Anton Tschechow : Eine Bagatelle

Eine Bagatelle

Anton Tschechow

Eine Bagatelle

Originalausgaben: 1886 – 1889 Eine Bagatelle Erzählungen von Liebe, Glück und Geld Herausgeber: Thomas Grob Übersetzung: Alexander Eliasberg, Dorothea Trottenberg Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2010 ISBN: 978-3-455-40263-0, 128 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Agafja – Der Glückspilz – Zum Zeitvertreib. Ein Datscha-Roman – Die Apothekerin – Eine Bagatelle – Der Rächer – Teure Stunden – Erzählung der Frau N. N. – Die Wette – Wolodja der Große und Wolodja der Kleine – Von der Liebe

Die meisten der elf Erzählungen Tschechows handeln von unglücklichen Liebesbeziehungen.
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Kritik

Die Geschichten sind teilweise sehr kurz, vermitteln aber dennoch einen stimmungsvollen Eindruck der Situation. Man kann sich die Protagonisten trotz der knappen Beschreibung gut vorstellen, und die Szenarien sind gut beobachtet.
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Teure Stunden

Der sechsundzwanzigjährige Worotow hat zwar einen Universitätsabschluss, versteht aber keine fremden Sprachen. Deshalb engagiert er eine Privatlehrerin, die ihm Französisch beibringen soll. Alice Ossipowna Enquête, eine junge und elegant gekleidete Französin, fängt mit ihrem Unterricht ganz von vorne an: „Die französische Grammatik hat sechsundzwanzig Buchstaben. Der erste Buchstabe heißt A, der zweite B …“ Diese elementaren Kenntnisse hat Wolotow allerdings schon und er schlägt deshalb vor, dass man sich ein Buch, zum Beispiel „Memoires de“ vornehmen und es Wort für Wort übersetzen könnte. Ein Bekannter von ihm sei mit dieser Methode sehr erfolgreich gewesen. Alice kommt diese Arbeitsweise etwas naiv vor, hat aber nichts dagegen. Diese Art des Unterrichts ermüdet die Lehrerin in gleicher Weise wie ihren Schüler. Außerdem macht Wolotow keinerlei Fortschritte. Er unterstellt Alice Ossipowna mangelnde Fähigkeiten und möchte nach sechs Stunden nicht mehr unterrichtet werden. Ungeschickt hält er ihr ein Kuvert mit Geld hin, aber als er merkt wie sie erschrickt, interpretiert er das als Angst vor dem Verlust ihrer Verdienstmöglichkeit. Er versucht, die peinliche Situation zu überspielen, und sie setzen die Stunde fort. Er ist nach wie vor überzeugt, dass sie ihn schlecht unterrichtet, und will ihr das bei Gelegenheit auch sagen.

Einerseits ärgert er sich über ihr kühles und geschäftsmäßiges Benehmen, andererseits ist er jedoch gefesselt von ihrer Schönheit und ihrem verführerischen Duft.

Er glaubte zu verstehen, weshalb die Französinnen für leichtsinnige und leicht zu verführende Geschöpfe gehalten wurden. (Seite 69)

Einmal kommt sie eine Stunde zu früh, weil sie ins Theater gehen will. Er wird ebenfalls ins Theater gehen, um sich zu zerstreuen, wie er sich vorsagt. Insgeheim hofft er, dort das „gar nicht gebildete, wenig intelligente junge Mädchen, das er obendrein wenig kannte“ zu treffen. In der Pause sieht er Alice in Begleitung dreier Herren, mit denen sie kokettiert. So glücklich und zufrieden sah er sie zuvor noch nie. Seine Verbeugung erwidert sie lediglich mit einem kurzen Nicken. Nach dieser Begegnung begreift er, dass er sich in sie verliebt hat, und während der folgenden Unterrichtsstunden „lässt er seiner Fantasie die Zügel schießen“, auch wenn sie sich ihm gegenüber weiterhin gleichgültig verhält. Eines Tages macht er ihr eine Liebeserklärung, auf die sie erschrocken reagiert. Wolotow ist das nun peinlich, vor allem deshalb, weil er glaubt, dass sie sich nach seinem Geständnis nicht mehr trauen würde, ihm weiterhin Stunden zu geben und sie dann kein Geld mehr bekäme. Aber Alice kommt auch künftig zu ihm. Vier Bücher haben sie mittlerweile miteinander übersetzt, aber außer dem Wort „memoires“ hat er sich nichts gemerkt.


Erzählung der Frau N. N.

