Hans-Ulrich Treichel : Tristanakkord

Tristanakkord

Hans-Ulrich Treichel

Tristanakkord

Tristanakkord Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2000 ISBN 3-518-41127-6, 237 Seiten, 38 DM Taschenbuchausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2004 ISBN: 3-518-45617-2, 233 Seiten, 9 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Georg Zimmer, ein aus dem Emsland stammender schüchterner Germanstik-Doktorand in Berlin, gerät an den weltberühmten Komponisten Bergmann. Auf der Hebrideninsel Scarp, in New York und auf Sizilien soll er die Memoiren des Maestros überarbeiten. Im Vergleich mit dem eitlen und egomanischen Star, der seine charakterlichen Schwächen mit großspurigen Gesten überspielt, wirkt der Doktorand provinziell, schüchtern und unbedarft ...
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Kritik

Der vergnügliche Roman "Tristanakkord" wirkt weniger durch den Plot, als durch die parodistische Ausgestaltung der einzelnen Episoden, und die Sprache von Hans-Ulrich Treichel besticht durch ihre Rhythmik.
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Georg Zimmer stammt aus Emsfelde im Emsland. Gerade hat er sein Germanistik-Studium an der Freien Universität in Berlin beendet und sich arbeitslos gemeldet, um vom Sozialamt in Kreuzberg Unterstützung zu bekommen.

Wenn Georg Schallplatten hörte, dann konnte er sein Spiegelbild vergessen. Und nicht nur das. Für ihn war ein Beatles– oder Jimi-Hendrix-Song etwas, in dem sich nicht Jimi Hendrix oder die Beatles ausdrückten, sondern er selbst. Lieder wie „Hey Joe“ oder „Do you want to know a secret“ waren Zeugnisse seiner Persönlichkeit und seiner Kreativität. So wie sich Goethes junger Werther dann als der größte Künstler fühlen konnte, wenn er sich in die freie Natur begab, auf einen Hügel setzte und die Sonne aufgehen ließ, so fühlte auch er sich als der größte Künstler, wenn sich die Platten auf dem Plattenteller drehten. Eine Schallplatte hören, das war, als gäbe er ein Konzert. Auf dem Bett liegen und Musik hören, das war ein produktiver kunstausübender Zustand, war Arbeit am eigenen Werk. Nur entstand dabei kein Werkverzeichnis. Außerdem war die Platte irgendwann zu Ende. Und wenn die Platte zu Ende war, dann verwandelte sich das Glück der eingebildeten Kunstausübung in eine große Traurigkeit. Der Traurigkeit konnte man nur begegnen, indem man sofort wieder eine Platte auflegte, was zur Folge hatte, dass er in dieser Phase seiner Jugend über Tage, Wochen und Monate nichts anderes getan hatte, als auf dem Bett zu liegen, Schallplatten zu hören und sich schöpferisch zu fühlen. Dass dies nicht genug war, hatten zuerst seine Eltern gemerkt, die damit drohten, dem immer träger und apathischer wirkenden Sohn den Plattenspieler zu entziehen. Irgendwann aber hatte er auch selbst gespürt, dass ihm ein Leben im Liegen nicht genügte. Selbst wenn er dabei Platten hörte. (Seite 29f)

Unlängst veröffentlichte Georg einen Lyrikband in dem Kleinstverlag „Edition Ausweg“. Bevor er mit seiner geplanten Dissertation über „Das Vergessen in der Literatur“ anfangen kann, springt er für einen erkrankten Kommilitonen ein, der dem weltberühmten Komponisten Bergmann bei der Überarbeitung und Korrektur seiner Memoiren helfen sollte. Bergmann stammt wie Georg aus dem Emsland, und zwar aus Schredeborg, doch er hatte nur wenige Jahre dort gelebt, dann waren seine Eltern mit ihm zuerst nach Berlin gezogen und dann nach Schweden emigriert.

