Juli Zeh : Nullzeit

Nullzeit
Nullzeit Originalausgabe: Verlag Schöffling & Co., Frankfurt/M 2012 ISBN: 978-3-89561-436-1, 255 Seiten ISBN: 978-3-89561-993-9 (eBook) Taschenbuch: btb, München 2014 ISBN: 978-3-442-74569-2, 255 Seite
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Aussteiger Sven Fiedler führt mit seiner Lebensgefährtin Antje Berger eine Tauchschule auf Lanzarote. An seinem 40. Geburtstag will er nach einem in der Tiefe vermuteten Schiffswrack tauchen. Dafür bereitet er sich seit Monaten vor. Ein­ein­halb Wochen vor der geplanten Aktion trifft ein Paar aus Berlin ein, das ihn für 14 Tage gebucht hat: der 42-jährige Schriftsteller Theodor Hast und die 12 Jahre jüngere Filmschauspielerin Jola Pahlen. Theo unterstellt Sven nach kurzer Zeit eine Affäre mit Jola ...
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Kritik

In dem Psychothriller "Nullzeit" ent­wickelt Juli Zeh eine Dreiecks­geschichte. Dabei lässt sie Sven als Ich-Erzähler auftreten. In seinen nachträglichen "Bericht" sind Jolas Tagebuch-Notizen eingestreut – und die widersprechen seiner Darstellung.
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Sven Fiedler, der Sohn eines Hamburger Chefarztes, studierte zehn Semester Jura in Köln, aber während des Staatsexamens beschloss er, nicht so zu werden, wie die Prüfer und sich nicht in „den Club der Arschlöcher“ aufnehmen zu lassen. An Silvester 1997 verließ er Deutschland.

Ich hatte Deutschland verlassen, weil ich das Leben in einem allumfassenden Netz aus gegenseitigen Beurteilungen nicht länger ertrug.

Seine Freundin Antje Berger zog mit ihm nach Lanzarote. Ihr Vater hatte bei den Fiedlers den Rasen gemäht, und ihre Mutter geputzt. Zum 14. Geburtstag bekam Sven einen Cockerspaniel, aber bald darauf war er froh, dass ihm die zehn Jahre jüngere Antje das Ausführen des Hundes abnahm.

Sie war fast sechzehn, als ich eines verregneten Nachmittags versehentlich mit ihr schlief. Weil es keinem von uns schadete, wiederholten wir diese gemeinsame Freizeitbeschäftigung gelegentlich.

Weil sich Sven vor dem Studium bei der Bundeswehr zum Pioniertaucher und dann während der Semesterferien zum Tauchlehrer hatte ausbilden lassen, lag es für ihn nah, auf Lanzarote eine Tauchschule zu eröffnen. Seither führt Sven Tauchgänge mit Touristen durch, während Antje sich um die Vermietung der Apartments und die Büroarbeit kümmert. Ihr Haus in Lahora nennen sie „Residencia“. Das benachbarte Feriendomizil heißt „Casa Raya“.

Für seinen 40. Geburtstag am 23. November 2011 bereitet Sven seit Monaten einen Tauchgang zu einem in 100 Metern Tiefe vermuteten Schiffswrack vor. Die beiden Schotten Dave und Bernie haben versprochen, ihn dabei zu unterstützen.

Am 12. November, einem Samstag, holt Sven erst noch zwei Touristen aus Berlin vom Flughafen ab: den 40-jährigen Schriftsteller Theodor Hast und dessen Lebensgefährtin, die zwölf Jahre jüngere Schauspielerin Jolante Augusta Sophie von der Pahlen. Die beiden wollen zwei Wochen bleiben und sind bereit, für Svens Exklusivbetreuung als Tauchlehrer, Reiseführer und Chauffeur 14 000 Euro zu bezahlen. Sven hat sich lediglich den 23. November als freien Tag vorbehalten. Er googelt die Namen. Bei Theodor Hast (12 400 Treffer) heißt es:

Geboren 1969 in Reutlingen, deutscher Schriftsteller. Sein Romandebüt „Fliegende Bauten“ erschien im Jahr 2001. Lebt in Berlin, Stuttgart, New York.