Natalia Wladimirowna reitet zusammen mit dem Hilfsuntersuchungsrichter Pjotr Sergejewitsch zur Bahnstation, um Post abzuholen. Plötzlich zieht ein Gewitter auf, und sie müssen sich in einem Schuppen unterstellen. Während sich Natalia vor den Blitzen fürchtet, scheint sich Pjotr über das Unwetter zu freuen. Sie sei heute besonders schön, umschmeichelt er sie, und er sei so glücklich, sie zu sehen, er liebe sie, obwohl er wisse, dass sie nie die Seinige werden könne. Natalia ist bezaubert von seinen glänzenden Augen und seiner Stimme. Nach dem Regen kehren sie zurück und essen im Hause Natalias zusammen gutgelaunt zu Abend. Ob sie Pjotr auch liebe, fragt sich Natalia, als sie zu Bett geht – sie weiß es nicht.

Im Winter wohnt Natalia wieder in der Stadt, und Pjotr besucht sie dort häufiger. Ihre unterschiedliche Herkunft – Pjotr ist der Sohn eines Küsters auf dem Land, wohingegen Natalia reich und vornehm in der Stadt aufwuchs – steht wie eine „unüberwindliche Mauer“ zwischen ihnen und auch der gegensätzliche Wohnort stellt eine Barriere dar, die sie daran hindert, sich näherzukommen.

Alles was mich [Natalia] bezauberte, was mich zärtlich umfing und mit Hoffnung erfüllte, ist zu einer bloßen Erinnerung geworden, und ich sehe nichts als eine gleichförmige, öde Steppe vor mir; in der Steppe ist keine Menschenseele, und am Horizont ist es so schrecklich und finster… (Seite 76)

Pjotr lebt inzwischen auch in der Stadt, wo er jetzt seinen Beruf ausübt. Natalia findet ihn gealtert und er ist infolge eines Leidens abgemagert. Er verabscheut seine Amtstätigkeit und hat seine Lebenslust verloren. Natalia hört auch keine Liebeserklärungen mehr von ihm. Bei einem seiner Besuche verliert Natalia ihre Contenance und fängt zu schluchzen an. Sie bemitleidet sich selbst und sehnt sich in die Vergangenheit zurück. Dass Pjotr sie versteht, sieht sie ihm an, und er tut ihr ebenfalls leid.

…und ich ärgerte mich zugleich über diesen schüchternen Unglücksmenschen, der weder mein noch sein Leben hatte einzurichten verstanden. (Seite 77)

Nach der Verabschiedung küsst Pjotr ihr zweimal stumm die Hand und – so vermutet Natalia – denkt an das Gewitter und ihre Fröhlichkeit vor neun Jahren.


Die Wette

Bei einer Abendgesellschaft wird das Thema Todesstrafe diskutiert. Die Mehrzahl der Gäste, unter ihnen Gelehrte und Journalisten, lehnt die Todesstrafe ab. Sie sei „veraltet, unpassend für einen christlichen Staat und unmoralisch“ (Seite 79). Der Gastgeber hingegen findet die Todesstrafe moralischer und humaner als eine Freiheitsstrafe. Er findet es menschlicher, innerhalb weniger Minuten getötet zu werden als dass „einem über Jahre das Leben herausgesaugt“ wird. Ein anderer Gast wendet ein:

„Beides ist gleichermaßen unmoralisch, weil beides ein und dasselbe Ziel hat – jemandem das Leben zu nehmen. Der Staat ist nicht Gott. Er hat kein Recht, einem das zu nehmen, was er einem nicht zurückgeben könnte, falls er wollte.“ (Seite 80)

Worauf ein fünfundzwanzigjähriger Jurist dagegenhält:

„Todesstrafe und lebenslange Freiheitsstrafe sind gleichermaßen unmoralisch, doch wenn ich mich entscheiden müsste zwischen Hinrichtung und lebenslanger Freiheitsstrafe, so würde ich natürlich die letztere wählen. Es ist besser, irgendwie zu leben als gar nicht.“ (Seite 80)

Nach einer lebhaften Debatte provoziert ein schwerreicher Bankier den Juristen, indem er ihm eine Wette um zwei Millionen anbietet, dass dieser es keine fünf Jahre im Gefängnis aushalten würde. Der Jurist setzt noch eins drauf: Er wettet, dass er es sogar fünfzehn Jahre durchhielte.