Georg fährt nach Schottland, setzt von der Insel Skye zur Insel Lewis und von dort zur Insel Scarp über, wo Bergmann die heißen Sommermonate im Haus des verreisten englischen Komponisten Robert Leech verbringt, weil in seiner eigenen Villa in der Nähe des sizilianischen Küstenortes San Vito Lo Capo gerade erst eine Klimaanlage eingebaut wird. Bergmanns Butler Bruno nimmt Georg in Empfang und zeigt ihm sein Zimmer. Erstaunt erfährt Georg durch ein Erinnerungsfoto, dass Bruno vor fünfzehn Jahren im Dienst von Aristoteles Onassis gestanden hatte.

Wahrscheinlich zeugte es auch von Lebensart, dass Georg hier allein im Salon sitzen musste. Von Bergmanns Lebensart wie auch von seiner eigenen. Wobei Bergmanns Lebensart ganz offensichtlich darin bestand, dass er auf sich warten ließ. Während Georgs Lebensart darin bestand, dass er wartete. (Seite 54f)

Schließlich kommt Bergmann mit einem Glas Whisky in der Hand herein und begrüßt seinen Gast zerstreut. Er nimmt ihn kaum wahr, denn er arbeitet an einer neuen Komposition: „Pyriphlegethon für großes Orchester“. Der Maestro trinkt unaufhörlich, stellt dabei snobistische Ansprüche, nimmt jedoch trotz gegenteiliger Aussprüche auch mit einem anderen Wein vorlieb, wenn der gewünschte nicht verfügbar ist. Erst nach ein paar Wochen bemerkt er, dass es im Haus seines Kollegen Robert Leech keinen Flügel gibt. So könne er nicht arbeiten, schimpft er und steigert sich so in seine Frustration hinein, dass er das Fehlen des Flügels als böswilligen Akt der Bewohner des Landes empfindet:

Die Schotten, sagte Bergmann, verlangten von ihm, dass er ohne Flügel arbeite. Er sei aber kein Schafhirte, und er sei auch kein Lachsfischer, und ein Dudelsackbläser sei er auch nicht, sagte Bergmann. (Seite 67)

Bruno versucht es zunächst beim Opernhaus Edinburgh, aber dort ist kein Flügel frei. Das betrachtet Bergmann als Boykott seiner Arbeit, und er schwört, nie wieder eines seiner Werke in Edinburgh aufführen zu lassen. Endlich liefert die Oper Glasgow einen Flügel und sorgt dafür, dass die Medien ausführlich darüber berichten.

Bis zu seiner Abreise hörte Georg nur ein einziges Mal, dass Bergmann einen Akkord anschlug. Es war keiner dieser typischen Neue-Musik-Akkorde, die so überaus nervenzerreibend klingen konnten. Es war ein nicht gerade einfacher, aber dennoch verständlicher Akkord, der so sehnsüchtig-traurig und unerlöst klang, dass Georg sofort davon überzeugt war, dass es sich um den Tristanakkord handeln musste. Der Tristanakkord war der einzige Akkord, den Georg dem Namen nach kannte. Darum neigte er auch dazu, immer wenn er Wagner oder Wagnerähnliches und einen sehnsüchtig-traurigen und irgendwie unerlösten Akkord hörte, sofort zu sagen: „Der Tristanakkord.“ (Seite 79)

Über den Tristanakkord, den Georg zu hören glaubt, hatte er sich in Berlin informiert und sich über die Fernleihe zwei Aufsätze besorgt: „The Tristan Chord: Identity and Origin“ von John Stewart und „The Tristan Chord in Historical Context: A Response to John Stewart“ von William Stern. Seither weiß Georg, dass der Tristanakkord nicht aus sich heraus verständlich ist, aber er hat noch nicht herausgefunden, aus welchen Tönen er besteht.

Nach einer Woche teilt Georg seinem Gastgeber mit, er habe das Typoskript korrigiert und ein Personenregister angelegt. Statt sich die Arbeit anzusehen, meint Bergmann:

„Wunderbar! Jetzt müssen wir nur noch einen Termin finden, um uns zusammenzusetzen.“ (Seite 65)

Als Bergmann sich endlich ein paar Minuten Zeit nimmt, interessiert ihn nur das Register, und von etwa der Hälfte der aufgeführten Namen möchte er, dass Georg sie wieder herausnimmt, weil er die Leute nicht leiden kann. Nur mit Mühe lässt Bergmann sich überzeugen, dass er Nerlinger, seinen bedeutendsten Konkurrenten, nicht einfach totschweigen könne. Scheer und Witte lässt er gelten, weil sie in ihren Werken Baukräne und Abrissbirnen einsetzen, sodass sie Bergmann in Konzertsälen nicht gefährlich werden können.