Über Jolante Augusta Sophie von der Pahlen (384 000 Treffer) gibt es außer einem Wikipedia-Eintrag und einem Facebook-Profil Fan-Seiten, Pressemeldungen, Fotos und YouTube-Videos.

Jolante Augusta Sophie von der Pahlen, Künstlername: Jola Pahlen, geboren am 5. Oktober 1981 in Hannover, ist eine deutsche Schauspielerin. Von der Pahlen entstammt einem baltischen Adelsgeschlecht. Im Alter von elf Jahren spielte sie eine CD mit Kinderliedern ein und übernahm einen Gesangspart in einer Inszenierung von „Woyzeck“ am Staatstheater Hannover. Erste Fernseherfahrungen sammelte sie 1995 – 1997 im Kinderprogramm „Toggo“ von Super RTL. Seit dem 4. Dezember 2003 spielt von der Pahlen in der SAT.1-Telenovela „Auf und Ab“ die Rolle der Bella Schweig. Von der Pahlen lebt mit dem Schriftsteller Theodor Hast zusammen.

Obwohl es sich bei ihrem Vater Hartmut von der Pahlen um einen erfolgreichen Filmproduzenten handelt, wurde Jola nie eine anspruchsvolle Rolle angeboten. Nun hofft sie, bei der Verfilmung der Autobiografie „Ein Mädchen auf dem Meeresgrund“ der österreichischen Tauchpionierin Lotte Hass die Titelrolle zu bekommen. Vor dem Casting will sie noch Tauchen lernen.

Eigentlich bin ich hier, weil ich diese Rolle will. Ich brauche die Rolle. Lotte ist meine letzte Chance.

Theo, der seit seinem Debütroman nichts mehr zustande gebracht hat und von Jola ausgehalten wird, meint allerdings:

„Sie ist ohnehin zu alt für die Rolle. Wenn sie auch noch fett wird, hat sie überhaupt keine Chance.“

Während des ersten Tauchgangs dreht Jola ihrem Lebensgefährten beim Hovering in acht Metern Tiefe unbemerkt das Ventil zu. Als er keine Luft mehr bekommt, gerät er in Panik, stößt sich vom Grund ab und schießt in die Höhe. Bei größeren Tiefen würde er damit ein Leben riskieren. An Land weist Sven die beiden wütend zurecht. Aber am Abend und in den nächsten Tagen bringen sich Jola und Theo immer wieder durch verrücktes Verhalten in lebensgefährliche Situationen.

Am Montag sagt Theo unvermittelt zu Sven:

„Du stehst auf sie. Stimmt’s?“
Ich setzte an, etwas zu erwidern, aber er winkte sofort ab.
„Lass nur. Sie schafft das immer. Das ist wie eine Sucht bei ihr.“ Er bot mir eine Zigarette an, die ich ablehnte. „Im Grunde will ich dich warnen.“

Am nächsten Morgen bleibt Theo mit einem Schnupfen im Bett liegen, während Jola mit Sven zum Tauchen fährt. Zurück an Land, schälen sie sich aus den Neopren-Anzügen. Jola stützt sich mit beiden Händen am heißen Blech des VW-Busses ab.

Ich fasste sie bei den Hüften. Ihre Brüste schwangen frei, das nasse Haar klebte ihr am Rücken.
Es ging. Es wäre gegangen. Aber etwas stimmte nicht. Es war die Art, wie sich Jola nach mir umdrehte. Ihr fragender Blick. Geil und aufreizend. Worauf wartest du. Sie sah dabei wie eine Schauspielerin aus. […] Als spielten wir die Hauptrollen in einem Urlaubsporno. […]
Ich zog mich zurück, tätschelte Jolas Arsch und murmelte eine Entschuldigung. Dann schlüpfte ich in meine Jeans und machte mich daran, das Equipment zu verladen.

