Isaac Bashevis Singer : Feinde, die Geschichte einer Liebe

Feinde, die Geschichte einer Liebe

Isaac Bashevis Singer

Feinde, die Geschichte einer Liebe

Sonim, di Geshichte fun a Liebe In: "Jewish Daily Forward", New York 1966 Amerikanische Originalausgabe: Enemies, a Love Story Farrar, Straus & Giroux, New York 1972 Feinde, die Geschichte einer Liebe Übersetzung: Wulf Teichmann Carl Hanser Verlag, München 1974 Coron-Verlag, Zürich o. J., 358 Seiten Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 82, München 2007
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weil ihn das polnische Dienstmädchen drei Jahre lang vor den Deutschen versteckte, überlebte der Jude Herman Broder den Holocaust. Aus Dankbarkeit nahm er sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit nach New York und heiratete sie. Aber er bezahlt auch die Miete für seine den Nationalsozialisten ebenfalls entkommene Geliebte Mascha, die mit ihrer Mutter in der Bronx lebt und ihn heiraten will. Die verlogene Situation spitzt sich zu, als eines Tages Hermans totgeglaubte erste Ehefrau auftaucht ...
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Kritik

Vordergründig handelt der Roman "Feinde" von einer ménage à quattre, weil der Protagonist aber von einem schrecklichen Schicksal geprägt wurde, gibt es dazu einen erschütternden Hintergrund: den Holocaust. Isaac B. Singer bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Komik, Tragik und Grauen.
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New York 1949. Herman Broder stammt aus Tzivkev in Polen. Er überlebte den Holocaust weil ihn Yadwiga Pracz, das nichtjüdische Dienstmädchen seiner Eltern, drei Jahre lang auf dem Heuboden im Bauernhof ihrer Familie in Lipsk vor den Deutschen versteckte. Nicht einmal Mutter und Schwester weihte sie ein, obwohl sie alle zusammen umgebracht worden wären, wenn die Deutschen Herman entdeckt hätten. Hermans Angehörige kamen in den Vernichtungslagern ums Leben. Ein Augenzeuge berichtete ihm nach dem Krieg, Hermans Ehefrau Tamara sei erschossen worden, nachdem man ihr die Kinder David und Joscheved weggenommen hatte.

Ein Jahr lang lebten Herman und Yadwiga in einem deutschen Flüchtlingslager, dann bekamen sie ein Visum für die USA, reisten auf einem Militärschiff nach Halifax und weiter mit dem Bus nach New York, wo sie sich standesamtlich trauen ließen. Seither wohnen sie zusammen in einem Mietshaus in Brooklyn. Da Yadwiga weder lesen noch schreiben gelernt hat, diktiert sie Herman die Briefe an ihre Mutter und ihre Schwester, und er liest ihr die vom Dorflehrer in Lipsk aufgeschriebenen Antworten vor. (Yadwigas Vater ist schon lang tot; und weil der Stiefvater sie aus dem Haus geworfen hatte, war sie zu Reb Schmuel Leib Broder und dessen Familie als Dienstmädchen gekommen.)

Hier in diesem fremden Land war Herman Yadwigas Mann, Bruder, Vater und Gott. (Seite 72)

Herman ist Yadwiga dankbar, weil sie ihm das Leben gerettet hat, aber ihre Güte und Einfachheit öden ihn an. Deshalb gibt er vor, als Handelsvertreter für Bücher ständig unterwegs sein zu müssen – und lebt in dieser Zeit bei seiner komplizierten, eigensinnigen, neurotischen Geliebten Mascha und deren Mutter Schifrah Puah Bloch in der Bronx.

Maschas Vater hatte noch vor den Deutschen aus Warschau fliehen können, war dann aber in Kasachstan an Ruhr und Unterernährung gestorben. Mutter und Tochter überlebten das Getto und die Lager. Herman lernte sie 1945 in Deutschland kennen. Mascha war damals bereits mit Leon Tortschiner verheiratet, aber inzwischen lebt das Ehepaar getrennt.