Für eines seiner berühmtesten Orchesterstücke, das „Pythagoras Wurzel aus Eins“, hatte er [Witte] sogar das CERN in Genf bemüht. „Ohne Nuklearforschung“, sagte Bergmann, „macht es Witte nicht mehr.“ Er selbst brauche nur Papier, einen Bleistift und einen Anspitzer. Witte aber einen Teilchenbeschleuniger. (Seite 92)

Sobald Georg das Personenregister überarbeitet hat, kehrt er nach Berlin zurück. Dort erreicht ihn jedoch Bergmanns Nachricht, man habe versäumt, den Text der Memoiren durchzusehen; Georg solle deshalb für ein paar Tage zu ihm nach New York kommen. Das Ticket lässt Bergmann für ihn am Flugplatz hinterlegen. Georg kann es kaum fassen: Er träumte immer schon von New York, denn die Stadt – genauer: Manhattan – ist angesagt, und selbst die Wartenden im Sozialamt prahlen mit ihren New-York-Reisen.

In New York erfährt Georg, dass es bereits Vorverträge für Übersetzungen der Memoiren in sechs Sprachen gibt. Nur das Typoskript ist noch nicht fertig. Bergmann arbeitet inzwischen an seiner nächsten großen Komposition: „Elysian Fields“. Als er Georg sieht, scheint er nicht mehr zu wissen, wozu der Germanist gekommen ist. Bruno macht Georg mit Bergmanns neuem Sekretär Steven bekannt, einem Engländer, der eine Arbeit über den Komponisten schreiben will. Außerdem lernt Georg die New Yorkerin Mary kennen, die Tochter des berühmten Dirigenten Sir John Fields, eine ehemalige Kompositionsschülerin Bergmanns, die jetzt dessen Partituren ins Reine schreibt. Von der attraktiven Amerikanerin ist Georg hingerissen, und als er bei der Premiere von „Pyriphlegethon für großes Orchester“ im Lincoln Center einige Reihen hinter ihr sitzt, hat er nur Augen für das Spiel ihrer Nackenmuskeln. Das hilft ihm auch, die Musik zu ertragen, obwohl er nichts zum Lesen dabei hat.

Am besten überstand er ein Konzert, wenn er, falls die Lichtverhältnisse es zuließen, das Programmheft oder irgend etwas anderes las […] Sobald er sich auf die Musik konzentrierte, wurde er müde. Konzentrierte er sich aber auf seine Lektüre, wurde er wach. Zudem ertrug er, wenn er las, auch die Musik viel besser […] Er erinnerte sich an ein Konzert mit Mahlers 9. Symphonie in der Berliner Philharmonie, zu dem er sich eigens ein Buch mitgenommen hatte […] es hätte ein gelungener Konzertabend werden können, hätte ihn nicht sein linker Sitznachbar irgendwann darum gebeten, das Lesen einzustellen. „Das stört“, hatte sein Sitznachbar mit Blick auf das Buch gesagt, worauf Georg zurückgefragt hatte: „Wieso das denn?“, was ihm ein unwirsches „Psst!“ seines rechten Sitznachbarn eingetragen hatte […] Georg hatte nicht gewagt, einen Streit zu beginnen. Stattdesen hatte er das Buch zugeklappt und auf die Müdigkeit gewartet. Doch er war nicht müde geworden, sondern hatte erst ein Jucken, dann ein Kratzen und schließlich einen solchen Druck im Hals und in den Bronchien verspürt, dass ihm nichts anderes übriggeblieben war, als zu husten. (Seite 173f)

Bei der Premierenfeier sitzt Georg neben einem berühmten Winnetou-Darsteller. Unvermittelt macht Bergmann sich über ihn lustig, weil er eine weinrote Strickkrawatte zum blauen Blazer, eine braune Cordhose und Schuhe mit Kreppsohlen trägt.