Jola schildert das in ihrem Tagebuch anders:

An Land fällt es mir schwer, Sven ernst zu nehmen. Dicke Arme und dieser treuherzige Blick. Gescheiterter Jurist, geflohen in den ewigen Kindergarten, garantiert mit hundert Prozent Sonne und null Prozent echtem Leben. Aber unter Wasser ist er ein anderer Mensch. Falsch: ein anderes Wesen. Die Treuherzigkeit wird zu Selbstbewusstsein, der Eifer zu höchster Konzentration. So viel Zuversicht kommt bei Menschen eigentlich gar nicht vor. Die kennen nur Tiere. Ich sehe ihm zu, ich spüre, wie seine Ruhe auch mich erfüllt. […]
Auf dem Weg zum Auto rannten wir beinahe. Trotz der Ausrüstung. Wäre ich auf die Idee gekommen, mich zu verweigern, hätte er mich mit Gewalt genommen. […] Die Ungeduld hatte uns fast in den Wahnsinn getrieben. […] Sven fand den Rhythmus. Meine Knie wurden weich, er musste mich festhalten. Er kriegte nicht genug von meinen Brüsten. Immer wenn ich dachte, es lässt sich nicht mehr steigern, ging es noch weiter. Ich hörte mich alberne Sachen stammeln. Sven fing an, meinen Namen zu rufen. Als es soweit war, brach er förmlich über mir zusammen. Nie zuvor bin ich im Stehen gekommen.

Theo unterstellt Sven am nächsten Morgen, mit Jola kopuliert zu haben. Sven leugnet es.

„Ich habe deine Frau nicht gefickt.“
„Ah!“ Er stieß einen Schrei aus, der sich erst nach einigen Sekunden als Gelächter entpuppte. „Das ist so schwach, Sven! Du verdammter Schisser! Steh doch wenigstens dazu!“

Heimlich schaut Sven sich im Internet alte Folgen der Fernsehserie „Auf und Ab“ mit Jola in der Rolle der Bella Schweig an. Beim Einkaufen küsst Jola ihn unvermittelt auf den Mund. Im nächsten Augenblick hört Sven eine Bekannte:

„Dreht ihr eine Szene für Auf und Ab? […]
Oder ist Mund-zu-Mund-Beatmung Teil der Ausbildung?“

Theo kommt hinzu und zischt Jola an:

„Warum kniest du dich nicht gleich hin und bläst ihm einen?“

Sven merkt, dass er von Bekannten gemieden wird. Offenbar hat sich das Gerücht über die unprofessionelle Liebschaft eines Tauchlehrers mit einer Schülerin verbreitet und man verachtet ihn deshalb. Sein schottischer Freund Bernie ruft an und fragt ihn aufgebracht, was Antje dazu sage. Eine Antwort wartet er gar nicht erst ab.

Während eines Tauchgangs am Montag, 21. November, warnt Sven Theo und Jola vor einem Zitterrochen. Falls so ein Tier sich angegriffen fühlt und mit einem Stromschlag wehrt, besteht die Gefahr, dass ein Taucher gelähmt wird oder das Bewusstsein verliert und nicht mehr lebend an die Wasseroberfläche kommt. Als Theo sich über den am Boden ruhenden Zitterrochen beugt, um ihn zu fotografieren, schubst Jola ihn. Zum Glück flieht das Tier, bevor Theos Hände sich darauf hätten abstützen können. An Land beschuldigt Jola Sven, den Beinahe-Unfall durch eine regelwidrige, missverständliche Geste ausgelöst zu haben.