Mascha, die als Kassiererin in einer Cafeteria arbeitet, weiß von Yadwiga, aber Herman hat ihr vorgelogen, seine Lebensretterin sei frigide und er schlafe nicht mit ihr.

Das Geld für den Lebensunterhalt und die Mieten der beiden Wohnungen in Brooklyn und in der Bronx verdient Herman in Wirklichkeit als Ghostwriter für Rabbi Milton Lampert, der die Artikel in israelischen, amerikanischen und britischen Zeitschriften veröffentlicht. Rabbi Lampert kann sich einen Ghostwriter leisten, denn er hat mit Immobiliengeschäften viel Geld gemacht und besitzt inzwischen einige Mietshäuser und ein halbes Dutzend Genesungsheime.

Während eines Aufenthalts bei Mascha stößt Herman in der Zeitung auf eine Suchanzeige: „Mr Herman Broder aus Tzivkev, bitte nehmen Sie Kontakt auf mit Reb Abraham Nissen Yaroslaver.“ Herman wählt die angegebene Telefonnummer und erfährt, dass seine totgeglaubte Ehefrau Tamara lebt und kürzlich zu ihrem Onkel Reb Abraham Nissen und ihrer Tante Scheva Haddas nach New York kam. Verwirrt fährt Herman zu der Adresse am East Broadway. Tamara hatte die auf sie abgegebenen Schüsse überlebt. Eines der beiden Geschosse steckt noch in ihrer Hüfte. Herman gibt zu, dass er inzwischen mit Yadwiga verheiratet ist, und Reb Abraham Nissen versichert ihm, das sei keine Sünde, weil Herman Tamara für tot gehalten hatte; jetzt müsse er sich allerdings unverzüglich von seiner zweiten Ehefrau scheiden lassen.

Während Herman nun auch Mascha belügt und einen kürzlich aufgetauchten Vetter Feivl Lemberger erfindet, gesteht er Tamara, dass er auch noch eine Geliebte hat. Tamara erklärt ihm, sie werde sich nicht gegen eine Scheidung sträuben, wenn er sie anstrebe, aber sie bestehe auch nicht darauf, denn sie werde ohnehin nach den furchtbaren Erlebnissen in Polen nie wieder mit einem Mann zusammenleben können.

Als bei Mascha die Periode ausbleibt, drängt sie Herman zur Heirat, denn sie fürchtet sich vor einer Abtreibung einerseits und möchte andererseits die religiösen Gefühle ihrer strenggläubigen Mutter respektieren. Es gelingt ihr, Leon Tortschiner zur Scheidung zu überreden und einen Rabbiner zu finden, der bereit ist, die Eheschließung durchzuführen, ohne viele Fragen zu stellen. Mascha schätzt, dass sie im sechsten Monat ist, als die Trauung stattfindet. Nun ist Herman mit drei Frauen verheiratet. Und just zur gleichen Zeit bleibt auch bei Yadwiga die Periode aus.

Einige Wochen später stellt ein Arzt fest, dass Mascha sich die Schwangerschaft nur eingebildet hat.

Yadwiga konveriert während ihrer Schwangerschaft zum jüdischen Glauben.

Tamara, die inzwischen in einem Bungalow eines jüdischen Hotels in Mountaindale in den Catskill Mountains wohnt, kommt eines Tages völlig überraschend – und leicht angetrunken – nach Brooklyn, um Herman und Yadwiga zu besuchen. Yadwiga hält die erste Ehefrau ihres Mannes im ersten Augenblick für ein Gespenst und erschreckt sich zu Tode. Herman schreit sie an und schüttelt sie: „Beruhige dich doch! Blödes Bauernweib!“ (Seite 255) Sobald Yadwiga begriffen hat, dass Tamara kein Geist ist, bietet sie ihr an, das Feld zu räumen, aber Tamara macht ihr klar, dass sie so oder so nie zu Herman zurückkehren würde.