[…] Bergmann hatte gerade eine weitere Flasche Wein kommen lassen und verfiel langsam in einen Zustand, der sich durch eine Mischung aus katatonischem Vor-sich-Hinstarren und plötzlich aufkeimendem Weltekel auszeichnete. Letzterer richtete sich zuerst auf den Verwaltungsdirektor des Lincoln Centers […] (Seite 189)

Endlich ist Bergmann bereit, das Typoskript mit Georg in seiner Suite durchzusehen. Da läutet das Telefon. Als sie schließlich anfangen, weist Bruno den Maestro darauf hin, dass er sich in zwanzig Minuten für die Dick Raymond Show im Odeon Theatre umziehen müsse. Georg soll einfach mitkommen. Sie werden mit einer Stretchlimousine abgeholt.

Während ein Fotomodell im Badeanzug in ein eigens für die Dick Raymond Show auf die Bühne gestelltes gläsernes, mit Wasser gefülltes Bassin steigt und einen neuen Rekord im Luftanhalten aufstellen will, tritt Bergmann aus den Kulissen. Dick Raymond fragt den weltberühmten Komponisten, ob er auch glaube, dass die junge Frau heute ihren Rekord brechen werde. Dann erkundigt er sich nach dem Titel des neuen Stücks – Pyriphlegethon –, lässt ihn sitzen und geht zu dem Bassin, um laut die Sekunden zu zählen. Um 34 Sekunden verbessert das Model seinen bisherigen Rekord und wird entsprechend gefeiert. „Good night, folks“, verabschiedet Dick Raymond sich. Ein Bühnenarbeiter entfernt Bergmann das Mikrofon vom Revers, während im Fernsehen der Schlusstrailer zu sehen ist.

Kurz vor Georgs Abreise kommt Bergmann auf die Idee, sich von ihm für „Elysian Fields“ eine Hymne schreiben zu lassen.

„Sie schreiben doch Gedichte“, sagte er, „dann könnten Sie doch auch die Hymne schreiben.“ Es müsse natürlich eine schöne Hymne sein, eine überwältigende Hymne, er denke an Hölderlin, weniger an Schiller, aber an einen Hölderlin der Gegenwart. „Ein Hölderlin“, sagte Bergmann, „der wohl durch Schwaben wandert, der aber zugleich ein Penthouse in New York bewohnt.“ (Seite 148)

Zurück in Berlin, denkt Georg über seine geplante Dissertation nach. Nach ein paar Tagen erhält er einen Brief aus Italien. Bergmann benötigt dringend die Hymne für den 4. Satz der „Elysian Fields“. Georg soll unverzüglich nach Sizilien kommen und die Hymne in Bergmanns Villa schreiben.

Bergmann hat sich längst von seiner Ehefrau getrennt, weil er Kunst und Ehe nicht in Einklang bringen konnte. Er kenne zwar Komponisten, die mit einer Frau zusammenlebten – Nerlinger beispielsweise – „aber das könne man dann auch auch hören“ (Seite 85). Bergmanns Frau, eine Neurologin und Psychoanalytikerin, betreibt in Paris eine Praxis für kranke Musiker. Auf ihre Empfehlung hin sucht der in Paris lebende portugiesische Sänger José Antonio mit seinem italienischen Klavierbegleiter den Maestro in San Vito Lo Capo auf, um ihm vorzusingen. Unbekümmert erzählt er Bergmann und Georg, dass seine Hoden die eines Kindes geblieben seien und er deshalb wie ein Kastrat singe. Nach dem Vortrag verlässt Bergmann wortlos den Raum und bleibt verschwunden, bis die beiden Gäste abgereist sind.

Schließlich macht Georg sich an die Arbeit.

Vierzehn Zeilen in vier Tagen, das musste zu schaffen sein. (Seite 210)

Um sich Anregungen zu holen, blättert er in Hölderlins Hymnen.

[…] und jetzt wusste er plötzlich, was ihn an Hölderlin immer am meisten gestört hatte: der hymnische Ton. Ihm ging Hölderlins hymnischer Ton auf die Nerven. (Seite 211)

Da lässt er sich besser von Stefan Heym inspirieren.