Der Bankier gibt noch zu bedenken, dass für ihn zwei Millionen eine Kleinigkeit seien, aber der junge Mann drei oder vier seiner besten Jahre – länger würde er es sowieso nicht aushalten – vergeuden würde, und dass eine freiwillige Gefangenschaft weit schwerer zu ertragen wäre als eine erzwungene.

Die Wette ist zustande gekommen – aus der Laune eines „saturierten Menschen“ und aus Geldgier des Juristen, anders kann es sich der Bankier nicht erklären.

Unter strengster Aufsicht soll der Jurist in einem Nebengebäude im Garten des Bankiers die nächsten fünfzehn Jahre verbringen. Es ist ihm verboten, die Schwelle der Hütte zu übertreten, lebende Menschen zu sehen, menschliche Stimmen zu hören oder Zeitungen und Briefe zu empfangen. Erlaubt wird ihm ein Musikinstrument, und es ist ihm gestattet Briefe zu schreiben, Bücher zu lesen, Wein zu trinken und Tabak zu rauchen. Nach draußen darf er nur schweigend kommunizieren, indem er seine niedergeschriebenen Anforderungen durch ein Fenster reicht. Das gilt bis zum 14. November 1885, 12 Uhr. Sollte er auch nur zwei Minuten vorher diese Bedingung nicht einhalten, bräuchte der Geldbetrag nicht ausbezahlt zu werden.

Im ersten Jahr leidet der Jurist unter Einsamkeit und Langeweile, wie seinen Notizen zu entnehmen ist. Er fordert weder Wein noch Tabak an. Man hört ihn oft Klavierspielen, und an Büchern lässt er sich leichte Lektüre bringen. Im zweiten Jahr spielt er sein Instrument nicht mehr und verlangt nach Klassikern. Die Bewacher, die ihn durchs Fenster beobachten, berichten im fünften Jahr, dass er viel isst und trinkt, häufig gähnend auf dem Bett liegt und Selbstgespräche führt. Während dieser Zeit schreibt er nachts lange und viel. Die Zettel zerreißt er am Morgen. Man hört ihn auch immer wieder einmal weinen. Im Jahr darauf kommt der Bankier mit der Beschaffung von Büchern kaum nach, denn der Gefangene studiert Sprachen, Philosophíe und Geschichte (in den nächsten vier Jahren werden etwa vierhundert Bände angeschafft). Nach dem zehnten Jahr liest er nur noch das Evangelium, und danach Religionsgeschichte und Theologie. In den letzten beiden Jahren befasst er sich wahllos mit Büchern über Naturwissenschaften, Chemie, Medizin und philosphischen oder theologischen Traktaten, aber auch mit Byron und Shakespeare beschäftigt er sich.

Der alte Bankier ist verzweifelt. Am nächsten Tag läuft die Frist ab – und er muss das Geld auszahlen. Das wird ihn ruinieren, denn jetzt ist er wegen riskanter Börsenspekulationen hoch verschuldet. Vor fünfzehn Jahren hätte er die zwei Millionen problemlos entbehren können. Warum ist dieser Mensch nicht gestorben, ärgert er sich.

„Er ist erst vierzig Jahre alt. Er nimmt mir das Letzte, wird heiraten und sich des Lebens freuen, an der Börse spekulieren, und ich werde als Bettler voller Neid zusehen und tagtäglich ein und denselben Satz von ihm hören: ‚Ich verdanke Ihnen mein Leben, gestatten Sie mir, Ihnen zu helfen!‘ Nein, das ist gar zu viel! Die einzige Rettung vor Bankrott und Schande ist der Tod dieses Menschen!“ (Seite 84)

Nachts schleicht sich der Alte in das Gartenhaus. Am Tisch sieht er reglos den Gefangenen sitzen, der mit einem gewöhnlichen Menschen keine Ähnlichkeit mehr hat. Er ist nur noch Haut und Knochen, hat lange Locken wie eine Frau und einen zottigen Bart. Bei seinem greisenhaften Gesicht, hätte man nicht geglaubt einen Vierzigjährigen vor sich zu haben. Die skelettartige Gestalt kauert am Tisch, ist eingeschlafen und hat ein beschriebenes Papier vor sich liegen. Eine gute Gelegenheit, dem Halbtoten ein Kissen aufs Gesicht zu drücken und keiner würde an einen gewaltsamen Tod denken, überlegt sich der Bankier. Aber erst einmal nimmt er das Blatt vom Tisch und liest:

„Morgen um zwölf Uhr bekomme ich meine Freiheit […] Doch bevor ich dieses Zimmer verlasse […], halte ich es für angezeigt, Ihnen ein paar Worte zu sagen. Reinen Gewissens und vor Gott, der mich sieht, erkläre ich Ihnen, dass ich sowohl die Freiheit als auch das Leben und die Gesundheit und all das, was in Ihren Büchern als weltliche Güter bezeichnet wird, verachte.
[…] Ihre Bücher verliehen mir Weisheit. All das, was unermüdliches menschliches Denken über die Jahrhunderte erschuf, ist in meinem Schädel zu einem kleinen Klumpen gepresst. Ich weiß, dass ich klüger bin als Sie alle […]
Um Ihnen meine Verachtung für das, wodurch Sie leben, durch die Tat zu beweisen, verzichte ich auf die zwei Millionen, von denen ich einst träumte wie vom Paradies und die ich jetzt verachte. Um mir den Anspruch darauf zu verwirken, werde ich fünf Stunden vor der vereinbarten Frist hinausgehen und so den Vertrag brechen …“ (Seite 87ff)

Weinend verlässt der Bankier das Gartenhaus. Er verachtet sich, wie noch nie zuvor.

Am nächsten Morgen teilen die Wächter ihm mit, dass der Mann aus der Hütte verschwunden sei. Das Blatt mit der Verzichterklärung schließt der Bankier aber doch vorsichtshalber bei sich im Tresor ein, „damit kein überflüssiges Gerede aufkommt“.


Von der Liebe

Bei einer Unterhaltung über die Frage, wie die Liebe entsteht, diskutiert man, dass sie unzweifelhaft ein großes Geheimnis sei, und es keine für alle Fälle zutreffende Formulierung gebe. Man müsse jeden einzelnen Fall für sich besehen und Verallgemeinerungen vermeiden. „Man muss, um mit den Ärzten zu sprechen, die Fälle individualisieren“, wie Aljochin meint. Burkin stimmt ihm zu, warnt allerdings davor, die Liebe mit „schicksalsschweren Fragen“ zu belasten. Er hatte einmal ein Verhältnis mit einer Frau, die, selbst wenn sie in seinen Armen lag, immer nur daran dachte, wieviel Geld er ihr monatlich geben würde. Man überlege dauernd, wohin die Liebe führen könne und ob es anständig oder unanständig von uns sei, meint Burkin. Ob das gut ist oder nicht, wisse er nicht, aber „dass es stört und ärgert und jeden Genuss verleidet“, davon ist er überzeugt.

Aljochin möchte mit seiner Geschichte zu diesem Thema beitragen. Er wohnt seit vielen Jahren in Sofjino und bewirtschaftet ein Gut. Als er nach der Universität herkam, war das Gut verschuldet, weil sein Vater sich Geld lieh, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Deshalb sah er sich verpflichtet, sich um das Gut zu kümmern, bis alle Schulden bezahlt sein würden.

Er arbeitete hart und viel, vernachlässigte aber seine kulturellen Gewohnheiten nicht. Schon zwei Jahre später wurde er zum Ehren-Friedensrichter gewählt. So machte er viele Bekanntschaften im Distrikt, unter anderem lernte er auch den Vizepräsidenten des Bezirksgerichts kennen, Dmitrij Luganowitsch. Nach einem Gerichtsprozess lud dieser ihn zum Mittagessen ein, wo er auch dessen Frau Anna Alexejewna kennenlernte. Sie war erst zweiundzwanzig und brachte vor einem halben Jahr ihr erstes Kind zur Welt. Aljochin war von der hübschen und gebildeten Frau sofort bezaubert. Und so freute er sich, dass er in ihre Sommerwohnung eingeladen wurde und dort fröhliche Stunden verbrachte. So oft er in der Stadt war, schaute er bei der Familie Luganowitsch vorbei und wenn er mal längere Zeit nicht kam, fragten sie besorgt nach seinem Wohlergehen. Luganowitsch machte ihm kleine Geschenke und bot ihm sogar an, mit Geld auszuhelfen. Diese Offerte nahm der Gast allerdings nicht an.

Aljochin war zu der Zeit nicht glücklich. Er hatte sich in Anna verliebt und dachte die ganze Zeit an sie. Was mag sie an ihrem Mann finden, der in seinen Augen zwar gutmütig und treuherzig, aber uninteressant und mit vierzig Jahren zu alt für sie war, fragte er sich. Wenn er Anna besuchte, merkte er, dass sie ihn erwartet hatte. Sie „sprachen und schwiegen stundenlang“ miteinander, gestanden sich ihre Liebe aber nicht ein. Selbst wenn sie ihre Familie verlassen wollte, er hätte ihr kein Leben in dem Stil bieten können, das sie gewohnt war. Und er merkte, dass sie sich mit den gleichen Gedanken quälte.