Mitten in das Gefühlschaos platzt die Nachbarin Schreier mit einem Bekannten namens Nathan Pescheles, der sich für Bücher interessiert und deshalb mit Herman reden möchte, von dem er gehört hat, dass er Bücher verkauft. Während Herman noch überlegt, wie er den lästigen Besucher los wird, ruft auch noch Rabbi Lampert an. Da gravierende Fehler in einem Manuskript entdeckt wurden, das gerade zur Druckerei ging, muss er sich sofort mit Herman treffen, um die Korrekturen noch rechtzeitig weitergeben zu können. Herman gibt dem Rabbiner Maschas Adresse in der Bronx an und verspricht, gleich hinzukommen.

Yadwiga – die inzwischen von den Nachbarinnen misstrauisch gemacht wurde – glaubt Herman nicht, dass er mit einem Rabbiner verabredet ist und stellt sich ihm in den Weg, aber er schiebt sie gewaltsam zur Seite und verlässt nach Tamara, Mrs Schreier und Nathan Pescheles ebenfalls die Wohnung.

Augenscheinlich gefällt Mascha dem Rabbiner sehr gut, und er lädt sie zusammen mit Herman zu einer Party ein.

Unter den Partygästen ist auch Nathan Pescheles! Der weiß inzwischen auch, dass Tamara, die er bei seinem Besuch in der Wohnung von Herman und Yadwiga kennen lernte, ebenfalls mit Herman verheiratet ist, denn er traf sie zufällig im Krankenhaus wieder, als sie sich die Kugel aus der Hüfte herausoperieren ließ. Nathan Pescheles klärt Mascha darüber auf, und sie trennt sich deshalb von Herman.

Der verlässt die Party vorzeitig, weiß jedoch nicht, wohin er gehen soll, denn sowohl Mascha als auch Yadwiga sind mit ihm zerstritten. In seiner Verzweiflung ruft er Tamara an, die bei ihren Verwandten am Broadway übernachtet. Sie erlaubt ihm, zu ihr zu kommen und meint dann:

„Herman, Menschen wie du sind unfähig, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Ich bin darin zwar auch nicht besonders gut, aber manchmal ist es leichter, die Probleme von andern zu bewältigen als seine eigenen […]
Ich werde alle deine Angelegenheiten in die Hand nehmen […] Ich kann sehen, dass alles zu viel geworden ist für dich, dass du dabei bist, unter der Last zusammenzubrechen.“ (Seite 305f)

Reb Abraham Nissen und Scheva Haddas reisen für längere Zeit nach Israel und erwägen, dort zu bleiben. Tamara soll während ihrer Abwesenheit die Wohnung hüten und die dazu gehörige Buchhandlung führen. Herman hilft ihr dabei – verkauft also jetzt tatsächlich Bücher.

Wochen vergehen. Herman und Yadwiga versöhnen sich und wohnen wieder zusammen.

Eines Nachts, als Yadwiga bereits schläft, ruft Mascha an. Sie befindet sich im Manhattan Beach Hotel auf Coney Island und will wieder mit Herman zusammen sein. Rabbi Lampert, der bereit gewesen wäre, sich für sie von seiner Frau scheiden zu lassen, hatte ihr eine gut bezahlte Stelle in seinem Genesungsheim in New Jersey verschafft und dort auch ihre Mutter aufgenommen, aber Mascha kann auf Dauer nicht ohne Herman leben. Sie will Schifrah Puah in dem Heim lassen und mit Herman nach Flda oder Kalifornien ziehen, wo der Rabbiner ebenfalls Genesungsheime besitzt, in denen sie arbeiten könnte. Rabbi Lampert hat versprochen, sich auch um die ärztliche Versorgung Yadwigas zu kümmern, die bald niederkommen wird.

Noch in der Nacht verlässt Herman Yadwiga, die inzwischen aufgewacht ist, aber so tut, als schliefe sie.