Noch am gleichen Vormittag hatte er eine Schöpfungshymne geschrieben, die zwar noch an Heym erinnert, aber nicht zu sehr. Und außerdem: Wer kannte schon Heym? (Seite 215)

Georg ist sich seiner Sache sicher und zögert den Augenblick der Übergabe der Hymne hinaus, weil er gehört hat, dass Mary erwartet wird und er sie noch einmal sehen möchte. Erst als Bruno zum Flughafen fährt, um Mary abzuholen, legt Georg dem Maestro das Blatt vor, auf das er mit einer Reiseschreibmaschine den Text der Hymne getippt hat. Bergmann wirft einen Blick darauf, greift zum Telefon, kriegt keine Verbindung, nimmt das Blatt wieder auf, beobachtet jedoch den Gärtner und meint dann: „Prima, sehr gut.“ Es klingt allerdings wie ein deprimierter Seufzer. Bruno trägt einen toten Pfau fort. „Schrecklich!“, meint Bergmann, und Georg hofft, dass sich der Kommentar auf den toten Pfau bezieht. Aber er täuscht sich. Im Prinzip sei die Hymne sehr schön, erklärt Bergmann, aber er habe an etwas anderes gedacht und außerdem klinge sie ein wenig zu sehr nach Stefan Heym. Georg soll es zu Hause in Berlin noch einmal versuchen und den Entwurf per Eilboten schicken.

Am Morgen vor der Abreise sieht Georg, wie Mary zum Pool geht. Er folgt ihr und beobachtet sie von einer Stelle im Garten aus, ohne dass sie ihn sehen kann. Nach dem Schwimmen legt sie sich nackt in die Sonne.

Er wäre am liebsten hinuntergegangen und hätte sich in den Pool gestürzt. Todesmutig gewissermaßen. Um dann wieder aufzutauchen und Mary mit einem entspannten „Nice to meet you in Sicily“ zu begrüßen und sich auf die Liege daneben zu legen. Doch dazu war er nicht Manns genug. Dazu hatte er nicht genug New York und schon gar nicht genug Manhattan in sich. Emsfelde regierte. (Seite 234f)

Plötzlich entdeckt Georg auf der anderen Seite des Pools Steven, der Mary ebenfalls heimlich betrachtet. Beschämt kehrt Georg zum Haus zurück – und bemerkt Bergmann an einem Fenster, von dem aus der Künstler den ganzen Garten samt Pool überblicken kann.

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Beim Tristanakkord (Tristan-Akkord) handelt es sich um eine langsame, von Celli und Holzbläsern intonierte Harmonie im zweiten Takt der Einleitung der Oper „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner.

Der Roman „Tristanakkord“ von Hans-Ulrich Treichel ist eine vergnügliche Satire auf einen weltberühmten Komponisten, einen besonders eitlen und selbstgefälligen Egomanen, der seine charakterlichen Schwächen mit großspurigen Gesten überspielt. Im Vergleich mit diesem Weltstar und dessen Künstlerallüren wirkt der Germanistik-Doktorand, von dem er sich das Personenregister für seine Memoiren zusammenstellen lässt, provinziell, schüchtern und unbedarft.

Auch wenn der Duft der großen weiten Welt letztlich zum Himmel stinkt, Georg Zimmer wird den Mief der kleinbürgerlichen Kindheit in deutscher Provinz nicht los.
Auf diesen Konflikt konzentriert sich jeder Satz in Hans-Ulrich Treichels Tristanakkord. Alle Nebenfiguren, Handlungsstränge und Motive seines zweiten Romans sind auf die divergierende Weltsicht der beiden ungleichen Protagonisten ausgerichtet. Ohne Schnörkel, disziplinert und mit großer erzählerischer Raffinesse schildert Treichel eine tragische Kollision. Sein düster-ironischer Künstler- und Campusroman konfrontiert den Glamour eines Weltstars mit dem Ringen eines verzweifelten Studienabhängers. (Michael Bauer, Süddeutsche Zeitung, 26. Februar 2000)

„Tristanakkord“ wirkt weniger durch den Plot, als durch die parodistische Ausgestaltung der einzelnen Episoden, und die Sprache von Hans-Ulrich Treichel besticht durch ihre Rhythmik.

Hans-Ulrich Treichel wurde 1952 in Versmold (Westfalen) geboren. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Von 1985 bis 1991 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU tätig. 1993 habilitierte er sich. Seit 1995 ist Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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