Am Abend, als Sven allein ist, überrascht ihn Jola mit einem Besuch. Widerstandslos lässt er es zu, dass sie sich auf seinen Schoß setzt und ihn küsst – bis Antje in der Tür steht.

„Eigentlich wollte ich die Sache auf sich beruhen lassen. Das hier“, sie führte eine Armbewegung aus, die mich, das Haus und sie selbst einschloss, „ist mir wichtiger als deine kindische Affäre. Aber demütigen lasse ich mich nicht. Dass du deine Geliebte jetzt schon hierher bringst, ist eine Unverschämtheit. […] Machen wir reinen Tisch“, sagte Antje. „Ich habe auch einen Liebhaber. Er heißt Ricardo. Wir kennen uns seit einem Jahr.“

Leise weinend packt Antje ein paar Sachen und geht.

Am Dienstagabend findet auf der vom deutschen Eiweißriegel-Erben Lars Bittmann gecharterten Segelyacht „Dorset“ in der Marina von Puerto Calero eine Party statt. Theo und Jola sind eingeladen. Sie nehmen Sven mit, und Jola stellt ihn als ihren persönlichen Fitnesstrainer vor. Eigentlich sollte auch die Schauspielerin Yvette Stadler an Bord sein, aber Lars Bittmann teilt den Gästen mit, dass sie sich am Roten Meer auf die Dreharbeiten für den nächsten Film vorbereiten müsse. Theo ist es, der fragt, um welche Rolle es sich handele. Die Antwort kennt er im Voraus: Lotte Hass! Lars Bittmann beschwört ihn und die anderen Anwesenden:

„Das muss aber unter uns bleiben bis zum offiziellen Pressetermin. Ich weiß es nur, weil die Yvette mir deswegen abgesagt hat.“

Theo wendet sich Jola zu:

„Hast du nicht gesagt […], das sei deine letzte Chance? […] Weil du sonst nie mehr rauskommst aus dieser Serienscheiße?“ Theo schlug vor Vergnügen die flache Hand auf den Tisch. „Niemals eine ernst zu nehmende Schauspielerin wirst? Sondern nur eine alternde Nutte des Fernsehgeschäfts, an die sich in ein paar Jahren kein Mensch mehr erinnern kann?“

Jola flüchtet an Deck. Sven folgt ihr. Ihm wurde ebenfalls soeben durch einen Anruf der Boden unter den Füßen weggerissen: Dave stellt ihm zwar den Fischkutter „Aberdeen“ am nächsten Tag für sein Geburtstags-Projekt zur Verfügung, aber weder Bernie noch Dave werden mitkommen. Allein kann Sven nicht nach dem Wrack tauchen. Muss er nach monatelangen und auch finanziell aufwendigen Vorbereitungen auf die Durchführung seines Vorhabens verzichten? Jola überredet ihn, nicht aufzugeben. Sie und Theo werden Bernie und Dave auf der „Aberdeen“ ersetzen.

Flüchtig fragte ich mich, ob ich ihr gegenüber jemals erwähnt hatte, dass Daves Kutter Aberdeen hieß.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Obwohl Sven bezweifelt, dass Jola und Theo genügend Erfahrung im Umgang mit einem Boot haben, lässt er sich darauf ein. Andernfalls hätte er den Tauchgang bis nach dem Winter verschieben müssen. Jola steuert die „Aberdeen“ anhand der Koordinaten punktgenau über das am Meeresgrund vermutete Schiffswrack, und Sven taucht 109 Meter tief. 20 Minuten lang sieht er sich das Wrack an. Länger zu bleiben wäre zu gefährlich. Weil die Nullzeit weit überschritten ist, wird der Aufstieg fast zwei Stunden dauern. Als er sechs Meter unter der „Aberdeen“ den letzten der erforderlichen Dekompressionsstopps einlegt, sieht er Theo ins Wasser fallen und sinken. Zunächst zögert er, aber dann fängt er den Bewusstlosen auf, ohne seine Tiefe zu verändern. Sven schiebt Theo das Mundstück des Atemgeräts zwischen die Zähne, hält ihm die Nase zu und pumpt Sauerstoff in die Lunge. Plötzlich reißt Theo die Augen auf. Sven zieht ihm die Ersatzmaske über.

