergab es sich dann sozusagen naturgemäß, so sagte Vera zu mir, sagte Austerlitz, dass sie, Vera, die im Gegensatz zu Agáta und Maximilian weitgehend frei über ihre Zeit verfügen konnte, sich nach meiner Geburt erboten habe, für die paar Jahre bis zu meinem Eintreten in die Vorschule die Aufgaben eines Kinderfräuleins zu übernehmen […] (Seite 222)

Und ich entsinne mich, so erzählte mir Vera, sagte Austerlitz, dass es von der Tante Otýlie war, dass du im Alter von dreieinhalb Jahren zählen gelernt hast […] (230)

Trotzdem, sagte Vera, fuhr Austerlitz fort […] (Seite 240)

Maximilian erzählte gelegentlich, so erinnerte sich Vera, sagte Austerlitz, wie er einmal, im Frühsommer 1933 nach einer Gewerkschaftsversammlung in Teplitz, ein Stück weit in das Erzgebirge hineingefahren und dort in einem Wirtshausgarten auf einige Ausflügler gestoßen war […] (Seite 241)

Diese Erzählstruktur verbindet W. G. Sebald in „Austerlitz“ mit langen Schachtelsätzen und Assoziationsketten. Auf eine Gliederung in Kapitel oder eine Strukturierung durch Absätze hat er ganz verzichtet: Nur an einigen wenigen Stellen setzt er ein Sternchen zwischen zwei Zeilen, und manchmal einen Gedankenstrich zwischen zwei Sätze. Das wirkt manieriert, aber die ganze Art der Darstellung evoziert auch den Eindruck einer Entwurzelung und eines Identitätsverlustes.

Zusammengehalten wird dieses Unternehmen durch eine einzigartige Sprache: W. G. Sebald ist ein Meister der literarischen Vergegenwärtigung und des Periodenbaus. Der ruhige Wellenschlag seiner Sätze erinnert an eine längst vergangene Kunst, die ins neunzehnte Jahrhundert zu gehören scheint, zu Adalbert Stifter vielleicht. In dieser Sprache wird das Persönliche, das Private, zu etwas schlicht und einfach Vorfallenden, und das Große schrumpft, und doch verliert es nicht das Ungeheuerliche. Diese Sprache bringt alles, was sie berührt, auf mehr oder minder menschliches Maß – auch das Unmenschliche. (Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung, 9. Februar 2008)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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