Anna hatte mittlerweile zwei Kinder, die sich freuten, wenn Onkel Aljochin kam. Sie verreiste jetzt häufig, besuchte ihre Mutter oder ihre Schwester. Oft hatte sie schlechte Laune und wollte dann weder ihren Mann noch die Kinder sehen. Auch Aljochin gegenüber reagierte sie jetzt oft gereizt. Sie hatte das Gefühl, ihr Leben verfehlt zu haben und sah sich sogar genötigt, einen Nervenarzt aufzusuchen.

Dann wurde Luganowitsch zum Präsidenten ernannt und in einen anderen Distrikt versetzt. Die Pferde, alle Möbel und die Wohnung verkaufte er. Vor dem Umzug fuhr Anna auf ärztlichen Rat erst noch zur Kur auf die Krim.

Ihr Mann, die Kinder und Aljochin begleiteten sie zum Bahnhof. Von der Familie hatte sie bereits Abschied genommen, als Aljochin kurz vor Abfahrt des Zuges zu ihr ins Coupé sprang, um ihr ein Körbchen nachzutragen, das sie vergessen hatte. Beim Abschied fielen sie sich in die Arme. Beide waren tränenüberströmt, als sie sich küssten.

Mein Gott, wie unglücklich waren wir beide! Ich gestand ihr meine Liebe und sah erst jetzt mit brennendem Weh im Herzen ein, wie nichtig, trügerisch und unnötig alles war, was unserer Liebe im Wege stand. Ich begriff, dass man an wichtigere Dinge als an Glück und Unglück, Tugend und Sünde im landläufigen Sinne oder überhaupt nicht denken soll, wenn man liebt. (Seite 119)

Inzwischen war der Zug abgefahren. Er setzte sich weinend ins Nebencoupé und stieg an der nächsten Haltestelle aus. Zu Fuß ging er nach Sofjino zurück.

Die Teilnehmer der Tischrunde bewundern Aljochin für seine offenherzige Schilderung dieser traurigen Erfahrung. Es stellt sich heraus, dass Burkin Anna Alexejewna kannte und sie auch sehr schön fand.

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Die elf Erzählungen in „Eine Bagatelle. Erzählungen von Liebe, Glück und Geld“ von Anton Tschechow (Anton Cechov) sind vorwiegend Geschichten über unerfüllte oder unglückliche Liebesbeziehungen, Eifersucht und Ehebruch. Die meisten erschienen in den Jahren 1886 und 1887.

In „Teure Stunden“ verliebt sich der Protagonist in seine Privatlehrerin, ohne sich das zunächst eingestehen zu wollen. Bei der „Erzählung der Frau N. N.“ steht als unüberwindliche Barriere für ein Happy End der unterschiedliche soziale Status den beiden Liebenden im Weg. In der Geschichte „Von der Liebe“ begehrt der Verliebte eine verheiratete Frau, die ihrerseits wohl gerne aus ihrer Ehe ausbrechen würde, sich aber den Konventionen unterwirft. In der Erzählung „Die Wette“ wird das Thema Todesstrafe versus Freiheitsstrafe behandelt. Die Diskussion darüber gipfelt in einer verhängnisvollen Wette – mit einem bösen Ende. Diese Geschichte fällt aus dem Rahmen der anderen Beziehungsszenarien. Wenn man berücksichtigt, dass Tschechow sie 1889 schrieb, wundert man sich über die „moderne“ Betrachtungsweise des Themas Todesstrafe.

Die Erzählungen sind teilweise nur ein paar Seiten lang, vermitteln aber dennoch einen stimmungsvollen Eindruck der Situation. Man kann sich die Protagonisten trotz der knappen Beschreibung gut vorstellen. Tschechow hat seine Beobachtungen einerseits mit Ironie, aber gleichzeitig mit Ernsthaftigkeit einfühlsam formuliert.

Thomas Grob führt im Nachwort an, dass Tschechow „nie länger als vierundzwanzig Stunden an einer Erzählung geschrieben habe“ und „nie sei er auf die Idee gekommen, seine Literatur habe als solche irgendeinen Wert.“ (Seite 122)

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2010
Textauszüge: © Hoffmann und Campe

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