An Bord der „Aberdeen“ stellt Sven fest, dass die Beule an Theos Kopf von einem Schlag mit der Wasserpumpenzange verursacht wurde. Er alarmiert die Küstenwache, die Theo und Jola daraufhin von Bord holt und ins Krankenhaus bringt. Das Paar wird nicht mehr nach Lahora zurückkehren.

Als Sven in der „Casa Raya“ aufräumt, findet er zwischen Matratze und Lattenrost ein schwarzes Schreibheft: Jolas Tagebuch.

Der Inselkommissar wäre in Jubel ausgebrochen. Für ihn war dieser Fund bestimmt. Wenn eine Person auf der Welt das Heft nicht in die Finger bekommen sollte, dann war das ich.
Offensichtlich hatte Jola damit gerechnet, nicht mehr in die Casa zurückzukehren. Vor allem war sie fest davon ausgegangen, dass ich nicht mehr zurückkommen würde. Wäre Theo wie geplant ertrunken, hätte sie vermutlich gewartet, bis ich an Bord der Aberdeen gekommen wäre, um dann auch mich mit der Wasserpumpenzange niederzuschlagen. Sie hätte mir den Taucheranzug ausgezogen, vielleicht noch ein paar leichte Kampfspuren arrangiert und dann per Funk die Polizei verständigt. Hilfe, mein Lebensgefährte wurde umgebracht! Der Mörder liegt neben mir! 29 Nord, 14 West, kommen Sie schnell! Man hätte mich gleich auf See verhaftet und zum Verhör auf die Polizeistation gebracht. Jola wäre als Zeugin mitgefahren. Ich völlig außer mir, sie gut vorbereitet. Ihre Aussage wohlüberlegt und überzeugender als meine. Zwei Rivalen, die an Bord eines Schiffs in Streit gerieten, nachdem sie in den letzten zehn Tagen gelernt hatten, einander bis aufs Blut zu hassen. Dazwischen eine Frau, die vom einen misshandelt wurde, während sie versuchte, mit dem anderen ein neues Leben anzufangen. Die zu schwach war, um die Katastrophe zu verhindern. Jola hätte mich nicht beschuldigt, sondern unter Tränen verteidigt. Bestürzung und Sorge in perfektem Gleichgewicht. Womöglich in fließendem Spanisch. Es ist alles meine Schuld, Señor Comisario. Herr Fiedler wollte mich nur beschützen. Er wusste sich nicht mehr zu helfen, genau wie ich. Ich hätte ihm niemals davon erzählen dürfen. Was würden Sie tun, wenn die Frau, die sie lieben, von einem anderen verprügelt wird? Bitte stellen Sie sich das vor! Was würden Sie tun?

Im Nachhinein findet Sven auch heraus, dass Bernie eine SMS bekam, in der es hieß, Sven benötige nur die „Aberdeen“, verzichte aber auf die Hilfe der beiden Schotten.

Am Jahreswechsel 2011/12 hat Sven eine einzelne Kundin. Katja ist Strafverteidigerin, auf Kapitalverbrechen spezialisiert. Am ersten Abend lässt sie sich von ihrem Tauchlehrer zum Essen einladen.

Am zweiten Abend schliefen wir miteinander. Sie war über vierzig und entsprechend gierig.

Sven berichtet Katja, was er mit Jola und Theo erlebte, und sie rät ihm, alles zu Papier zu bringen, solange die Erinnerungen noch frisch sind, denn Mord verjährt nicht, und es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass das sadomasochistische Paar ihn doch noch beschuldigt, er habe Theo umbringen wollen. Sven folgt dem Rat, zumal Bernie ihm erklärt, dass niemand auf der Insel an einen Unfall des Schriftstellers auf der „Aberdeen“ glaubt und alle annehmen, dass Sven und die junge Schauspielerin eine Affäre hatten.