Maschas Wohnung in der Bronx wurde ausgeraubt, aber sie und Herman wollen ohnehin nach Miami.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Es klingelt. Ein Taxifahrer steht vor der Tür, und zwar mit der halb bewusstlosen Schifrah Puah, die während der Fahrt im Wagen zusammenbrach. Mascha ruft sofort einen Krankenwagen und begleitet ihre Mutter zur Klinik. Auf dem Weg stirbt Schifrah Puah.

Rabbi Lampert ist für eine Woche nach Kalifornien geflogen. Sonst hätte er die Beerdigungsformalitäten und –kosten übernehmen können. Weder Mascha noch Herman besitzen genügend Geld. Was sollen sie tun? Mascha schlägt Herman vor, dass sie sich gemeinsam mit Schlaftabletten das Leben nehmen, und er ist mit allem einverstanden.

Am Ende wird dann doch nur Maschas Leiche in der Wohnung gefunden. Rabbi Lampert kümmert sich um ihre Beerdigung und die ihrer Mutter. Für Yadwiga besorgt er ein Krankenhausbett, und sie bringt eine Tochter zur Welt. Reb Abraham Nissen und Scheva Haddas bleiben auf Dauer in Israel. Tamara, die ihre Wohnung und die Buchhandlung übernimmt, holt Yadwiga und das Kind zu sich. Sie gibt Suchanzeigen in Zeitungen auf, aber Herman bleibt verschwunden.

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Ein polnischer Jude steht 1949 in New York zwischen drei Frauen und wird durch die Verstrickungen zum Trigamisten, weil er sich nicht entscheiden kann, weder zwischen Tamara, Yadwiga und Mascha, noch zwischen Vernunft, Pflichtgefühl und Leidenschaft. Vordergründig handelt der Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ von einer ménage à quattre, weil Herman Broder aber nicht nur ein Opfer seiner schwachen Persönlichkeit ist, sondern – wie die drei Frauen – zugleich von einem schrecklichen Schicksal geprägt wurde, gibt es dazu einen erschütternden Hintergrund: den Holocaust. Isaac Bashevis Singer ist es gelungen, sich in seinem Roman auf dem schmalen Grat zwischen Komik, Tragik und Grauen zu bewegen. Während sich die Wirrungen zuspitzen, entwickelt sich „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ auch zu einer Reflexion über die Situation der Juden, die den Holocaust überlebt haben und sich deshalb gegenüber den Toten schuldig fühlen. Durch die schrecklichen Erlebnisse und ihre Heimatlosigkeit wurden sie aus den Traditionen herausgerissen und verloren ihren Glauben – und damit die Orientierung.

Paul Mazursky verfilmte den Roman: „Feinde. Die Geschichte einer Liebe“.

Isaac Bashevis Singer wurde 1904 als Sohn einer Rabbinerfamilie in Radzymin in Polen geboren und wuchs in Warschau auf. 1935 emigrierte er in die USA, und acht Jahre später erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Zeitungsartikel, Kurzgeschichten und Romane schrieb er konsequent in jiddischer Sprache. 1978 wurde Isaac Bashevis Singer mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er starb 1991 in Miami.

Isaac Bashevis Singer: Bibliografie (Auswahl)

  • The Family Moskat (1950; Die Familie Moschkat, 1984)
  • Satan in Goraj (1935/55; Satan in Goraj, 1969)
  • The Magician of Lublin (1960; Der Zauberer von Lublin, 1967)
  • The Slave (1962; Jakob der Knecht, 1965)
  • In My Father’s Court (Autobiografie, 1966; Mein Vater, der Rabbi, 1971)
  • Yentl, the Yeshiva Boy (Theaterstück, 1974)
  • A Day of Pleasure (1976; Eine Kindheit in Warschau, 1981)
  • The Manor (1967; Das Landgut, 1979)
  • The Estate (1970; Das Erbe, 1980)
  • Enemies, a Love Story (1966/72; Feinde, die Geschichte einer Liebe, 1974)
  • Shosha (1978; Schoscha, 1980)
  • The Reaches of Heaven (1980; Die Gefilde des Himmels, 1982)
  • The Penitent (1983; Der Büßer, 1987)


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag
Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe des Coron-Verlags.

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