Antje ist schwanger. Ricardo und sie beabsichtigen, ein Häuschen in Tinajo zu erwerben.

Sven schließt die Tauchschule, verkauft das Inventar einem deutschen Aussteiger und kehrt nach Hamburg zurück.

Aus den Medien erfährt er, dass sich Theodor Hast und seine Lebensgefährtin Jolante Augusta Sophie von der Pahlen verlobt haben und während einer Arktis-Kreuzfahrt am Nordpol heiraten wollen.

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In dem Psychothriller „Nullzeit“ entwickelt Juli Zeh eine Dreiecksgeschichte über den deutschen Aussteiger Sven Fiedler und ein sadomasochistisches Künstlerpaar aus Berlin: die Filmschauspielerin Jolante („Jola“) Augusta Sophie von der Pahlen und den Schriftsteller Theodor Hast. Svens Lebensgefährtin Antje Berger bleibt eine Nebenfigur. Besonders tief ausgeleuchtet hat Juli Zeh aber auch die Hauptcharaktere nicht. Sie hat anspruchsvollere Romane geschrieben.

Die in „Nullzeit“ chronologisch entwickelte, mit ein paar Rückblenden durchwirkte Geschichte überspannt zwei Wochen. Der Ich-Erzähler Sven Fiedler berichtet im Nachhinein von den Ereignissen. Seine Darstellung widerspricht Jolas Tagebuch-Aufzeichnungen, die den einzelnen Kapiteln angehängt sind. Die Divergenzen wirken anfangs harmlos und unbedeutend, werden jedoch von Tag zu Tag krasser. Leider lässt Juli Zeh in „Nullzeit“ nicht offen, wer lügt.

Ihre Sprache ist nüchtern. Kenntnisreich erläutert sie Vorgänge beim Tauchen.

Mit dem Tauchen hat auch der Titel zu tun: Unter Nullzeit versteht man bei einem Tauchgang mit einem Druckluftgerät die Zeitspanne, in der man ohne Dekompressionsstopp gefahrlos auftauchen kann. Die Nullzeit reduziert sich umgekehrt proportional zur Tauchtiefe bis auf 0 Sekunden. Mit der Tiefe und Dauer des Tauchens erhöht sich auch die Menge des vom Körper aus der Atemluft aufgenommenen Stickstoffs. Ähnlich wie beim Öffnen einer Flasche Wasser mit Kohlensäure muss beim Tauchen darauf geachtet werden, dass der Stickstoff nicht „übersprudelt“.

Den Roman „Nullzeit“ von Juli Zeh gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Thomas Sarbacher und Britta Steffenhagen (Bearbeitung: Doreen Maas, Regie: Anna Hartwich, ISBN 978-3-86231-221-4). Die Hörspiel-Fassung mit Johann von Bülow, Friederike Kempter, Jörg Hartmann u. a. wurde von Juli Zeh selbst bearbeitet (Regie: Mark Ginzler; ISBN 978-3-86231-316-7).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Verlag Schöffling & Co

Juli Zeh: Adler und Engel
Juli Zeh: Schilf
Juli Zeh: Corpus Delicti
Juli Zeh: Unterleuten
Juli Zeh: Leere Herzen
Juli Zeh: Neujahr

Marie Luise Kaschnitz - Der Strohhalm
Marie Luise Kaschnitz veranschaulicht die subtilen psychologischen Vorgänge auf sehr prägnante Weise und verzichtet in der eindringlichen Erzählung "Der Strohhalm" auf jedes überflüssige Wort.
Der Strohhalm

Marie Luise Kaschnitz

Der Strohhalm

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